Pont du Gard bei Nismes

Kansas Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Pont du Gard bei Nismes
Zarskoe in Rußland
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PONT du GARDE
bei Nismes.

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Pont du Gard bei Nismes.




Ein zweitausendjähriges Römerwerk! Pont du Gard, die Brücke des Gard, eines Nebenflusses der Rhone, inwelche er unweit Beaucaire mündet, ist der noch vollständig erhaltene Theil einer römischen Wasserleitung, welche der Stadt Nismes zwei Quellen aus dem Thale von Uzès vier Meilen weit zuführte. Die drei Bogenreihen des herrlichen Baues erheben sich vom Spiegel des Flusses 182 Fuß bis zur Höhe der steilen Hügel beider Ufer. Die unterste Reihe hat 6 Bogen von je 62 Fuß Höhe und 58 Fuß Durchmesser und eine Länge von 498 Fuß, die mittlere 11 Bogen von je 60 Fuß Höhe und 56 Fuß Durchmesser und eine Länge von 800 Fuß; die oberste Reihe von 35 Bogen von je 24 Fuß Höhe und 17 Fuß Durchmesser und einer Länge von 829 Fuß, trug in einer Breite von 4 Fuß die ehemalige Wasserleitung. In der mittleren Reihe waren die bedeutend dickeren Pfeiler so kunstreich durchbrochen, daß dieser Theil des Aquädukts zugleich als Brücke für Reiter und Fußgänger diente. Die unteren Pfeiler hatten eine Dicke von 18 Fuß. So stand das Werk der Römer, nachdem die übrigen Theile der Wasserleitung längst zerfallen waren, für die späteren Jahrhunderte noch als Brücke in hohen Ehren.

Als Erbauer des Riesenwerks gilt Marcus Agrippa, des Kaisers Augustus Schwager. Im Jahre 19 v. Chr. nach Gallien gesendet, um dort ausgebrochene Unruhen zu stillen, gewann er die Zuneigung des Volks dadurch, daß er das Land durch kostspielige Bauten verschönerte. Diesem Streben verdankt die Umgegend von Nismes viele der römischen Alterthümer, durch welche sie berühmt ist. Die Brücke des Gard überdauerte die [85] Zerstörungszüge der Barbaren. Erst in den Hugenottenkriegen ließ ein gewisser Rohan mehre Pfeiler der mittleren Gallerie aushauen, um mit seiner Artillerie die Brücke passiren zu können. Dies würde den Untergang des ganzen Baues zur Folge gehabt haben, wenn nicht die Stände von Languedoc es für eine Ehrenpflicht gehalten hätten, das Zertrümmerte wieder herzustellen. Endlich baute man, in den Jahren 1743 bis 1747, in gleicher Höhe mit der ersten Pfeilerreihe und in gleichem Style eine Brücke für Fuhrwerk an den Römerkoloß an, die zwar der Großartigkeit desselben nichts hinzufügen konnte, aber auch den Gesammteindruck nicht beeinträchtigt. Unser Bild zeigt diesen Anbau.

Auch die Umgebung der Brücke ist geeignet, auf die Stimmung des Wanderers angemessen einzuwirken. Wer sich von Avignon über Villeneuve nach Nismes wendet, kommt aus dem Paradiese der Provence bald in das ödeste Steinreich von Languedoc und fühlt sich erst wieder wohler im Herzen in der Nähe von Remoulins, wo das fröhliche Grün der Weinreben die sanften Hügel schmückt. Aber hinter diesem Städtchen treten die Berge näher und näher an einander und endlich bis an die Ufer des Gard heran; die Gegend wird immer einsamer, es wird immer stiller, kein Lüftchen geht im engen Thale, kein Blatt bewegt sich an den immergrünen Eichen und Lorbeersträuchern der schattendunkelen Abhänge, und in dieser Grabesstille stehen wir plötzlich vor dem grauen Zeugen einer Vergangenheit ohne Gleichen. Kein Aufwand und kein Abmühen der Kunst hätte um ein solches Bild einen würdigeren Rahmen legen können, als Natur und Zeit hier schufen.