Kansas (Meyer’s Universum)

Waldbild am Lehigh in Pennsylvanien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Kansas
Pont du Gard bei Nismes
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

KANSAS

[77]
Kansas.




Den Namen Kansas trug früher nur ein Indianerstamm und ein Fluß, der ein plattes Gebiet des großen nordamerikanischen Prairielandes zwischen dem Felsengebirg und dem Missouri durchströmt, in welchen ermündet. Später bezeichnete dieser Name auch ein Unions-Territorium, aus welchem die Politik des Präsidenten Buchanan einen neuen Sklavenstaat bilden will, und einen der jüngsten Orte am Fluß und im Staate.

Kansas und die Sklavereifrage sind dermalen wie zu einem Begriffe verschmolzen; es ist nicht möglich, über das Eine zu verhandeln, ohne eine starke Berührung des Anderen. Versuchen wir denn eine Darlegung dieser nicht bloß die Union, sondern bei dem innigen Zusammenhang der Interessen aller Kulturvölker die ganze gebildete Welt erregenden Angelegenheit, natürlich so gedrängt, als unsere Raumverhältnisse es uns gebieten. Wollen wir aber unseren Gegenstand mit ruhigem Blicke betrachten, so müssen wir einen Standpunkt einnehmen hoch genug, um ebenso ungerührt zu bleiben von philanthropischer Sentimentalität, als unbefangen vor den imponirsüchtigen Kapitalzahlen einer alleinherrschenden Bodenindustrie und des weltbeherrschenden Handels.

Sklaverei und Sklavenhandel, Leibeigenschaft und Knechtschaft sind so alt wie die Menschheit. Sie hatten ihre Berechtigung so lange und so weit, als sie mit den herrschenden Begriffen der Zeit und der Nationen im Einklang standen. Es ist nichts lächerlicher, als Hebräern, Griechen, Römern, als den gebildetsten Völkern des Alterthums, von einem heutigen christlich-germanischen Standpunkt aus das Institut der Sklaverei zum Vorwurfe zu machen. Sie wie ihre Nachbarvölker und die zahlreichen Stämme der Germanen zogen die Regeln ihres Staats- und Privatlebens, so streng wie die ihres Kultus, nach eng begrenzten rein nationalen Anschauungen: lange Zeit äußerte sich der Hauptzug der Völker nach Außen nur im Kriege, und der Gefangene war der Freiheit unwürdig, er wurde Eigenthum des Siegers, dadurch seiner Menschenrechte beraubt, Sklave. Wie die Sklaven unter ihnen, standen die Götter ganz eigens nur für sie über ihnen da, und die Priester hielten mit dieser Beschränktheit des geistigen Blicks der Nationen so vortheilhaft Haus und sorgten für deren Erhaltung so angelegentlich, wie spätere für eine andere. Von dem ursprünglich der Tapferkeit und dem Kriegsglück zuerkannten Besitzrecht des Menschen über Menschen lief die Kette aus, an welcher nachher die Gewalt im Dienste der Selbstsucht und [78] deren mächtiger Verwandtschaft Generationen Unglücklicher durch das Leben schleppte: die Sklaverei wurde erblich für Herr und Eigenthum, es wurden Menschen als Sklaven geboren. Der Wissenschaft fällt es nie schwer, umfassende Erscheinungen des Daseins in ein System zu bringen, und so unterschied man im Verlaufe der Zeiten politische Sklaverei, unter welcher Montesquieu, der in seinem „Geist der Gesetze“ diese Eintheilung zuerst aufstellt, nichts weniger als den knechtischen Zustand ganzer Völker zu verstehen scheint, von bürgerlicher oder Privat-Sklaverei, d. h. derjenigen, durch welche ein Mensch einem andern so zu eigen gegeben wird, daß dieser der unumschränkte Herr des Lebens und des Erwerbs und Eigenthums von jenem wird, und endlich von Haus-Sklaverei, als derjenigen, welche innerhalb der Familie, namentlich im Morgenland und besonders auf den Weibern lastet.

Die politische Sklaverei ist nicht, wie Montesquieu sagt, im Klima begründet, sondern sie ist bedingt durch die Summe der Bildung eines Volks und den Einfluß derselben auf die gesellschaftlichen Zustände und die Staatsverfassungen. Wo wäre das Klima, wo die Wehen oder wenigstens Nachwehen dieser Sklaverei sich nicht noch im modernen Staate fühlbar machten? Und auch die Haussklaverei ist nicht auf Asien und Afrika beschränkt; auch in den meisten Ländern von Europa erreichen die jammervollen Zustände des Weibes in den untersten Volksklassen nicht selten einen Grad, der sie von der Sklaverei nur dem Rechtsbuchstaben nach unterscheidet. War doch noch bis jüngst in England der „Verkauf der Weiber“ in gesetzlicher Anwendung!

Die bürgerliche Sklaverei nahm an Härte in dem Grade zu, als sie eine immer reichlicher fließende Erwerbsquelle wurde durch Sklavenhandel und durch Sklavenarbeit. Mit der steigenden Zahl der Sklaven verlor ihr menschlicher Werth und im selben Verhältniß stieg die Grausamkeit gegen sie. Die Gesetze, die besonders in den letzten Zeiten des alten Roms zu ihrem Schutze erlassen werden mußten, öffnen den Blick in einen Pfuhl von Scheußlichkeiten. Augustus verbot, Sklaven den Bestien vorzuwerfen; ein Vadius Pollio ließ die Muränen seiner Fischteiche mit Blut und Fleisch geschlachteter Sklaven füttern, weil das Fischfleisch dadurch einen feineren Geschmack erhalten sollte; unter Trajan endlich mußten in öffentlichen Fechterspielen binnen 123 Tagen nicht weniger als 10,000 Gladiatoren mit 11,000 wilden Thieren den Todeskampf bestehen. Die Folgen dieser unermeßlichen Greuel waren die Sklavenkriege: an der Spitze von 60,000 Sklaven brachte der tapfere Gladiator Spartacus das stolze Rom zum Zittern. Um so gräßlicher war die Rache der geängstigten Sieger: längs der Straße von Rom nach Capua wurden in einer Doppelreihe 6000 Sklaven an’s Kreuz geschlagen. – Ueberall, wo die Germanen in Europa zu Herrschaft kamen, ging die Sklaverei, die sie allenthalben in härtester Ausbildung vorfanden, nach und nach in die mildere Form der Leibeigenschaft über. Die alte Welt war an der Sklaverei zu Grunde gegangen; das Christenthum hatte beiden den letzten Stoß gegeben. Nicht dieselbe Macht vermochte [79] es, und zwar fast 18 Jahrhunderte lang, gegen die Leibeigenschaft zu äußern: hier war abermals die Priesterschaft aller Kirchen an der Beschränkung der Freiheiten und Rechte der Grundmasse der Völker zu vortheilhaft betheiligt, um nicht als Damm und Schlagbaum mit zu dienen gegen die Bestrebungen nationalen Fortschritts. Ja, gerade die Religion war es, die man zum Deckmantel einer neuen Sklaverei und des schamlosesten Sklavenhandels machte. In Spanien und Portugal schmachteten noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts Tausende von Mauren, Nachkommen der besiegten alten Herrscher des Landes, im härtesten Sklavenjoch, und in Italien gab es nicht nur neben den Leibeigenen noch Sklaven in Menge, sondern gerade Rom war der Hauptsitz eines Sklavenhandels ohne Gleichen: dort verkauften die Spanier mohammedanische Sklaven und die Venetianer kauften Christensklaven aus der Barbareskengefangenschaft los, um sie mit großem Profit an die Mohammedaner wieder zu verhandeln! – Der Venetianer war Kaufmann, und das war ein Geschäft. – Gerüttelt wurde an der Leibeigenschaft von Deutschland aus schon in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Joseph II.); der Boden wurde ihr aber in Europa erst zertrümmert durch die aus dem Krater der französischen Revolution emporgestiegene „Erklärung der Menschenrechte“, denen in unseren Tagen ein neues zukunftsreiches Gebiet in Rußland aufgethan werden soll.

In den despotischen Staaten der übrigen alten Welt, namentlich in Asien, erstreckte sich die allgemeine Stagnation des Lebens auch auf die Sklavereiverhältnisse, und was in Afrika Neues hierin sich gestaltete, folgte einem europäischen Impuls. Hatte man dort zu den Negersklaven, die, so weit die Geschichte reicht, durch Krieg, Handel und Sklavenjagden aufgebracht und den mohammedanischen Ländern zugeführt wurden, seit der Vertreibung der Mauren aus Spanien auch Christensklaven an die brennenden Ketten der Rache gelegt, so entstand durch die Christen eine gefesselte Negervölkerwanderung von 50 Millionen binnen drei Jahrhunderten in die neue Welt, während in der alten der letzte Christensklave befreit wurde durch die französischen Kanonen vor Algier in dem freiheitslustigen Jahre von 1830.

Und nun stehen wir vor Amerika und der neuesten Negersklaverei. – Negersklaverei war, wie wir so eben sahen, für die alte Welt nichts Neues mehr. Wir sahen sie aber ausüben nur in Staaten, auf deren Kultur- und politische Rangstufe der Europäer tief hinabblickt. Kein christlicher Staat duldete sie. Das Neue in der Negersklaverei Amerika’s konnte daher nur darin gefunden werden, daß Angehörige und Abkömmlinge des christlichen und civilisirten Europa die Peitsche des Sklaventreibers in die Hand nahmen. So ist die mit Abscheu erfüllende Anschauung von heute. Auch dieser Vorwurf wird milder, wenn wir den gehässigen Gegenstand im Lichte der Geschichte betrachten. – Als die ersten Neger ihren heimischen Fürsten abgekauft und nach Amerika gebracht wurden – lange vor Las Casas –, war in Europa das Institut der Leibeigenschaft noch ein zu Recht [80] bestehendes und unangetastetes, und selbst der Sklavenhandel hatte noch sein Spekulationsfeld. Konnte in der Anschauung jener Zeit der Schritt so groß sein, für ein Klima, dem der Europäer, und eine Arbeit, welcher der Ureinwohner des Landes zu erliegen drohte, den starken, des senkrechten Strahls der Sonne gewohnten Neger zu erwerben, den man in seiner Heimath wie außer derselben allenthalben nur als Sklaven kannte? – Es soll damit der Sklaverei an sich nimmermehr das Wort geredet sein, aber wo Thatsachen der Geschichte vor uns stehen, ist es ohne Zweifel verständiger, zu erklären, wie sie möglich waren, als sich in Deklamationen der Entrüstung zu ergehen.

Einmal begonnen und als gutes Geschäft erkannt, mußten Sklaverei und Sklavenhandel in entsetzlich steigenden Schwung kommen. Der Gewinn war enorm, besonders in der ersten Zeit, wo in Afrika der Sklave um zwei bis drei Maß Branntwein feil war. Hier ist’s schwer, an sich halten, beim Anblick des doppelten Giftes, das die Hand christlicher Civilisation in die rohen Massen goß: die Erregung der Gier nach einem Genuß, für den diese Unglücklichen Alles dahin gaben, der Fürst seine Unterthanen, der Vater die Kinder, der Sohn die eigene Mutter, – und Preis und Folgen des Genusses! Die ersten Sklaven waren von den Portugiesen, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, nach Amerika gebracht worden; die Spanier eiferten ihnen rasch nach, andere seefahrende Nationen thaten desgleichen, alle aber wurden überflügelt durch den „fast wahnsinnigen Eifer“, mit welchem England das Geschäft in die Faust nahm, und zwar schon seit 1562, wo Königin Elisabeth das erste Privilegium auf Negerhandel ausstellte. Für frei wurde derselbe vom Parlamente erst 1698 erklärt. Während des 17. und 18. Jahrhunderts blieben die Engländer unübertroffen auf diesem schmutzigen Plan; ja, so über alles Maß dehnten sie ihn aus, daß die nordamerikanischen Kolonien Englands sich bitter beschwerten über die Ueberfluthung des Landes mit Negern. Pennsylvanien, Georgien, Virginien, Südcarolina bestürmten vergeblich König und Parlament mit Bitten um Abhülfe von dieser Last: „die englische Regierung müsse um jeden Preis einen so werthvollen Handel in Blüthe erhalten“, war die Antwort im Oberhause. Endlich stellte sich sogar als politische Absicht Englands heraus, in diesen Negermassen ein Gegengewicht gegen etwaige Abhängigkeitsgelüste seiner Kolonisten bereit zu machen in ähnlicher Weise, wie dies das blinde Spanien in neuester Zeit auf Cuba thut, und hoffentlich mit demselben Erfolge.

Das ist die Weise, auf welche die Vereinigten Staaten von Nordamerika in den Besitz der Sklaverei gekommen sind. Wie einst in Rom hat auch hier die Republik sie als eine traurige Erbschaft vom Königthum empfangen, und beiden, weder der größten Republik des Alterthums noch der der neuen Zeit, hätte eine verhängnißvollere vermacht werden können. Das schwarze Eigenthum war da und betrug einen sehr großen Theil des Privatvermögens in den Südstaaten. Nach den großen Opfern, welche der Unabhängigkeitskrieg auch [81] diesen Staaten gekostet, wäre eine sofortige Aufhebung der Negersklaverei eine empörende Gewaltmaßregel gewesen, hätte sie überhaupt zur Ausführung kommen können. Gleichwohl ging die erste praktische Anregung zur Abschaffung der Negersklaverei von Nordamerika aus. Schon 1780 erklärte der Staat Pennsylvanien alle Neger für frei, welche nach der Unabhängigkeitserklärung geboren worden seien, 1787 verboten die Staaten Massachusets, New-Hampshire, Rhode-Island, Connecticut, Newyork, Newjersey und Pennsylvanien den Sklavenhandel bei schweren Strafen, und 1815 belegte der Kongreß der Vereinigten Staaten den Menschenhandel sogar mit Todesstrafe. Der gute Wille schien für noch radikalere Schritte geneigt zu sein; nur die rechte Form zur Ausführung zeigte sich nicht zur rechten Zeit. Sie verstrich unbenutzt. Anstatt allen europäischen und amerikanischen Regierungen voraus zu gehen in dem Befreiungswerke der Negerbevölkerung Amerika’s und das Schwert des Angreifers zu ziehen gegen jede Sklaverei, zögerten die Vereinigten Staaten, bis England und die befreiten spanischen Kolonien das Wort zuerst ausgesprochen hatten. Durch diesen Ausspruch sahen die sklavenhaltenden Staaten sich plötzlich in ihrem Eigenthum bedroht. Bedrohtes Eigenthum steigt aber im Werth, und je stärker die Angriffe darauf, desto hartnäckiger die Vertheidigung. Auf diesem sehr einfachen Wege wurde die Union auf die Stelle hingedrängt, die sie jetzt in der Sklavenfrage einnimmt.

Die Angriffe auf die Negersklaverei der Südstaaten der Union gingen nicht nur vom Ausland, sondern am erbittertsten von den Nordstaaten aus und zeigten ihre öffentliche Heftigkeit zuerst 1821, wo Missouri als Sklavenstaat in die Union aufgenommen wurde. Wie damals zuerst, so hat seitdem immer der Geldeinfluß des Südens über den stärkeren Norden der Freistaaten den Sieg davon getragen, durchaus nicht zur Ehre des Nordens, und auch nicht zu der des Südens. Man fragt auch nicht darnach. Der Herr der Verhältnisse ist das Geschäft. In der Handels-, Fabrik- und Manufakturthätigkeit beruht die Hauptmacht des Nordens, der Süden liefert durch seine Massenproduktion, namentlich der Baumwolle, des Tabaks, Kaffees und Zuckers, das Hauptmaterial, die Hauptartikel, das Hauptkapital dazu. So hält er den Norden fest an unzerreißbaren Fäden, erstreckt seinen Einfluß aus den Kreisen des Handels in die der Politik, korrumpirt mit seinen Bestechungen und Drohungen das gesammte Staatsleben und ist auf diese Weise von der anfänglichen Duldung, dann von dem noch 1845 ausgesprochenen Grundsatz der Beschränkung der Sklaverei und Sklavenverfolgung auf die Sklavenstaaten vorwärts geschritten bis zu der gegenwärtig höchsten Höhe, wo am 6. December 1857 der in der diplomatischen Geschichte der Vereinigten Staaten noch unerhörte Fall eintrat, daß ein Gesandter der Union, der von Buchanan nach Brasilien geschickte Meade aus Virginien, bei der kaiserlichen Audienz, also officiell, mit der Negersklaverei als einer nationalen Landeseinrichtung prunken, sie für das Hauptlebensprincip des Landes erklären und als Basis zur Anknüpfung internationaler Beziehungen bezeichnen durfte. Gleichwohl ist dies das [82] äußerste Ziel der Perpetualisten, die auf eine Verewigung der Sklaverei hinarbeiten, noch nicht, das oft sehr thörichte und sogar verbrecherische Treiben (Aufhetzen der Sklaven gegen ihre Herren etc.) der Ultra-Abolitinisten, welche die Abschaffung der Sklaverei in Nordamerika allen anderen politischen Zwecken voranstellen, kann den Riß zwischen Nord und Süd nur erweitern und trägt die schwere Schuld, daß der Plan der Unionisten, der einzig vernünftige und bei der jetzt auf vierthalb Millionen angewachsenen Negersklavenzahl allein noch durchführbare, der auf stufenweise, von dem Weißen zu unterstützende, aber von dem Neger selbst zu erarbeitende Freilassung hin gerichtet ist, noch für lange Zeit auf dem großen alten Haufen der frommen Wünsche liegen bleiben muß.

Die höchste Bedeutung dieser Angelegenheit liegt aber in Folgendem. Die Zeit ist vorüber, wo ganze Völker und Staaten sich von der Gemeinschaft mit anderen Nationen ausschließen, ganze Länder sich absperren konnten gegen den Kulturdrang, der von Europa aus einen neuen Weltgang begonnen hat. Er hat begonnen und wird nicht eher enden, als bis der Menschheit die Erfüllung ihrer großen Bestimmung gelungen ist, die Civilisation allmählig über die ganze bewohnbare Erde auszubreiten. Die Arbeit an diesem Werke ist Pflicht aller Menschen ebenso, wie jeder Einzelne verbunden ist, seinen Antheil nach seinen Kräften und Mitteln zur Erreichung der Zwecke des geordneten Staates beizutragen, dem er angehört. Dieser Kulturdrang ist es, der jede neue Erfindung zu neuen Erfindungen, jeden neuen Fortschritt in der Erkennung und Beherrschung der Naturkräfte zu neuen und immer kühneren Fortschritten, jedes Hemmniß gegen seine Fortschritte zu neuen und immer heftigeren Angriffen benutzend, Thore erbrach, die Jahrtausende versperrt waren, und Wüsten bevölkerte in Jahrzehenten, der in China die verrosteten Riegel sprengt und in Japan gastliche Thüren öffnet, nach Australien einen Verkehrsstrom leitet und den Trieb der Völkerwanderung nach Amerika stachelt. Gerade diese Völkerwanderung zeigt aber, daß für die Civilisation der Erde eine neue Hauptkraft gesammelt wird da, wo gegenwärtig Abkömmlinge von vier Menschenraçen ihre Heimath haben.

Es bedarf heut zu Tage keines Beweises mehr, daß die Menschheit nicht von einem Aelternpaare abstammt, die Verschiedenheit der Schädelbildung bei den fünf Menschenraçen thut genügend dar, daß auch die organische Verschiedenheit des Menschen kein allmähliges Werk des Klima’s, sondern eine Urschöpfung der Natur ist. Die Abstufung, der allmählige Uebergang vom menschenähnlichsten Thier zum ausgeprägtesten Menschenbild in der kaukasischen Raçe war im Gesammtplane der Schöpfung begründet, der, wie jeder Theil der Naturwissenschaften lehrt, nirgends Sprünge oder Grenzlinien gestatten konnte. Die höchste Ausbildung des Geistes vereinigt sich mit der edelsten Körperform; je mehr diese sich dem Thier nähert, desto geringer erscheint die geistige Entwickelungsfähigkeit. Ist dem weißen, dem Licht-Menschen jene Bevorzugung vor den Dämmerungs- und Nacht-Menschen verliehen, nur damit er diese beherrsche, [83] knechte, ausbeute und, wenn sie seinen Zwecken nicht entsprechen, vernichte? Nimmermehr! In jeden edlen Menschen ist der Drang gelegt, Lebensfähiges nicht niederzutreten, sondern aufzurichten, und Erhebungsfähiges zu sich zur erheben. Sind aber die unteren Menschenraçen überhaupt zu erheben? Sind nicht gerade die reinen Raçen in Afrika und Australien auf der tiefen Stufe geblieben, auf welcher sie zum ersten Mal in dem Gesichtskreis des Licht-Menschen erschienen? Zeigt sich dort seit Jahrhunderten ein Fortschritt, zeigt sich nur der Anfang einer Geschichte? Konnte der Missionär aus dem reinen Indianer etwas Höheres bilden, als einen altklugen Knaben? Blieb der Chinese nicht seit Jahrtausenden ein verknöcherter junger Greis? War nicht die abgeschlossene Raçenreinheit der stärkste Damm gegen alle Einflüsse der Kultur? Ja, so ist es! Aber der Wink des Ewigen in seinem Werke, der Natur und ihren Gesetzen, hat wiederum den Weg gezeigt zu einem neuen umfassenderen Weltgang der Kultur, dessen Ausgangspunkt nur Amerika sein kann. Dort steht die Thatsache vor aller Welt, daß die psychische Kraft der Weißen und die physische Stärke der farbigen Menschen zu einer Vereinigung fähig sind, die der weißen Raçe nichts von ihrer Kraft nimmt, aber ihre Körperstärke erfrischt, und die den dunkelen Menschen nichts von der Kraft ihres Körpers nimmt, aber sie mit höherem Geist erfüllt und veredelt. Gegen den natürlichen Widerwillen des Weißen vor einer Vermischung mit den Dunkelen unterster Ordnung und reiner Raçe hat abermals die Natur selbst eine Vermittelung geschaffen, die stufenweise Raçenkreuzung, wie wir sie in Amerika sehen. Welch edele schöne Gebilde sind dort schon erzeugt worden aus den häßlichen Anfängen der Menschheit! Diese Thatsache kann, wie keine in der Welt, ohne wichtige Folgen sein, ohne die mächtigsten Einflüsse auf die Erreichung des höchsten Ziels der Menschheit auf der Erde. Emporgehoben wird, wenn auch auf noch so vielen Stufen, die unterste Raçe an die Seite der obersten, und der Verbindungstrieb wird auch hier der sein, welcher der edelste und stärkste zugleich ist: die Liebe. Wahr ist’s, dieses Ziel steht fern, aber es ist ein Ziel, das erstrebt werden muß. Alles aber, was sich zwischen dieses Ziel und die Menschheit stellt, ist der Menschheit Feind, stellt sich zum Kampf in den Weg ihres Kulturgangs und muß weichen oder vernichtet werden. Solcher Feinde sind Legion, der ärgste ist – die Sklaverei! Nicht das gewaltsame Fortschleppen von Millionen Negern aus einer Heimath, in welcher sie ewig Thiere in Menschengestalt hätten bleiben müssen, kann auf unserem Standpunkt als Verbrechen an der Menschheit erscheinen; wir erkennen sogar keine andere Möglichkeit der Erhebung derRace; sondern die Form ist’s, in der die Uebersiedelung – wenn anfangs auch verzeihlicherweise – geschah und der Hausthier-Zustand ist’s, in dem man diese Millionen seit Jahrhunderten gehalten hat, die Sklaverei ist’s, mit ihrem doppelten Fluche: gegen die Schwarzen und gegen die Weißen, die, weil sie den Neger nicht zu sich emporbilden lassen in geistiger Beziehung, zu ihm hinuntersinken in sittlicher Beziehung. – Amerika hat eine höhere Bestimmung, als Felder zu düngen mit Negerschweiß und eine alleinherrschende Geldmacht [84] zu gründen auf Menschenelend. Nicht die spätere Entdeckung macht es zur neuen Welt. Eine neue Welt kann es und soll es werden durch das Zeugen und Emporbilden einer neuen Menschheit, deren Beruf es sein wird, die alte Welt zu verjüngen und die Segnungen der Bildung und Freiheit abermals weiter zu tragen, als es dem edlen Willen und der Kraft der alten Welt vergönnt war. Soll dieser amerikanische Weltgang der Kultur beginnen wie der der alten Welt, mit Kette und Peitsche der Sklaverei? – Wie viel sind die 3000 Millionen Dollars nordamerikanischen Negereigenthums werth einer solchen Möglichkeit gegenüber!