Libanesischer Bürgerkrieg

Libanesischer Bürgerkrieg
Datum 13. April 1975 bis 13. Oktober 1990
Ort Libanon
Ausgang Vertreibung der PLO, Besetzung Libanons durch Syrien
Konfliktparteien

Libanon Libanesische Front (FL, 1975–77):


Kata’ib („Phalange“)
Tiger-Miliz (Nationalliberale Partei, NLP)
Wächter der Zedern
Tanzim
1977–1990 gemeinsam:
Libanesische Front mit Miliz
Forces Libanaises (FL)


Marada-Brigade
Syrien


Südlibanesische Armee (SLA, 1976–2000)
Israel Israel

Libanon Libanesische Nationalbewegung (MNL, 1975–1982):


Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO, 1971–1982)
Progressive Sozialistische Partei (PSP, „Drusenmiliz“)
Libanesische Kommunistische Partei (PCL)
Asala („armenische Miliz“)


Murabitun („sunnitische Miliz“)


Amal-Bewegung (schiitisch-sozialistisch)
Syrische Soziale Nationalistische Partei (SSNP)
Syrien


Hisbollah (schiitisch-islamistisch)
Iran Iran

Libanon Streitkräfte des Libanon


Vereinte Nationen UNIFIL


Arab Deterrent Force (1976–79, danach nur noch
Syrische Armee im Osten und Norden, ab 1987 auch in Westbeirut)


Multinational Force in Lebanon (1982–84)

Befehlshaber

Bachir Gemayel
Amin Gemayel
Dany Chamoun
Samir Geagea


Tony Frangieh
Suleiman Frangieh


(SLA) Antoine Lahad
Israel Menachem Begin
Israel Ariel Scharon

Jassir Arafat
George Habasch
Kamal Dschumblat
Walid Dschumblat
George Hawi
Hagop Agopjan


Nabih Berri
Hafiz al-Assad
Mustafa Tlas


Abbas al-Musawi

Libanon Michel Aoun


Libanon Émile Lahoud


Vereinte Nationen Emmanuel Erskine
Vereinte Nationen Gustav Hägglund

Der Libanesische Bürgerkrieg (arabisch الحرب الأهلية اللبنانية, DMG Al-Ḥarb al-Ahliyya al-Lubnāniyya) dauerte von 1975 bis 1990. In seinem Verlauf bekämpften sich verschiedene Gruppierungen im Libanon in wechselnden Koalitionen. Darüber hinaus kam es zu mehreren Interventionen durch weitere Staaten.

Die Vielfalt der libanesischen Bevölkerung spielte eine Rolle bei den Konflikten vor und während des Bürgerkriegs: In den Küstenstädten waren sunnitische Muslime und meistens rum-orthodoxe Christen die Mehrheit, während schiitische Muslime überwiegend im Süden des Libanons und im nördlichen Beqaa-Tal im Osten ansässig waren. Die Drusen und maronitischen Christen lebten noch im 19. Jahrhundert vorwiegend in den bergigen Regionen des Landes (besonders Libanongebirge) und Umgebung.

In der Zeit vor dem Bürgerkrieg war die libanesische Regierung stark von alteingesessenen Eliten der maronitischen Christen beeinflusst. Die Verbindung von Politik und Religion war unter dem französischen Mandat von 1920 bis 1943 verstärkt worden, und die parlamentarische Struktur des Landes bevorzugte eine führende Position für die libanesischen Christen, die damals die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Dennoch war die muslimische Minderheit groß und der Libanesische Nationalpakt 1943 sollte eine proportionale Beteiligung aller Religionsgemeinschaften garantieren. Dadurch bildete sich ein komplizierter Religionsproporz in allen Bereichen der Politik, den die alten Führungsfamilien der Religionsgemeinschaften (genannt zaʿīm „Führer, Anführer“, Plural: zuʿamāʾ) für eine Aufteilung der Macht im Staat unter ihren Familien und Anhängern nutzten. Der Proporz des Nationalpakts verlor aber Legitimität, weil sich die Mehrheiten allmählich zugunsten der Muslime und innerhalb der Muslime zugunsten der Schiiten verschoben und die Zuwanderung von tausenden Palästinensern – zunächst 1948 und erneut 1967 – trug weiter zu einem demografischen Wandel im Libanon bei. Die von Christen dominierte Regierung des Libanon traf zunehmend auf Widerstand von Muslimen, Panarabisten und verschiedenen linksgerichteten Gruppen. Die meistens von zuʿamāʾ gegründeten politischen Parteien bildeten außerdem seit den 1930er Jahren zunehmend Parteimilizen, was die Verteilungskämpfe im damals wohlhabenden Libanon verschärfte. Im Kalten Krieg trugen diese Spannungen zur politischen Polarisierung bei, was schon die Libanonkrise 1958 verursacht hatte. Während die Christen meist auf der Seite der westlichen Welt standen, unterstützten Muslime, Panarabisten und Linke vorwiegend die mit der Sowjetunion verbündeten arabischen Länder und das arabische Vereinigungsstreben Gamal Abdel Nassers. Die Krise konnte zwischen 1958 und 1970 durch die umfassende Reformpolitik des Schihabismus von dem neuen libanesischen Präsidenten und ehemaligen Armeebefehlshaber Fuad Schihab entschärft und der Libanon hierdurch stabilisiert werden. Die Beseitigung des Schihabismus durch eine rechts-linke, christlich-muslimische Parteienkoalition 1970 ließ den Machtverteilungskonflikt jedoch erneut aufleben.

Kurz danach wurde die Führung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Schwarzen September aus Jordanien in den Libanon vertrieben, den sie wieder zu Angriffen gegen Israel nutzte und verbündete libanesische Milizen massiv aufrüstete, um eine erneute Vertreibung zu verhindern, was christliche Milizen mit einer Gegenaufrüstung beantworteten. Die Kämpfe zwischen libanesischen christlichen Milizen auf der einen Seite und palästinensischen Guerillas der PLO und verbündeten, vorwiegend muslimischen und drusischen Milizen auf der anderen begannen schrittweise ab 1971 mit gegenseitigen Übergriffen, und der Bürgerkrieg brach im April 1975 voll aus. Die „rechten“, christlichen Milizen der Libanesischen Front forderten die Vertreibung der PLO, zumeist aller Palästinenser, um den Libanon aus dem Nahostkonflikt herauszuhalten. Die „linken“, vorwiegend (aber nicht nur) muslimischen Milizen der Libanesischen Nationalbewegung forderten die Reform oder Abschaffung des Nationalpakts. Kamal Dschumblat drohte sogar wiederholt mit Vertreibung der Christen aus dem Libanon. Es bildete sich eine Allianz zwischen Palästinensern und libanesischen Muslimen, Panarabisten und Linken gegen christliche, prowestliche, prolibanesische Milizen. Diese gegensätzlichen Ziele führten zur Eskalation des Konflikts.

Im Laufe des Konflikts wechselten jedoch die Allianzen und Feindschaften der Milizen schnell und unvorhersehbar. Der Bürgerkrieg verschärfte sich weiter, als ausländische Mächte wie Syrien, Israel und Iran sich einmischten und verschiedene Fraktionen unterstützten oder gegen sie kämpften. Verschiedene Friedenstruppen wie die Multinationale Truppe im Libanon (1982–84 mit Kontingenten aus den USA, UK, Frankreich und Italien) und die United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL) und anfangs die Interarabische Sicherheitstruppe (Arab Deterrent Force) waren ebenfalls während dieser Zeit im Land stationiert. Israel gelang es 1982, die PLO-Führung aus Beirut nach Tunis zu vertreiben, woraufhin die Koalitionen der Bürgerkriegsmilizen noch wechselhafter wurden.

Die Verhältnisse verschoben sich, als 1988–90 der Oberbefehlshaber der libanesischen Armee Michel Aoun versuchte, alle Milizen mit Waffengewalt zu besiegen. Daraufhin schmiedete die seit Kriegsbeginn im Osten und Norden des Libanon, seit 1987 auch in Westbeirut, stehende syrische Armee ein loses Bündnis mit gegen Aoun eingestellten Einheiten der libanesischen Armee und allen Milizen (von den traditionell prosyrischen Amal und Marada über die mit der Islamischen Republik Iran verbündete Hisbollah und die zuvor mit der PLO verbündeten Milizen bis hin zu den eigentlich antisyrisch eingestellten Forces Libanaises), welche schließlich gemeinsam Aoun besiegten. 1989 markierte das Abkommen von Taif den Beginn des Endes der Kampfhandlungen, als ein von der Arabischen Liga ernannter Ausschuss begann, Lösungen für den Konflikt zu entwickeln. Der Bürgerkrieg endete 1990, mit einer faktischen syrischen Kontrolle und Besetzung des Libanon bis zur Zedernrevolution 2005. Im März 1991 verabschiedete das libanesische Parlament ein Amnestiegesetz, das alle politischen Verbrechen, die vor Inkrafttreten des Gesetzes begangen worden waren, begnadigte. Im Mai 1991 wurden alle bewaffneten Fraktionen, die im Libanon operierten, aufgelöst, mit Ausnahme der Hisbollah, einer von Iran unterstützten schiitischen Islamisten-Miliz, die auch Syrien gegen Israel weiter tolerieren wollte. Seitdem im Mai 2000 die von Israel unterstützte Südlibanesische Armee (SLA) zusammenbrach, ist heute nur noch die Hisbollah vollständig bewaffnet.

Obwohl die libanesischen Streitkräfte nach dem Konflikt langsam wieder aufgebaut wurden und die einzige große nicht-sektiererische bewaffnete Institution des Libanon darstellten, war die Zentralregierung weiterhin nicht in der Lage, die bewaffnete Stärke der Hisbollah herauszufordern (und hatte bis 2005 auch kein Interesse daran). Religiöse Spannungen, insbesondere zwischen Schiiten und Sunniten, hielten im Libanon seit dem formalen Ende der Feindseligkeiten im Jahr 1990 an. Der Nationalpakt wurde in Kompromissform reformiert: Das Verhältnis christlicher und muslimischer Parlamentsabgeordneter beträgt seither 1:1 statt vorher 6:5, und das politisch mächtigste Amt ist der sunnitische Ministerpräsident, nicht mehr der christliche (meistens maronitische) Präsident. Aber der Religionsproporz des Nationalpakts wurde trotz Zweifel an seiner Zukunftsfähigkeit nicht aufgehoben, was den damit verbundenen Klientelismus, Nepotismus und die Korruption im Nachkriegslibanon noch deutlich aufleben ließ und zunehmend die infrastrukturellen Staatsaufgaben behindert und das vor dem Krieg reiche Land verarmen lässt (Müllkrise, Verkehrskrise, Wasser- und Elektrizitätskrise, siehe Proteste im Libanon 2019–20).

  1. Who are the Maronites? In: BBC News – Middle East, 6. August 2007 (englisch). 
  2. Inhorn, Marcia C., and Soraya Tremayne: Islam and Assisted Reproductive Technologies. Berghahn 2021. S. 238, ISBN 978-0-85745-490-4.
  3. David Hirst: Beware of Small States: Lebanon, Battleground of the Middle East. Nation Books 2010. S. 62, ISBN 978-1-56858-422-5
  4. Fred Halliday: The Middle East in International Relations: Power, Politics and Ideology. Cambridge University Press 2005. S. 117.
  5. Dima de Clerck: Ex-militia fighters in post-war Lebanon. (PDF) Archiviert vom Original am 23. September 2015; abgerufen am 23. September 2013 (englisch).
  6. Lebanon's History: Civil War. In: Federal Research Division - Library of Congress (Edited by Thomas Collelo, December 1987). via ghazi.de, abgerufen am 3. August 2024 (englisch).
  7. Rolland, John C. 2003. Lebanon: Current Issues and Background. S. 144, ISBN 978-1-59033-871-1.