Baireuth

DCXXXXIX. Das Thor von St. Denis in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCL. Baireuth
DCLI. Der Reichenbach und das Wellhorn in der Schweiz
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BAYREUTH

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DCL. Baireuth.




In Culmbach verließ ich die Eisenbahn, miethete einen Wagen und fuhr nach Baireuth. Es war eine stille, warme Nacht. Die Sterne sahen hell und freundlich vom tiefblauen Himmel auf die schlafende Erde herab und ihr Licht spielte mit den Wellen des jungen Mains, an dessen Ufer die Straße sich hinzog. Johanniswürmchen funkelten aus dem Grase, oder haschten sich in den Büschen, mit denen der Nachtwind bald leiser, bald lauter kosete, und dann und wann sang das rauschende Wehr einer Mühle seinen Choral vom Thal herauf. Alles war Friede, Alles athmete Liebe. Ich lag ausgestreckt im offenen Wagen, begrub Augen und Gedanken in die dunkle Tiefe des Weltraums und überließ mich meinen Träumen. – Gott ist die Liebe. – – Die Liebe regiert das Universum, die Liebe hält die Welt in ihren Bahnen, der Geist der Liebe beseelt die ganze Erde. Dieser Gedanke scheuchte allen Haß aus meinem Herzen. Ich hörte den Geist der Liebe rauschen im Strome, ich hörte ihn plätschern im Bach, ich sah ihn auf den Bergen, ich lauschte auf ihn in den Wipfeln der Wälder. Ich fühlte mich nicht mehr einsam; ich hatte keine Sorge mehr um irdisches Gut, ich dünkte mich so reich, so selig! Warum sind solche Stunden so selten und warum vergehen sie so schnell? – Ich träumte noch, da hörte ich meinen Wagen auf dem Straßenpflaster rasseln; ich fuhr auf, ich war in Baireuth.


Vor hundert Jahren nannte man Baireuth das fränkische Paris, und es hatte sein Versailles und St. Cloud, nur im verjüngten Maßstabe. Noch trägt Baireuth das Hofkleid. – Die Stadt (die 20,000 Einw. zählt) ist heiter und weitläufig gebaut, offen nach allen Seiten und mit Anlagen, Alleen, Promenaden, Springbrunnen, Statuen verschönert, ihre Hauptstraßen sind gerade und breit; die Friedrichsstraße ist sogar prächtig und die Staatsgebäude: Schloß, Kanzlei, Opernhaus, Reithaus mit dem Theater, Marstall, Jagdzeughaus etc. sind groß und massiv im Roccocostyl aus Ludwig XIV. Zeit. An schönen Partien in der Umgebung fehlt’s den Baireuthern nicht. [167] Der Umkreis der Stadt ist geschmackvoll angelegt, und prächtige Chausseen führen nach den ehemaligen Lustschlössern der Markgrafen. Drei Viertel-Stunden entfernt ist die Eremitage mit ihrem 84 Morgen großen Park und den hundert architektonischen Spielereien fürstlicher Vergnügungssucht; mit Tempeln, Grotten, Ruinen, Wasserfällen, Wasserkünsten, japanischen und chinesischen Häuschen, Felsenpforten, Meiereien, einer Einsiedelei für 24 Waldbrüder, – in deren Tracht sich der Hof maskirte, wenn er anwesend war, – und obschon unterm Zahne der Zeit Manches wieder verschwand, so ist doch noch genug übrig, um einen Begriff von der Verschwendung zu geben, welche damals an den Höfen vieler kleinen Fürsten herrschten. – Da sehen wir z. B. einen „Sonnentempel“, dessen Aufbau 100,000 Thaler verschlungen hat, und in demselben einen mit Krystall und Glas ausgelegten Saal, der am Tage durch das Sonnenlicht von Oben, des Nachts durch 1000 Wachskerzen erleuchtet wurde. Was der dunkle Schooß der Erde an Glänzendem, Funkelndem verbarg, was daraus kunstreiche Menschenhände Bewundernswerthes bilden konnten, vereinigte dieser Saal in Pracht und Fülle. Gold, Silber und Edelsteine bedeckten die Wände aus Jaspis; tausend Kleinodien und Gefäße standen umher; Colibri’s zwitscherten auf silbernen Bäumen, und Kakadu’s wiegten sich hin und her auf goldenen Stäben. Die 8 Marmorsäulen, welche die Kuppel dieses Saals tragen, haben allein über 8000 Louisd’ors gekostet. Und in diesen Räumen führten Ausgelassenheit und nackte Lüderlichkeit das Scepter, und die Laster des Hofs richteten die Sitten des Volks zu Grunde. Von den Markgrafen Georg Wilhelm und Friedrich wurden für unnütze Luxusbauten, Schlösser, Marställe, Komödien- und Opernhäuser, Wasserkünste etc. 3½ Mill. Thaler vergeudet. – Das romantische „Sanspareil“, das zweite Lustschloß der Baireuther Fürsten, ist noch schöner gelegen, obschon weniger üppig ausgestattet Da hat die Natur mit ihren Felsen, Bächen, Grotten, Wiesen und Wäldern das Beste gethan und mit unvergänglicher Hand geschmückt. – Das dritte Schloß der Lust ist die „Phantasie“, 1Stunde von der Stadt an der Bamberger Straße. Es ist Eigenthum des Herzogs Alexander von Würtemberg, und dieser hat es verstanden, die Kunst mit der schönen Natur geschmackvoll zu verbinden. Der Park ist groß, vortrefflich in Anlage, sorgfältig erhalten, und die Gewächshäuser bergen einen berühmten Schatz der kostbarsten Pflanzen. Im Schloß ist eine Bibliothek aufgestellt, welche die vorzüglichsten Werke der neuern Literatur in den lebenden Hauptsprachen enthält und deren imposantes Lokal mit einer anzuerkennenden Humanität den Einheimischen und Fremden offen steht. Andere Räume des Schlosses enthalten Sammlungen von Gemälden, Statuen, Münzen, Alterthümern, Kupferstichen, und jedem anständigen Reisenden ist der Genuß bereitet, sie mit Muße zu sehen und zu bewundern. –

Doch was sind alle diese prächtigen Schlösser und Denkmäler der Fürsten gegen den einfachen Grabstein mit der Aufschrift: Jean Paul Friedrich Richter? Ein Paar Schläge an der Uhr der Jahrhunderte werfen alle jene Paläste und Monumente ja den Staub, und die Hand der Zeit wischt die unbedeutenden [168] Menschen, die sie errichteten, noch früher von den Blättern der Geschichte; aber in Jean Paul lebt eine goldene Zeit, die nicht rostet, ein Frühling, der nicht abblüht, eine ewige Jugend. Und an dieser hat nicht nur ganz Deutschland, es hat die ganze Menschheit Theil. Jean Paul lebt jetzt schon beim zweiten Geschlecht, und er steigt und wird fortsteigen mit jedem Menschenalter in der allgemeinen Liebe und Verehrung. So lange es Menschen gibt, wird Jean Paul’s Flammengeist nie verlöschen, so wenig wie der Geist Homer’s und Shakespeare’s. Wenn einst alle Kronen gefallen sind von den Häuptern der Könige, und zerbrochen alle Schwerter in der Hand der Volksschlächter, und alle Kanonen umgegossen zu Ehrensäulen großer Menschen, und alle Völker in Frieden leben mit einander und glücklich sind in der Liebe und in der Freiheit: da wird noch die Dankbarkeit Tempel bauen über die Bildsäulen der hohen Priester der Humanität, und Jean Paul wird den allergrößten erhalten. „Jean Paul“ – sagt Börne – „hat zwar nicht allen seinen Zeitgenossen gelebt; aber eine Zeit wird kommen, da wird er Allen geboren werden. Jean Paul sang nicht in den Palästen der Reichen; er scherzte nicht mit seiner Leyer an den Tischen der Fürsten, er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die weichen Töne feiner Harfe. Jean Paul ist der Jeremias seines gefangenen Volks. Er findet seine Schmerzen, er weckt seine Hoffnung. Er schleicht sich in die Kammer, wo du einsam weinst, wirft sich an dein Herz und sagt: ich komme, mit dir zu weinen. – Träumt deinem guten Engel – so steht Jean Paul vor seiner Wiege – und wird dir’s kalt und frostig in der Einöde deines Herzens – so sucht er dir die Oasen, die versteckten Paradiese, auf. Er löset die Rinde von der verhärteten Brust und zeigt den weichen Bast darunter, und in der Asche des ausgebrannten Vulkans findet er den letzten Funken und facht ihn zur hellen Liebesflamme an. Jean Paul ist der Sänger der Tugend und der Sittlichkeit. Nie schmückte er die Sünde mit den Blumen seiner Worte, nie bedeckte eine unedle Regung das Gold seiner Reden. Er war der Streiter Gottes für Religion, Recht, Wahrheit und Freiheit, und nie deckte bei ihm die Flagge eines mächtigen Namens unrechtes Gut! Wo er das sah, – da war er ein Donnergott; er war eine blutige Geisel im Strafen, ein David, wenn er niederschleuderte den Riesen Hochmuth, ein Simson, wenn er die Schlauheit, die Arglist, die Untreue schlug, ein Herkules, wenn er den Betrüger, den Lügner, den Unterdrücker den Tyrannen von seiner Höhe in den Staub zog. –

So war Jean Paul. – Fragt Ihr, wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? – so sage ich Euch: – Vom Himmel ist er gekommen, auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab.