Das Thor von St. Denis in Paris
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PORTE ST DENIS & BOULEVARDS
(Paris)
Paris ist der „ewige Kalender“ der Geschichte. Auf jedem Schritt begegnen wir dort Menschen, Ereignissen und Bestrebungen, welche einem Jahrhundert oder Jahrtausend voraneilen, oder die uns zurückführen in längst entschwundene Zeiten, und wie in einem aufgeschlagenen Buche liegen vor und die Meinungen und Gesinnungen, die Dummheiten und die Witzworte, die Niederträchtigkeiten und Großthaten, der Ernst und der Leichtsinn der Franzosen von heute und gestern. In Paris sollte der Beobachter tausend Augen und Ohren haben, alles Merkwürdige zu sehen und zu hören, und tausend Köpfe, um Alles aufzufassen, sich anzueignen und zu verarbeiten.
Der Leser und ich, wir haben schon manche Exkursion in der Weltstadt zusammen gemacht. Heute fangen wir unsere Wanderung von jenem interessanten Punkte an, wo die Magdalenenkirche steht, das Prachtstück der neuern Baukunst. Dort, wo die Boulevards der Chaussee d’Antin und von Saint Honoré zusammenstoßen, beginnt das aristokratische Paris. Die Millionairs, die großen Rentner, die Fürsten der Börse, der Geburt und des Amtes haben in diesem Viertel ihre Wohnungen; – dort ist jenes Paris, welches an architektonischer Pracht in der Welt seines Gleichen nicht hat. Wir gehen von der Madelaine über den Vendomeplatz mit seiner Kaisersäule, vorbei dem Café Tortioni, wo die Rothschilds und Foulds nach dem Schluß der Börsenzeit ihre Operationen fortsetzen, an welchen der Kredit und öfters das Wohl und Wehe ganzer Reiche kleben. Wir betrachten mit Wohlgefallen ein mit köstlichen Skulpturen bedecktes Gebäude und sind erstaunt, zu hören, daß es nichts weiter sey, als ein Kaffeehaus, das Café de Paris, das Rendezvous der Politiker der vornehmen Welt und der Männer der Wissenschaft. Ein heiterer großer Bau in einiger Entfernung ist ein Tempel der Kunst: – das Theater des Varietés, wo Brunets Spiel ein Menschenleben lang die Pariser entzückte. In der Rue Montmartre und in der anstoßenden Rue St. Denis zeigen sich die alten Wohnsitze des Hofadels aus den Zeiten des Königthums: Paläste und Hotels im Style des siebzehnten Jahrhunderts. Die Straße St. Denis hat ihren Ausgang auf den Boulevards und endigt mit einem Triumphbogen. Imposant erhebt sich derselbe (die Porte St. Denis) auf einer Basis von 5000 Quadratfuß hoch über alle Gebäude. Blondel, der größte Architekt seiner Zeit, hat ihn errichtet. Edle Einfachheit des Styls und das reine Ebenmaß [158] der Verhältnisse verrathen den Meister. Schmuck ist wenig daran. Auf der den Boulevards zugekehrten Fronte stellen sich zu beiden Seiten des Bogens die kolossalen Marmorbilder des Rheins und Hollands in halberhabener Arbeit dar, Fesseln an den Füßen und sitzend in der demüthigen Stellung der Ueberwundenen. Von der Tafel über dem Bogen aber strahlte und prahlte die Rieseninschrift:
Paris baute dies Thor zu Ehren Ludwigs XIV. nach den Siegen desselben in Deutschland und Holland mit einem Aufwand von 4 Millionen. Sie that’s als Sklavin ihres Herrn und auf des Herrn Geheiß. –
Finstere Zeiten waren dem Jahrhundert Ludwigs XIV. vorausgegangen. Wie im ganzen Westen des Welttheils, so waren auch in Frankreich Land und Gut, Reichthum und alle Lust des Lebens, alle Waffen zur Vertheidigung des indischen Besitzes, alle Kunst, Wissenschaft und göttliche Erkenntniß ein Eigenthum von Königthum, Adel und Kirche. Sie hatten Alles, konnten Alles, wußten Alles; das Volk, – mit Ausnahme der Bürgerschaft einiger größeren Städte, – war arm, dumm und wehrlos.
Nachdem die Kreuzzüge die Kraft des Adels gebrochen hatten, nachdem das Ansehen der Kirche erschüttert war durch die Spaltungen in ihrem Schooße und durch die Zweifel an der Unfehlbarkeit ihrer Dogmen, verlor die Staatsgewalt das Gleichgewicht ihrer Theile. Das sich stärker fühlende Königthum strebte nach unbedingter Alleinherrschaft. Zu vorsichtig, offen auf sein Ziel loszugehen, gebrauchte es die Mittel der List und macchiavellischen Künste. Schon unter Franz I. (in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) begann jene Korruption, welche nachmals Ludwig XIV. schematisirte und zur konsequenten Ausbildung brachte, und die in ihren Folgen die Revolution vorbereitete. Ein glänzender Hof lockte den Adel aus seinen Schlössern in die Umgebung des Monarchen. Im Schranzenleben schrumpfte seine ritterliche Kraft, sein stolzer Unabhängigkeitssinn brach durch entnervende Vergnügungen und durch die ansteckende Sucht nach leeren Auszeichnungen; der oppositionelle Geist der Provinzialstände wurde durch Bestechung, die Ehrfurcht vor der richterlichen Würde durch die Käuflichkeit der Richterstellen gelähmt. Heinrich IV. hatte zwar den guten Willen, aber nicht die Macht, dem einreißenden Verderben zu steuern, und in den während seiner und der Regierung seines Nachfolgers Ludwig XIII. fortdauernden Bürger- und Religionskriegen wuchs die Zerrüttung. – Richelieu, der Mann, welcher unter letzterem die Geschicke des Reichs leitete, benutzte die kriegerischen Verhältnisse, um die Schranken zu erweitern, welche die Königsgewalt umzogen, und sein Nachfolger Mazarin, listiger noch als sein Vorgänger, wenn auch [159] von weniger Fähigkeit, fuhr in dem eingeschlagenen Wege unter dem wachsenden Widerstande der gegnerischen Gewalten bis zu dem Tode des Königs fort. Ludwig XIV. war erst 5 Jahre alt, als sein Vater starb. Seine Mutter wurde Regentin und übergab die Erziehung des minderjährigen Königs an Mazarin. Im 14ten Jahre erklärte Ludwig seine Volljährigkeit (1651). Mazarin blieb zwar als erster Minister bis zu seinem Tode (1661) an der Spitze der Verwaltung; dann aber herrschte Ludwig 54 Jahre lang ohne ersten Minister, nach seinem Wahlspruch: „l’État c’est moi!“ Die Rolle, die er wählte und die er sein Leben hindurch spielte, war die des menschenverachtenden Despoten. Als Mazarin sich einst über den Widerstand des Pariser Parlaments gegen seine Verfügungen beklagte: da brauste der noch bartlose König mit Stiefeln, Sporen und Reitpeitsche in den Sitzungssaal, befahl, und – die Männer ließen sich’s bieten und gehorchten. Von diesem Augenblicke an trat das königliche „car tel est Notre plaisir“ an die Stelle der Gesetze, die Willkür schaltete über das zum rechtlosen Sklaven erniedrigte Volk, sie verfügte über Leben, Freiheit und Eigenthum der Bürger und saugte harpyenmäßig die Lebensquellen des Staates auf.
Ich will es versuchen, auf den nächstfolgenden Seiten ein wahres Bild zu entwerfen von jenen Regierungszuständen in Frankreich, als deren Erfinder, Ordner und Meister Ludwig XIV. seinen Platz in der Weltgeschichte einnimmt. –
„L’état c’est moi!“ Als der Ludwig das Wort sprach, folgte er dem Instinkte des Despotismus. Kühn und mit eiserner Konsequenz schritt er auf den Wegen fort, die zur absoluten Gewalt führen. Seine ganze Regierungskunst verfolgte nur das eine Ziel: durch Zerstörung aller andern Faktoren der Macht im Staate für sich allein alle Kraft zu gewinnen. Paris machte er zur Thurmkrone auf seinem Haupte. Indem er die gesammte Intelligenz des Staats in der Königin der Städte versammelte, nahm er den Hauptstädten der Provinzen ihren Einfluß; und indem er den Adel durch Orden und Hofämter als Hörige in sein Gefolge lockte, wurde mit ihrem Stolze und ihrem Unabhängigkeitssinn zugleich ihr Einfluß auf das Volk und ihre Vermögen gebrochen. Er erweiterte die Trennung der anglikanischen Kirche von Rom, um ihre Abhängigkeit von der Krone zu befestigen, und indem er über ihre Pfründen verfügte, so zwang er die Prälaten, die Glorie des Hofs durch ihre Unterwürfigkeit zu vermehren. Die Künste erzog sein Mäcenat zu galanten Dienerinnen des Königthums. Das Genie, courfähig gemacht, schmeichelte dem königlichen Herrn und die ernste Wissenschaft, durch Jahrgelder und in den Sesseln der Akademie an goldenen Gängelbändern festgehalten, wurde abgerichtet, sich zu bücken und ihre Kunststücke zum Amusement des Hofs zu produziren; die Geschichte sogar wurde dem Dienste des Herrschers gefügig und die befoldeten königlichen Historiographen lernten Hofgeschichte statt Weltgeschichte schreiben. Zur Stütze dieses Systems unterhielt er ein stehendes Heer von 300,000 Mann, welches, schlagfertig und im Kriegshandwerk [160] eingeübt, beständig des königlichen Winks lauschte, um die Befehle der unbedingten Gewalt maschinenmäßig zu vollziehen und den leidenden Gehorsam unter den Willen des Herrschers zur Richtschnur für die Thätigkeit Aller im Reiche zu machen. Damit aber die Kette um die treibenden und spannenden Kräfte im Volke noch dichter und fester geschlossen sey, so wurde vom königlichen Meister eine Beamtenhierarchie organisirt, welche, vom Schulzen bis zum Minister von Grad zu Grad aufsteigend und streng gegliedert, in koncentrischen Ringen bis zum Throne reichte, und jeder Ring fand in dem allmächtigen Willen des Alleinherrschers eben so seinen Ursprung, wie die Wellenringe des Wassers im geworfenen Stein. Nach unten hin befehlend, nach oben hin gehorchend, war die Seele dieses Beamtenheers die Disciplin, welche Ludwig mit militärischer Strenge und diplomatischer Genauigkeit organisirte. Er schuf eigene Dekorationen für ein sogenanntes Civilverdienst, er setzte eine Rangordnung für jedes Amt fest, und die früher Staatsbeamte hießen, machte er zu königlichen Dienern, welche vom Büttel bis zur Excellenz des Königs Rock tragen mußten. Ludwig schuf für sie eine eigene Ehre: die Beamtenehre; er machte Das, was öffentlich seyn sollte, zum Dienstgeheimniß; er brachte ihnen Vorstellungen von Standesgesinnung und Standesvorzügen bei: er trennte die Bureaukratie vom Volke und machte es ihr zur Pflicht, ihre Interessen von den bürgerlichen zu scheiden; er zog sie in dem Glauben auf, sie wären besser, und berechtigt, sich in Stolz und Hochmuth über das Volk zu erheben. Ludwig XIV. führte, als ein Werkzeug des Despotismus, die Telegraphie ein, um sie als Mittel zu gebrauchen, die königlichen Verfügungen aus dem Centrum des Reichs in alle Theile zu tragen, und durch die Schnelligkeit, mit der das geschah, im Volke den Begriff der königlichen Allmacht zu vermehren. Es ist nicht zu leugnen, Ludwigs Verknechtungsapparat war mit großer Klugheit ausgedacht und wurde mit fester Beharrlichkeit ausgeführt; aber er war theuer: und er würde bald aus einander gegangen seyn, hätte nicht der Erfinder die Mittel zu beschaffen gewußt, welche sein Gebrauch und seine Unterhaltung erforderten. Ludwigs Finanzsystem war die Krone des Despotenwerks. Es bestand aus einem tausendarmigen und tausendräderigen Druck, Saug- und Pumpenwerk, das wie ein Polyp seine Saugwarzen und Saugrüssel an alle Gefäße des Volkskörpers heftete, jeden Tropfen des Erwerbs dem Fleiße zu entziehen wußte, jeden Genuß, bis zum Salz des Bettlers herab, besteuerte, jedes Glied des arbeitenden Volks wie eine Riesenschlange umwand und ihm das Leben auszog. Dieses System nahm seinen Theil von jeder Kartoffel und jeder Rübe, forderte ewige Renten aus des Verkehrs Kreislauf, und behandelte das Volk als eine Heerde, die sich von der Schafheerde nur dadurch unterschied, daß diese des Jahrs nur einmal, jene aber alle Tage geschoren ward. Ludovicus Magnus verstand es, sogar die Organe bes Despotismus selbst zu beschatzen, indem er sowohl Aemter als Hofdienste – verkaufte. Jeder Rang und jede Stelle hatten ihren Preis; und Hunderte von königlichen Agenten machten die Mäkler im Reiche, um Vakanzen, nicht nur wirkliche, [161] sondern auch künftige (Expektanzen) auf 5, 10, 15 Jahre hinaus zu vertrödeln. Mancher Franzose kaufte für sein Kind in der Wiege die Stelle eines Kollegienraths, oder eine Anwartschaft zum Sitz im Obergericht mit Rathstitel für seinen Knaben beim ersten Gang in die Schule; es cirkulirten Stellen-Preislisten mit dem Königswappen im ganzen Lande, und wenn der „große“ Ludwig in Geldnoth war, was bei seiner Verschwendung häufig geschah, so machte er einige 100 neue Stellen und Aemter und setzte sie dem öffentlichen Verkauf aus. Als dieser große Monarch, nachdem er über 60 Jahre absolute Herrschaft über Frankreich geübt, starb, – hinterließ er 260,000 Beamte, von denen 110,000 ganz ohne Arbeit waren, und 40,000 nicht viel mehr zu thun hatten, als jährlich eine Besoldungsquittung zu schreiben. Tausende von Stellen waren 3-, 4- und 5fach besetzt, ja, es gab eine Menge Aemter, die 12 Beamte hatten, so daß alle Monate einer die Amtsgeschäfte versah und die eilf übrigen Ferien hielten! Oberrichterstellen (in den sogenannten Parlamenten) kosteten 60,000 Livres, eine Präsidentenstelle in Paris eine halbe Million; die eines Gerichtsdieners in den Provinzen wurde mit 500–4000 Livres bezahlt. Die Kassirerstellen verkaufte man an die Söhne reich gewordener Bürger, welche außer den Kaufpreisen noch Kautionen – oft 10–20, ja 100,000 Livres – an die königlichen Kassen leisten mußten. Es gab Kategorien von Stellen, die ausdrücklich für die titel- und rangsüchtige Dummheit eingerichtet waren. Der große Ludwig machte 4000 Rechnungsräthe (Conseillers d’Escompte), deren Diplome 10,000 Livres kosteten und die 1600 jährlich eintrugen. Das Volk nannte diese Menschen spottweise „die Räthe der Dummheit“ und als einmal eine Gesellschaft solcher Herren einem allzu naiven Kollegen seinen Geistesmangel vorwarf, so entgegnete dieser: „Ah Messieurs, si j’avais eu de l’ésprit mon père ne m’aurait pas mis parmi vous“. Wie es bei solcher Wirthschaft mit der Ehre, der Würde und dem Ansehen des Richteramtes und mit der Handhabung der Gerechtigkeit bestellt war, kann man sich denken. Die Gerichte waren der Abscheu des Volks und ihre Parteilichkeit und Tyrannei nicht geringer als ihre Bestechlichkeit und Ehrlosigkeit. Der große König beantwortete die Klagen des armen Volks, die doch endlich zu seinem Throne drangen, mit dem Hohne, der den ächten Tyrannen charakterisirt; er stattete die Gerichte mit noch mehr Macht aus, das Volk zu peinigen. Der schon so furchtbare Kodex der ältern Kriminalgesetze war ihm nicht streng genug, er revidirte denselben und ließ 1670 ein neues Kriminalgesetzbuch für das ganze Reich ausarbeiten (die berüchtigte Ordonnance criminelle), welche der Partei-, Herrsch- und Rachsucht der obern und niedern Gerichtshöfe die letzten Schranken nahm und jeden Franzosen, den Verleumdung, Intrigue oder Bosheit eines Vergehens oder Verbrechens anklagte, ihrer Willkür wehrlos hingab. Dem „großen Könige“ gebührt die Ehre der Erfindung der „doppelten Tortur“ und unerhörter Martern, um der Unschuld Geständnisse abzupressen. Er ließ in allen Theilen des Reiches nicht nur neue Galgen, sondern auch unterirdische Kerker bauen, schlimmer als die Verließe in den Zeiten des Faustrechts waren; und Tausende der Unglücklichen, deren [162] man sich entledigen wollte, starben in diesen Orten der Qual schon während der Untersuchungshaft. Unter dem „großen Könige“ wurde es für jeden wohlhabenden Franzosen Brauch, den Richtern Jahresgeschenke darzubringen, um die Geneigtheit Derer zu erhalten, welche Ehre, Hab, Gut, Leben der Bürger zu zerstören allezeit Macht und Gewalt hatten, und um dem Entsetzlichen dieser Justizverfassung die Krone aufzusetzen, sprach Ludwig sich selbst das Recht zu, jeden Franzosen durch unmittelbare „Allerhöchste Haftbillets“ (lettres de cachet) ohne Anklage, Untersuchung und Spruch in seinen Verließen der Vergessenheit zu überliefern, – sie gleichsam lebendig zu begraben! Indessen würde doch diesem Monarchen an seiner „Größe“ noch etwas mangeln, wenn diesem Musterbau des Despotismus, dieser tausendrädrigen Maschine der Volksberaubung und des Volkselends, das Eine gefehlt hätte, welches Dionys, (auch ein „großer König“) sich in etwas roher Weise in Syrakus eingerichtet hatte: – ich meine jenes Ohr,das die Gedanken erhorcht, jedes Wort belauscht und bis in die Tiefen der Seele hinuntersteigt, um die Ueberzeugung und Meinung der Bürger zu erforschen. Ludwig XIV. hatte ein geheimes Kabinet das der offene „Löwenrachen“ war, wo die aus einem über das ganze Reich gebreiteten Netze von Agenten und Aufpassern gehenden Fäden zusammenliefen; es war der Mund eine im Finstern schleichenden, spähenden, lauernden, horchenden, das Vertrauen mißbrauchenden, die Verschwiegenheit provozirenden und unterminirenden Macht, die die hohe Polizei hieß und im Volke das böse Gewissen des Königs genannt wurde. 1600 königl. Spione fraßen jährlich anderthalb Millionen Livres von dem Schweiße des Volks, und eine viel größere Summe ging in’s Ausland, theils zur Korruption und Bestechung, theils um Diejenigen zu überwachen, welche den „Haftbillets“ (den Lettres de cachet), oder dem Lebendigbegrabenwerden in seinen Oubliettes, oder der Bosheit der Gerichte durch zeitige Flucht ins Ausland zu entrinnen so glücklich waren. Damit endlich die Sklavenzüchtung um so rascher im Volke gedeihe, so predigte der „große König“ durch eigenes Beispiel und das seines Hofes das Evangelium der Sittenlosigkeit. Aus der verpesteten Hauptstadt ergoß sie sich wie ein Giftstrom über ganz Frankreich. Eine Literatur, welche die Unzucht auf den Altar stellte und die Jugend des Reichs zu ihrem Dienste einlud, ging aus dem Literatenkreise hervor, welcher die Pensionen des „großen Königs“ bezog. Massenweise und fast umsonst in die Provinzen geschleudert, trug sie die moralische Fäulniß bis in des Reiches fernsten Winkel. Ludwig der Große wußte wohl, daß ein entsittlichtes Volk das gelehrigste sey für die Knechtschaft und ein solches das Joch der Sklaverei am geduldigsten trage. Die Erfahrungen der Tyrannen Roms in der Cäsarenzeit waren an ihm so wenig verloren, als an Andern vor und nach ihm. – Stumpf und abgelebt mußte das Volk gemacht werden, wenn es die Knechtschaft tragen sollte. Schwindel und Betäubung mußte in seiner Stirn und in seinem Mark hausen, Entmannung mußte an die Stelle der Kraft, Indolenz und Apathie an die Stelle der Erregbarkeit treten, für die Rüstigkeit, der Keuschheit Preis, mußte das Volk das flache, läppische [163] Wesen der Lüderlichkeit tauschen, bei dem aller Ernst der Gesinnung und alle moralische Kraft des Widerstandes verloren ging, damit es die Fußtritte der Gewalt nicht nur schweigend hinnähme, sondern sich auch noch dafür bedankte, und es die Lehren der Lüge und des Aberglaubens acceptire von seinem Herrscher wie ein Evangelium, prüfungslos, weil es keiner Prüfung fähig war. – Die Zeiten der Caligula und Nerone schienen zurückgekehrt. Der „große König“ war der Ceremonienmeister, der sie der civilisirten Welt mit leichter Grazie vorstellte, und Paris, die alte Lutetia, war die hohe Schule, auf welcher die Monarchie der halben Welt eingeweiht wurde in alle Mysterien der Tyrannei, der Verworfenheit und in alle Laster, welche den wahren Beruf des Fürsten schänden und ein heiliges Verhältniß in ein höllisches verkehrten. Ludwig XIV. lebte lange genug, um die Früchte seiner Saat zu ernten und sich der Zöglinge zu erfreuen, welche aus dieser Schule hervorgingen! Er sah sich, nachdem die Männer von Geist und Charakter, welche eine bessere, ältere Periode dem Staate erzogen hatte, (was hätte nicht ein Colbert leisten können unter einem guten Fürsten!) verbraucht waren, umgeben nicht mit Groß-Würdenträgern seines Reichs, sondern Groß-Schandträgern, Kreaturen seiner Mätressen und ihrer Intriguen, Trägern des Verderbens und der Verachtung, die in ihrer Widerlichkeit nicht einmal die äußere Würde des Königthums zu wahren verstanden. In seinem hohen Alter sah der Tyrann sein durch ihn unglücklich gewordenes Volk an dem Rande des Abgrunds, er sah Millionen, die ihn als ihren Verderber anklagten, er sah die Staatsverwaltung in grenzenloser Verwirrung, die Hülfsquellen des Reichs auf’s Aeußerste erschöpft und als Beute eines zahllosen Heeres von Beamten, die den Staat noch schamloser plünderten, als ein Feind erobertes Land. Die Abgaben waren ein oder mehre Jahre voraus erhoben. Der Staat schuldete 600 Millionen den Generalpächtern, die dem Bestohlnen ihren Raub zu 15 bis 20 Procent vorstreckten; die Armee war demoralisirt, ihre Disciplin war gelockert, sie war geleitet von Führern meist ohne Ruhm und ohne Ehre, die ihre Stellung der Gunst von Mätressen verdankten, und in der Staatskasse war beständige Ebbe. Alle List, Künste und Lügen, welche eine Finanzverwaltung zu entehren vermögen, waren versucht und verbraucht, und der Kredit des Reichs war Null gegenüber einer Staatsschuld von fünftehalb Tausend Millionen Livres! Nicht einmal Das, was des Königs Verschwendung baute, die oft zum Wahnsinn sich steigerte (wer kennt nicht die Thorheiten, Seen zu graben auf den Bergen, aufzuwerfen Höhen in der Ebene, wasserlose Einöden in Parke zu verwandeln und mit dem Aufwand von Hundert Millionen Kanäle zu thörichten Wasserkünsten zu bauen; – und wer hätte nicht von Marly, Trianon, Versailles etc. gehört!), – nicht einmal Das konnte erhalten oder vollendet werden.
Ludwig XIV. hinterließ Versailles, die Apotheose des Königthums, wie er es zu nennen pflegte, nachdem er über eine Milliarde an das unnütze Bauwerk vergeudet hatte, als Fragment, – weniger glücklich, als Philipp II. von Spanien, der seine Apotheose des Pfaffenthums, das Eskurial, doch fertig brachte. Philipp [164] schlachtete unter den Niederländern, und seine Grausamkeit verkehrte ihre Knechtschaft zur Freiheit; Ludwigs Feldherren mordeten und verheerten, schlimmer als Alba dort gethan hat, in der Pfalz, und statt dem Paar tausend Ketzer, die Philipp auf dem Scheiterhaufen der Inquisition sterben ließ, verfolgte der „große König“ mit Kerker und Henkerbeil eine Million guter, fleißiger, aufgeklärter und ruhiger Unterthanen, den Schmuck seines Volks, und zwang 700,000 Calvinisten, Frankreich zu verlassen, während ihr Verfolger, als Vater des Vaterlandes, von Erz und Stein sich Ehrensäulen und Triumphpforten setzen ließ! Die Vertriebenen nahmen 1500 Millionen Livres mit hinaus und trugen Frankreichs einträglichste Gewerbe und einen ungezählten Schatz von Erfahrungen, Kenntnissen und Wissen in die Fremde.
Ludwig starb 1715, des Lebens, das er selbst wie eine Rolle im Theater betrachtete, müd und satt. Zum Spielball seiner Weiber und der Intriken herabgesunken, starb er ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Trost; nicht einmal die Genugthuung hatte er, daß das Gebäude absoluter Herrschaft, dem er das Glück seines Volkes geopfert hatte, sein Jahrhundert ausdauern werde; denn allzusichtbar waren schon die Zeichen des Verfalls, als daß sie dem Auge des alten Königs hätten entgehen können. Wo er hinblickte in seinem weiten Reiche, in’s Volk, in die Verwaltung, in die Armee, in seinen Hof, auf den Erben seines Throns, überall sah er die giftigen Früchte seiner Saaten reifen und das schaurige Walten der Nemesis. Die moralische Verderbniß und sittliche Fäulnis, die er, im Interesse des Absolutismus, mit tiefer Arglist weckte und förderte, hatten die Fundamente des Staatsgebäudes bis zum Untersten zerfressen. Ueberall sah er das Gemäuer sich senken, überall hörte er das Gebälke knistern oder aus den Fugen rücken, andeutend die begonnene Zerstörung. Nicht einmal die Möglichkeit einer gründlichen Restauration war übrig; Ludwig selbst mußte sich schon in dem letzten Jahrzehent seiner Herrschaft darauf beschränken, die Risse und Fugen mit Mörtel zu verstreichen, obschon Keiner besser wußte, als Er, daß dadurch der Einsturz des Staats und der Monarchie um keinen Tag aufzuhalten sey. In seinem Nachfolger konnte er nur ein Werkzeug der ewigen Vergeltung erblicken, berufen, den schon begonnenen Prozeß der Auflösung zu beschleunigen. Dieser Mensch, der Urenkel des „großen Königs“, welcher nachmals als Ludwig XV. den Thron bestieg, war ein unwissender, entnervter Wüstling, aufgezogen im Lasterpfuhl des Hofs, ein Ausbund aller Unwürdigkeit, ohne Ehre und ohne Scham, übersättigt und verwüstet von den Lüsten schon in einem Alter, wo sich gewöhnlich die Begierden erst zu regen anfangen. Was dem XIV. Ludwig den Schein der Größe gab, die äußere Würde, die strenge Konsequenz seines Wesens, daß beharrliche Streben nach einem, wenn auch noch so verwerflichen Ziele, für dessen Erreichung er mit vollem Selbstbewußtseyn Alles hingeopfert hatte, was zu [165] erhalten seine Pflicht war; – die Klugheit, der Egoismus, welche es verstanden, den Bau der Despotie mit blendenden Dekorationen zu schmücken, das Mäcenat der Künste und Wissenschaften zur Selbstverherrlichung zu gebrauchen und den Nimbus des Erhabenen und Göttlichen um seine Erscheinung zu legen, – waren Eigenschaften, welche dem Thronerben mangelten. Dieser hatte mit Ludwig XIV. nichts gemein, als die Launen des Despoten und die bodenlose Gier der Gewalt, vor der kein Recht und kein Eigenthum im Staate sicher ist, nach dem die Hand auszustrecken sich lohnt. Ludwigs Blick war scharf genug, um den Staatsruin vorauszusehen, der nach seinem Tode kommen mußte; er sah die Ausartung seiner gegliederten Beamtenschaft in volligen Cretinismus, er sah das absolute Regiment feiler, lüderlicher Weiber, er sah das fortsteigende Bedürfniß bodenloser Verschwendung und Verschleuderungen, er sah den Raub voraus, den sein Nachfolger am Vermögensrest der Bürger begehen werde; er sah voraus jene Staatsbeutelschneiderei, die schon wenige Jahre nach seinem Ableben in dem Law’schen Papiergeldsystem ihre Krone erhielt. – Doch „auch ein Ludwig war nicht ohne Trost“. – – Ludwigs Triumph war es, daß die Fluth der Schlechtigkeit, der sittlichen Verkehrtheit und des Volksbetrugs, mit der er das Unglück Frankreichs geschaffen hatte, fortfluthete bis zu den Grenzen Sibiriens; denn selbst der ungeschlachte Hühne Peter von Rußland wurde französischen Meistern in Lehre und Zucht gegeben und von ihnen in die Geheimnisse der Tyrannei eingeweiht. Ludwig XIV. erhob Paris zum Thier der Apokalypse, vor dem die Fürsten und Vornehmen des Welttheils auf den Knieen lagen und in Andacht die Augen verdrehten. An der Seine glänzte das Licht der neuen Bildung, und die Sonne war der „große König“ selber, der Zauberer, der sie aus dem Orkus heraufbeschworen hatte, der Solon, der ihre Gesetze schrieb.