Bucharest

DCCXXXVI. Am Red River (Rio Colorado) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXVII. Bucharest
DCCXXXVIII. Die Plaza de Armas in Havana
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BUKAREST

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DCCXXXVII. Bucharest.




Bucharest ist neuerer Gründung. Erst im 13. Jahrhundert tritt seine Geschichte aus dem Dunkel der Sage und sehen wir den Hospodaren Negro Wod als Eroberer und Hospodaren der Walachen seinen Hof da halten. Die Kämpfe der Walachen mit den Türken in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts legten das schöne Land wüst und seitdem wurde es ununterbrochen heimgesucht von Einfällen der Nachbarvölker und wechselseitig von Türken und Russen gedrangsalt, geknechtet und ausgesogen. Als theilweiser Schauplatz des gegenwärtigen Kriegs und durch die vorläufige Besetzung der Oesterreicher ist auch die so lange jenseits der Civilisation gelegene Bojarenstadt unserem Interesse, oder, vielleicht besser gesagt, unserem Mitleide näher gerückt worden.

Bucharest, mit seinen 100,000 Einwohnern, hat eine so große Ausdehnung, daß man ihm das Drei- oder Fünffache seiner Bevölkerung zuschreiben möchte. Es liegt dies an der weitläufigen Bauart des Bojaren-Viertels, welches seine aufgeblasenen Insassen gern ihr Faubourg St. Germain nennen. Manche dieser Häuser haben ein palastähnliches Aussehen, die meisten aber gleichen mit ihren Gärten und Höfen freundlichen Landhäusern, und bilden mit den vielen Gartenmauern ein unentwirrbares Labyrinth von Straßen, krumm und schlecht gepflastert und von ungleicher Breite. Alle anderen Stadttheile sind ärmlich und ersticken in Schmutz. Die Mehrzahl der Wohnungen sind baufällige Barraken von wurmstichigem Holz, zwischen denen sich hie und da Gebäude mit [103] Spuren ehemaliger Pracht erheben. Inmitten der Stadt liegt ein englisch angelegter Park, der erst vor Kurzem aus dem Sumpf entstanden ist, und jeden Abend einen Theil der vornehmen und bürgerlichen Welt bei Musik und Tanz versammelt. Im Innern der Stadt, die sich von dem großen Brande noch nicht erholt hat, ist Zigeuner-Volk auf den leeren Brandstätten seßhaft geworden und treibt da ungestört sein tolles Wesen. Der nördliche Theil wird überwiegend von Deutschen und Franzosen bewohnt, welche fast ausschließlich Handel und Gewerbe in Händen haben. An dieses bürgerliche, durch zahlreiche Magazine und offene Marktplätze belebte Viertel schließt sich das alte Bucharest, das, öde und ärmlich, mehr und mehr in Verfall geräth. In dieser Gegend erhebt sich die älteste Residenz der walachischen Fürsten, Michai Woda, der Kern, um den sich die ganze große Stadt nach und nach anlegte, welche jetzt das lange flache Thal von Bucharest ausfüllt. Das alte Schloß, mit seinen finsteren Ringmauern und in seiner Oede und Unförmlichkeit, hat gut zum Charakter seiner Bewohner gepaßt, z. B. des grausamen Hao und wie die Menschenschinder sonst geheißen haben mögen. Dem Schlosse gegenüber steht die älteste Kirche des Landes, welche sein Apostel, der heilige Demetrius, erbaut haben soll, recht apostolisch klein und bescheiden, wie wir uns die primitiven Kirchen-Anfänge in den heidnischen Ländern denken können, gleich unseren einsamen Waldkapellen, deren Glocken von frommen Klausnerhänden geläutet wurden. Einen schreienden Kontrast dagegen bildet die Metropolitankirche, welche die Gebeine des Apostels bewahrt und von hohem Hügel herab, mit einer weitläufigen Priester-Kolonie umgeben, weithin die Stadt beherrscht.

Eine außerordentliche Mannigfaltigkeit in Trachten und Gestalten belebt die Straßen und zeigt eine Geschäftigkeit und Beweglichkeit, welche bei dem orientalischen Charakter der Bevölkerung auffällt. Eine besonders hervorragende Type ist der Jude, im Hut mit breitem Rande und langen abgeschabten Kaftan. Thätig, höflich, nie entmuthigt, befördert er das Leben in allen Beziehungen; man findet an ihm einen gescheiten, verständigen, unermüdlichen Diener, der nichts scheut, weder Verachtung noch Haß, an den man sich mit jedem Begehr wenden kann; er antwortet in allen Sprachen und wenn er sein Geschäft beendet hat, sind seine Industrie, sein Eifer, sein Schweigen, seine Beredtsamkeit, seine Geduld, seine Tugenden, seine Laster, Seele und Körper, mit ein Paar Piaster bezahlt. Mit ihm konkurrirt der Zigeuner an Dienstwilligkeit und Brauchbarkeit. Dieses wundersame Nomadenvolk bewohnt alle Winkel und Löcher der Stadt, wie die Mäuse, und wo es etwas zu sehen, zu stehlen, zu betteln oder zu verdienen gibt, wimmelt’s augenblicklich von diesen zerlumpten, schwarzen, schmutzigen, langhaarigen Gestalten, mit den indischen Gesichtern und fremdartig glühenden Augen.

Gesellschaft und Sitte in Bucharest schildert uns ein scharfer Beobachter aus der jüngsten Zeit als auf der tiefsten Stufe von Ueppigkeit, Laster und Elend angelangt. Die Immoralität gehört da mit zur Familie, sie führt das große Wort in der Gesellschaft, sie sitzt obenan auf dem Divan oder auf dem Ehrenplatz bei Tische. Man heuchelt [104] nicht. Die Sünde ist Fashion. Man liest dieses Urtheil in großen Lettern von jedem dieser Gesichter, die interessant seyn könnten, wenn sie nicht so fürchterlich gemein wären. Alle die Eigenschaften, die man dem Orientalen überhaupt zuschreibt, wie niedrige Sinnlichkeit, Lüge, Ehrlosigkeit, finden sich in diesen Zügen wieder, nur daß hier die Feigheit und die Jahrhunderte alte Sklaverei noch das Ihrige hinzugethan haben, um walachische Gesichter entwürdigter erscheinen zu lasten, als türkische oder arabische Physiognomien. Selbst der byzantinische Grieche läßt, was Ausdruck betrifft, den Walachen tief unter sich; nur der Armenier, der unterthänigste Knecht seines Herrn, hält einen Vergleich mit jenen Entarteten aus. Das Gesicht des Zigeuners, des Sklaven des Bojaren, hat mit seiner offen ausgesprochenen Lumperei doch noch etwas Wohlthuendes neben dem Gesichte seines Herrn. Doch ist der walachische Volkstypus nicht überall so herabgekommen. Unter dem Landvolke finden sich wahrhaft schöne Köpfe, und wenn es nicht schon die Geschichte verriethe, die Gesichter würden es besagen, daß hier noch mancher ächte Abkömmling des römischen Kolonisten seßhaft ist. Die bucharester Bojaren-Frauen sind meistens in pariser Pensionen erzogen, oder man hat sie wenigstens in einem Alter, da sie bereits Paris zu würdigen verstanden, dahin geschickt, um ihrer walachischen Bildung die letzten Lichter aufzusetzen. Ihre Männer sind ohne Vorurtheil und nicht gemacht, den Frauen aus Grundsatz oder Eifersucht lästige Schranken zu setzen. Jeder Bojar ist ein geborener Aristokrat, hochadelig in seinen Manieren bis zum Lächerlichen. Bildung heißt ihnen Alles, was aus Paris kommt, und der junge Bojar, der mit einigen neuen Redewendungen aus Frankreich wiederkehrt, ist ihnen ein geschätzterer Mann, als der unglückselige Verirrte, der aus Frankreich und Deutschland mit allem Wissen Arago’s und Humboldt’s beladen heimkäme. Mit einem französischen Calembourg ist man im Stande, sein Glück zu machen; französische Putzmacherinnen, ausgediente Schönheiten, Friseure, Tanzmeister, verlaufene Sprachlehrer sind eben so gewiß, ihre Taschen mit Dukaten zu füllen und als Rentiers nach Paris zurückkehren zu können.

Die Idee einer nationalen Selbstständigkeit ist längst im Bojaren erstorben und Unterwürfigkeit vor dem Mächtigen ist der einzige Charakter, der ihm anhaftet. Die ganze Geschichte der Walachei ist nichts, als ein Schacher mit dem Vaterlande. Ehemals trieb man den Handel mit den Türken, später, als das Land zu einer Art von Selbstständigkeit gelangte, wurde der Schacher en famille getrieben, indem die Bojaren jedem neuen Fürsten ihre Stimmen für Geld und Stellen verkauften. Heut zu Tage haben sie nur ihre unterthänigste Ergebenheit anzubieten, und sie bringen sie Jedem dar, der mit einiger Energie oder Macht auf dem Schauplatze erscheint. So war man zu Zeiten Budbergs russischer, als in Petersburg; so streute man dem einziehenden Omer Pascha Rosen und weißgekleidete Jungfrauen auf den Weg, und so drängte man sich, als Oesterreich in der orientalischen Frage ein lautes Wort mitzusprechen anfing, an, Geburtstage des Kaisers in Masse zum Te Deum in die Kirche und zur Gratulation in’s Konsulat.

[105] Es giebt zwar einige Schwärmer, die von einer unabhängigen Walachei träumen und auf der Karte nachstudiren, wie groß das unabhängige Reich werden könnte, wenn man die rumänischen Theile Siebenbürgens und Bessarabiens mit den beiden Fürstenthümern vereinigte, und die da fragen, warum sie, die Abkömmlinge der Römer, nicht desselben Rechtes genießen sollten, wie die Hellenen oder selbst die Serben. Antwortet man ihnen aber, daß zu einer erfolgreichen Bewegung ein freies Volk und nicht leibeigene Bauern und Sklaven mit einigen Tausend Bojaren an der Spitze gehören – dann rollen sie ihre Karten zusammen, stecken ihre französisch geschriebenen Broschüren ein, und hören auf, über ein Thema zu sprechen, welches sie auf die Befreiung ihrer Sklaven bringen müßte.

Das Unglück dieses, wie mancher Länder des Ostens ist, daß ihm ein fleißiger, strebsamer Bürgerstand fehlt. Sklaven und Herren können in unserer Zeit keinen Staat bilden. Aber am südlichen Rande der Walachei, dort, wo, auf deutschen Schiffen getragen, deutsches Leben auf dem deutschen Strome herabkömmt, bilden sich die Anfänge eines neuen Bürgerthums – und vielleicht wird sich Aehnliches im Norden wiederholen, wenn, dem Willen und den Privilegien der Bojaren zum Trotz, auf dem Wege, den die österreichischen Heere gezeigt haben, durch die Pässe der Karpathen, westliche Kultur und westlicher Fleiß einziehen. Germanen haben vor anderthalbtausend Jahren die Regeneration verrotteter und verfaulter römischer Provinzen bewirkt; Deutsche scheinen von Neuem berufen, dieser verrotteten römischen Kolonie auf dacischem Boden frische Lebenskraft einzugießen.