Die Plaza de Armas in Havana
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HAVANNAH
Die Havana heißt und ist die Perle unter den Antillen. Auf unserem Bilde aber haben wir es mit einer ihrer geringsten Schönheiten zu thun. Wir sehen nichts von tropischer Landschaft, von leuchtenden Gebirgen und lichtblauem Himmel, wie sie die Phantasie eines Jeden erfüllen, der den Namen Havana hört, fügen aber zum Trost des Lesers hinzu, daß unser Zeichner auch diese Herrlichkeiten in seiner Mappe heimgebracht hat und wir sie ihm gewiß nicht lange vorenthalten wollen. Den Anfang aber machen wir mit einem Stück Menschenwerk, damit wir uns auch an die Menschen jener Zone erinnern, die sonst, wenn wir uns in den Palmenwäldern und Orangenhainen erst einmal ergehen, in Gefahr kommen, gänzlich unbeachtet zu bleiben. Begleiten wir daher unseren Künstler am ersten Abend seiner Ankunft die hell erleuchteten Straßen entlang, den offenen Häusern vorbei, durch deren scheibenleere
[106] hohe Fenster die Neugierde bis in die entferntesten Winkel der Wohnungen dringt, zur Plaza de Armas, dem Arsenal-Platz, welcher prätendirt, das für die Havanesen zu seyn, was den Parisern die elysäischen Felder, den Römern der Korso, den Londonern der Hyde-Park ist, schicklicher aber mit Place Vendome oder Trafalgar Square zu vergleichen wäre. Die Plaza de Armas ist ein freier Platz, in Mitte der Stadt, von den Palästen des Gouverneurs, der Generalintendantur, dem Zeughaus und den Regierungsgebäuden umgeben. Die Architekturen sind gemischten maurischen und italienischen Styls, wie man deren in den spanischen Städten aus der Blüthezeit der Castilianischen Herrschaft viele antrifft. Die Etagen sind mit Balkonen umgeben, auf denen exotische Gewächse prangen; die flachen Dächer bilden eine Promenade und gewähren den freien Blick über die See. Die innere Ausstattung ist von verschwenderischer Pracht; bunter Marmor und reiche Vergoldung schmücken die weiten Hallen und hohen Gemächer und sind von der kunstvollsten Arbeit. Der Platz selbst, in dessen Mitte eine Statue von Ferdinand VII. steht, ist mit prächtigen Palmen und üppigen, stark duftenden Blumen bepflanzt, zwischen denen Fontänen erfrischende Kühle ausgießen. Nach Sonnenuntergang, Sommer und Winter, versammelt sich da die fashionable und schöne Welt von Havana, um den allabendlichen Konzerten eines gutbesetzten Militärorchesters zuzuhören, zu gaffen und zu bewundern oder sich selbst bewundern zu lassen und das schwere Tagwerk des Müßiggangs da zu vollenden. Der Platz prangt dann im Glanz eines Ballsaals und das Gewühl der Gesellschaft wogt durcheinander im Schmuck des blendendsten Weiß; die schönen havanesischen Frauen mit den pechschwarzen Augen unter der spanischen Mantilla und reizenden Formen, die Männer mit den interessanten regelmäßigen Zügen und dunkelfarbigem Teint, die leichten offenen Volanta’s, die reich gezäumten Pferde, Alles wogt in buntem Gedränge, kokettirt und intriguirt, lärmt und singt, ißt und trinkt, lacht und freut sich des Augenblicks: – dazwischen rauschen die Töne einer spanischen Quadrille oder eines andalusischen Marsches, Alles bewegt sich im Putz eines Festes, ein Paar Stunden lang, bis, gegen Mitternacht, die Musik verstummt, die Gasflammen erlöschen, das Volk sich verläuft, die sprudelnden Wasser schweigen; – Alles ist schlafen gegangen bis auf den verhallenden Schritt der Schildwache in den hohen Bogengängen und das Schwirren eines Leuchtkäfers, der nach den würzigen Blumenkelchen sucht.
Der Palast auf der linken Seite der Plaza de Armas ist der Sitz des General-Gouverneurs, des von ihrer katholischen Majestät bestellten Regenten der Insel. – Spanien hat die aus der Periode seiner über den halben Erdkreis sich erstreckenden Besitzungen herkömmliche Kolonialpolitik auf Kuba in unveränderter Anwendung gelassen. Die Regierung in Madrid kümmert sich nur in so weit um ihre Kolonie, als sie ihren Günstlingen einträgliche Aemter und der Krone bedeutende Revenuen sichert. Die Söhne von der Regierung nahestehenden und einflußreichen Familien gehen unter dem Titel eines Hafen-Kollektors, Oberrichters, General-Intendanten oder einer hohen militärischen Charge nach Havana, wo sie, wie zur Zeit der Römerherrschaft in Gallien oder [107] dem Orient, außer hohen Gehalten das Privilegium genießen, durch Erpressungen oder Feilbieten der Gerechtigkeit und ihrer einflußreichen Gunst in wenigen Jahren große Geldsummen oder einträgliche Plantagen zu erwerben, und kehren dann nach Spanien zurück, in den Stand gesetzt, den Glanz ihrer Familie oder des Hofes zu erhöhen. Je nachdem der Gouverneur seine Gewalt zur bestmöglichen Erreichung dieser Zwecke handhabt, gilt dies als Maß seiner Pflichterfüllung und Tüchtigkeit. Obgleich Kuba mit den höchsten Prohibitiv-Zöllen auf alle nicht einheimischen Erzeugnisse und Manufakturen, welche, sammt den enormen Kopf-, Besitz-, Produktions- und Luxussteuern, ungeschmälert in den Schatz der Regierung fließen, belastet ist, – denn Ameliorationen bleiben dem Privatfleiß der Einwohner überlassen oder vielmehr ungethan, – so steigt dennoch fortwährend die Bodenkultur und mehrt sich der Wohlstand des Landes. Man hält deshalb den Schritt der Entwickelung in Kuba unter strenger Kontrolle und sorgt dafür, daß von der verschwenderischen Freigebigkeit der Natur und der überschwenglichen Produktivität des Bodens nur so viel den Besitzern und Einheimischen zu Gute kommt, als eben nöthig ist, die Quellen des Reichthums vor dem Versiegen zu schützen. Es ist natürlich, daß ein solches System der Erpressung nur durch die brutale Gewalt aufrecht erhalten werden kann und die im Geheimen wuchernde Unzufriedenheit der Belasteten und ihr Wunsch nach einer Aenderung der Zustände zu häufigen Kollisionen mit den Gewaltmaßregeln einer despotischen und verachteten Regierung führt. Glücklicherweise für letztere fehlt dem entarteten Geschlecht der Kreolen der Muth und die Energie eines offenen entschlossenen Widerstandes und wie in allen derartig organisirten Staaten ist’s der Weg der Verschwörung und Intrigue, auf dem die getretene Menschenwürde Befreiung sucht. Ein wohleingerichtetes Polizei- und Spionirsystem, bezahlte Denunciation und gutbelohnter Verrath, an der Hand einer mit rücksichtsloser Grausamkeit gehandhabten starken Militärmacht, vernichten jedesmal und sicher den Ausbruch solcher Empörungsversuche und beuten sie zum eigenen Nutzen aus, indem eine unterwürfige Justiz mit Blut und Verbannung auch den leichtesten Verdacht der Mitschuld verfolgt und die Konfiskationen von Gütern und Vermögen der Henker und Regierung Taschen füllen. So ist seit Jahrhunderten die rebellische Insel regiert worden, ohne daß ein Gefühl der Unsicherheit, trotz des Wechsels in den Regierungsformen Spaniens, eine Aenderung in Anregung gebracht hätte; im Gegentheil, man hat diesen Zustand sorgfältig gepflegt und dafür gesorgt, daß die Verschwörungslust der reichen Eigenthümer nicht aussterbe. In neuerer Zeit aber ist ein anderes, gefährlicheres Element hinzugetreten, welches den Fortbestand dieser Zustände sehr in Frage stellt; es ist das lebhafte Interesse des benachbarten Nordamerikas, welches die heftigsten Störungen im Status quo hervorbrachte und die Sicherheit der spanischen Herrschaft auf Kuba in seinen Grundvesten erschütterte. Das Volk der Nordamerikanischen Freistaaten hat es als seine „manifest destiny“, – seine providentielle Mission, würde der kleine Abklatsch des großen Kaisers sagen, – verkündet, Herr des westlichen Kontinents zu werden und es spricht sich jetzt bereits das Recht zu, in die Angelegenheiten anderer Staaten und Nationen eigenmächtig sich zu [108] mischen, der Intervention europäischer Mächte aber zu wehren. Mit immer raschem Schritten nähert sich die Politik der Vereinigten Staaten dem offenen Streben, den Kontinent zu beherrschen, jetzt aber in Folge der Annexation von Louisiana, Texas, Neu-Mexiko und der nahen Aussicht weiterer großer Länder-Erwerbungen am Golf von Mexiko fällt das Schwergewicht dem Süden zu. Kuba ist, vermöge seiner geographischen Lage, seiner Größe, seiner unerschöpflichen Kulturfähigkeit, seiner vortrefflichen und großartigen Kriegshäfen, der Schlüssel zum mexikanischen Golf und zu seinen Küstenländern, der Brückenkopf zu den reichen Inselgruppen Westindiens, das Vorwerk zur Herrschaft über das centrale Amerika. Eine feindliche Macht in Kuba kann mit verhältnißmäßig geringen Mitteln nicht nur das Vordringen Nordamerika’s nach dem Süden im Schach halten, sondern die sämmtlichen südlichen Küstenstaaten gefährden, die Mündung des Mississippi und den Ausfluß des ungeheuren Handelsverkehrs aus seinem über 10 Millionen Quadratmeilen umfassenden Länder-Bassin blockiren, die Lebensader des Kontinents unterbinden, die gesammte Seeschifffahrt nach Osten und Süden zerstören und die Entwickelung dieses großen Staatenkomplexes auf die engsten Grenzen zurückdrängen. Nicht weniger die Bedeutung dieser politischen Wichtigkeit und Gefahr, als das Gelüste nach dem positiven Besitz der Perle der Antillen sind längst dem Yankee zu Kopf gestiegen und wie er in der Wahl der Mittel zur Erreichung seiner Wünsche überhaupt nicht sehr skrupulös ist, hat er seit den letzten 8 Jahren unablässig und unter allerhand Formen Versuche gemacht, der lockenden Beute habhaft zu werden. Es galt zunächst, die spanische Herrschaft zu stürzen und man fand in der Unzufriedenheit der Eingebornen den besten Hebel dazu. Die Söhne der reichen Kubaner erhalten gewöhnlich ihre Erziehung in den Vereinigten Staaten; ihnen wurde ein Patriotismus und eine Freiheitsliebe eingeflößt, der sie mit dem heftigsten Haß gegen das spanische Joch erfüllte; man malte ihnen den Zustand einer Unabhängigkeit und Verbrüderung mit den Vereinigten Staaten als eine glänzende Zukunft aus, versprach Förderung ihrer freiheitlichen und materiellen Interessen mit der vorgesteckten Miene der aufrichtigsten Freundschaft und Uneigennützigkeit, bot Hülfe an und bearbeitete sie so systematisch für revolutionäre Zwecke. Geheime Verbindungen verbreiteten sich bald über die Insel und wurden vom Kontinent aus gefördert; aber zum Ausbruch eines Aufstandes ließ es sowohl die Wachsamkeit der Regierung und die dem entarteten spanischen Blut innewohnende Verrätherei und Feigheit vor der entschlossenen und opfermuthigen That nie kommen; die Gefängnisse füllten sich mit Verdächtigen und Verrathenen, die Schaffotte mit dem Blut der Garottirten und die Taschen der Verfolger mit den Gütern der Verurtheilten. Die Regierung erkannte sehr bald den Antheil, welchen das Volk der Vereinigten Staaten an der Bewegung hatte und sah von nun an, trotz aller officiellen Freundschaftsbezeigungen, in ihm nur seinen gefährlichsten Feind. Gehässiges Auftreten gegen Bürger der Vereinigten Staaten, Erschwerung des Verkehrs mit Kuba, Verletzung des Briefgeheimnisses, Beschimpfung der amerikanischen Flagge und vielfache Akte der Gewalt und Rache gegen das Nachbarland waren fortan an der Tagesordnung. Beschwerden, [109] Proteste und Genugthuungs- oder Schadenersatz-Forderungen bei der Regierung in Madrid blieben unbeachtet. Je schwächer aber die Vereinigte-Staaten-Regierung sich bei diesen Vorfällen zeigte, desto heftiger entbrannte im Volk, namentlich des Südens, der Haß gegen Spanien, die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der Befreiung und des Besitzes von Kuba, und, zur Ehre des Rechtsgefühls wollen wir hinzufügen, die Theilnahme für die Leiden der armen Kreolen. Mit der offensten Freimüthigkeit und mit dem Feuer der innersten Entrüstung wurde in den Zeitungen, in Volksversammlungen, in den Klubs und auf der Straße die Frage der Befreiung Kuba’s diskutirt, man bestürmte die Exekutive, damals General Taylor, um energische Wahrung der amerikanischen Nationalinteressen, die aus dem mexikanischen Feldzug heimgekehrten Helden boten ihren Arm, die reichen Pflanzer und Spekulanten des Südens ihr Geld, Abenteurer aus aller Herren Länder ihre Haut. Die große Zahl der in den Vereinigten Staaten verbannt oder flüchtig lebenden Kubaner bildeten eine Junta, entfalteten das Banner des Lone Star als Symbol der Unabhängigkeit und beriethen die Mittel zur Rettung ihres Vaterlandes.
Die Seele der Bewegung aber war Einer, dem das befreite Kuba noch eherne Denksäulen setzen wird, der Flibustier-General Narciso Lopez. Kubaner von Geburt, warer wegen seiner patriotischen Gesinnung verfolgt, verbannt, beraubt worden und nach Nord-Amerika entflohen, wo seine Feuerseele die Sympathien aller ächten Republikaner entzündete und seine rastlose Thätigkeit die Mittel zu einem entscheidenden Schlage gegen die geharnischte Zwangsherrschaft seines Vaterlandes sammelte. Sein Unternehmen war ein verfrühtes und verunglücktes.[1] Die Offenkundigkeit seiner Rüstungen hatte zeitig die Statthalterschaft ausreichende Kraft entwickeln lassen, die Invasion nach kurzer, aber heldenmüthiger Gegenwehr zu vernichten, und was dem Tod auf dem Schlachtfeld entging, dem Henker zu überliefern. Lopez starb auf dem Blutgerüst, wie Egmont, mit dem Ruf zur Freiheit an sein Volk. Lopez war ein zu edler Sproß vom altersfaulen Stamm des entnervten und versklavten Kreolengeschlechts, als daß er seiner würdige Gefährten hätte finden können. Er hatte die großrednerischen Versprechungen der Kubanischen Hidalgos für Wahrheit, ihre patriotischen Prahlereien für Muth genommen, er hatte auf die Zusage eines in allen Theilen der Insel vorbereiteten allgemeinen Aufstandes gebaut, sobald er seinen Fuß an die Küste setzen würde; und als er den Schritt wagte, fand er sich mit seinem Häuflein treulos verrathen, verkästen, dem Verderben preisgegeben.
Es war kostbares Blut vergossen worden. Außer Kubanern und deutschen, ungarischen und polnischen Flüchtlingen, die der Freiheitsdrang in den Kampf gelockt hatte, waren auch Vollblut-Amerikaner gefallen, gefangen und hingerichtet worden. Ein Schrei des Entsetzens über das Despotengericht durchzitterte das ganze Land. Es waren ja [110] seine Söhne, die Nachkommen des souveränen Rebellenvolkes, die Freiheitsjünger und berufenen Republikaner, von Henkershand einer gottbegnadeten europäischen Herrschermacht zum Tode gebracht worden! Das Volk fühlte sich mißhandelt, in seinen heiligsten Grundsätzen, die seine Väter mit ihrem Herzblut zu den allein gültigen im Menschenverband getauft, denen der Selbsthülfe gegen fremde Tyrannei, auf’s Tiefste verletzt: es hatte einer gleichberechtigten Idee, der der angerufenen Intervention zu Gunsten seines nach Freiheit ringenden Nachbars, ein kostbares Opfer gebracht, welches nun zertreten im Staube lag. Das Volk der Vereinigten Staaten bemächtigte sich von jetzt an der Befreiung Kuba’s als einer nationalen Frage; im Interesse der eigenen Integrität und Selbsterhaltung proklamirte es sie als eine unbedingte Nothwendigkeit, und vindicirte ihr volle Berechtigung im Namen der Humanität. Sogar die dem Flibustierthum feindlichen öffentlichen Stimmen verfochten jetzt dieses Princip; die furchtsame Unionsregierung aber, obwohl zu energischen Schritten gedrängt, ließ diese bei geharnischten Noten und trotzigen Interpellationen bewenden, ohne ihnen die angemessene That folgen zu lassen. Man tröstete sich mit dem bevorstehenden Regierungswechsel; Kuba wurde dominirende Parteifrage, sie wurde in’s Glaubensbekenntniß der Wahl-Kandidaten aufgenommen und im Jahr 1853 erklärte sich Präsident Pierce in seiner Antrittsrede mit applaudirter Entschiedenheit für die Intervention in Kuba’s Freiheitsbestrebungen. Während jedoch die Regierung auf Erfüllung dieses neuen politischen Programms warten ließ, blieb der Thatendurst der Volkspartei nicht müßig. Das Werbbanner der Flibustier wehte an allen Seeplätzen; eine zweite Expedition, im größeren Maßstabe als die erste, wurde vorbereitet; die Regierung, erschreckt durch die vehemente Einsprache Spaniens und das drohende Gespenst einer englisch-französischen Allianz zu Gunsten Kuba’s, sowie eingeschüchtert durch die herkömmlichen Forderungen des Völkerrechts und der Neutralität, vereitelte das Absegeln des Flibustier-Geschwaders, erregte aber durch diese, dem Volkswillen entgegenstehende Maßregel einen so heftigen Sturm, daß sie einen Matador der Flibustier als Gesandten nach Madrid schicken mußte, mit Instruktionen, dort die Erwerbung Kuba’s auf unblutigem Wege, dem des Kaufs, zu betreiben. Man dachte jetzt mehr an eine Annexation der Insel als an Befreiung der Insulaner vom spanischen Joch. Erstere setzte man als nothwendige und sich selbstverstehende Folge der letzteren voraus. Die Vereinigten Staaten boten 100 Millionen Dollars, ein kaufmännisch sehr annehmbares Gebot für Spanien, da von nun an Kuba, wegen der nöthig gewordenen bedeutenden Rüstungen zu seiner Sicherheit keine direkte Rente mehr an’s Mutterland zu zahlen im Stande war. Es widersprach aber dem spanischen Begriff von nationaler Ehre, einen Länderhandel einzugehen und der Gesandte kam vor Kurzem unverrichteter Sache mit einer höhnenden abschlägigen Antwort zurück. Seitdem stehen die Statthalterschaft von Kuba und die Vereinigten Staaten sich schroffer und feindseliger gegenüber, als je, und von Seiten ersterer wird kaum eine Gelegenheit versäumt, das Sündenregister nationaler Unbilde oder Repressalien, für welche die Union Rechenschaft [111] verlangt, zu vergrößern; dafür sind auf Seiten letzterer aber auch die letzten Bedenken geschwunden und die Annexation Kuba’s wird aus Gründen der Selbsterhaltung, die es in seiner eigenthümlichen diplomatischen Sprache motivirt, als eine dringende politisch-ökonomische Maßregel verlangt, welche, wenn es nicht auf dem Wege der Negotiation geschehen kann, auf dem der Gewalt durchzusetzen sey. So hat sich denn, nach dem Fehlschlagen der ersteren, eine großartige abermalige Expedition vorbereitet, mit den populärsten Männern an der Spitze, und liegt, während wir dieses schreiben, segelfertig, obwohl theilweise bewacht, in den Häfen von New-York, Mobile und New-Orleans. In Kuba hat der Schrecken vor diesem neuen Zuge der Amerikaner und die wirklich drohende Gefahr für seine Existenz zu den empörendsten Gewalt-Akten Veranlassung gegeben. Die ganze Insel ist jetzt in Belagerungszustand erklärt, große Truppenmassen sind in alle festen Plätze consignirt, eine starke Flotte kreuzt vor den Häfen, zahllose landesverrätherische Verbindungen sind entdeckt und Tausende erwarten in den Kerkern oder auf der Flucht ihr Urtheil; – sogar die Sklaven sind bewaffnet und zur Landesvertheidigung organisirt, und die Justiz ist ein machtloser Schatten, der Wink des Gouverneurs schickt ohne Unterschied Einheimische, Fremde oder Amerikaner ohne Richterspruch zur Garotte. Beide Theile sind in fieberhafter Aufregung begriffen und die Zustände tragen den Charakter nahe bevorstehender gewaltsamer Umwandlung.
Ueber den Ausgang dieser Bewegung, ob zum Wohl oder Wehe der Vereinigten Staaten und Kuba’s selbst, sind, wie in allen großen Zeitfragen, die Urtheile auch in Amerika sehr getheilt und vor Allem ist’s die Eigenschaft Kuba’s als Sklavenstaat, welche befürchten läßt, daß der sklavenhaltendeSüden durch diesen Zuwachs so bedeutend an Wichtigkeit und Macht gewinnen werde, daß das bis jetzt noch mit Noth aufrechterhaltene Gleichgewicht zwischen der freien und sklavenstaatlichen Politik aufgehoben und damit das Losungswort zur Trennung der Union ausgesprochen werde. Deshalb protestirt auch der Norden gegen die Einverleibung Kuba’s in seiner jetzigen Gestaltung und influirt auf die Regierungsmaßregeln in Betreibung der Angelegenheit; nur darüber ist die öffentliche Meinung einig, und der Wille der Regierung bestimmt, daß keine dritte Macht, am allerwenigsten das eifersüchtige England, mit seinem Einfluß in Kuba Fuß fassen darf, und es, so lange es unter spanischer Herrschaft bleibt, an einer weiteren Entfaltung seiner politischen Wichtigkeit verhindert werden muß. Ein anderes, wiewohl weniger erhebliches Hinderniß sofortiger Besitzergreifung ist die Unzufriedenheit eines großen Theils der kubanischen Bevölkerung selbst, mit dem Charakter, den die Frage ihrer Unabhängigkeit in Amerika angenommen hat. Sie fühlt zu deutlich, daß die amerikanischen Bestrebungen mehr auf den Besitz ihrer schönen Plantagen, Wälder, ergiebigen Bergwerke und trefflichen Seehäfen gerichtet sind, als auf eine Sühne des lange Jahre von fremder Tyrannei an ihnen verübten Unrechts und ihre Wiedereinsetzung in den ihnen zugehörigen und ungeschmälerten Genuß der Segnungen ihrer Himmelszone; sie hat auch an gar zu vielen Beispielen wahrgenommen, daß überall, wo das Princip amerikanischer Freiheit und Gleichberechtigung [113] der Konkurrenz der Yankee-Spekulation, Rührigkeit und Energie mit dem alt-etablirten Besitzrecht der Kreolen freie Bahn gebrochen hat, letzteres unter dem überwuchernden Einfluß der jungen lebenskräftigen Elemente sehr schnell verkümmert und jenem nichts übrig läßt als die faulenden Wurzeln einer zur Zeit noch glanzvollen, weil ausschließlichen Existenz und einer alten absterbenden Kultur. Das Schicksal der ehemaligen großen, spanischen Besitzungen am Festland, welche durch Kauf oder Eroberung an die angloamerikanische Race übergegangen sind, bewährt diesen natürlichen Prozeß zur Genüge. Die Idee aber, sich gleichzeitig unabhängig vom spanischen Joch und von der Invasion des amerikanischen Elements zu erhalten, versinkt mehr und mehr im Bewußtseyn der eigenen nationalen Ohnmacht. So macht die Furcht vor amerikanischer Agression einen großen Theil der reichsten und mächtigsten Kreolen-Bevölkerung selbst zu Verbündeten ihrer Zwingherren gegen die vom Kontinent ausgehenden Befreiungs-Versuche.
Der jetzige General-Kapitän von Kuba, Concha, ein Spanier von ächtem kastilianischen Blut, ist übrigens der rechte Mann dazu, einen gewaltsamen Umsturz zu beschleunigen. Ein Landvoigt nach altächtem Schlag, angethan mit der unumschränkten Machtvollkommenheit eines Alba, herrscht er in der schönen Kolonie auch im Sinne eines Philipp II. Als hätte er noch eine Armada zu kommandiren, bietet er allen Beziehungen zu seinem mächtigen Nachbar rücksichtslos Trotz; mit frechem Stolz weist er alle Annäherungsversuche und Vergleichungsvorschläge der Republik zurück, häuft Hohn und Schmach auf das sternbesäete Banner, welches sich dem Bereiche seiner Kanonen nähert, verachtet Alles, was im Verkehr gesitteter Nationen heilig gehalten wird, und schaltet mit der Grausamkeit eines Pascha über Leben und Eigenthum ihm gefährlich erscheinender amerikanischer Bürger, wie der eigenen Unterthanen, die nur durch seine Gnade leben. Wer seinem Argwohn verfällt, ist verloren, eine böswillige Denunciation wiegt alle Beweise der Unschuld auf; mit gleicher Grausamkeit wüthet er gegen seine nächsten vermeintlichen Freunde, wie gegen gefangene Flibustier, gegen die Umgebung seines Hofes, wie gegen den in Zurückgezogenheit lebenden Pflanzer; überall erblickt er Konspiration und Anschläge gegen seine Gewalt und sein Leben, bürgerliche Sicherheit ist nur noch ein Schatten, Schrecken geht vor seinen Schritten her und Tod und Verderben sind die Spuren, die sie bezeichnen.
Um so ungestümer ruft jetzt das gemißhandelte Nationalgefühl und der verachtete Stolz der nordamerikanischen Republik um Rache und wir haben jeden Tag zu erwarten, daß die kühne Argonautenschaar an der kubanischen Küste gelandet ist, daß Concha seinen Opfern auf der Garotte gefolgt und die Kanonen vom Kastell Morro und die Stars and Stripes von der Plaza de Armas die Befreiung Kuba’s der erschreckten Welt verkünden.
Möge der Tag, den Gewalthabern zur Warnung, der Menschheit zum Trost, recht bald erscheinen! –
- ↑ Der berühmte Flibustierzug im Herbst 1851. Wir kommen bei einer späteren Ansicht aus Kuba, „dem Schlachtfeld von Las Posas“, darauf zurück.