Das Innere des Kölner Doms

Mississippi-Scenerie Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Das Innere des Kölner Doms
Schloß und Brücke von Pau
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

DAS INNERE V. CÖLNER DOM

[93]
Das Innere des Kölner Doms.




Laßt mir des Kindes Auge ungetrübt,
Das zu dem Vater aufblickt voll Vertrauen,
Und das des Vaters Haus so innig liebt,
Daß es in ihm nur will das Schönste schauen.
Und bist dem Vater solch ein Kind auch Du,
Wie schlägt das Herz Dir vor den hehren Hallen!
Wie eilt Dein Fuß dem Heiligthume zu!
Und vor der Pracht hemmst freudig Du Dein Wallen:
Der Glaube siegt! – rufst Du begeistert aus –
Denn wie der Glaube ist, so ist sein Haus!

Und der Glaube thut Wunder. Wer zweifelt daran, wenn des Glaubens herrlichstes Wunder ihm vor den Augen steht? Es ragt gen Himmel zu Köln am Rhein und ist das Wunder der christlichen Baukunst, das vollendetste Meisterwerk der germanischen Architektur und somit das bewunderungswürdigste Werk aller Architektur! Es ist, so wie es jetzt dasteht, 609 Jahre nachdem der Grundstein gelegt worden, in seiner Unvollendetheit das vollendetste Symbol der deutschen Nation, des deutschen Reichs: Ehrfurcht gebietend durch die Stärke und Dauer seiner Grundfesten, erhebend und begeisternd durch den Adel und die Reinheit seiner kühn aufstrebenden Glieder, gebrochen in der Kraft seines Wachsthums, seiner Vollendung für Jahrhunderte durch die Uneinigkeit im Glauben, dennoch allen Stürmen trotzend Jahrhunderte – ohne Dach und Spitze, aber – trotz aller frommen Sorgen und Mühen der Gegenwart – noch immer ohne feste Hoffnung, je die Vollendung zu erreichen, für die es der Plan des großen Meisters bestimmt hatte, – sie sagen: weil der Geist entwichen sei, der es begonnen.

Am Dome von Köln erscheint, wie Kugler uns belehrt, das System der germanischen Architektur in vollständiger, durchaus harmonischer und zugleich höchst grandioser Entfaltung. Es ist ein fünfschiffiger Bau, welcher in der Mitte von einem dreischiffigen, stark vortretenden Querschiff durchschnitten wird. Der Kapellenkranz um den Chor gibt dem Ganzen einen reichen vielgegliederten Abschluß. In der Formenbildung liegt, bei der [94] höchsten Gesetzmäßigkeit des Organismus, den französischen Kathedralen desselben Styls gegenüber, eine gewisse Strenge, bei allem Reichthum des Details ein eigenthümlich keuscher Ernst zu Grunde. Die runde Grundform der Pfeiler wird belebt durch stärkere, fast frei vortretende Hauptsäulen für die Hauptbögen sowie durch kleinere für die Zwischengurte und durch Einkehlungen zwischen denselben. Die Träger der Gewölbgurte des Mittelschiffs steigen frei und unbehindert aus der Pfeilermasse empor, und die Gurte und Bögen selbst entwickeln sich klar und bestimmt, in vollkommener gesetzmäßiger Gliederung. Die Fensterarchitektur erscheint in den edelsten Formen; die unter den Fenstern des Viertelschiffs angeordnete Gallerie ist in deren Architektur durchaus harmonisch eingeschlossen. Dieselbe klare und durchgebildete Entwickelung zeigt sich an den Formen des Aeußern, obgleich hier die unteren Strebepfeiler noch auf eine etwas massenhafte Weise gebildet sind. Zum höchsten Reichthum entfaltet sich das System der Thürmchen über den Strebepfeilern und zwiefach gedoppelten Strebebögen. Als ein fast unbegreifliches Wunder der künstlerischen Konception tritt uns die Façade mit ihren beiden mächtigen Thürmen entgegen. In völligem Gegensatz gegen das zertheilende und trennende Galleriewesen des französischen Façadenbaues steigt hier das Ganze, unendlich gegliedert, aber in durchaus stetiger Entwickelung und mit unablässigem Bezuge auf den höchsten Gipfel empor. Hier ist der mannigfaltigste Wechsel der Theile, der höchste Reichthum de Formen und dennoch nichts Willkürliches, Nichts, was nur um seiner eigenen Bedeutung willen da wäre! Das Mittelschiff des Domes hat im Innern, seiner Gesammbreite entsprechend, eine Höhe von 161 Fuß kölnischen Maßes. Seine Länge im Aeußeren beträgt 532 Fuß; dasselbe Maß ist für die Höhe der Thürme bestimmt.

Das Universum gab im VI. Bande, S. 129, im Text die ältere Geschichte des Dombau’s und im Bilde das Aeußere des Doms vom Jahre 1840. Seitdem sind bessere Tage für den hehren Bau gekommen. König Friedrich Wilhelm III. und sein Nachfolger, andere deutsche Fürsten, voran König Ludwig von Bayern, und endlich der Kölner Dombau-Verein mit den zahlreichen Filial-Vereinen im In- und Auslande brachten wieder Leben in das Riesenwerk, das dem Absterben näher zu sein schien, als einem neuen Aufblühen. Während der Revolutionsjahre versiegten viele dieser Einnahmequellen, und Dombaumeister Zwirner warf manchen klagenden Blick auf die leeren Gerüste und Hütten der Bauleute. Nach und nach bildeten sich wieder neue Vereine und gingen andere Quellen auf, wie die Kollekten an der Dompforte, die Beiträge der Eisenbahn- und Dampfschifffahrtsgesellschaften in den Rheinlanden, die Gaben für das Einzeichnen in das „Ehrenbuch der Wohlthäter des Doms“, die Einnahmen der berühmten fahrenden Sänger Kölns in England u. dgl. – Freilich bedürfte, trotz alledem, ein solch ungeheurer Bau einer seiner Größe und Pracht angemesseneren Grundlage im deutschen Volke selbst, um sicher zur Vollendung geführt zu werden. Mehr als je sind aber gerade jetzt Keile groß und klein eingetrieben in [95] alle Ritzen und Spalten der Gesellschaft und der Kirchenwände, und Tausende stehen vom eigenen inneren Zwiespalt zwischen Kopf und Herz geängstigt und erschüttert vor dem Spruch, den die Gegenwart mit hundert Zungen ausspricht:

„Wo Glaub’ allein herrscht, wo ist da der Geist?
Und wo der Geist herrscht, wo ist da der Glaube?
Denn wo der Adler in den Wolken kreist,
Verschwindet aus dem Raum des Lichts die Taube.
Die Taube muß sich scheu in’s Dunkel schmiegen,
Und nur der Adler kann zur Sonne fliegen.“