Schloß und Brücke von Pau
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SCHLOSS UND BRÜCKE
von Pau
Wo fehlt es Dir? Macht Dir Deine Brust Angst um sich selber? Drückt der schwere Athem Dir alle Freuden des Lebens nieder? Komm’ mit nach Pau! Da findest Du Leidensgenossen ein Paar Tausende, aber alle voller Hoffnung, daß ihrer die Erlösung harrt von ihrem Uebel. Freilich geschieht dies auch hier nicht immer durch die weiche, milde Luft, die von keinem rücksichtslosen Wind in Zug geblasen wird, sondern manchmal auch auf die andere Weise, von der man nicht gern spricht. Aber trotzdem verdient Pau das Vertrauen, welches die Leidenden auf sein wonniges Klima und heilkräftiges Wasser setzen, und die alte Stadt mit ihrem berühmten Schlosse ist auch in mancher andern Beziehung ein beachtenswerther Ort; Lage, Bauart, Bewohner, Geschichte geben ihr vielfaches Interesse.
Die gewöhnliche Reisefahrt von Deutschland aus nach Pau führt, wenn der Bewohner unserer Meeresküsten nicht die Seereise vorzieht, um über Bayonne oder Bordeaux dahin zu gelangen, über Paris, Orleans, Tours, Poitiers nach Bordeaux und von da am angenehmsten über Dax in das alte Land Bearn, dessen Hauptstadt Pau einst gewesen ist. Gleich hinter Dax verläßt der Wanderer die Tiefebene, die ihn bisher umgeben hat, und steigt zu dem Gebiete der niederen Pyrenäen hinauf. Es ist eine Art Fegefeuer mit himmlischer Fernsicht, was er zunächst um und vor sich hat: das einförmigste Haidegebiet dehnt sich ringsum aus, aber jenseits der trostlosen Hügelzüge winken die Riesen des Hochgebirgs mit ihren schneebedeckten und eisgekrönten Häuptern.
[96] Anders gestaltet sich das Landschaftsbild, wenn wir Pau selbst vor uns haben. Die Stadt liegt am Saume eines Plateau’s, durch welches das schöne Thal des Gave de Pau beherrscht wird, wie auf einem Erker vorgeschoben, und zwar augenscheinlich in der Absicht, den glücklichen Bewohnern einen durch nichts unterbrochenen Halbrundblick auf die Kette der hohen und niederen Pyrenäen zu eröffnen und auf den, zwischen beiden wie ein dreispitziger Thurm hervorragenden Pik von Ossau. Am vollständigsten genießt man diese Augenweide auf dem Platze vor der Kirche St. Martin, die wie auf einem vorgeworfenen Balkone steht, ferner auf dem Spaziergange des Place Royal und auf der künstlichen Plattform des Schlosses. Von diesen Standpunkten aus sehen wir die Berge in langen vom Schimmer des ewigen Schnees erglänzenden Linien sich im Süden der Stadt ausbreiten. Ihr Anblick ist entzückend im ersten Morgenlicht, aber häufiger bewundert bei Sonnenuntergang. Zu den Füßen des Hochgebirgs lagern sich die Hügelzüge der niederen Pyrenäen, reizende Thäler bildend, die zu baumreichen Auen zusammenlaufen und von den Flüssen Hedas und Ousse malerisch durchzogen werden. Beide nimmt die gebirgfrische Gave auf, die im steinigen, von immergrünen Ufern begleiteten Bette dahinrollt, und mit der prächtigen, hohen und breiten Brücke, die unsere Stahlplatte zeigt, zum Hauptschmuck des Vordergrundes dieses Landschaftsbildes gehört. Diese Brücke verbindet die Stadt, welche am rechten Ufer von den Hügeln bis zum Fluß herabsteigt, mit dem Flecken Jurançon, der sich zwischen den Hügeln und Feldern des linken Ufers ausbreitet und da den besten und gesuchtesten Wein der Gegend (le vin de Jurançon), den Nektar des Gebirgsbewohners, erzeugt. Die Lage von Pau, das sich zum größeren Theile auf den Hügeln ausdehnt, welche den Fluß auf seiner rechten Seite begleiten und sich in die Hochebene des Landes verziehen, hat einige Aehnlichkeit mit der von Salzburg, wird aber von letzterer an Mannigfaltigkeit, Schönheit und Großartigkeit überragt.
Die Stadt Pau ist nicht nur die bedeutendste Frankreichs in solcher Nähe der Pyrenäen, sondern sie gilt bei ihren eigenen Bewohnern neben Paris für den einzigen Ort großstädtischer Geselligkeit im ganzen Reiche. Der letztere Anspruch ist neuesten Datums und eine Folge des Zustroms von Fremden zu den heilkräftigen Lüften und Gewässern der Gegend. Die Bevölkerung der Stadt ist seit dieser Zeit von 14,000 auf 20,000 gestiegen. Gäste vom September bis Mai oder Juni zählt man jährlich über 2000. – Pau ist regelmäßig gebaut und hat breite, freundliche Straßen. Mauern und Thore sind verschwunden, reizende Spaziergänge nehmen zum Theil deren Stelle ein. Der besuchteste führt vom Platze St. Martin zu den Alleen des Schlosses und von da zu der sogenannten Basse-plante, einem Spaziergange, den man einen Vorsaal des großen Parks nennen könnte. Auch dieser bietet viel Anmuthiges an Wegen, Pfaden, Gruppen und Fernsichten. Von der Basse-plante kann man zur Haut-plante gelangen, die eine neue stattliche Infanteriekaserne schmückt. Die meisten Häuser Pau’s sind mit Schiefer gedeckt und einzelne Straßen zeugen von Geschmack und Wohlstand zugleich. Außer der oben erwähnten [97] Brücke führen noch mehre über die Gewässer von Pau. Nur das Trinkwasser muß eine einzige Quelle liefern, die allerdings aus sechs Röhren reichlich fließt. In der Nähe der Stadt sind noch zwei andere Quellen, die der Feen, welche Heilkraft besitzt und zu Bädern benutzt wird, und die der Saracenen, so genannt, weil diese, solange sie Herren von Pau waren, sich derselben ausschließlich bedienten. – Gegenwärtig ist Pau als Hauptstadt des Departements Nieder-Pyrenäen der Sitz des Präfekten, ferner eines Unterpräfekten, zweier Friedensgerichte, eines Gerichtshofs erster Instanz, eines Civil- und Handelstribunals, eines Einregistrirungs-, Etappen- und Sicherheitsamtes für Gold- und Silbergefäße und dergl. Behörden aller Art. Pau hatte seit 1724 auch eine Universität; Ludwig XIV. hatte sie gestiftet und die Stadt ihm dafür eine Erzstatue auf dem großen Platze vor dem ehemaligen Kapuzinerkloster errichtet. Die erste Revolution hob die Anstalt auf und stürzte den Bronzekönig vom Postamente. Dagegen besitzt es noch die 1721 gegründete Akademie der Wissenschaften und schönen Künste, ein Collége, eine Bibliothek, Handelsschule, Normalschule, mehre Gesellschaften und andere Institute für Förderung von Bildung und Wohlstand. Die berühmtesten Ausfuhrartikel von Pau sind die unter dem Namen Mouchoirs de Bearn bekannten leinenen Schnupftücher, der bereits genannte Jurançonwein und die geräucherten Gänsekeulen und Schinken, welche als Bayonner Schinken in die Welt gehen.
Die Bewohner von Pau sind, wie die Bearner überhaupt, größtentheils Basken, Nachkommen der alten Venarner oder Benarner, ein kräftiges Gebirgsvolk. Man rühmt sie gegenwärtig als fleißige und redliche Leute, tüchtig bei der Arbeit wie unter den Waffen. In früherer Zeit waren sie ein freiheitsstolzes Geschlecht. Die Fürsten von Bearn waren von einer mächtigen Landesvertretung abhängig. Auch die Rechtspflege war volksthümlich. Gewöhnliche Streitigkeiten unterlagen dem Spruch von Volksgerichten, das höchste Gericht bestand aus den Bischöfen von Lescar und Oléron und zwölf Baronen. Später errichtete man zu Pau ein ordentliches Hofgericht, welches unter Ludwig XIII., dem ersten Unterdrücker des Protestantismus in Pau und ganz Bearn, um 1620 in ein Parlament für Navarra und Bearn umgewandelt wurde. Die Revolution machte durch ihre Folgen allen diesen Volksherrlichkeiten ein Ende. Jetzt ist, trotz der vermehrten Bevölkerung, während der Ferien des Fremdenzugs die Stadt ziemlich still und ruhig; ja, deutsche Reisende wollen sogar vor den Palais der Post und der Präfektur schönes Gras zwischen den Pflastersteinen entdeckt haben.
Zum Hauptgegenstand unseres Bildes, dem Schloß von Pau, gelangen wir am angenehmsten auf einem Gange durch die Geschichte der Stadt. Veranlassung zur Errichtung von Befestigungen in dieser Gegend gaben die Mauren. Sie brachen nicht selten durch die Engpässe der Pyrenäen verheerend in Bearn ein. Hier herrschten, seit Ludwig dem Frommen, nicht mehr die Herzöge von Gascogne, sondern eigene Vicomten unter des Kaisers Hoheit. Gegen das Ende des 10. Jahrhunderts erbaute der Vicomte Gaston I. ein Schloß an der Südgrenze [98] der Ebene von Pontlong. Den Bauplatz dazu hatten die Bewohner des Thales von Ossau abgetreten gegen das Versprechen für sich und ihre Nachkommen, daß sie in dem Saale des Schlosses, in welchem der Cour Majour abzuhalten sein würde, während der Sitzungen desselben stets das Recht des ersten Platzes haben sollten, ein Zeugniß des Bearner Bauernstolzes jener Zeit. Auch den Namen des Schlosses sucht die Sage zu erklären. Man habe, berichtet sie, zur Bezeichnung der Ausdehnung des abgetretenen Raums drei Pfähle (lat. pali) eingeschlagen; da, wo der mittelste Pfahl (palum) stand, erhob sich das Schloß und hieß deshalb Chateau du Pal (Pfahlburg), welches Pal der Volksmund nach und nach in Pau umgewandelt habe. Andere leiten den Namen von palus, Sumpf, ab, nach der noch jetzt nicht ganz verschwundenen Eigenschaft großer Strecken des Landes. Das Schloß hieß später Castel Menou und erfreute sich einige Jahrhunderte des Ansehens, daß des Landes Fürsten dort häufig Hof hielten und viele Vasallen und Unterthanen sich um dasselbe niederließen. Dann ward ein größeres Schloß unweit davon gebaut und das alte verlassen. Der allgemach hier entstandene Ort wuchs jedoch sehr langsam, und als 500 Jahre nach jenem ersten Gaston ein anderer desselben Namens (als Graf von Foix Gaston IV.) Vicomte wurde, konnte er eine raschere Vermehrung der Bevölkerung und die Anlage neuer Bauten nur dadurch herbeiführen, daß er Pau zu seiner Residenz erklärte, zum Markte erhob, Juraten einsetzte und diesen die Erhebung einer Abgabe von Wein und anderen Marktwaaren gestattete, wenn sie sich verpflichteten, den Ort mit einer Mauer zu umgeben und eine Kirche zu bauen. Das geschah 1468; schon fünf Jahre später stand die Kirche ganz, die Mauer halb vollendet da. Rasch hob sich nun der Markt zur Stadt, wurde 1502 Hauptstadt des Landes und Residenz der Fürsten, die nach einander den Häusern Foix, Grailly und Albret angehörten. Johanna von Albret, seit 1548 Gemahlin Antons von Bourbon, wurde die Mutter König Heinrichs IV., durch welchen Bearn an Frankreich kam. Heinrichs Geburtsstätte ist unser Schloß Pau.
Dieses „Königshaus“, wie es jetzt vor uns steht, bildet das westliche Ende der Stadt Pau. Es ist um 1518 von Main d’Albret während der Minderjährigkeit seines Enkels, des nachmaligen Heinrichs II., gebaut. Nach der vollständigen Einverleibung Bearns in Frankreich unter Ludwig XIII. verfiel das vernachlässigte Bauwerk. Es war einer der vielen volksschmeichlerischen Griffe Ludwig Philipps nach der Julirevolution, die Wiegenstätte des eigentlichen Paradekönigs der Bourbonen einer Restauration zu unterwerfen. Mehre Reliquien Heinrichs IV., seine Wiege, eine große Schildkrötenschale, das Bett seiner Mutter und ein Paar Porphyrvasen, ein Geschenk Bernadotte’s (der ebenfalls in Pau geboren ist) an Ludwig Philipp, waren in den Räumen zur Schau gestellt. Ein anderes Schaustück bezog das Schloß im Frühling 1848, nachdem die Februarrevolution über das Haus Orleans gesiegt hatte. Der Held der Wüste, Abd-el-Kader, der mit schamloser Verletzung des Völkerrechts als Gefangener nach Frankreich geschleppt worden war, wurde Ende April 1848 aus dem Fort Lamalgue bei Toulon hierher gebracht [99] und weilte mit seiner Mutter, drei Kindern, seinem Schwager Mustapha Ben Tschann und noch 22 Personen, theils Familiengliedern, theils Dienern, in den Räumen des Schlosses, bis ihm von der Regierung der Republik das Schloß Amboise als Wohnsitz angewiesen wurde. Während Abd-el-Kader noch Gefangener in Pau war, ließ man sich zu der eben nicht noblen Ironie verleiten, einen Trompeter, Escoffier, der lange Zeit Abd-el-Kaders Gefangener gewesen war, zum – Kommandanten von Schloß Pau zu ernennen. Als Frankreichs Präsident, Louis Napoleon, Kaiser der Franzosen geworden war, setzte er die von seinem Vorgänger begonnene Wiederherstellung der stolzen, vielthürmigen Burg der Valois fort und vollendete sie so weit, daß er sie der Herzogin von Hamilton, geborenen Prinzessin von Baden, seiner Verwandten, zum Winteraufenthalte anbieten konnte. Dadurch hat sich für Pau der alte Glanz seiner fürstlichen Tage erneuet, und der alte Bau seines Schlosses steht vielleicht von nun an wieder fester, wie manches der neuesten Häuser voll jüngster Pracht. –
Was hat das Schicksal schon zu thun gehabt, so lange die Welt steht! – Welcher unerschöpfliche Reichthum, welche unermeßliche Mannigfaltigkeit der Geschicke! Wem schwindelt nicht vor diesem Gedanken, wenn er mit dem Auge über die erste beste Landkarte dahinfährt? Aus der Mitte Deutschlands über Hunderte von Städten hin, zwischen denen Tausende von Dörfern liegen, alle mit Leben erfüllt voll täglichen, ja stündlichen Auf- und Niederwogens der Verhältnisse, gelangen wir mit dem Finger zum äußersten Ende Frankreichs, – da ist ein kleiner Punkt, der heißt Pau, und was ist dort Alles geschehen seit den 10 Jahrhunderten seiner erkennbaren Jahresringe! Dynasten haben sich ermordet, Familienblut ist auf des Schlosses Dielen geflossen, der Krieg hat gewüthet, die Wolkenbrüche des blutigen Schicksals haben das Land überschwemmt, und die hellen Bäche des Friedens haben die Lachen weggewaschen und fortgeströmt in das Meer der Vergessenheit. Dieses Meer des Schicksals ist ganz wie das andere, alle Quellen und Bächlein, Flüsse und Ströme fluthen hinein, und es wird nie voller. Was ist des Einzelnen Geschick in diesem Meere des Schicksals? Was ragt daraus hervor, als die Wogen, welche oben schwimmen? Wie viel ist Dessen, was sie bedecken! – Und dennoch behält das Bächlein seinen Werth und läuft der Strom seine Bahn unbeirrt so fort. Nur der Unterschied zwischen beiden ist groß.
Der Unterschied der Geschicke besteht weniger darin, wie weit Einer gesehen wird, als darin, wie weit Einer sieht. Haben Viele schon gar hoch gestanden, und ihr Blick reichte nicht über ihre nächste Umgebung. Der Geist ist des Geschickes Schmied. Die Vertheilung, Tüchtigkeit und Pflege dieses rastlosen Gesellen erzeugt die Unterschiede, nach welchen das Schicksal die Loose des Einzelnen zuschneidet. Sie bestimmen die Sehweite seines [100] inneren Auges, und von dieser hängt die Wahl seines Ziels und seine Strebekraft ab nach jenen Höhen der Menschheit, wohin dem Zufall der Geburt der Schlüssel nicht zur Verwahrung übergeben ist. Aber auch das Schicksal hält ihn fest und theilt ihn nur Wenigen aus –
weil es von Gott so scheint bestimmt,
Daß zu den ungemess’nen Höhen
Des Geisterreichs nicht Jeder klimmt,
Ja, Millionen nie sie sehen!
Wer aber steigt mit festem Schritt
Und nimmt – sonst ist der Gang vergebens! –
Zur Höh’ die rechten Augen mit,
Der siehet klar den Strom des Lebens:
Der sieht, was in dem Thal verschlammt
Zu Sumpf und Nebel scheint verdammt,
Frei von des Wahns und Truges Netzen,
Gelenkt von ewigen Gesetzen.
Den wärmt mit ächter Liebe Gluth
Der Wahrheit Stern: ihm kann’s gelingen,
Dem armen Volke Hoffnungsmuth
Mit einem alten Stab zu bringen:
So lang’ nur bleibt der Arme blind,
Der schönen Erde ärmstes Kind,
Bis Die da sehen, besser sind.
Sprich nicht: das ist uralte Spreu!
Die Wahrheit ist nicht immer neu!
Sie ist nie glänzend, selten heiter;
Nicht spottend deut’ auf sie hinab:
Die Wahrheit ist der alte Stab,
Dem Müden hilft der ält’ste weiter.