Charleston
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

CHARLESTON
(VEREIN. STAATEN v. ΝΑ.)
Ein südlicher Himmel und ein südliches Meer, und zwischen beiden Schiffsmasten und Dampfsäulen, Kirchthürme und Fabrikschlöte, – wohin wird das Bild uns führen? Wohin anders, als nach dem Süden Nordamerika’s? Laß uns nur erst an das Land kommen, da werden die vielen Schwarzen, welche Massa zu ihrem Herrn sagen, und die vielen Weißen, welche gelb aussehen und von denen Jeder ein Master von vielen Schwarzen ist, Dich überzeugen, daß wir eine große Stadt des blühendsten Sklavenstaats der Union vor uns haben.
Man thut wohl daran, in Charleston von der Seeseite anzukommen. Die Lage derStadt ist so, daß sie dann zu jeder Tages- und Jahreszeit einen reizenden Anblick gewährt. Du magst vom Norden oder Süden, von Wilmington mit dem täglichen Dampfer, oder gar von Neuorleans herauf kommen, so wird die Einfahrt in die Bucht von Charleston Dich freudig aufregen. Da liegen zuerst die drei Forts vor Dir, errichtet gegen mißliebige Gäste; dann steigen mehre kleine Inseln aus der Fluth empor, und aus ihrem frischen Grün lachen Dir heitere Wohnungen entgegen. Und endlich dehnt sich vor Dir die lange Linie der Häuser am flachen Ufer aus, zum Theil verdeckt von den Segel- und Dampfschiffen des Hafens. Ueber dem langgestreckten lebendigen Durcheinander der Land- und Wasserhäuser hat aber ein grüner Waldsaum seinen ruhigen und lockenden Hintergrund aufgeschlagen.
Charleston liegt auf einer schmalen Landzunge, welche zwischen den Mündungen der beiden Flüschen Ashley und Cooper in die Bucht heraus läuft. Der tiefe und geräumige Hafen mit Schiffswerften, Kays und Waarenlagern liegt auf der der Coopermündung zugekehrten Stadtseite. Auf der Festlandseite verbindet ein Bach beide Flüßchen, aber so nahe der Mündung, daß in ihm das süße und das Salzwasser sich mischen. Dieser Bach bildet die Grenze zwischen dem gelben Fieber, welches die Stadt so sehr im Wachsthum ihrer Bevölkerung hemmt, und dem Landfieber, welches seine Verheerungen in den feuchten und sumpfigen Strecken des Süßwassergebiets anrichtet. Was in Europa zu den schönsten Genüssen des Lebens gehört, ein Sommeraufenthalt auf dem Lande, wäre in Charleston jedes Weißen Tod. Hier bringt der Wohlhabende den fieberfreien Winter auf dem Lande zu, [102] von wo er, sobald der Sommer naht, in die Stadt entflieht oder nach den nördlicheren Staaten, wenn er nicht in den höher gelegenen Gegenden des Inneren von Süd-Carolina eine lebenssichere Stätte zu einem Tusculum gefunden hat.
Die Zahl der Einwohner soll nach dem letzten Census (von 1850) sich auf 56,000 belaufen; im Jahr 1830 war sie 30,289. Damals zählte man gegen 15,000 Sklaven, jetzt zwischen 29- und 30,000. Von den 14,673 Sklaven des Jahres 1840 waren 676 im Handel, 1025 in Handwerken und Fabriken, 292 in der Seeschifffahrt und 226 im – gelehrten Fache beschäftigt. Man braucht nicht mehr nach Rußland zu gehen, um Menschen auf der Stufe der Bildung mit dem Halsring der Leibeigenschaft ausgezeichnet zu finden. – Obige Zahlen deuten schon darauf hin, daß auch hier die Sklaverei das Wachsthum der Bevölkerung mit hindert, wenn man auch den Fiebern einen großen Theil der Schuld daran zuschreiben muß. In sklavenfreien Staaten und Städten sind wiederholte Decimationen durch verheerende Seuchen immer bald wieder ausgeglichen worden und verringerten nur das gewöhnliche Verhältniß der Bevölkerungszunahme; in Charleston dagegen war während des Jahrzehnts von 1830–1840 die Volkszahl um 1000 zurück gegangen, in Nordamerika etwas Unerhörteres, als eine zehnfache Vergrößerung.
Trotzdem ist Charleston die bedeutendste Stadt der Vereinigten Staaten südlich vom Potomac und in Bezug auf die Bevölkerung die neunte der Union. Für Süd-Carolina bildet es das Entrepot des gesammten Handels, erhebt sich aber dadurch, daß es für die beiden wichtigsten Landesprodukte nicht nur Carolina’s, sondern der ganzen Vereinigten Staaten, für Baumwolle und Reis, ein Hauptausfuhrort ist, zu einer der ersten Seestädte Nordamerika’s und steht mit allen Plätzen Europa’s in Verbindung. Allerdings hat New-York ihm einen Theil dieses Handels entzogen, aber der Werth seiner Ausfuhr in diesen Produkten allein beträgt immer noch über 10 Millionen Dollars. Charlestons Kommunikationsmittel sind vortrefflich. Sein geräumiger und sicherer Hafen ist durch den 22 Meilen langen Santee-Kanal mit dem Flusse Santee und durch eine 136 engl. Meilen lange Eisenbahn mit Hamburg am Savannah verbunden. Dampfboote gehen täglich nach New-York, Wilmington in Nord-Carolina, nach Savannah in Georgien und St. Augustine in Florida. Den Verkehr mit den Städten des Binnenlandes vermitteln die täglichen Cars.
Der Eindruck, den Charleston nach dem ersten Gang durch seine Straßen bei dem Reisenden hinterläßt, ist ein sehr verschiedener von dem aller nördlicheren Städte der Union. Zwischen den Häusern modernsten, meist französischen Zuschnitts begegnen Deinem Blicke Gebäude von altehrwürdigem, ja von Alter baufälligem Aussehen. Bei der Jugend der meisten Städte Nordamerika’s überrascht diese Erscheinung. Charleston ist jedoch schon 1680 gegründet. Zehn Jahre später siedelte sich eine Schaar französischer Flüchtlinge hier an, vertriebene [103] Reformirte. Diese neue, in jeder Beziehung ausgezeichnete Ansiedlerschaft bildete den Stamm der noch heute durch Feinheit der Sitten und Liebenswürdigkeit des Charakters hervorragenden Bevölkerung der Stadt. Ihr Aussehen verdankt dieselbe jedoch anderen Ereignissen. Im Jahre 1779 wurde sie von den Engländern erobert; ein Jahr vorher hatte eine Feuersbrunst 252 Häuser in Asche gelegt. Noch entsetzlicher wüthete der Brand von 1796, der den dritten Theil der Stadt vernichtete; den letzten erlebte Charleston im Jahre 1838. Nach jeder solcher Verheerung erstanden die Straßen in freundlicherer Gestalt, während das Erhaltene aus alter Zeit mit treuer Pietät geschont wurde. Jetzt zählt Charleston über 3000 Häuser. Die Hauptstraßen laufen sämmtlich parallel von einem der beiden Flüsse zum andern, sind rechtwinkelig von Querstraßen durchschnitten und durchschnittlich 38 bis 40 Fuß breit. Um die glühende Sonnenhitze nur einigermaßen abzuhalten, sind die Häuser großentheils mit Vordächern versehen, breite gedeckte Balkone oder Gallerien ziehen sich an ihnen hin, an deren Säulen sich Weinreben oft bis zum Dache hinaufranken und in deren Schatten die Bewohner einen großen Theil des Tages hinbringen. Die einzelnen Häuser trennt meistens ein baumreicher Garten von einander, und selbst die sandigen Straßen, die man aus Mangel an Steinen nicht pflastert, sondern mit Muschelschalen aufschüttet, sind mit schattenden Bäumen aller Art besetzt. So sucht man in der Stadt wieder gut zu machen, was man draußen im Lande verdorben hat, denn erst seitdem die Wälder gelichtet und weite Strecken sumpfigen Bodens dem Sonnenstrahle Preis gegeben sind, ist das Fieber hier heimisch geworden.
Die öffentlichen Gebäude Charlestons sind in architektonischer Hinsicht ohne Bedeutung; selbst von den 25 Kirchen verdient keine einer besonderen Erwähnung. Reich ist die Stadt an Anstalten für Bildung und Wohlthätigkeit. Im Jahre 1850 bestanden hier 14 Akademien mit 861 Zöglingen, 13 Volksschulen mit 574 Schülern, das „College von Charleston“ mit 60 Studenten und einer Bibliothek von 3000 Bänden, eine literarische und philosophische Gesellschaft mit einer Naturaliensammlung, eine Akademie der Künste mit einer werthvollen Gemäldesammlung und eine städtische Bibliothek von 15,000 Bänden. Dazu ist Charleston im Besitz des besten botanischen Gartens in den Vereinigten Staaten. Unter den vielen Wohlthätigkeitsanstalten zeichnet sich das sogenannte Marmorhospital aus, eine Anstalt, in welcher Matrosen, welche bei ihrer Ankunft im Hafen einen halben Dollar entrichtet haben, im Fall ihrer Erkrankung freie und sorgliche Pflege finden.
Zum Schlusse dieses Artikels lassen wir uns von einem englischen Reisen den Etwas über die Vergnügungen der Charlestonier erzählen. Er sagt: Im Sommer auf die Stadt beschränkt, ergeht sich die schöne Welt Morgens und Abends auf dem Platze längs der Landspitze und in der Königsstraße, welche die meisten Kaufläden enthält. Uebrigens herrscht hier ein feiner und geselliger Ton, welcher, vereint mit der gerühmten Gastfreundschaft der Charlestonier, für den Fremden den Aufenthalt sehr angenehm macht. Bei den Frauen und Mädchen [104] der höheren Stände, die in ihrer ganzen Erscheinung die Südländerinnen verrathen, fand ich eben so viel wahre Bildung, als Anmuth und Liebenswürdigkeit. Bei den Gastmählern und Bällen ist meist auf eine verschwenderische Weise für die Gäste gesorgt; nur die Musik verrieth keine hohe Stufe der Ausbildung, denn sie wurde von 3 Negern auf zwei Geigen und einer Trommel ausgeführt, welch letztere sich vergeblich abmühte, ihre beiden taktfeindlichen Begleiterinnen in gleichen Schritt und Tritt zu bringen. – Aber getanzt wird darum doch.