Der Gross-Glockner

DXXXIX. Genf Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXX. Der Gross-Glockner
DXXXXI. Die Veste Vano (Ivano) in Tyrol
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DER GROSSGLOCKNER
in den Salzburger Alpen.

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DXXXX. Der Gross-Glockner[1].




Die Alpen, „die silberne Krone Europa’s“ sind nicht eine Gebirgskette: sie machen eine ganze Gebirgswelt aus, welche in Domen sich wölbt, in Hörnern emporzackt, aufstarrt in himmelhohen Wänden, in Nadeln und Thürmen aufspitzt und aus seinen Knotenpunkten schmale Gräten und scharfe Kämme ausstreckt, wie ein Polyp seine hundert Arme.

In drei großen Abtheilungen rückt das Gebirge aus seiner Wurzel, dem Schweizer Alpenlande, nach Ost durch den deutschen Süden. Die mittelste, wo die Riesen stehen, welche Eismeere auf ihren Schultern tragen, wird die Centralkette geheißen und sie erreicht öfters eine Breite von 25 Stunden. Dort schaust du die Alpennatur in ihrer vollen Pracht, in ihrer ganzen überwältigenden Größe. Dort ist’s, wo deine Seele den Eindruck empfangen kann, welchen das ewige Schweigen hervorbringt, das um die höchsten Throne der Eiswelt herrscht. Keine Schneelerche schwingt sich dort hinauf, keine Gemse läßt ihre Spur zurück, die Wasserfälle verstummen und kein Staubbach schüttelt sein weißes Haar über die Tiefe. Nur ein Leben herrscht und spricht auf diesen Zinnen: – die Zerstörung: – die Lawine mit ihrem Donner, der Bergsturz mit seinem Prasseln und jene Gewalt, welche die Gletscher sprengt und die Felsen spaltet.

Derjenige Theil der Centralalpen, von dem der Brenner die tiefste Kerbe ist und der höchste Punkt der große Glockner, dieser König, den die andern Riesen wie so viel dienende Trabanten umstehen, umfaßt die Quellgebiete des Ziller- und des Gasteinerthals und alle die kürzern Einschnitte und Schluchten, welche von der Salzach in einem weiten Bogen zu dem Eismeere aufstrahlen, das, eine ewig gebärende Mutter der Gewässer, diese in tausend Rinnsalen zur Landschaft der Tiefe hinabsendet. Der Kern dieses Hochgebirgs, wie der der Centralalpen überhaupt, ist granitisches Gestein und Gneis, denen sich die Schiefergebilde mantelförmig anlagern. Große Gangspalten im Granit sind mit Quarz gefüllt; es sind das die Lagerstätten, auf welchen das köstlichste der Metalle seit Jahrtausenden gewonnen wird. Im Labyrinthe dieses alten, noch immer belebten [82] Bergbaus verlieren sich die Sagen von unermeßlichen Schätzen, welche Kobolde hüten und Geister schirmen, und jede Generation der nachfolgenden wieder erzählt.

Eine Besteigung des Glockner geschieht am bequemsten von Süden her, durch das große Möllthal, welches bis in die Mitte der herrlichen Gruppe führt. In dem letzten Pfarrdorfe, Heiligenblut, nimmt man einen Führer. Schon nach kurzem Steigen entfaltet die Alpennatur ihre Pracht und versetzt in eine feierliche Stimmung. Katarakte rauschen die Thalwände herab, der Gießbach donnert durch die Schluchten und Einstürze und Bergrutschen verrathen die Gewalt der wirkenden Kräfte. Als Gegensatz erfreuen saftige Matten mit den grasenden, läutenden Heerden, mit Weilern und Gehöften, deren reinliches, wirthliches Äeußere auf stilles, friedliches Glück im Innern deutet. Wie sich das Thal verengert, hängt sich der Blick sehnsüchtig an seine oberste Spalte; er sucht den Riesen, das Ziel der Bergfahrt, und kaum hat ihn der von einer hohen Wand herabhängende Schleier eines Staubbachs, oder der imposante Sturz der Ache auf kurze Zeit gefesselt, so fliegt er schon wieder hinauf und fragt bei jedem sich zeigenden Schneehaupt – ob das der Glöckner sey? Fast an des Thales Ende steht einsam in dem Erlendunkel ein graues gothisches Kirchlein und ein hoher Felsendamm dahinter scheint das Thal zu verriegeln. Steil zieht die gewundene Straße an denselben hinan unter dem Brüllen des Gießbachs, welcher sich, wüthend und bäumend, in die Tiefe stürzt und mit seinem schäumenden, aufspritzenden Gischt dir Haut und Kleid netzt. Endlich stehst du oben auf der hohen Thalstufe und aufgerollt liegt vor dir eine Alpenwelt, die Alles übertrifft, was du dir Herrliches gedacht hast. Das ist er – der Glockner leibhaftig, – und um ihn die Trabanten, die Hörner und Spitzen, wie die Diener eines großen Herrschers.

Von Thalstufe zu Thalstufe, von Felsendamm zu Felsendamm dringst du nun, vom Anschauen des Ziels gestärkt, näher und näher. Krummholzkiefern grünen auf der Matte und das Alpenröschen blüht am Wege: du hast die Sennerregion erreicht, und die regellos zerstreuten Hütten mit den weidenden Rindern bringen Leben und Mannichfaltigkeit in die Bilder. Endlich schwindet auch der letzte Strauch aus dem Thale und eine neue Wunderwelt öffnet die Pforte. Der blendende Eispalast eines Riesengletschers thürmt sich auf und quer durch das weite Hochthal siehst du schimmernd in vielen Farben eine ungeheuere Eismauer aufgerichtet, auf deren Zinnen die bildende Natur Thürme, Pyramiden und Obelisken hingestellt hat. Tiefe Spalten und Klüfte trennen das durchsichtige Gestein bald da, bald dort, und vom lichtesten Aquamarin bis zum dunkelsten Malachitblau schimmert’s und strahlt’s an den Kanten. Staunend hängt dein Blick an dem Niegesehenen und Unbegreiflichen; – ein hoher Thurm auf der Zinne, der dich eben fesselte, er beginnt jetzt zu wanken, er neigt sich, und mit einem Krachen, das dem Donner eines nahen Gewitters gleicht, stürzt er hinab und schleudert mächtige Eisstücke weit im Thal umher. Jenseits der Mauer ist eine prächtige Matte mit Sennhütten – eine Oase in [83] einer Wüste von Gletschern, – denn rundum siehst du sie zwischen den dunkeln Felsmauern herabsteigen, und fort und fort rollen ganze Massen von Eis aus den Höhen und bestreuen die Ränder der Alp mit ihren Trümmern. Alle Eigenthümlichkeiten des Gletscherlebens findest du hier am Wege: die seltsamen Gletschertische; die den Ziehbrunnen gleichenden Löcher mitten im viele Klafter dicken Eise mit dem klarsten Wasser; die gähnenden Spalten, welche, meergrün schimmernd, oft in unergründliche Tiefen hinabreichen; das Rauschen der unsichtbaren Gewässer inmitten der Eisschichten; die Hallen und Dome, funkelnd und strahlend im Sonnenlichte, aus deren geheimnißvollem Innern die Gletscherbäche hervorbrechen, und dicht daneben die aus Granitblöcken fest zusammen gemauerten Sennhütten mit den traulichen Rauchwölkchen über dem Dache, den zwischen den Eisblöcken grasenden und kletternden Ziegen, der melkenden Sennerin, oder dem Senner, jodelnd, oder die Schalmey blasend. – Das Krachen des spaltenden Eises schallt wie Freudensalven drein, die große Natur und ihren Meister zu feiern.

Zwischen umherliegenden Gletschertrümmern und Granitblöcken leitet der Führer nun hinan auf das eigentliche Eismeer. Stundenweit dehnt es sich aus und du glaubst nicht anders, als daß ein See hier in dem Augenblick erstarrt sey, als ein Orkan seine Wogen peitschte. Ueber ihm ragt in ruhiger Majestät der 13,400′ hohe Glockner selber, angethan mit dem blendend weißen Schneegewand, welches der Firn in den wunderlichsten Falten um seinen granitnen Leib gelegt hat. Die völlige Abgeschlossenheit von der Welt und die Eingeschlossenheit in dem ewigen Winterreiche verleiht dieser Scene einen eigenthümlichen Reiz. Wunderbar reflektirt das Licht des sinkenden Tags an den Eis- und Schneemassen; doch am herrlichsten wird das Alpenbild, wenn die Sonne untertaucht und von ihren letzten Strahlen die weißen Häupter der Berge rosenroth erglühen. Das ganze Eismeer ruht dann schon im blauen Schatten, und während die tieferen Kämme und Gräten sich in mattes Grau einhüllen und ihre Fernen sich in Undeutlichkeit verlieren, verglimmen die Kerzen der höchsten Spitzen, eine nach der anderen, und wie eben die letzte erloschen ist, da legt sich ein todtenblasser eiskalter Ton auf das Gefilde, wie ein Bahrtuch, und der schneidende Wind, welcher über die Eisfelder hinfährt, wirkt erstarrend auf alles Lebendige. Schon willst du, tief in deinen Mantel eingewickelt und von Frost geschüttelt, Schutz suchen in der kleinen Hütte bei der Felswand, welche den Besteigern des Glöckner ein nothdürftiges Obdach gibt, als du ein neues Leben erwachen siehst. Die höchsten Bergspitzen, so blaß und todt vor wenigen Sekunden, lichten sich, das Blut tritt auf ihre Wangen, sie röthen sich wieder, die Ränder blitzen und bald glüht der ganze Eispalast in nie gesehener Pracht. Was ist das? fragst du verwundert und weißt es nicht zu fassen. Morgenroth kann es nicht seyn; denn am Abend steht ja der Morgen nicht auf. Indem du noch sinnst – da erlöscht’s schon wieder, die Zinnen erblassen und der Nachtwind heult der gestorbenen Natur sein schauerliches Grablied. Es war nur das letzte Auflodern des Sonnenlichts hinter dem Horizonte, der Widerschein der Abendröthe, — ein Scheinleben, flüchtig [84] wie die fliehende Hoffnung. Wie viele Sterbestunden endigen in gleicher Weise mit einer kurzen, süßen, letzten Täuschung!

Das Glockner-Eismeer ist das gewöhnliche Ziel der Touristen. Auf den Gipfel zu steigen ist den Meisten zu beschwerlich und es erfordert größere Zurüstungen. Beim Lichtglanze der Schneewelt und dem Scheine des Vollmonds treten denn auch wir unsere Rückwanderung an, begrüßen das erste Sennhüttendach mit seinen Heerden und seinen Hirten freudig, wie ein Seefahrer ein befreundetes, bevölkertes Land, suchen dort den Schlaf auf weichem Heu, ein wärmendes Feuer und erquickende Milch, und am frühen frischen Morgen wandern wir gestärkt und wohlgemuth das prächtige Thal hinab – bis uns die Kastanienbäume begrüßen und die Weingärten empfangen. Unter den Lüften und den Wohlgerüchen des Südens ziehen wir wieder ein in das Dörfchen, von dem unsere Bergwanderung ausgegangen war; der Einladung des behaglichen Gasthauses aber:

„Geh’ nicht achtlos vorbei. – Es öffnet sich freundlich die Wohnung Jeglichem,
Und für ein kleines Stück Geld bietet sie gastlich Genuß.“

folgen wir willig.




  1. Nach Schaubach’s Schilderung.