Genf (Meyer’s Universum)

DXXXVIII. Das Kloster St. Angelo Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXIX. Genf
DXXXX. Der Gross-Glockner
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GENF

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DXXXIX. Genf.




Vom kalten, herzlosen Norden rühmt man die eiserne Kraft; vom schwächlichen Süden die goldene Sonne; jeder von den Ländern die Hauptstädte, in diesen die Thürme und Denksäulen, die Tempel und Paläste; – jeder Reisende erzählt von Dampfschiffen und Eisenbahnen, Theatern, Gemäldegallerien und Kunstsammlungen, Strömen und Kanälen, Seen und Alpen, und der Buchmacher beschreibt all das hundert Mal Beschriebene noch einmal. Damit ist kein Dank zu verdienen. Ich glaube, es ist besser, sich weniger nach Dingen umzuschauen, als nach den Menschen, lieber statt der Heiligenbilder Männer zu betrachten, denen Gott sein Siegel auf die Stirn gedrückt hat, und statt den Flitterprunk der Paläste zu bewundern, kühn den Schleier von Verhältnissen und Zuständen abzuziehen oder Das mit der Fackel des kecken und scharfen Urtheils zu beleuchten, was sich im Finstern zu verbergen strebt. In diesem Sinn habe ich immer beobachtet und geschrieben, und ich bin nie froher, als wenn ich auf meinen Wanderungen einen großen Menschen treffe, den der Pulsschlag meines Herzens schon lange begleitet, dem ich einen Theil des kleinen Schatzes meiner Bildung verdanke, vor dem sich meine Seele in Ehrfurcht beugt: der Unsterblichen Einen, die wirkend durch alle Zeiten gehen – einen der wahren Erdensendlinge Gottes.

Einen solchen führt uns das Bild hierneben vor das geistige Auge. – In Genf ward ein Mann geboren, der, wie Moses und Konfuzius, auf der Scheide der Zeiten steht: der Mann, der die alte Welt abgethan hat mit ihren Gräueln und ihrem Moder, und der neuen Welt mit ihren Hoffnungen und ihrem Wesen, ihrem Gebären und ihrem Bilden, ihrem Blühen und ihrem Früchtetragen, ihren Schätzen und ihren Heiligthümern das „Werde!“ zurief; der Mann, von dem die Ideenwanderung ausgegangen ist, die, wie einst die Völkerwanderung das Alterthum, die geistliche wie die weltliche Macht, die Hierarchie wie die erbliche Alleinherrschaft, vernichtet; das Lichtgestirn, mit dem die Menschheit in ihren Völkerfrühling tritt und unter dessen Einfluß sie mit verjüngter Kraft, der Ketten ledig, ihrer höhern Bestimmung zuschreitet.

Der Mann war Rousseau.

Ich lasse nun einen Andern[1] reden. „Rousseau’s Einfluß auf sein Zeitalter und das nachfolgende Jahrhundert war nicht minder groß in Bezug auf die Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, als derjenige der theologischen Reformatoren auf das kirchliche Leben des sechzehnten Jahrhunderts gewesen war. Er hatte den Muth [78] des Märtyrers gehabt, die verirrte Menschheit seiner Tage zu den einfachen und ewigen Grundsätzen der Natur zurückzuweisen, während die Völker, zwischen Lastern der Ueppigkeit und Armuth schwankend, den Willküren des Despotismus und der Aristokratie gedankenlos angehörten, gedankenlos vor den Gebilden des stolzen Priesterwahns knieeten und selbst Wissenschaften und Künste fast nur im Frondienste eines entnervenden Luxus ihr Leben fristeten.“

„Aber wahrlich! aller Zauber von Rousseau’s Beredsamkeit hätte das Wunder nie oder nicht so bald verrichtet; seine Schriften wären, wie andere, gelesen, gelobt und vergessen worden, hätte ihm nicht die hochfahrende Unbesonnenheit der damaligen Regierungen von Genf, Frankreich und Bern, hätte ihm nicht der Fanatismus oder die erschrockene Dummgläubigkeit der katholischen wie der protestantischen Priesterschaft und das Gebell literarischer Kläffer kräftig zu seinem Werke Beistand geleistet. Alle diese erhoben sich lärmend gegen den Weltweisen von Genf. Sie verfolgten ihn. Das machte Aufsehen; das sein Werk wichtig: Jedermann las Rousseau. Seine Schriften sandten Licht durch Europa und jenseits des Oceans. Wie Viele ihn verwünschten, so Viele vergötterten ihn. Das Uebertriebene und Unhaltbare in seinen Darstellungen flog endlich, wie leichte Spreu, in den Schwingen der Zeit vom Waizen ab; aber der Waizen blieb und trug seine Früchte. Die Verfolger der Wahrheit und Volksaufklärung sind zu allen Zeiten die thätigsten Verbreiter derselben gewesen.“

So weit Zschokke. Ich füge hinzu: Jean Jacques war ein Apostel; wenn er zürnte, zerschmetterten seine Worte wie Donnerkeile; wenn er strafte, waren sie blutige Geißeln; wenn er spottete, vernichtete er; wenn er verfolgte, mußte der Betrüger selbst sich überliefern; wenn er liebte, brachte er jegliches Opfer: – seine Geliebte war das ewige Menschenrecht, seine Freundinnen die Freiheit und die Wahrheit. Er hatte ihnen den Eid der Treue bis in den Tod geschworen und hat den Eid gehalten bis in’s Grab. Er war ein Richter seiner Zeit, ein Tröster der Trostbedürftigen, der befruchtende Thau für die in der Sonnenglut der Tyrannei welkende Menschheit; der Blitz und der Sturm, der die Erde von dem Dunst des Aberglaubens rein fegte; der Befreier, der die Geister entfesselte; der Zauberer, welcher die Gedanken aus der Tiefe der Seele rief; der Kundige, der in den Herzen die verborgensten Kammern öffnete; der Arzt, der das kranke Leben der Völker heilte; der Arm Gottes, der, mit Kraft und Stärke ausgerüstet, den Knoten der Geschichte schürzte; der Versöhner der hoch aufgehäuften Schuld: – Rousseau war am Zifferblatte der Ewigkeit die Zahl, jenseits welcher ein neues Weltjahr beginnt und Rousseau’s Schriften sind der Altar, auf dem die Flamme der Offenbarung der Völkererlösung zuerst gelodert, auf dem das erste Rettungsopfer dargebracht wurde; ein Besitz der gesammten Menschheit und wie ein Heiligthum hoch zu achten. –

Genf, das zuschaute, wie das Pfaffenthum den großen Mann verfolgte und ihn endlich sogar aus seiner Vaterstadt vertrieb, hat ihm nach seinem Tode ein Denkmal gesetzt. Ihn, Rousseau, kann’s freilich nicht ehren; [79] denn sein Ruhm umspannt Welt und Zeit: es ist indeß ein Schmuck der Stadt und als Mittelpunkt reizender Anlagen ein Ziel Aller, die Genf besuchen.

In der Mitte der Stadt theilt die Rhone ihre Gewässer und umrauscht ein Eiland, das in einem lieblichen Garten ausgelegt ist. Inmitten desselben, umgeben von Blumenbeeten und aus einem Rosenhain ragend, steht auf einem Pievestal von Marmor das kolossale Bronzebild des Weltweisen, gefertigt von Cresatier, demselben Künstler, welcher die Napoleonsstatue auf der Vendomesäule gemacht hat. Sinnig, mit dem Ausdruck schwärmerischer Gutmüthigkeit, das Lächeln der Wehmuth auf den Lippen, schaut die Gestalt vor sich hin: sie scheint im Buch, der Zukunft von den blutigen Kämpfen zu lesen, durch welche seine Ideen sich aufringen müssen zur Herrschaft über die König, und Völker. – Seit dem Jahre 1762, als man in Genf Rousseau’s unsterbliche Werke, Contract Social und Emile, durch Henkers Hand aus dem Markte verbrannt hat, dauern diese Kämpfe unablässig fort bis auf den heutigen Tag. Das Jahrhundert wird Rousseau’s Ideen noch nach vielen Siegen zu bekränzen haben, und ehe es schließt, haben sie ihren Triumphzug um die Erde gehalten! Das ist mein Glaube.


Genf, die Stadt, rechtfertigt die glänzenden Erwartungen nicht, welche die meisten Reisenden mitbringen. Man denkt sich Genf, als eine Stadt des Reichthums und den Sitz der Bildung und Gelehrsamkeit, angethan mit dem Gewand der Pracht und Schönheit, wetteifernd gleichsam mit ihrer überaus herrlichen Umgebung. Ein Wald himmelanstrebender Thürme soll sie die uralte Allobrogenstadt schon von fern verkündigen und breite Straßen und imposante Marktplätze den Ankömmling empfangen. Es ist nicht so. Genf, eingezwängt in den Panzer seiner Festungswerke, hat enge, winkelige Gassen, die Gebäude strecken sich 5 bis 6 Stockwerk hoch empor und verkümmern Luft und Licht. In den 1400 Häusern sind nicht weniger als 32,000 Menschen zusammengedrängt und die überall hervortretende ängstliche Benutzung des Raums erregt Beklommenheit. – Dies gilt vom ganzen untern, bei weitem größeren Theile der Stadt, durch den die Rhone strömt. Nur der obere, neuere Stadttheil hat einige recht heitere und schöne Straßen, die sich gegen die in Promenaden und Pflanzungen ausgelegte Treille hinziehen, einer Bergterrasse mit der erhabensten Aussicht auf die savoyischen Alpen. Den prächtigsten Anblick auf den See hat man vom Place Maurice, und jeder Weg außerhalb der Wälle und Gräben führt in einen Park, wo sich das Anmuthige mit dem Majestätischen in unendlicher Mannichfaltigkeit vereinigt.

Der See, dessen meergrüner Spiegel einen Raum von fast 50 Geviertstunden einnimmt, ist das Prachtstück dieser Landschaft, welches jeder Beschreibung spottet. Belebt von unzähligen Barken, während da und dort ein Dampfschiff die Welle pflügt, malerisch umufert von den glänzenden Villen und Schlössern, Rebgeländen und [80] Baumpflanzungen, Dörfern und Gütern, Alleen, Gehölzen, Gärten und Parks, buhlen tausend Gegenstände, einer reizender als der andere, um die Bewunderung des Schauenden. Auf der Schweizerseite erhebt sich das Gestade stufenweise „wie ein ungeheueres Blumengestell“ bis zu den letzten Höhen mit zahlreichen Ortschaften, welch, breite Chausseen, eingefaßt von breitwipfeligen Obstdäumen, oder schlanken Pappeln, wie so viele Bänder verknüpfen. Gegenüber aber, auf dem savoyischen Gestade, thürmen sich in ununterbrochener Folge Felsmassen und Berge bis zu den fernen, im Eispanzer schimmernden Riesen auf, deren Häupter, hoch über die Wolken ragend, ernst in die Fluth herabschauen.

Im Sommer ist die Umgebung des Sees der Sammelplatz der Wanderkolonen, – jener zahlreichen Schaaren aus Frankreich, England, Rußland, Deutschland, Polen, Amerika etc., welche das Vergnügen als Lebenszweck verfolgen, oder in stiller Ruhe sich der Zurückgezogenheit erfreuen wollen. Jene Villen, die stolz und groß und frei auf den Terrassen prangen, und die niedlichen Cottages, welche sich in Obstwäldchen und unter Reben verstecken, empfangen dann ihre Bewohner. Ein Kreis der edelsten Geister kommt hier jedes Jahr aus Nah und Fern zusammen und gibt der genfer Gesellschaft Frische, Glanz und Heiterkeit.

In seinem geistigen Leben liegt Genfs höchster Ruhm.– Man darf nur die Namen Rousseau, Voltaire, Byron, Matthisson nennen, an Calvin erinnern und an Lefort, der den Genius des großen Czars weckte und mit diesem vereint die erste Saat der Civilisation in die nordische Barbarei gestreut hat. Hier lebten, wohnten oder hatten ihre Heimath die großen Männer der Wissenschaft und des Patriotismus: De Luc, Reaumur, Bonnet, Saussüre, Say, Mallet, Necker, die Staël, Decandolle, Sismonde-Sismondi, Eynard u. s. w.; ja es ist keine Straße Genfs, wo man nicht dem Fremdling ein Haus zeigen könnte, da ein Mensch gewohnt, den die Welt kennt und hoch schätzt, oder dessen Ruhm sein Grab Jahrhunderte überdauert.

Genf ist aber auch ein Herd des Gewerbfleißes, und die allgemein verbreitete Bildung, der feine Geschmack und der hohe Kunstsinn finden in demselben ihre praktische Anwendung. Die genfer Juwelierarbeiten sind durch die Schönheit der Formen weltbekannt und beschäftigen Tausende von Händen. Die blühendste Industrie ist die Fabrikation der Uhren. Man überläßt das Fertigen der geringern Gattungen den Nachbarstädten, Chaux de Fonds, Locle, Neufchatel u. s. w., und macht hier fast nur goldene, von denen jährlich über 70,000 Stück in alle Welttheile versendet werden.

In unsern Tagen sind auch in Genf die Elemente des politischen Lebens zur Gährung gekommen und in die große Strömung der Zeit getreten. Geläutert und gereinigt werden sie aus derselben hervorgehen. Wo ein so reicher Brunnquell des Volksglücks fließt, wie in Genf, kann der Zwiespalt der Meinungen niemals ausarten, und auch hier wird der Streit damit endigen, daß sich die Parteien die Hand reichen zur Neubefestigung der Errungenschaften, auf deren Boden das Glück des Ganzen so lange geblüht hat.




  1. Zschokke’s Schweiz, 2r Band.