Die Brigittenau
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Die BRIGITTENAU
im Prater bei Wien.
Wenn der Sturm über das Land dahin raset, der Donner die Sinne betäubt, der Blitz zerschmetternd niederfährt, die Wasser der Berge das Thal überfluthen und die Felsen der Höhen wanken und stürzen und unter ihren Trümmern den Segen der Flur begraben, wenn der Strom die Leichen dahin spült, ungezählt und ungesichtet, rücksichtslos das hoffnungsselige Kind wie den todersehnenden Greis, – so tritt der Mensch zurück von der Gebieterstelle, die er im friedlichen Walten der Natur sich errungen, der Herr der Erde wird dem wimmernden Wurme gleich, machtlos unterwirft er sich dem Zorn der tobenden Elemente, und nur im instinktiven Trieb der Selbsterhaltung klammert er sich noch an den Baumstamm des Ufers, an die Sparre des Daches, an den sinkenden Kahn.
Und ist die Fluth verlaufen, der Sturm verbraust, das Feuer des Himmels erloschen, gehen die Lüfte wieder friedlich über das Land, theilen sich die trüben Wolken, da lockt, wie ein Wink der Güte, der erste Sonnenblick die Entflohenen zurück, die Verkrochenen an’s Licht, die Geretteten auf den festen Boden, und alle suchen die heimische Stätte wieder und schauen sorgend aus nach dem Schicksale der Freunde und Genossen.
[124] Wohl findet da mancher das Haus nicht mehr, darin er geboren wurde, die Lieben nicht mehr, nach denen er vergeblich jammert. Gruppe um Gruppe trauernder Menschen stehen bald da, bald dort, wo das Unglück seine Maale, die Trümmer seiner Opfer, die blutigen Spuren seines Tritts, hinterlassen hat, und schon willdem verödeten, ausgestorbenen Herzen die Verzweiflung nahen, – da spannt der Ewige seinen Bogen der Gnade am Himmel aus und sendet den Engel der Versöhnung zu den empörten Seelen der von des Schicksals blinder Hand Niedergeworfenen. Der Hauch des wahren Friedens, der stärkenden Ruhe, der ermuthigenden Ordnung kehrt zu den Geistern zurück, und die Versöhnung feiert ihr schönstes Fest im neuen, rüstigen Schaffen und Wiederaufbau des Zerstörten und der Gründung neuer Schöpfungen.
Solche Stürme sind auch die Kriege und die Revolutionen, und die Revolutionskriege sind doppelte, sind zehnfache, sind die verheerendsten Stürme der Menschheit.
So lange der Mensch Waffen führt, hat ihn nichts zu so erbittertem Kampf gereizt, als der Widerstreit der Meinungen auf dem Felde der Politik und des Glaubens. Haß und Verachtung vergiften dann die Waffen, und die Unmenschlichkeit freut sich ihrer Triumphe; aber nur während des Sturms, so lange Zorn und Grimm allein mit den Herzen in der Irre rasen und der Verstand vergeblich nach den Zügeln hascht. Ist aber der Kampf zu Ende, ist der Sieg der einen Partei errungen, Alles, was feindlich widerstand, zu Boden gestreckt und regt sich neben den Todten nichts mehr als das Stöhnen der Verwundeten und das Seufzen der Gefangenen, – dann füllen sich die Kerker mit Unglücklichen, und an den Grenzen ringen Tausende die Hände, die mit dem nackten Leben sich in’s Elend der Verbannung gerettet haben.
So war’s auch in Oesterreich. Wunden bluteten und Thränen flossen auch nach dem Kriege noch lange fort. Doch erschien endlich der Engel der Versöhnung und seine Gnade spannte den Friedensbogen über das weite Reich aus und Blumen sprießen aus der blutgetränkten Au – dort im Prater bei Wien.