Padua (Meyer’s Universum)
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PADUA
Gösse das Weltmeer auch die unendliche Fülle der Fluth aus,
Tränke Germaniens Schaar alle Gewässer des Rheins:
Nie doch bebten, so lang’ die gewaltige Rechte des Kaisers
Ohne zu wanken, die Welt lenket, die Vesten von Rom!
Also stehen die Eichen des Zeus auf den mächtigen Wurzeln;
Nur das vertrocknete Laub stören die Winde herab.
So besang um Christi Geburt der griechische Dichter Krinagoras „das römische Kaiserreich.“ Nicht fünfhundert Jahre zählte die neue Aera, da war die Eiche des Zeus zersplittert und verfault, und aus dem vertrockneten Laub, das die Winde einst herabgestört hatten, war fruchtbare Erde geworden für neues – Strauchwerk, für das Wäldchen verkrüppelten Gebüsches, welches die rastlos hinein rasenden Stürme von außen und der Wurm, der in Mark und Rinden bohrt, nimmer zum aufstrebenden Gedeihen kommen lassen. Denn das ist, seit den Tagen Theodorichs des Gothen, der über ein großes einiges Italien das letzte Scepter streckte, das politische Bild vom Mutterlande des zertrümmerten römischen Weltreichs.
Dennoch ist es keinem Denkenden gegeben, geringschätzig auf diese Trümmer hinzusehen. So hoch ragt für Ewigkeit selbst diese gefallene Größe, daß sie den Menschen, der sie ganz zu begreifen trachtet, erhebt. Wie in den ehemaligen Provinzen des Römerreichs, welche längst zu selbstständigen Staaten emporwuchsen, deren Machtfülle dem alten Rom nicht mehr weichen würde, jede Spur, jedes Denkmal, jeder Bau der Nothwendigkeit oder der Kunst von Römerhand als ein die ganze Gegend ehrender und sorgsam bewahrter und gepflegter Schmuck gilt, so ist Italien selbst für die Gebildeten aller Kulturvölker der alten Welt das Land der Sehnsucht geworden, und ist es geblieben trotz des politischen Verfalls und der Fäulniß, die das Leben des Volks zerfrißt. Diese Sehnsucht wird nicht erst geweckt durch die lockenden Bilder vom herrlichen Himmel und der wunderschönen [126] Erde jenseits der Alpen und nicht bloß genährt durch des Landes unermeßliche Schätze in jeder Kunstrichtung: beides ist geschehen schon in der jungen Brust durch das Studium der großen Geschichte der Vergangenheit, deren Namen uns mit unverwelklichem Ruhmeskranze fort und fort vor den Augen glänzen.
Diese Namen stehen in zwei Reihen vor uns. Die untere zeigt uns die vom Bürgerthum, vom Heldenthum, durch die Wissenschaft oder die Kunst des klassischen Roms verherrlichten, die obere diejenigen, welche das christliche Italien des Mittelalters als Träger seiner Ehren preist. Mit diesen beiden Reihen stand Rom zwei Male an der Spitze der Menschheit! Zwei Male war kein Punkt der gebildeten Erde unbeherrscht von dem Einflusse seines Geistes, und beide Male war es Rom, das die Brücke für den Wanderzug höherer Gesittung bildete, der vom Orient und von Griechenland mit römischer Färbung und Kräftigung zu den Nationen des Westens und des Nordens vordrang. Von beiden Glanzepochen strahlt die des Römerreichs ungeschwächt für alle Zeiten und für Aller Augen; selbst des todten Volkes Sprache beherrscht noch das Leben unserer Gelehrten-Schulen und der gesammten Wissenschaften. Dagegen hat die tiefe Verkommenheit, in welcher das Staats- und das Volksleben im größten Theile von Italien seit zwei Jahrhunderten darniederliegt, es verschuldet, daß die zweite Blüthenzeit Roms durch den italienischen Geist nur in einzelnen Richtungen wissenschaftlich gepflegt und öffentlich anerkannt wurde, aber das Gesammtbild des großartigen Einflusses Italiens auf das europäische Kulturstreben von der Mitte des 12. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts mehr und mehr verblaßte. Es dürfte wohl ein rechter Mann es möglichst bald für eine Pflicht halten, die Farben dieses Bildes zu erfrischen. Es drückt kein Undank schwerer, als der gegen die Verdienste einer Nation um die Fortschritte der Menschheit. Hier, in diesem Buche, ist für die Darlegung eines so breiten Gebiets kein Raum; nur einen raschen Blick darüber hin dürfen wir uns gestatten.
War es auch eine germanische Hand, die nach den Stürmen und Verheerungen der Völkerwanderung in Italien wieder die ersten Schulen gründete, so war der Boden auch unvergleichlich fruchtbarer, als in allen anderen Theilen des damaligen Frankenreichs; die Schulen Karls des Großen zu Bologna, Pavia etc. entwickelten sich zu den ersten Pflanzstätten der gesammten Wissenschaft ihrer Zeit. Schon um 1150 war Bologna die berühmteste Rechts-, Salerno die beste Arzneischule der Welt. Vom Ende des 12. Jahrhunderts an regt sich im romanischen wie im germanischen Europa der Drang nach Aneinanderschließung des Zusammengehörigen, des durch gleiche Ziele und Interessen Verwandten. Ritter, Gelehrte, Kaufleute, Gewerke, Künstler und Geistliche schließen Bünde, Genossenschaften, Gesammtheiten (Universitates), Gesellschaften, Zünfte, Kongregationen u. s.w. Italien griff rasch nach diesem neuen Förderungsmittel jeden Fortschritts in Gesittung, Bildung, Macht, Reichthum und Freiheit. Während in Deutschland die Minnesänger in den Burgen und Schlössern und die Klostergeistlichen [127] in ihren heiligen Mauern die einzigen Vertreter von Kunst und Wissenschaft waren, entfalteten diese in Italien ihre höchste Blüthe. Die Schiffe von Venedig und Genua durchfurchten die Meere und trugen einen Marco Polo zu seinen Forschungen. Dante, Petrarca, Boccaccio wurden der Stolz und das Entzücken des ganzen Volks, die Italiener treten als die sinnigsten Erfinder und die kühnsten Entdecker auf. Gioja erfindet um 1300 den Kompaß, die Musik wird durch neue Instrumente bereichert, die Kirchenmusik begründet, zu einer italienischen Malerschule die Bahn gebrochen. Auch die Spielkarten erfindet der Italiener, stellt 1325 zu Venedig den ersten Wechsel aus und baut 1340 die erste Papiermühle. Der Besitz einer Universität oder einer Akademie wird Ehrensache jedes Hofs und jeder freien Stadt. Die in Deutschland erfundene Buchdruckerkunst verdankt Italien die erste großartige Entwickelung und Anwendung. Subiaco, Rom, Venedig und Mailand gründen die ersten italienischen Druckereien, die sich von da bis zum Schluß des 15. Jahrhunderts noch über 40 Städte Italiens ausbreiten. Während dieses ganzen Jahrhunderts ist Florenz die Ehrenstätte des italienischen Geistes durch die Medici. Dort entstehen 1432 die Universität, in Folge der Einwanderung zahlreicher griechischer Gelehrten nach dem Untergang des Byzantinischen Reichs 1464 die griechische Schule und die Platonische Akademie, und 1468 errichtet Lorenzo von Medici die Kunstakademie. Leonardo da Vinci erfindet die Perspektive, Macchiavelli schreibt seine florentinischen Geschichten. Venedig und Genua theilen sich mit der deutschen Hansa in den Welthandel. Italien ist durch Schifffahrt, Handel und Papstthum das reichste Land der Welt geworden, und aus seinem Reichthum sproßt nun seine letzte herrliche Blüthenkrone, die Kunst. Es stürmt förmlich von da an dem Gipfel seines Ruhms und Glücks entgegen, um jenseits den steilsten Abgrund desto tiefer hinab zu stürzen. Zu ein und derselben Zeit rüsteten die Racheengel die Werkzeuge der Strafe für die Zwietracht Italiens im Innern und für die Verbrechen Roms an der Christenheit. Denn während die Genueser Christoph Colombo und Vasco de Gama sowie der Florentiner Amerigo Vespucci durch ihre Entdeckungen neuer Erdtheile und Seewege den Todeskeim in Venedigs und ganz Italiens Handel legten, sang vor den Thüren in Magdeburg und Eisenach ein armer Schüler, der die Alleinmacht Roms über die christliche Welt vernichten und damit die andere Quelle des italienischen Reichthums zur Hälfte verschütten sollte. Noch aber strotzte der Ueberfluß und gestattete dem 16. Jahrhunderte die Ehre der höchsten Kunstblüthe. Nicht nur Ariost und Torquato Tasso gehören ihm an, sondern Raphael, der die römische Malerschule, Correggio, der die lombardische, Michel Angelo, welcher die florentinische, und Titian, welcher die venetianische Schule stiftete. Auch der Erbfeind aller Finsterniß, die periodische Presse, trat 1536 zu Venedig mit der ersten europäischen Zeitung in’s Leben. Das Ende dieser schönen aufsteigenden Zeit des italienischen Geistes bezeichnet die schwarze That des Pfaffenthums an dem großen Galilei. Von da an ragen aus der allgemeinen Versunkenheit [128] erhabenere Namen gar einzeln, wie Guido Reni und Dominichino im 17. und Metastasio im 18. Jahrhundert. Nur die Musik blieb dem italienischen Ruhme getreu. Alles Andere beugte sich und verlor sich vor Frankreich in Nachahmereien aller Art, oder sank fortan vor der nach jeder Völkerniederlage neu erstarkenden Priesterschaft in den Staub.
Folgt man dem Gange der italienischen Kulturgeschichte von Karl dem Großen bis zu Galilei nicht mit steigender Freude? Wir schauen darin die Ehre des Volks im reinsten Lichte, denn wer diese schauen will, muß die politische wie die Kirchengeschichte, die Thaten der Dynastien und der Geistlichkeit, aus den Jahrbüchern des Lebens und Wirkens der Völker streichen. Wer aber diese Großthaten des Volks zusammenstellt mit den gleichzeitigen Unthaten und Schandthaten der öffentlichen, einheimischen und fremden Gewalten in Italien, den wird Achtung und Bewunderung erfüllen vor einer Nation, die trotz alledem die höchste geistige Höhe zu erklimmen vermochte. – Um so beklagenswerther ist der gegenwärtige Zustand des Volks im größten Theile von Italien, namentlich im Kirchenstaate und in Neapel. Die Intriguen des Auslandes, besonders der französischen Herrsch- und der englischen Gewinnsucht, der geistige und materielle Druck durch die unfähigen einheimischen Lenker und die geistliche Allgewalt der Priesterschaft sind auf die staatliche Entwickelung, auf die Literatur und auf das gesammte Volksleben von vorherrschendem Einfluß geblieben, und hauptsächlich dem letzteren Einfluß verdanken die italienischen Hochschulen das unerquickliche Bild, das sie, besonders den Universitäten Deutschlands, Englands und des germanischen Nordens gegenüber, zur Schau stellen.
Eine Ausnahme von dieser traurigen Regel macht Padua, unter den zwanzig Universitäten Italiens noch heute die vorzüglichste und die besuchteste. Kaiser Friedrich II. stiftete sie im Jahre 1221. Im 16. und 17. Jahrhundert zählte sie oft gegen 8000 Studenten, im Jahre 1842 immer noch 1800 bei 57 Professoren. In Folge der Theilnahme der akademischen Bürger an dem Februaraufstande 1848 wurde die Universität geschlossen und erst im Jahre 1850 wieder eröffnet. Die Einrichtungen, Anstalten und Sammlungen derselben kommen an Trefflichkeit und Reichthum den entsprechenden der größeren deutschen Hochschulen nahe; die medicinische Fakultät ist die vorzüglichste Italiens und zeichnet sich noch durch das besondere Recht aus, daß sie nicht bloß protestantischen Ausländern, sondern auch Juden und Türken den Doktorhut ertheilen darf. Die Sternwarte befindet sich auf dem 130 Fuß hohen Thurm des alten Schlosses, in welchem einst Ezzelino, der berüchtigte Tyrann von Padua, seine Verbrechen büßte. Die öffentlichen Bibliotheken der Stadt umfassen über 180,000 Bände. Das Universitätsgebäude, wunderlicher Weise Palazzo del Bo (Ochsenpalast) genannt, nach Einigen von Palladio, rach Andern von Sansovino erbaut, ist eines der schönsten und prächtigsten Italiens.
Virgilius, der römische Epiker, schreibt die Gründung von Padua dem trojanischen Helden Antenor und [129] seinen landflüchtigen Gefährten zu; diese Dichtung deutet wenigstens auf ein sehr hohes Alter der Stadt hin. Auch schicksalreich ist sie, wie das ihre Größe, Wichtigkeit und Lage nicht anders erwarten läßt. Griechen, Römer, Gothen, Hunnen, Longobarden, Franken, das deutsche Reich, einheimische Tyrannen und Dynasten (am längsten das Haus Carrara), Venetianer, Franzosen und Oesterreicher waren nach einander und sogar abwechselnd Feinde oder Herren, Zerstörer oder Neubegründer der Stadt. Noch heute gehört sie zu den größten und wichtigsten des österreichischen Italiens. Sie hat über zwei Stunden im Umfang, zählt gegen 55,000 Einwohner und liegt im fruchtbarsten Theile des Po-Gebietes, im Paradiese Oberitaliens. Zwar sind die meisten Straßen schmal und schmutzig, doch hat man zu beiden Seiten solcher Straßen die Erdgeschosse der Häuser in einer Breite von 6–12 und mehr Fuß zu Bogengängen eingerichtet, die Winter und Sommer dem Fußwanderer zur großen Wohlthat gereichen. Prachtvolle öffentliche und Privat-Paläste (Rathhaus mit ungeheuerem Saale, Theater und Amphitheater, Kaffeehaus Pedrocchi etc.), Thore, Brücken über den Bacchiglione, 96 kuppel- und thurmreiche Kirchen (Kathedrale, St. Antonio, Sta. Justina, Sta. Annunziata etc.) und herrliche öffentliche Plätze machen auch das äußere Erscheinen der Stadt zu einem imponirenden.
Der größte, interessanteste und Padua als die Stadt der Wissenschaft am würdigsten charakterisirende Platz ist der Prato della Valle. In der Mitte desselben umgibt ein in Quader gefaßter Kanal eine ovale Insel von 528 Fuß Länge; beide Ufer des Kanals sind mit ungefähr 80 überlebensgroßen Bildsäulen berühmter Männer geschmückt. Ich war nicht wenig erstaunt, beim Gang zwischen diesen ehrwürdigen Reihen hin plötzlich vor – Gustav Adolf zu stehen. Dieses unverhoffte Zusammentreffen mit dem großen gekrönten Ketzer in der Schutzstadt des heiligen Antonius sagte mir deutlicher, als es jetzt dort gesagt werden darf, welch hoher und freier Geist in glücklichen, helleren Tagen einst hier gewaltet hat.