Astor-House in Newyork

Padua Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Astor-House in Newyork
Die Viamala in Graubündten
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ASTOR HOUSE
(NEW-YORK)

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Astor-House in Newyork.




Wer ist wohl das Bürschchen, das, den Ranzen auf dem Rücken, den Stecken in der Hand, zu Fuß dort den Rhein entlang wandert, das Fährgeld für die Markt- und Frachtschiffe des Stromes sparend? Man sieht es den Schuhen, die er auf dem Ränzel trägt, an, daß die Füße noch hineinwachsen sollen, und weil er barfüßig geht, erkennt man es genau, daß seine letzten Kinderschuhe daheim noch nicht zerrissen sind. Trotzdem tritt er fast keck auf, und es geschieht nicht ohne stolzes Augenleuchten, wenn er die Leute auf der Landstraße fragt: „Saget, wohin geht der Weg nach London?“ Aber er findet seinen Weg selbst bis an die Küste und auf ein Schiff. Und wie sie in London am Thore nach seinem Namen fragen, antwortet er: „Ich bin der Johann Jakob Astor von Walddorf in der Pfalz am Rhein.“

Das ist der Anfang eines Mannes, der vierzig Jahre später der oberste Millionär Newyorks war, dessen Schiffe alle Meere befuhren.

Astor hatte von daheim ein kleines Vermögen mitgebracht, dem er jeden Pfennig seines saueren Verdienstes zulegte. Aber die Ahnung, die schon den Knaben erfüllt und die ihn so früh in die Fremde getrieben hatte, die Ahnung, daß er einst ein sehr reicher Mann werden solle, wollte in London nicht in Erfüllung gehen. Deshalb bestieg er, nach sechs- bis siebenjährigem Aufenthalt in England, ein anderes Schiff, das ihn nach Baltimore in Nordamerika trug. Der etwa zwanzigjährige junge Mann hatte für einen großen Theil seiner Baarschaft Waaren angekauft, von denen er sich einen vortheilhaften Handel versprach. Den Rest des Vermögens in der Tasche und voll Vertrauen, daß seine Knaben-Ahnung zur Wahrheit werden müsse, so schwamm er dahin, auch „ein Cäsar und sein Glück.“ –

Wie klug Astor schon damals sein Glück mit dem Verstand festzuhalten wußte, zeigte er sowohl in der Wahl der Zeit seiner ersten Handelsreise nach Amerika, als in der weisen Benutzung des Fingerzeigs, den ihm die Jahreszeit gab, zu welcher er in der Chesapeakebai ankam. Erst im November 1783, nachdem der nordamerikanische Befreiungskrieg vorüber und der Friede mit England geschlossen war, bestieg er das Schiff, mit dem er in der grimmigsten Kälte des Januar 1784 fast drei Monate vor Hampton Roads im Eise stak. War durch den Friedensschluß eine wahrhafte Freudigkeit der Bewegung in alle Geschäfte gefahren, die jedem Unternehmen Heil [131] verkündete, so wies die Winterstrenge unseren Astor von selbst auf die Wichtigkeit des Pelzhandels hin. Ein Landsmann wurde sein Führer auf den ersten Wegen des neuen Geschäfts. Für den gewinnreichen Erlös seiner Waaren versah Astor sich in Newyork mit einer guten Auswahl von Pelzen, mit denen er mit erster Gelegenheit wieder nach London fuhr. Das Geschäft entsprach seiner Berechnung, und noch in demselben Jahre kehrte er nach Amerika zurück mit dem Entschluß, sich fortan ganz dem Pelzhandel zu widmen. Die Pforte zum Mammon war entdeckt; ein Astor konnte nicht zögern, sie aufzuschließen.

Der Pelzhandel konnte damals noch kein geregelter Geschäftszweig in Nordamerika sein, weil die alten kanadischen Pelzkompagnien, namentlich aber die mächtige Mackinaw-Kompagnie, jede direkte Verbindung der Amerikaner mit den Indianern mit allen Kräften zu verhindern suchten. Indeß waren Astor durch glückliche Unternehmungen die Flügel bereits gewachsen zu höherem Flug, obwohl er diesen erst 1809 beginnen konnte. In diesem Jahre wirkte er sich von der Regierung des Staats Newyork das Privilegium zur Gründung einer „Amerikanischen Gesellschaft für den Pelzhandel“ aus. Das Einlagekapital war zu 1 Million Dollars festgesetzt, sollte aber bis auf 2 Millionen erhöht werden können. Diese „Gesellschaft“ war – Astor allein. Die Firma war ihm in der That nur ein Schild für das Publikum. Nach diesem ersten Sieg über seine Nebenbuhler geschah der zweite, für immer entscheidende: im Einverständniß mit einigen Aktionären der ihm günstigeren Nordwestkompagnie kaufte Astor sämmtliche Aktien der Mackinaw-Kompagnie auf und verschmolz diese mit seiner „Amerikanischen Gesellschaft“ zu einer „Südwestkompagnie“. Von da an steht Astor unter den Größen der Union, und nur Großes beherrscht sein Wille. Seine Schiffe trugen vom oberen Missouri seine Waaren nach New-Orleans, dort befrachteten sich Seeschiffe damit und fuhren nach Europa und bis nach China, heimwärts mit den Gegenständen des Baratthandels die Räume füllend. Und all’ diese kolossalen, weltumlaufenden Geschäfte leitete Astor in Newyork von seiner einfachen Schreibstube aus mit deutscher Ruhe und Ordnung und mitten zwischen Millionen mit der Sparsamkeit des Anfängers.

Nur ein Unternehmen ist dem immer glücklichen Mann nicht gelungen: es war für seine Zeit selbst in Nordamerika noch zu groß. Er wollte nämlich von St. Louis aus durch die Indianergebiete bis zum Columbiastrom feste Handelsstationen gründen, an der Mündung des Stroms ein Fort zum Schutz einer Kolonie errichten und diese mit Newyork durch eine geregelte Schifffahrt um die Südspitze Amerika’s herum in ununterbrochene Verbindung bringen. Dieses geniale Netz von Plänen zerriß der englisch-amerikanische Krieg von 1812. Der großartige Gedanke fand seinen Lohn nur in dem Ruhme, der durch die ohne Zweifel glänzende Zukunft von Astoria, als dem ersten von Astor gesetzten Markstein der friedlichen Eroberung Oregons durch die Union und [132] der Handelsstätte, die man schon jetzt das „Newyork des stillen Meeres“ nennt, des Gründers Namen in ferne Zeiten tragen wird.

Astor starb in Newyork am 29. März 1848, in seinem 86. Lebensjahre. Seine Hinterlassenschaft wurde auf 30 Millionen Dollars geschätzt. Der Stadt Newyork hatte er, zur Gründung einer öffentlichen Bibliothek, 350,000 Dollars vermacht. Für seine ungeschwächte Theilnahme am Schicksale seiner deutschen Landsleute zeugt der Astorfonds, eine bedeutende Summe zur Gründung einer Anstalt, durch welche deutsche Einwanderer gegen die Betrügereien der großen Fremden-Empfangs-Gaunerschaften in Newyork möglichst geschützt werden sollten. Astor konnte in seinen späteren Jahren kaum noch deutsch sprechen, aber deutsch gefühlt hat er bis an sein Ende.

Das Astor-House ist in sofern ebenfalls ein dauerndes Zeugniß vom deutschen Geist seines Erbauers, als es sich durch das schöne Ebenmaß seiner Verhältnisse, durch Einfachheit und feinen Geschmack in der Dekoration, durch Solidität und imponirende Massenhaftigkeit seiner Struktur, eine verschwenderische Geräumigkeit seiner inneren Einrichtung und durch einen gediegenen, allem Flitterstaat fremden Luxus vor den monotonen Kasernen oder fensterdurchbrochenen Laternen oder mit sinnlosem Schnörkelkram überladenen Putzschränken, aus welchen die gerühmten Neubauten Newyorks bestehen, sehr vortheilhaft auszeichnet. Vor dem gebildeten bau- und kunstverständigen Urtheil besteht das Astor-House unbestritten als das schönste Gebäude der Stadt.

Das Haus kehrt nach dem Broadway, der Hauptstraße Newyorks, eine imposante Fronte von 201 Fuß Länge, und führt seine eben so schönen Flanken 154 Fuß in die Barclay- und 146 Fuß in die Vesey-Straße. Die Höhe ist 77 Fuß. Der ganze Bau besteht aus dunkelgrauen Granit-Quadern; ein schöner Portikus aus polirten Porphyr-Säulen führt zu einem prächtigen, von eben solchen Säulen getragenen Treppenhaus. Die Kosten des Baues sollen nahe eine Million Dollars betragen haben. Seiner ursprünglichen Bestimmung eines Palastes für öffentliche Ausstellungen, Gallerien, Sammlungen, Vorlesungen, Konzerte etc., wurde Astor-House durch die Erben des Erbauers entfremdet. Es wurde zu einem Hotel umgewandelt und gilt, mit seinen 500 Zimmern, als eine der besuchtesten und berühmtesten Fremden-Einkehr in Newyork. Als solche wirft es den Besitzern natürlich eine höhere Rente ab, als wenn seine Räume die vom Erbauer eingeladenen Gäste beherbergten, welche keine Miethe zahlen.