Die Viamala in Graubündten

Astor-House in Newyork Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Die Viamala in Graubündten
Dorf der Mandan-Indianer am oberen Missouri
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

VIA MALA
(GRAUBÜNDTEN)

[133]
Die Viamala in Graubündten.




Eine Rheinreise! Nicht die am alt, groß und breit gewordenen Strome, nicht von Mainz nach Köln, der Modetour aller Flitterwöchner, Ferienzügler, Engländer und Harfenmädchen höherer Ordnung, sondern ein Gang mit dem Kinde von da an, wo es das Laufen gelernt hat.

Der Rhein kommt aus dem Paradiese. Wer das nicht glaubt, frage die Bündtner des Rheinwaldthals. Die einsame Stätte zwischen wilden Urgebirgstrümmern, wo, mit Moos und Flechten ärmlich geschmückt, die Wiege steht, in welcher die Adula, deren Eiszackenkrone 10,000 Fuß hoch in den Wolken glänzt, den Säugling nährt, ist in der kurzen Zeit des höchsten Sommers von italienischen Hirten bewohnt, deren Aeußeres die Bündtner verleitete, das erste Bettchen des Rheins im Paradiese zu sehen. – Im Dorfe Splügen[1] betrat ich die erste Rhein-Brücke. Stahlblau springen die Wellen des Bachs über das dunkle Gestein. Frische Wiesgründe drängen sich an ihn hinan, schlanke Tannen rauschen mit ihm um die Wette, und neckische Felsblöcke und Baumstämme, die den Kleinen im Laufe aufhalten oder gar fangen wollen, erregen seinen ersten Zorn. Derweil wächst der Bub’ zusehends. Und es freut sich Alles darüber, denn die Felsen recken sich immer höher übereinander empor, um ihn zu sehen, die Lärchen und Tannen umstehen fast wälderweise seinen Weg, Berge und Hügel stecken über ihn wonneblickend die Köpfe zusammen, und die ragenden Gletscher schauen theilnehmend dazwischen herab zu dem Knaben, zu dessen Ernährung und angemessener Erziehung auch sie ihre Beisteuer geben.

Wenn wir die erste Ruine der Ritterburgen des Rheins, bei der alten Schamser-Straße am hohen Kalkberg, nicht mehr sehen, so sind wir bald an der Stelle, wo die schöne Straße, von kühner Menschenhand gebaut, sich vom Rheine trennen muß, so gefährlich wird sein Gang. Die Natur bereitet uns durch eine mächtige Felsenpforte auf die Schauer vor, die hierzu erleben sind. Gleich hinter derselben öffnet sich die Schlucht der Rofflen, deren wildeste Partie auch die „innere Viamala“ genannt wird. Im Zickzack abwärts windet das graue Gestein mit immer tiefer und schroffer abstürzenden Wänden und immer trotziger aufgestemmten Zacken und Brocken den Weg für den jungen Riesen. Es wird ihm zu enge, er brüllt vor Wuth und schlägt um sich und schnappt nach Luft, daß der Schaum aufspritzt an seine Kerkermauern. Aber vergeblich. Er muß sich fügen. [134] Wo er am schlimmsten zu toben beginnt, führt uns die Straße ab von ihm. Man hört nur noch sein Grollen, immer tiefer herauf, während wir selbst nur wenig abwärts steigen. Plötzlich donnert er wieder vor uns. Eine mächtige Brücke überspannt ihn in Einem Bogen, und hier begrüßen wir den ersten großen Rheinfall. Er hat’s gewagt, und je tiefer der Sprung, desto höher ist fortan seine Lust, und die Rofflen sorgen dafür, daß er sie wacker büßen kann. Jetzt senkt sich auch die Straße oft steil in die Tiefe, und links verläßt uns das Donnern des Rheins nie. Ueber hundert furchtbare Stufen führt sein Weg in den Abgrund, immer mächtiger stürmt er einher, verstärkt durch frische Genossen, und immer herrlicher glänzen ihm Aug’ und Kleid. Bald sehen wir ihn dahin jagen auf glattem Gestein, im smaragdenen Gewande, verziert mit blüthenweißen Spitzen, bald rafft er sich zum Sprunge auf und stürzt, blinkend im stählernen Panzer und schaumbedeckt, von Fels zu Fels, bald ruht er aus im tiefen stillen Grunde und in seinem blauen Auge spiegeln sich die freudig nickenden Tannen, die grünen Hügel, die schwarzen Felsen und die sonnigen Häupter der Berge. Dazu klingt prächtig das „gutten Tack!“ der rothbäckigen Gesichter! Wie urkräftig und kerngesund steht und geht da Alles! Und wie stolz und fest tritt der Fuß auf und wandelt der ganze Mensch dahin auf dem Boden der Freiheit!

Die überraschenden, bezaubernden, entzückenden Gebirgsbilder erhalten auf dieser Wanderung Aug’ und Seele so in fortwährender Aufregung, daß es unmöglich ist, das Einzelne hier nur namentlich auszuführen, geschweige zu schildern.

An einem der schönsten Punkte verlassen wir die Rofflenschlucht. Die Straße führt in vielen Windungen abwärts durch einen lustigen Wald, dann auf hoher Brücke über den Averser-Rhein, der, vom Gebirg herabstürmend, sich mit in die Rofflen stürzt, und endlich rechts in weitem Bogen an dem lieblichen Alpendorf und der Ruine Bärenburg vorüber hinab in das heitere, vom nun doppelt starken Rhein in breitem Bette durchströmte dörfer und burgenreiche Schamserthal. Wir eilen durch die schönen Orte Andeer und Zillis, deren Bewohner dem Sprachstamme der Romanen angehören („Bon’ dies!“ lautet der Gruß der Leute) und gelangen nun zur eigentlichen Viamala.

Zwischen dem Müttnerhorn und dem Piz Beverin (8400 Fuß hoch) geht, wie durch Erdbeben gesprengt, ein Felsenspalt, oft nur einige Klaftern breit, aber von 6–800 Fuß Tiefe, durch welchen der Rhein seinen Weg aus dem Schamser- in das Domleschger-Thal fand und dem schon die Römer den Namen (via mala, schlimmer Weg) gaben. Durch diesen Spalt kriecht eine Fahrstraße! Hoch am Fels windet sie sich hin, so daß der Rhein oft 4–500 Fuß tief unter ihr in einem Bette wüthet, welches auf große Strecken ewige Finsterniß umfängt. Dreimal mußten den furchtbaren Abgrund Brücken mit Einem Bogen überspringen, da diesseits dem Vordringen der Straße jede Möglichkeit abgeschnitten, war. Hunderte von Arbeitern fanden bei diesem [135] Bau ihren Tod. – Der Strom hat in seiner grauenvollen Tiefe das Gestein so ausgehöhlt, sich so tief hineingefressen, daß sein immer donnernder Gang an einzelnen Wegstellen nicht einmal zu hören ist. Da, wo er auf kurze Strecken dem Auge sichtbar wird, erscheint er, wie seine Arbeit und seine Umgebung es bedingt, bald unheimlich dunkelgrün, bald stahlgrau und bald ganz zu Schaum und Gischt zerpeitscht. Und will auf diesem Pfade des Grauens der Blick aus dem schwindelnden Schlunde sich zum blauen Himmel erheben, so sieht er zu seiner Rechten und Linken die Felsenwände senkrecht, ja überhängend noch Hunderte von Fußen emporstarren, die ihm vom Himmel nur einen schmalen Streifen, aber damit gerade genug schauen lassen, um die Sehnsucht nach einem freien Ausblick erst recht lebendig zu machen. Ungefähr 500 Schritte hinter der letzten dieser Brücken erweitert sich die Schlucht ein wenig und wir kommen an einigen Häusern des Dorfs Rongella vorüber. Hier sehen wir den Rhein endlich wieder. „Flüchtig und heulend stürzt er hervor, als flöhe er vor den Schrecken dieser Einöde entsetzt davon, um in dem reizenden Thale von Thusis auszuruhen.“ Die Straße windet sich von da links an der Felswand steil hinan, eilt durch eine Gallerie, welche in einer Höhe von 300 Fuß über dem Rhein durch den senkrechten Felsenvorsprung gehauen werden mußte, und nähert sich, endlich den tröstlichen Blick auf das lachende Thusis gewährend, den beiden Riesenwächtern des verlorenen Lochs. So heißt dieser letzte Theil der Schlucht von Rongella an. Die Riesenwächter aber sind der 600 Fuß hoch senkrecht aufsteigende Fels der Burg von Hohenrhätien und sein Nachbar gegenüber am Piz Beverin.

Der Gegenstand unseres Bildes ist die mittlere der Viamalabrücken. Die Höhe ihres Bogens über den gewöhnlichen Wasserstand des Rheins beträgt 480 Fuß. Deshalb gilt sie für die höchste Brücke Europa’s. Ihr zunächst stehen die Brücke von Ronda über den Guadiaro im spanischen Königreich Granada, die Albulabrücke bei Solis, die Teufels- und die Pantenbrücke. Das Ueberschwemmungsjahr 1834 hatte den Rhein so angeschwellt, daß, trotz der ungeheueren Höhe der Brücke, der Schaum der wüthenden Fluthen bis an ihren Bogen emporspritzte.

In Thusis, wo der keuchende Rhein aus seinem Höllenthore hervortritt, um, mit Nolla und Albula fröhlich verbunden, die ersten Spuren eines gesetzteren, großartigen Lebenswandels zu zeigen, indem er sich zum Floßtragen rüstet und schon stattliche Inseln bildet, in Thusis steht der Wanderer am Fuß des schönsten Bergs der Welt, des Heinzenbergs, an welchem der erste Rheinwein wächst. Dies, nicht die 22 Dörfer und 20 Burgen und Ruinen des Domleschgerthals, zwingt uns, hier den Schluß unserer Rheinreise zu machen. Wir haben die erste Rheinbrücke überschritten, die erste Rheinburg gesehen, den ersten Rheinfall bewundert, nun stehen wir vor dem ersten Rheinwein, und da wollen wir bleiben.