Die Grabmäler der Könige zu St. Denis

Das neue Capitol in Washington Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Die Grabmäler der Könige zu St. Denis
Die Brigittenau
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Die GRABMÄLER der KÖNIGE
zu ST Denis.

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Die Grabmäler der Könige zu St. Denis.




„Er wird die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied.“ – Eine finstere Drohung des Propheten, vor der sich der Glaube an den ewigen Geist der Liebe und Versöhnung empört. Aber an denen, die hier unten ihre letzte Stätte fanden, ist sie schrecklich in Erfüllung gegangen. Wir brauchen nicht lange in den Reihen der Särge zu suchen, die Frankreichs Schicksal mit inhaltsschweren Inschriften gekennzeichnet hat. Hier Einer, der dem Stahl eines Mörders verfiel, dort ein Anderer, der sein Haupt unter der Guillotine ließ, an Beiden sind die Sünden ihrer Vorfahren heimgesucht worden, Beide, die besten ihres Geschlechts, fielen als schuldlose Sühnopfer für eine große Schuld, – für die Schuld der Könige Frankreichs an seinem Volk. Ist aber das französische Volk selbst so schuldlos? Ja, ist die Frage schon beantwortet, ob es gegen das übrige Europa und die Welt nicht mehr gesündigt hat, als alle seine Könige?

Wahr ist’s, so lange die Könige in Frankreich herrschten, herrschten sie im Kampf gegen die Interessen des Volks und die Rechte der Gewissen und in einem Kampf, der unsägliche Opfer verschlang. Jedoch der Kampf an sich war ein offener. Nur die tausend Akte von Treulosigkeit und Gewalt häuften die größere Schuld auf die Könige. Dagegen erweckten diese Thaten und Unthaten, diese tapfere Vertheidigung von Volks- und Glaubensrechten und die pfaffisch-tückische Vernichtung und Beschimpfung derselben das Gefühl der Theilnahme bei allen Nachbarvölkern und den Geist der Wachsamkeit und des Widerstandes in ähnlichen Richtungen. Im Aufsteigen begriffen war das Streben freieren Gestaltens in Wissenschaft, Staat und Leben, geachtet, anerkannt war der kühne freie Denker, und ein stetig wachsender Einfluß liberaler Ideen auf die öffentlichen Institutionen war nicht bloß der Wunsch des Volks, sondern auch der höheren Stände.

Da fuhr in die schwüle Welt der zerschmetternde Blitz der französischen Revolution, und aus den Trümmern des brennenden Staatsgebäudes stieg die scheußlichste Gestalt der ganzen Weltgeschichte empor: die Schreckensherrschaft der mordenden Freiheit! Mehr als ein halbes Jahrhundert ist über die Blutstätte [122] dieser Inquisition des Liberalismus dahingegangen, und noch heute verfolgen die Schatten der vom Richterspruch des französischen Volks Gemordeten jede freisinnige Regung in ganz Europa. Verdächtigt, verachtet, verfolgt ist fortan, was einst das Ziel der Edelsten war. „Schlagt ihn todt, er ist ein Liberaler!“ ward ein Losungswort, das die freiheitsfeindliche Richtung derselben Stände bezeichnete, die früher mit Rousseau geschwärmt und mit Voltaire gelacht hatten. Es gibt keinen zweiten mächtigeren, plötzlicheren und gleich beklagenswerthen Umschwung der ganzen Ideenrichtung eines Zeitalters, als die damalige. Aber wahr ist auch die entsetzliche Ursache: daß diese Verfechter der Volksrechte binnen zwölf Monaten mehr Verbrechen begingen, als die französischen Könige, die Merovinger, Karolinger und Kapetinger, binnen zwölf Jahrhunderten vollbracht hatten! –

„Er wird die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern!“ Blickt hin! Betrachtet Frankreich vom Tage jener Greuel an bis heute! Erkennt ihr die Heimsuchungen des französischen Volks für jene Sünde an der Menschheit? Da folgt auf einander, wie ein Fluch dem andern: der kaiserliche Despotismus mit der gefesselten Presse und umgestürzten Rednerbühne, mit Kerkern, fester als die alte Bastille, und Gerichtshöfen, gehorsamer als die alten Parlamente! Blickt weiter: die Restauration der Bourbons und der Jesuiten, die Kammer von 1815 und ihre Aechtungslisten, das Wiedererstehen des Feudalgeistes, der Uebermuth des Klerus, die Verfolgung der Protestanten, das Auftreten eines neuen Geschlechts von Montfort’s und Dominicus’ im vollen Lichte des neunzehnten Jahrhunderts! Noch weiter: der Beitritt Frankreichs zum heiligen Bunde, der Krieg, den alte Soldaten der dreifarbigen Fahne gegen die spanische Freiheit führen! Noch weiter: zwei neue Revolutionen mit neuen Verbrechen und als einzige Frucht all’ der blutigen Blüthen: – das heutige Frankreich!

Wenn es ein Richterspruch des Schicksals ist: „Wer einmal die Göttin der Freiheit durch Blut und Koth geschleift, für den ist ihre Glorie in Ewigkeit verloren!“ – dann mag der Geist der Menschheit Trauer anlegen für dich und Millionen werden über dich seufzen: Armes Frankreich!


Der heilige Dionysius wanderte gegen Ende des 13. Jahrhunderts von Rom nach dem gallischen Vicus Catulliacus, wo er den Märtyrertod durch Henkershand erlitt. Catulla, eine vorher heidnische Frau, die seinen Leichnam begrub, dann die heilige Genoveva, dann Dagobert I. und zuletzt Pipin und Karl der Große errichteten nach einander Kapellen, Kirchen, Abteien über seinem Grabe. Um die reiche und mächtige Benediktiner-Abtei und aus dem römischen Flecken blühte seit dem 7. Jahrhundert eine Stadt auf, die, nach dem Heiligen, [123] St. Denis genannt wurde. Sie zählt jetzt über 10,000 Einwohner. Wir aber haben es hier nicht mit den Lebenden, sondern nur mit den Todten zu thun. Denn in den weiten Gewölben der Abteikirche ruhten die Leichname von mehren Königen des ersten und zweiten und allen Regenten des dritten Geschlechts, von Hugo Capet bis auf Ludwig XV., nicht weniger als 84 Prinzen und Prinzessinnen, 10 Königinnen und 25 Könige von Frankreich. Am Todestage der armen Königin Marie Antoinette zertrümmerte der pariser Pöbel Kirche und Gräber, warf alle Leichname in eine große Grube und goß aus den bleiernen Särgen, sowie aus dem Blei des Kirchendachs Kugeln. Napoleon ließ Kirche und Gruft wieder herstellen und sein N mit den Bienen an die Stelle der Lilien setzen, bestimmte auch für sich und seine Gemahlin die Ruhestätte. Ludwig XVIII. entfernte das kaiserliche N sammt den Bienen, ließ die Kirche von Neuem als königliches Erbbegräbniß weihen, restauriren, den noch vorhandenen und erkennbaren Gebeinen neue kostbare Denkmale setzen und liegt selbst darinnen. Die Juli-Dynastie verlegte ihre Gruft nach Dreux. Aber sie konnte ja so wenig wissen, wohin man sie begraben werde, als die nachfolgende es wissen kann.