Das neue Capitol in Washington

Casas Grandes in Mexiko Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Das neue Capitol in Washington
Die Grabmäler der Könige zu St. Denis
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DAS NEUE CAPITOL
(WASHINGTON)

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Das neue Capitol in Washington.




„Goldenes Zeitalter“ nennen die Menschen jene von der Sage geschilderte Periode unseres Geschlechts, wo Völker und Staaten noch unter so göttlicher Leitung standen, daß kein Widerspruch waltete zwischen Vernunft und äußerem Leben. Die Völker wohnten in ihrem Paradiese, geleitet und bewacht von dem Auge der ewigen Liebe und noch unverführt von der Schlange, die, um den Baum des Egoismus geringelt, schon lange mit den glänzenden Aepfeln der Zwietracht in der Sonne spielte. Als endlich die Verführung gelungen war, erschien der Engel mit dem Schwerte des Kriegs und vertrieb die Völker aus des Friedens Auen. Die Sage aber schloß das Buch ihrer goldenen Glückseligkeit zu und ließ den Menschen nichts zurück, als die unendliche Sehnsucht nach einem neuen Zeitalter der mit den Aeußerungen des Lebens versöhnten Vernunft.

Seit diesem traurigen Tage sannen und rangen die Besten und Edelsten bei allen Nationen, um den Pfad wieder zu finden und das Thor zu gewinnen zu dem verlorenen Paradiese. Alles vergeblich! Dreitausend Jahre weit schauen wir bis zu jenem Tage zurück, und nichts erkennen wir, als die Spuren der kühnsten Wanderer, am Ende von Sand verweht, hundert Irrwege, die zum Verderben führten, feste Bahnen, die dem Ziele zustrebten, [115] aber hinter jeder drohend und blutbespritzt den tarpejischen Felsen, von welchem die Schlange des Völkergiftbaums die siegreichen Ringer in den Abgrund stürzte.

Was hat die Menschheit schon versucht und gewagt, gekämpft und geduldet, um den Einklang der Vernunft mit dem Leben wieder zu finden! Man hat bald neu begonnen beim engen Kreise, hat die Weisheit der Religion und des Rechts um Hülfe angefleht, bald hat man dem Scepter vertraut, und zum Schwerte gegriffen und weite Länderstrecken unter den Schatten Einer Krone gezwungen, und Alles führte ab vom Ziel oder gar zum entgegengesetzten. Und warum? Man hat den Baum nicht umgehauen und die Schlange nicht erwürgt und verbrannt auf dem Scheiterhaufen seines Holzes.

Die unglücklichsten Versuche zum Wiederauffinden der verlorenen Wege des Völkerglücks zeigt uns die Geschichte in dem Aufbau der sogenannten Weltreiche. Es waren Reiche des Kriegs alle bis auf das jüngste; gewaltige Gestalten erhoben sie auf das Postament der Unsterblichkeit, von 2000 Jahren vor Christus an bis auf die Tage, die wir gesehen haben, aber das Glück der Menschheit hat keine der Riesengestalten wiedergebracht, ja, man zählt die wenigen an den Fingern einer Hand her, die überhaupt den Willen dazu hatten.

Laßt uns einmal an der langen Gallerie jener Unsterblichen vorüber gehen. Zuäußerst erkennen wir Ninus und Semiramis, noch im Halbdunkel der Geschichte als Gründer des assyrischen Reichs. Die Ruinen von Ninive und Babylon zeugen von ihrem wirklichen Daseyn; aber nichts bezeugt, ob es ein größeres Glück für das Volk gewesen, an den schwebenden Gärten und am babylonischen Thurme mit zu bauen, als an den Obelisken und Pyramiden Aegyptens. Neben ihnen erscheinen Nabopalassar und Nebukadnezar, und aus ihrem großen babylonischen Reiche ragen die brennenden Trümmer von Sidon, Tyrus und Jerusalem empor. Darauf streckt Cyrus das Scepter über das persische Reich aus, aber mit Blut ist’s gewonnen, das von der Donau bis zum Nil und Indus floß. Gerade 222 Jahre nach diesem gründete mit dem Schwert Alexander, das gefeiertste Heldenbild des Alterthums, sein griechisch-macedonisches Reich auf dem Boden verfaulter Staaten und hauchte ihnen einen frischen Geist ein. Er ehrte und pflegte das Edele. Darum heißt er „der Große.“ Alle diese Reiche umfassen stets einen bedeutenden Theil der damals bekannten Erde; Alexander würde sein Ziel, die Weltherrschaft, erreicht haben, wäre der Tod nicht zwischen beide getreten; wie viel von seinem Glücke er dann den Völkern mitgetheilt hätte, ist ein Geheimniß seines Grabes; gewiß ist aber: das einzige wahrhafte Weltreich schuf erst Rom. Ueber 120 Millionen Menschen gehorchten ihm auf 100,000 Quadratmeilen. Das mittelländische Meer war zur römischen See geworden. Es gab keine zweite Macht neben der Roms. Zu Füßen lagen ihm die blühendsten Länder aller drei Erdtheile der alten Welt, und unter die Füße trat es Glück und Freiheit aller durch Schwertes Gewalt unterjochten Völker. Keiner von all’ den Eroberern, den großen Feldherren, [116] die zu Roms Weltthron die blutigen Steine beitrugen, nicht Scipio, nicht Marius, nicht Sylla oder Pompejus, nicht Cäsar, achteten die Provinzen des unermeßlichen Reichs für etwas Anderes, als volle Truhen für ihre Habgier oder Verschwendungswuth. Solcher hingegen, die Ehrenkränze des Volkes verdienen, sind nur wenige in Rom’s Regentenhalle: Augustus, Titus, Trajanus, Adrianus, Antoninus Pius, Marcus Aurelius, das sind Sechs aus tausend Jahren dieses Weltreichs. – Nun folgt Mahommed’s Bildsäule, umringt von einem Kreis arabischer Helden, die, von seiner Lehre begeistert, die Völker von Indien bis nach Spanien in des Propheten Glauben zwangen. Um sich ihren Himmel zu retten, starben da zahllose Menschen einen harten Tod. Dem folgenden Manne mit dem guten Willen für Belehrung und Hebung des Volks, Karl dem Großen, gebührt ein Kranz um sein Standbild. Ein Weltreich beherrschte er nicht, obwohl er über 26,000 Quadratmeilen regierte. Ein solches, und das mächtigste für Jahrhunderte, das geistliche Reich des Papstes über die Christenheit der römischen Kirche, erhöhete Gregor VII. in dem Rom der Cäsaren. Es herrscht noch heute über die ungeheuere Zahl von 180 Millionen auf der ganzen Erde, und noch einmal könnte dieses zweite Rom Fürsten und Völkern mit seinen geistigen und leiblichen Fesseln Gefahr drohen, hätten Luther und Zwingli jener Zahl auf derselben Erde nicht 100 Millionen Protestanten an die Seite gestellt. Während die Blüthe dieses Weltreichs in Europa seit 1073 sich höher und höher hob, brach in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts eine asiatische Macht sich Bahn von China bis Rußland und Polen: Dschingiskan eroberte sein großes mongolisches Reich. Der Tod hatte ihm die Hand zu dem Werke geführt; es erzeugte nur Schwäche und Erstarrung. – Wieder begrüßen wir einen deutschen Kaiser, und zwar den letzten derselben auf dem Postamente der großen Gewaltigen, den Mann, in dessen Staaten die Sonne einst nicht unterging und nun, seit seinem Tode, nicht mehr aufgehen will: Karl V., als König von Spanien, Neapel, Mexiko und Peru. Neben diesem letzten deutschen steht der erste französische Kaiser: Napoleon. Europa’s Festland war ihm unterthan, sein Reich zählte 42 Millionen und seinem eisernen Willen beugten sich 120 Millionen, Paris war das Rom der alten Welt geworden, und die alte Welt spürte abermals Faust und Finger des alten Rom’s, nachdem der edle General und Konsul Bonaparte am Kaiser Napoleon gestorben und verdorben war. Ein Weltreich war auch Frankreich nicht geworden, obwohl ein Welterschütterer auf seinem Thron gesessen hatte. Das Glück aber, das Napoleon’s Reich den Völkern Europa’s gebracht, ist das aller Stürme und Unwetter: es reinigte die schwüle dicke Luft und machte viele Völker fähig, später wieder frisch aufzuathmen. Die Gegenwart hat den Begriff eines Weltreichs erweitert, sie verlangt dafür die Herrschaft eines Staates über Länderstrecken mehrer oder aller Erdtheile. Stellten wir nun auf unser Postament den „kranken Mann“ des Halbmonds, welchem noch heute 36 Millionen auf 86,000 Quadratmeilen dreier Erdtheile gehorchen, so möchte man das für eine unbillige Satire halten. Die Türkei ist zur [117] Stellung eines Schützlings der europäischen Gleichgewichtsmächte hinabgestiegen. Europa zeigt uns nur noch zwei Staaten mit hochragenden Bildsäulen weltbeherrschender Unsterblichkeit. Dort prangen Peter der Große und seine Nachfolger, die in der That, „allzeit Mehrer des Reichs“ waren. Ueber 375,400 Quadratmeilen Europa’s, Asiens und Amerika’s reicht des Reußen-Kaisers Scepter, dessen Willen 63 Millionen Menschen sich schweigend und blindlings fügen. Hunderte von großen bewaffneten Schiffen stehen ihm zu Gebote, auf seinen Wink marschiren Hunderttausende zu Fuß und zu Roß. Trotz alledem hat der letzte Krieg manche Strahlen seiner Glorie erbleichen gemacht. Rußland steht weder mehr als unangreifbar, noch als unbesieglich da. Es zeigt das Bild eines jungen, tüchtigen Recken in einer Riesenrüstung, die seine jugendlichen Gliedmaßen noch nicht ausfüllen; er muß erst noch in seinem Harnisch wachsen, um eine Weltherrschaft behaupten zu können. – Dagegen hat noch Niemand diesen höchsten Rang dem Reiche bestritten, das als Gründerin seiner Größe eine Elisabeth den Unsterblichen beigesellt hat. Hier treten wir in eine andere Zeit, in eine neue Periode des Staatslebens: nicht bloß die königlichen Nachfolger der Elisabeth, sondern selbst die Bürger, die Kaufleute, die Seefahrer, die Fabrikherren, Handwerker und Ackerbauern Altenglands waren „allzeit Mehrer des britischen Reichs.“ Zum ersten Male in der Geschichte stehen wir vor dem Bilde eines einmüthigen Strebens aller Glieder eines großen Volks nach einem Ziele: Fürst, Adel, Bürger, Bauern sind Krieger, Seefahrer, Kaufleute und Arbeiter zugleich, wenn es die Erringung oder Behauptung eines Landesvortheils, eines neuen gemeinsamen Volksgutes gilt. Wann hätte England je ein Beispiel geboten von solchem ermüdenden Parteihader, solcher entnervenden Unentschlossenheit, solch schleppenden Diplomaten-Verhandlungen, wie sie bei uns so oft die Quelle von Jammer und Schmach gewesen sind, wenn es eine rasche That und ein gemeinsames großes Interesse galt? Oder ist es nicht so? Geht nicht die beste Kraft, die der Sache gilt, gemeiniglich in heil- und endlosen Präliminarien auf? Deshalb wird der Deutsche auch nimmermehr einen Platz finden unter den Größen, die wir aufgezählt haben. – Aus Englands Freiheit entsprang die Rastlosigkeit des strebenden Volksgeistes, und dieser Volksgeist schuf das britische Weltreich, das, über alle Theile der Erde ausgebreitet, auf 150,000 Quadratmeilen 190 Millionen Menschen beherrscht. Doch auch hier unterbricht uns ein mißklingender Nachsatz. Großbritannien, das den größten Theil seiner überseeischen Besitzungen nicht mit der Gewalt der Waffen, sondern durch die bändigende und veredelnde Macht der Civilisation an sich gefesselt, hat in der Hand seiner Völkerverwalter das Scepter sich zur Goldscharre verwandeln lassen, die im blinden Eifer den eigenen Boden unterwühlt und das Gebäude seiner Macht mit jähem Einsturz bedroht, und bereits ist für England eine Zeit der Züchtigung, der Prüfung und des Kampfes gekommen gegen überzählige Feinde allerorten. Es ist etwas Großes um den hochherzigen Muth und den ungebeugten Stolz einer Nation in solchen Schicksalsstunden, aber dennoch, wenn es nicht mehr bedarf, als der Vereinigung [118] zweier anderer Mächte, um diese dritte von ihrer Höhe zu stürzen, so ist ihrer Weltherrschaft Ende vorauszusehen. Mag England sein Gold noch so reichlich säen, es wachsen ihm keine Krieger mehr aus der Erde, die Zeit der großen Miethlingsheere ist dahin; nicht bloß Korinth, selbst das See beherrschende Karthago sank durch das mächtigere Rom in den Staub.

Wir sind am Ende der Gallerie der Weltmacht-Unsterblichen angekommen. Wohl breitet sich noch in Europa’s Mitte und zwischen drei Meeren eine Doppelmacht aus, die einer kompakten Masse von 72 Millionen auf einem Raume von 21,700 Quadratmeilen gebietet. Aber der Mangel an Einheit, Flotten und Kolonien berechtigt dieses Reich zu keinen anderen Ansprüchen, als zu der Stellung einer europäischen Großmacht, nicht aber einer Weltmacht. – Unser Gang durch die Geschichte bis zur Gegenwart hat uns zu der Ueberzeugung geführt: es besteht in diesem Augenblicke keine Weltmacht mehr.

Die Wichtigkeit dieser Wahrheit ist groß, nicht für die Gegenwart, sondern für die Zukunft, der wir mit unseren Wünschen entgegen und mit unseren Hoffnungen voraus eilen.

Wir sahen es, es war nicht der rechte Weg zum verborgenen Thore des von der Staats-Weisheit erstrebten Völker-Glückes, den die Weltreiche des Kriegs gingen. Betrachten wir andere, bescheidenere, nicht mit Trompetengeschmetter und Kriegslärm erfüllte Reiche, die auch zunächst auf Ausbreitung der Macht und Vereinigung verschiedener Völker zu einem Gesammtleben hinzielten. Wir gehen noch einmal in das Alterthum zurück und bleiben vor den Griechen stehen. Sie sind das erste Volk, das seine friedlichen Eroberungen über die zu seiner Zeit bekannte Welt ausdehnte. Was sie von den Phöniziern noch im Einzelnen und Kleinen mehr zu kaufmännischen Zwecken ausüben sahen, das ward durch sie zur weltgeschichtlichen That erhoben; die Kolonisation hat keine tüchtigeren Lehrer, als die Griechen, und Hellas war es, das mit seiner Kultur, seiner Religion, seiner Kunst und Wissenschaft kein Land unberührt ließ, welches der damaligen Schifffahrt zugänglich war. Von den Küsten Hispaniens bis zu den innersten Buchten des Pontus Euxinus galt Cicero’s Ausspruch: „Den Landschaften der Barbaren ist gleichsam ein hellenischer Saum angewebt.“ Die Griechen hatten den rechten Weg zur Volksbeglückung wieder gefunden, und die Art der Ausbreitung ihrer Macht mit ihrer Bildung ist ein Muster, das lange verloren blieb, wie der Weg zum Paradiese, und unnachgeahmt, wie eine gute große That. In der ältesten Zeit (erste Periode der Koloniengründung) zogen ganze Stämme aus. Damals war das Städtewesen mit seinem Gemeinde- und Gemeinsinn noch eine unentdeckte Quelle der Bürger-Wohlfahrt und die Wanderer zogen davon, wie Brüder von Brüdern scheiden, deren jeder seinen eigenen Haushalt gründet und durch die eigenen Sorgen nach und nach vom Bruder getrennt wird. Diese Züge gingen fast [119] nur nach Morgen, nach den Inseln des ägäischen Meeres und nach Kleinasien. Seit der Mitte des achten Jahrhunderts (v. Chr.) nahm die Auswanderung ein edleres Verhältniß zu den Daheimbleibenden an; es schieden Genossen der Gemeinden aus und die Beweggründe ihres Wanderns waren denen am ähnlichsten, welche seit 30 bis 40 Jahren aus Deutschland und Irland die Landeskinder in die Ferne treiben. In Griechenland war es aber die Trennung der Töchter von der Mutter: ein Band der Liebe knüpfte an die Heimath noch Die, welche sich in der Fremde einen freien Herd gründeten. Das heilige Feuer vom Altare der heimischen Götter trugen sie mit dem Geiste und Herzen des Griechenvolks an die fernsten Gestade, griechisch war die Stadt, die sie errichteten, wurde die Flur, die sie bebauten, aber befehlen ließen sie sich nichts vom Mutterland, sie ehrten es mit reiner freier Pietät. Erst in der dritten Periode der Kolonisationen trat die Absicht in den Vordergrund, durch dieselbe die eigene Macht zu vergrößern, dem eigenen Handel frische Nahrung zu erwerben. Die Auswanderung wurde nun von den einzelnen griechischen Städten, die einen Ueberfluß an Volkskraft besaßen, oder denen Uebervölkerung, Verarmung oder politische Unzufriedenheit mit Unordnung drohten, planmäßig organisirt, geleitet und unterstützt. Gemein hatte sie mit den früheren Wanderungen, daß auch sie ihr Ziel, eine neue Heimath, stets in den Ländern der Barbaren suchte. Auch solche Töchterstädte blieben der Mutter nicht immer unterthan und treu; doch begannen sie an ihrer Abhängigkeit in der Regel erst zu rütteln, wenn sie selbst wieder Töchterstädte gegründet und damit eigene Sorgen auf sich genommen hatten. So blieb das Verhältniß stets in edlen Grenzen, immer menschlich schön, wie das ganze Griechenthum in seinen glücklichen Tagen. Insbesondere ist, der modernen Auswanderung nach Amerika von 1494 bis 1858 gegenüber, hervorzuheben, daß, wenn auch den Griechen der rasche, kühne, selbst abenteuerfrohe Geist seines Volks von der Heimath trieb, dies nie zu zwecklosem Umherstreifen in der Ferne geschah: durchdrungen von dem Bewußtsein der politischen Zeugungskraft seines Volks, strebte er auf jeder neuen Erde nach neuen bestimmten Gestaltungen eines frischen politischen Lebens.

Das Verhältniß der griechischen Kolonisation zu den Auswanderungs- und Ansiedlungs-Zügen, die Europa allein nach Amerika sendet, ist allerdings beinahe so, wie das der Größe des mittelländischen Meers zu der des atlantischen Oceans: auf diesem segelten so viele Hunderttausende wie dort Tausende in eine neue Heimath. Dieselbe Lehre geben uns aber Beide, nämlich die: daß es nur der Alles belebende Athem der Freiheit ist, der Völker und Länder glücklich, gebildet und reich macht. Und weil die Kulturgeschichte sich der Erfahrung freut, daß zu allen Zeiten Freiheitssinn, Meerfahrt, Handel und Reichthum die Talente geweckt haben für jede Wissenschaft und Kunst, die den Menschen das Leben schmücken und veredeln, so verkünden wir mit vollem Recht einen hohen Grad der Gesittung dem Lande, das zu seiner Machtquelle der Gegenwart, der Kolonisation, die der Zukunft gefügt hat, die Annexation, die Riesenwaffe friedlicher Eroberung, den Magnet freiester Verfassung [120] und höchsten staatlichen Wohlergehens, welcher Land um Land, Volk um Volk heranzieht, immer größere Gruppen vereinigt und im raschen Fluge die erste Macht der neuen Welt zur ersten Weltmacht der Erde erheben wird.

Klingt Euch das wie ein kecker Traum, so gönnt uns ihn! Träume sind ja unschädlich für die Wachenden, und gewacht wird in der ganzen alten Welt bis zum Augenzufallen. Oder sind nur die Träume unschädlich, die aus dem Magen, nicht die, die aus dem Herzen kommen, so ist unser Traum um so schlimmer, als auch Verstand in ihm spricht. Ein Staat, der in seinem dermaligen Bestande noch für 150 Millionen Bewohner Raum hat, unermeßliche Hilfsmittel der Natur und der Technik, welche allen Weltreichen des Kriegs abgingen, die durch Einwanderung, Schule und Leben täglich steigende Bildung, der Nationalreichthum und die vollendetste persönliche Freiheit in der Entwickelung und im Gebrauche aller Kräfte und Fähigkeiten, – dies Alles kommt der heißen Sehnsucht entgegen, welche die Völker nach einem neuen, die Vernunft mit dem äußeren Leben versöhnenden Zeitalter hinzieht. – Klingt es noch wie ein Traum, daß die große Republik der andern Erdhälfte mehr als irgend ein Staat befähigt und berufen sein könnte zur Aufrichtung des höchsten Werks der Menschheit, eines Weltreichs des Friedens?


Das neue Kapitol in Washington, das erste Staatsgebäude der Vereinigten Staaten von Nordamerika, ist ein seiner hohen Bestimmung würdiger Bau, sowohl hinsichtlich seiner Größe, wie seiner äußeren Schönheit und inneren Zweckmäßigkeit. Die ältesten Leser des Universums kennen den Mittelbau mit den drei Kuppeln noch aus dem ersten Bande des Werks (S. 57). Damals nahm das Gebäude eine Fläche von 2 Acres Land ein. Die Fronte des Hauptgebäudes, mit der prachtvollen Freitreppe und dem Giebelfeld über der Kolonnade, hat eine Länge von 352 Fuß, jeder der beiden Seitenflügel 121 Fuß, die Hauptkuppel eine Höhe von 145 Fuß. Dieser Bau kostete bis 1828 etwa 1,800,000 Dollars. Im Jahre 1851 wüthete eine Feuersbrunst im Kapitol, welche namentlich die ganze Bibliothek (35,000 Bände) von zum Theil unersetzlichem Werthe und die kostbare Kupferstichsammlung zerstörte. Mit der Wiederherstellung des Zerstörten beschloß der Kongreß eine Vergrößerung des Kapitols durch zwei neue Flügelbauten von je 140 Fuß Breite und 234 Fuß Länge. Bis zum vergangenen Jahr wurde daran gebaut und das ganze Gebäude bedeckt jetzt einen Flächenraum von 4/⅓ Acres Land.

Der Anblick dieses Staatsbaues macht den Eindruck der erhabenen Ruhe stolzbewußter Macht und majestätischer Sicherheit. Man fühlt, daß diese Hallen würdig wären, die freien Sendboten einer halben Welt in sich zu versammeln.