Die Elkhornpyramide

DCCXCVI. Rustschuk Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCXCVII. Die Elkhornpyramide
DCCXCVIII. Der Markt in Vittoria (Spanien)
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DIE ELKHORN-PYRAMIDE

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DCCXCVII. Die Elkhornpyramide.




Das Bild führt den Leser nach dem „fernen Westen“ Nordamerikas, an die Ufer des Missouri. Wildbrausend wälzt er seine Fluthen durch die Wildniß; sie sind trüb und schlammig, und zu beiden Seiten angefüllt von Treibholz und zahllosen, oft riesigen Baumstämmen, die, mit dem unterwaschenen Ufer in den Fluß gestürzt, am Boden noch festwurzeln, während die Wipfel, stromabwärts gerichtet, auf dem Wasser schwimmen, oder die, losgerissen und in die Mitte des Stromes getrieben, ihre knorrigen Wurzeln, wie Anker, im sandigen Bette festgewühlt haben und die Zinken ihrer Aeste den Fahrzeugen drohend entgegen spießen, die den Strom herauf kommen. An den Ufern wechseln Hügel und Thäler, Berge und Schluchten. Oft treten üppige Wälder des stattlichen Baumwollenbaums bis dicht heran an den Strom; dann wieder verschwindet der Wald und das Auge weilt mit Entzücken auf sanft gegen den Fluß geneigten Prärien, bekleidet mit dem dunkelsten Grün und in der Ferne allmählig übergehend in einen Sammetteppich von Farben, deren Schmelz kein Pinsel zu schildern vermag. Einzelne Erhöhungen, Gruppen von Lebenseichen unterbrechen hie und da diese endlos sich erstreckenden Ebenen und beleben ihre Eintönigkeit durch malerischen Formen- und Farbenwechsel. Von wahrhaft abenteuerlicher Schönheit dagegen sind die oberen Partien des Flusses, wo er sich meilenweit in ein Labyrinth von Felsen der wunderlichsten Gestaltung eingebettet hat. Man glaubt, wenn man vorüberfährt, vor und hinter sich die endlosen Ruinen einer alten Stadt zu sehen; Wälle, Terrassen, Thürme und Kastelle, Kuppeln und Hallen, hie und da eine einzelne Säule, zerfallene Piedestale und Pyramiden; [164] Alles täuschend wahr, in der Ferne hellglänzend, und, wenn sich die Morgen- oder die Abendsonne spiegelt in den tausend und aber tausend Gypskrystallen, die in den Thon eingelagert sind, von feenhafter Schönheit.

Diese wilden und einsamen Gegenden erhalten eine eigenthümliche Staffage durch die verschiedenen Thiergattungen, welche dort ihre Heimath haben. Heerden von scheuen Büffeln jagen über die Ebene, in Rudeln schleichen die Wölfe durch das hohe Prärie-Gras, in Schluchten und Abgründen haust der grämliche Bär, und auf den Gipfeln der Bluffs weidet das Bergschaf oder tummelt eine Heerde schnellfüßiger Antilopen, sicher vor ihren Feinden, denen die jähen Abhänge unersteigbar sind. Dort, an den Ufern des Missouri, ist auch das Elk zu Haus.

Das Elk, eigentlich der kanadische Hirsch, Wapiti bei den Indianern, ist der Vertreter des Hirschgeschlechts in Nordamerika und eines der Charakterthiere im Landschaftsbilde jenes Welttheils. Es ist ein gut Theil größer, als unser Edelhirsch, von gleicher Farbe und mit einem großen prächtigen Geweih geschmückt. Ehedem war es, wie der Wolf, der Bär und der Biber, an der östlichen Oceanküste allenthalben zu sehen; jetzt hat es die Kultur zurückgedrängt bis in die Gegenden, die wir beschrieben. Dort, wo die Thalschluchten der Felsengebirge in die Prärien ausmünden, leben die Elke in großen Schaaren beisammen. Es ist prächtig anzusehen, wie die eleganten Thiere in munteren Sprüngen sich ergötzen oder behaglich im üppigen Gras sich strecken, wie sie von dem Weinlaube naschen, das in langen und zierlichen Gehängen von den niedrigen Büschen herabrankt, andere in den Untiefen des Flusses ihre Glieder baden. Aber selbst in Augenblicken der größten und harmlosesten Sicherheit schläft ihre instinktartige Wachsamkeit nicht. Während der größte Theil der zahlreichen Heerde ausgelassen umherdahlt, stehen einzelne Elke, gewöhnlich die größesten und ältesten der Schaar, auf vorspringenden Felsen oder anderen Erhöhungen, welche die Savannen weit überblicken, als Schildwachen auf der Lauer, den Kopf hoch in die Luft und die Nüstern weit offen, um Witterung einzuziehen. Sobald irgend etwas Bedenkliches erscheint, gibt ein lautes Schnauben das Zeichen zur allgemeinen Flucht. Dann krachen und brechen die Gebüsche und Gesträuche unter der Wucht der Hufe. Die ästigen Geweihe reißen ganze Gehänge des wilden Weinlaubs mit hinweg; donnernd geht’s in wilder dichtgedrängter Flucht die nächste Anhöhe hinan. Große Steine und Felsentrümmer stürzen unter den Tritten der Vorderen nieder und fallen unter die zuhinterst nachdrängenden Thiere; einzelne derselben rollen sammt dem losgerissenen Erdreiche kopfüber hinab unter die nachstürmende Heerde. Aber bei aller Verwirrung vergeht keine halbe Minute – und der ganze Rudel hat die Anhöhe erreicht und saust über die jenseits gelegene Prärie mit der Schnelligkeit des Windes dahin. –

Die Elkhornpyramide auf unserem Bild ist ein Kuriosum, von dem uns der Prinz von Wied zuerst erzählte. Sie befindet sich auf der großen sogenannten Elkhornwiese am Missouri, und wurde von Indianern aus mehreren tausend Geweihen aufgethürmt.