Der Markt in Vittoria (Spanien)
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DER MARKT in VITTORIA
(Spanien)
Vittoria ist die Hauptstadt der baskischen Provinz Alava in Spanien, und Spanien ist Europa’s reichstes und schönstes Land – in tiefster Armuth, Ohnmacht und Verlassenheit.
Warum das?
Spanien liegt darnieder an den beiden schwersten Krankheiten der Staaten und Völker: an fürstlicher Familienpolitik und politischem Parteihaß, und gleich verderblich für Volk und Land sind die beiden Aerzte gewesen, die sich an sein Krankenlager gedrängt haben: Frankreichs Herrschsucht und Englands Habsucht. Beide schlechten Aerzte führten ihren Hader um den Kranken am Krankenbette fort und fort, und beide wechselten nur ab in dem Bemühen, die Heilkraft, die in der gesunden Natur des spanischen Volks liegt, je nach Gelegenheit und Zweckthunlichkeit, zu schwächen, irre zu leiten oder gar zu ersticken.
Es liegt dem Menschen nahe, beim Anblick eines verfallenen Gebäudes sich im Geiste ein Bild aus dessen Glanzzeit hinzustellen, oder es sich so aufzubauen, wie es seyn könnte. Dasselbe Spiel des Geistes wandelt uns an vor den großen Völkerbauten, den Staaten. Und es ist leicht gesagt, was Spanien seyn könnte. Wenn das mit allen werthvollen Gaben der Erde so wohlbedachte Land nur die Bevölkerungsdichtigkeit Preußens hätte, so müßte es auf seinen 8600 Quadratmeilen einer Nation von 30 Millionen Raum bieten, es würde zwei Meere mit den Früchten seines Bodens und seines Fleißes beherrschen und mit Wort und Schwert im Rathe der Großmächte Europa’s stehen.
Wie liegt es aber jetzt vor unseren Augen! Das Land, das schon vor fünf bis noch vor drei Jahrhunderten 21 Millionen Bewohner zählte, die der Stolz belebte, daß sie in allen Zweigen menschlicher Thätigkeit das Höchste zu leisten vermochten, daß sie nicht nur groß da standen zu Land und zur See mit den Werkzeugen und Waffen der Macht und Ehre, sondern daß Künste und Wissenschaften, Gewerbe und Handel bei ihnen blühten, daß prachtvolle Bauwerke sich auf spanischem Boden erhoben, während spanische Schiffe neue Erdtheile entdeckten und die Thore einer neuen Völkerwanderung öffneten, und daß die Paläste und Kirchen sich mit Meisterwerken der Malerei und Bildhauerei schmückten, während Dichter und Denker in den Zungen Spaniens nach dem höchsten Preis rangen, – [166] gibt jetzt „das Land des Weins und der Gesänge“ für die kaum 12 Millionen Bewohner nicht einmal Brod genug; die Prachtbauten der Vorfahren zerfallen, die edlen Künste sind ausgestorben, der Unwissenheit folgt die Armuth auf allen Wegen, wo sonst der Fleiß das Haus und die Fluren belebte; große Flächen des herrlichsten Bodens liegen verödet, die Industrie ist erlahmt, ihre nährenden Brüste, die Kolonien, sind von 310,000 Quadratmeilen mit 18 Millionen Bewohnern zusammengeschrumpft auf 5000 Quadratmeilen mit 37/10 Millionen am spanischen Staatsverband Rüttelnder; Ströme und Seehäfen verschlammen, die Flotte ist zum Wrack geworden, die Hauptstraßen sind am besten an den Räubergruppen zu erkennen, die dort ungescheut lagern, und wie der Vernachlässigung aller Kommunikationsmittel zum Hohn streckte sich lange zwischen der Hauptstadt des Reichs und dem Hauptvergnügungssitz des Hofs des Landes einziger Schienenweg aus, als ob Spaniens „schöne Tage“ mit Dampf gesucht werden sollten in den schattendunklen Lust- und Schleichwegen von Aranjuez.
Selbst der letzte Trost des Unglücklichen, die Theilnahme der Nachbarn an seinem schweren Geschick, ging für Spanien allgemach verloren. Die Völker Europa’s wurden gleichgültig gegen das Schicksal einer Nation, die in kleinlichen Parteikriegen und effektlos verklirrenden Revolutionskämpfen nur eine höhere Gattung der Stiergefechte, mit ausgesuchteren Greueln, zu erblicken, zu lieben und zu pflegen schien. Man überließ einen solchen Staat zur Beobachtung und zur Ausbeutung den Diplomaten der hohen Politik und des Geldsacks und den stets blutdürstigen Blättern der Zeitungsschreiber. Nichts half dem Lande seine Schönheit und der ewige Frühling seiner östlichen Seeprovinzen, nichts die Vortrefflichkeit seiner 1200 köstlichen Heilquellen: sie versickern unbenutzt, und unbewundert von westeuropäischen Augen verblühen die Gefilde. Die Goldmünzensaat der Lustreisenden fällt nicht auf den Boden, dessen Bewohner mit dem Charakterzeichen der „Indolenz und Raublust“ gebrandmarkt werden, ja, die man wohl gar aus den Reihen der civilisirten Nationen streicht, wie Lappen, Kroaten und Türken; und während für freiheitskämpfende Griechen, Polen, Tscherkessen etc. sich die Herzen aller Freiheitsfreunde in Europa und Amerika entflammten, nahmen an den politischen Kriegen der Spanier nur einzelne aus den Kreisen der blasirten Gesellschaft versprengte Abenteurer Theil.
Das spanische Volk verdient aber eine bessere Würdigung, sein Unglück eine mildere Beurtheilung, der Kampf um die Erlösung aus seinem Uebel eine regere Theilnahme; und dies Alles ist ihm sicher, sobald die Augen der Westeuropäer sich bemühen, den verworrenen Rinnsalen des spanischen Elends bis zu den Quellen zu folgen.
Dazu geben wir hier einen Fingerzeig, indem wir die Hauptzüge der Geschichte des Verfalls von Spaniens Volk und Land mit breiten Strichen hinwerfen.
In diesem Jahre, 1856, könnte die spanische Nation das dreihundertjährige Jubiläum feiern vom Ende ihrer Größe. Spaniens Karl I., als deutscher Kaiser Karl V. genannt, der gewaltige Herrscher, „in dessen [167] Reichen die Sonne nicht unterging“, starb 1556. – Jedes Volk überliefert sich durch Jahrhunderte die Erinnerung an seine vergangene Größe und schmückt sie endlich mit dem Immergrün der Sage aus. Das thut der Spanier noch heute mit den Zeiten „des Kaisers“, wie er, trotz alles spanischen Stolzes, mit der deutschen Würde, seinen größten König nennt. Gleichwohl wucherte unter seinem Vorgänger (Ferdinand dem Katholischen) und ihm die Saat des spanischen Unglücks schon im Boden. Die langen und blutigen Kämpfe mit den tapferen und hochgebildeten Mauren arbeiteten bereits an der Entvölkerung des Landes, aber sie trugen wenigstens zur Entwickelung des ritterlichen Charakters im Volke bei. In jeder Beziehung verderblich für Spanien wurde dagegen das, was der gesammten alten Welt zum Heil gereichen sollte: die Entdeckung von Amerika. Sie weckte und nährte einen langen Zug neuer unbändiger Leidenschaften. Vor Allem lockte sie Tausende vom Heerde des redlich erwerbenden Fleißes fort, der Drang zum abenteuerlichen Erraffen ungeheuerer Reichthümer leerte, wie eine Seuche, die Werkstätten und die Ackerfluren, das Goldfieber riß in allen Gliedern, – und als endlich in öffentliche und Privatkassen die heißbegehrten Ströme edler Metalle mündeten, erdrückten sie das Edelste jedes Volks: seinen freien Fleiß und damit seine Freiheit selbst. Denn alle Summen, welche in die Hände des Adels und Bürgers aus dem Goldlande direkt flossen, oder durch die Verschwendung von oben nach unten sickerten, fanden im spanischen Volke keinen Boden; sie wurden die Beute der betriebsameren Nachbarn, die den großen Verschwender eifrig bedienten, bis sie ihn „ausgezogen“ hatten; – während das Königthum, mit der Priesterschaft im Bunde, die durch unermeßliche Schätze gehobene und gesicherte Macht benutzen konnte, um Volk und Adel zugleich in Fesseln zu schlagen. Diese Mittel der Gewalt bedurften nur des rechten Arms, und der fand sich: Karls Nachfolger, Philipp II., erhob ihn, und ihm gelang das Werk der Zerstörung. Groß und blühend, mächtig zu Land und See vor allen Staaten Europa’s hatte Philipp im Jahre 1556 das Land geerbt: entvölkert und verarmt, ohne Flotte, ganzer Provinzen beraubt, mit „der Ruhe eines Gottesackers“ – so hinterließ er es. Uebermuth und Herrschsucht, Fanatismus und Goldgier, Armada und Inquisition hatten Das vollbracht.
Den beiden nächsten Philippen (III. und IV.) blieb nur wenig zu verderben übrig, aber auch das gelang ihnen: der Rest der friedlichen und gewerbthätigen Mauren (Morisken) mußte – eine harte Strafe für Spanien – das durch fortwährende Kriege immer ärger verödende Land verlassen, und Portugal ward so lange mißhandelt, bis es sich von Spanien losriß.
Spanien war ruinirt, aber es war eingläubig. Die frommen Könige hatten alles Irdische ihres Volks daran gegeben, um ihm das Himmlische zu sichern, und zum Lohn für diese Himmelsversicherung hatten Könige und Priester alles Irdische der Hunderttausende aus dein Lande Vertriebener, im Autodafé feierlich Verbrannter und in den Kämpfen und Verfolgungen Hingemordeter – an sich gezogen.
[168] Da nun die eine besondere Weise, Gott anzubeten und die Heiligen zu verehren, für ganz Spanien die einzige geworden, damit das Gewissen des Königthums beruhigt und der Wille der Geistlichkeit durchgesetzt war, so hätte man billig erwarten können, daß die Sorge der Regierenden sich der irdischen Wohlfahrt des Staats wieder zuwende. Königthum und Priesterschaft waren jedoch ausschließlich, jenes mit der Führung unkluger und unglücklicher Kriege, diese mit der Unterdrückung und Verdummung des Volks und Beide mit der sinnlosesten Verschwendung der eigenen in’s Unermeßliche angehäuften Reichthümer beschäftigt; und so zehrte Eines vom Anderen fort, bis endlich das Aussterben des spanisch-österreichischen Königstammes dem Volke einen dreizehnjährigen Krieg und das Schauspiel einer neuen Thronbesteigung brachte.
Damit ist der erste Akt des spanischen Staatsdrama’s, in welchem die Hauptrolle derselbe Fanatismus spielt, welcher Deutschland in das Elend des dreißigjährigen Kriegs stürzte, geschlossen. Im zweiten kommt das Haus Bourbon zur Regierung und Spanien – vom Regen in die Traufe.
Hier stehen wir an einem Ausgangspunkt der Stürme, welche das spanische Volk und Land noch in der Gegenwart verheerten.
Ludwig XIV., 1643 bis 1715 König von Frankreich, der Vater des modernen Luxus und Despotismus, hatte seinen Enkel, Philipp von Anjou, auf den spanischen Thron gebracht. Spanien, Deutschland, Italien, die Niederlande und Frankreich waren durch diesen spanischen Erbfolgekrieg zwar vielfach verheert und geschwächt worden, aber – das Haus Bourbon hatte einen neuen Thron, – und im Glanz der Häuser sollten fortan die Völker ihr eigenes und oft einziges Glück sehen. Wo aber die Völker ein Zweifel beschließ über die hohe volksbeglückende Sendung des Hauses Bourbon, da stellte man den einzigen Besseren des Geschlechts, Heinrich IV., als einen Heros der Volksfreundlichkeit auf, welchen somit ein diplomatischer Kunstgriff gleichsam politisch kanonisirte.
Philipp V. (so hieß Anjou als König) war Bourbon genug, um wiederum vor Allem auf die Sicherung seiner eigenen Dynastie in Spanien zu denken. Um einer Vereinigung der Kronen Spaniens und Frankreichs auf einem Haupte vorzubeugen, führte er das salische Gesetz, und zwar mit der Beschränkung, ein, daß die weibliche Nachfolge der spanischen Bourbonen von der Regierung so lange ausgeschlossen bleibe, als irgend ein männlicher Nachkomme Philipps von Anjou lebe; sobald nach dem vollständigen Aussterben seines Hauses das Haus Savoyen den Thron besteige, schließe das salische Gesetz fortan alle weiblichen Familienglieder von der Thronfolge für immer aus. Diese Anordnung bestätigten die Cortes des Reichs als Grundgesetz des Staates im Jahre 1713.
Für das Haus war nun gesorgt; die königliche Hauptaufgabe war gelöst. Auch alles Andere blieb nicht beim Alten, sondern wurde immer schlechter. Der Staatswagen rollte immer rascher bergab. Ludwigs XV. schmachvolle Regierung in Frankreich hatte in Spanien ihr getreues Spiegelbild. Die einzige Anstrengung, zu welcher [169] jedoch der mächtigste Sporn in dem nicht zu vertilgenden Nationalstolz der Spanier selbst lag, die fast dreijährige Belagerung von Gibraltar (1779–1782) ausgenommen, war Alles, was die Bourbonen in hundert Jahren vollbrachten, eine ununterbrochene Reihe von Erbärmlichkeiten des Hoflebens. Das Ceremoniel wurde bis zur Spitze narrenhafter Abgötterei gesteigert, die sogenannte Regierung des Landes Weibern und deren Subjekten überlassen, die Verarmung des Staats durch alle Mittel der Verschwendung, die Verarmung des Volks durch alle Künste der Aussaugung von Innen und Außen befördert, die große Masse der Barbarei anheim gestellt. Spanien vegetirte nur noch und war nahe daran, in chinesische Stumpfheit zu versinken, – da schlug die Flamme vom brennenden Nachbarhause an Fenster und Thore des Schläfers, die französische Revolution rüttelte das spanische Volk auf aus seiner Lethargie und Napoleon warf mit einem Stoß seiner Faust das spanische Bourbonenhaus um, so leicht, wie ein Knabe sein Kartenhaus.
Häuser fallen leichter, als die Völker. – Nie hat ein Volk, nach so langem entnervendem Druck, sich so groß, so majestätisch erhoben! Als sein eigener König (Karl IV.), nicht aus Freiheitsliebe, sondern aus Furcht vor dem Stärkeren, mit dem Franzosenthum liebäugelte, zwang es ihn zur Abdankung, und als Napoleon den geflüchteten Vater und den nacheilenden Sohn (Ferdinand VII.) zugleich vom Throne stieß, um einen Zweig seines eigenen Stammes auf den leeren Platz zu pflanzen, begann jener weltberühmte Nationalkrieg des ganzen Volks gegen den damals noch nie besiegten Mächtigsten der Erde, bei dem ihm England im eigenen Interesse beistand. Dieser spanische Befreiungskrieg, von den Heldenkämpfen von Saragossa bis zum Siegestag von Vittoria (dem Gegenstande unseres Bildes) bleibt ein ewig grünes Ehrenblatt des spanischen Volks, und es erfocht sich durch denselben das Recht, das Dulden und Schweigen zu brechen, mit welchem es gerade hundert Jahre lang die Bourbonen über sein Schicksal hatte schalten und walten lassen.
Von diesem Recht hatte es den würdigsten Gebrauch gemacht. In dem Königreich ohne König, von Feinden bedrückt und vom Krieg verheert, hatte das Volk, die Waffen des freiwilligen Kämpfers in der Hand, im Jahre 1812 sich eine Verfassung gegeben, die, in großer schwerer Zeit entstanden, das Volk zusammen hielt und mit der Hoffnung auf endliche Errettung aus seiner Noth erfüllte. Um diese „Verfassung von 1812“ schaarten sich die Besten der Nation fort und fort, auch nachdem dieselbe durch die List und Gewalt des heimgekehrten Hofs von der Nationalfahne gestrichen und als Inschrift auf das Banner einer Partei verwiesen worden war. Der Verfassungskampf öffnete das eine Thor, aus welchem seit dem großen spanischen Befreiungskrieg die Stürme über Spanien losbrechen. Damit aber über das arme Land kein Uebel allein komme, that das Haus Bourbon ein zweites auf, das in unseren Tagen Spanien mit Greueln überschüttete, wie Deutschland sie in den gräßlichsten Zeiten des dreißigjährigen Krieges erlebt hat.
[170] Werfen wir erst einen Blick auf die Regierung Ferdinands VII.; ihr Ende führt uns zum Anfang der eben angedeuteten zweiten Landplage.
Im Jahre der Heimkehr aller von Napoleon abgesetzten Monarchen, 1814, ließ sich auch Ferdinand VII. auf dem vom Volke ihm rein und frei hingestellten Thron nieder. Der Dank des Königs äußerte sich sogleich, ächt bourbonisch, durch Aufhebung der Verfassung von 1812, Wiederherstellung der Inquisition und des Jesuitenordens und Verhaftung und Verfolgung der Männer, welche dem Volke im Kampf gegen die fremden Unterdrücker wie beim Aufbau der Verfassung als treue Führer gedient hatten und die man nun mit dem schwer verdächtigenden und höchst gefährlichen Ehrentitel „Liberale“ bezeichnete. – So war der Nation der Handschuh hingeworfen. Sie nahm ihn auf. – Am 1. Januar 1820 brach der Aufstand aus, die Volkshelden Quiroga und Riego leiteten ihn, und schon am 7. März mußte Ferdinand VII. den feierlichen Eid auf die Konstitution der Cortes von 1812 schwören. – Die neue Regierung konnte, wollte sie die Finanznoth des Staats und den auf dem Volke lastenden Druck zugleich erleichtern, Adel und Geistlichkeit im weichen Sitz ihrer alten Vorrechte nicht ungestört lassen. Dadurch rief sie einen neuen Feind gegen sich in die Schranken; die rasche Aufhebung der Klöster und Majorate genügte, um für den Absolutismus ein neues Heerlager zu gründen: im Dienste der Geistlichkeit und des Adels zog eine sogenannte Glaubensarmee gegen die Anhänger der Konstitution zu Felde (1822). Zweifelsohne wäre auch diesmal der Sieg auf der Seite des Rechts gewesen. Um dieser, damals europäischen Mißliebigkeit zuvor zu kommen, rückte am 7. April 1823 eine französisch-bourbonische Reaktionsarmee über die Bidassoa, und ihr gelang es, weniger mit den Waffen, als durch Bestechungen aller Art, den König, den Adel und die Geistlichkeit von den Unbequemlichkeiten der konstitutionellen Regierung zu befreien. Zum Undank gesellte nun der König den Eidbruch; die beschworene Verfassung erlag abermals dem Fußtritt der unumschränkten Gewalt. Die Reaktionsgesellschaft schwelgte in Rache gegen die „Liberalen“. Quiroga starb im Exil, Riego am Galgen. Es war äußerst lustig bei Hofe.
Auch die Zukunft lachte dem Absolutismus freundlich. Des Königs Bruder und gesetzmäßiger Nachfolger, Don Carlos, war die sichere Stütze desselben und seine Kamarilla umgarnte auch den König. So zappelte dieser im selbst zusammengezogenen Netz, bis er in ein zweites gerieth, das ihn aus dem ersten befreite: er schloß eine vierte Ehe, und zwar mit Marie Christine von Neapel. Dieses Weib beherrscht fortan Spanien. Die Zügel der Hofintriguen in starker und geschickter Hand, entriß sie ihrem Gemahl das Versprechen der Aufhebung des salischen Gesetzes, im Fall sie eine Tochter gebären würde, und als sie diese (Isabella) geboren hatte, entlockte sie ihm ein Testament, in welchem sie während der Minderjährigkeit der Thronfolgerin zur Regentin von Spanien eingesetzt ward. Die Kamarilla des Absolutismus wendete sich nun gegen Ferdinand VII., der endlich 1833 die Augen schloß, [171] nachdem diese – eine traurige Vergeltung des Schicksals! – noch einmal begehrlich nach der Hülfe der „Liberalen“ hin geschielt hatten.
Damit schließt der zweite Akt des spanischen Staatsdrama’s. Der dritte führt die Ueberschrift: Weiberregiment und Bürgerkrieg, bis auf unsere Tage.
Am 29. März 1830 hatte Ferdinand VII. durch ein eigenmächtiges Dekret das salische Gesetz aufgehoben, also mit Nichtachtung der Rechte des Landes. Erst im April 1833 wurden die Cortes einberufen. Die Zwischenzeit war zur Bearbeitung derselben vortrefflich benutzt worden, denn sie huldigten der dreijährigen Thronerbin ohne Weiteres. – Gegen diese Schritte der obersten Staatsgewalten Spaniens protestirten der Infant Don Carlos und der König von Neapel am 29. April 1833. Ferdinand VII. starb am 29. September, Königin Christine setzte sich als Regentin auf den Thron ihrer Tochter und erhob ihren Stallmeister zu immer höheren Würden. Die Nation aber spaltete sich in zwei Parteien, und hinter allen stellte, theils versteckt, theils offen, sich das Ausland hetzend und kampfbereit auf. So war Alles würdig gerüstet zum Empfang eines neuen – siebenjährigen Kriegs. Um von den Wirren der folgenden Stürme eine nur einigermaßen klare Uebersicht zu geben, zeichnen wir die Gruppenstellung mit wenigen Zügen hin und übergehen die vielen kleineren und größeren Namen, Daten und Unthaten, nur das Hervorragendste berücksichtigend.
Jedes Land hat seine Vendée. Die spanische ist in den baskischen Provinzen und Navarra zu suchen. Dort war das Heerlager der Vertheidiger des alten Rechts. Um die eisernen Kisten zahlreicher Privilegien schaarten sich die Anhänger des Absolutismus, riefen den Infanten Don Carlos zum König Karl V. aus und nannten sich Carlisten. Sie verfochten mit den Principien der Legitimität und des Absolutismus zugleich die Rechte der Kirche und der Geistlichen und hatten ihre geheimen Beschützer und Unterstützer in einigen „nordischen“ Fürsten. Ihre besten Feldherren waren nach einander Zumala-Carreguy, Cabrera und Maroto, und die kühnsten Guerillasführer Zariategui, Gomez und Sanz, ihre Hauptsitze Bilbao und unser Vittoria. Von da verbreitete sich der Aufstand weiter nach den nördlichen und westlichen Provinzen des Reichs. Auf der Seite des neuen weiblichen Königthums standen alle Freunde der konstitutionellen Staatsentwickelung; sie nannten sich Christinos. Im Oberbefehl derselben folgten rasch auf einander Rodil, Mina, Valdes, Cordova, Espartero. Noch ehe Don Carlos (der erst in Portugal, dann in England geweilt hatte) selbst den spanischen Boden betrat, schlossen gegen ihn England, Frankreich und Portugal mit Spanien die sogenannte Quadrupelallianz und sandten von Nord, Süd und West ihre Hülfstruppen in das Land.
Der Krieg wurde vom ersten Schwertstreich an mit der Erbitterung geführt, die allen Bürgerkriegen eigen ist. Die Carlisten errangen in kurzer Zeit durch Einigkeit und Thatkräftigkeit der Führer große Vortheile, während im [172] Lager ihrer Gegner politische Parteien hervortraten und die Kraft der Waffen schwächten. Dies änderte sich plötzlich, als die Ultraliberalen an die Spitze der Christinos kamen. Sie gaben dem verwirrten Treiben eine bestimmte Richtung und dem Haß ein bestimmtes Ziel, jenes geschah durch Einberufung der Cortes von 1812, dieses durch Aufhebung von 900 Mönchsklöstern, gegen welche die Wuth des Pöbels sich in aller Scheußlichkeit austobte. Dies und die Verstärkung der beiden Feindeshaufen durch fremde Hülfe verwandelte den Krieg aus einem menschlichen Kampf in unmenschliches racheseliges Würgen. Das Wort Pardon war schon vom Anfang an gestrichen; von nun an galt es auch für die Wehrlosen nicht mehr. Werfen wir nur einen Blick auf ein einziges Bild aus diesem Krieg! „In Galicien (erzählt ein Augenzeuge) und in der Mancha waren die Truppen der Königin stets den Guerillas überlegen, sie hatten also keinen Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne Rücksicht ihr Schreckenssystem auf den höchsten Grad treiben. Da wurde jeder Gefangene und carlistisch Gesinnte erschossen, ihre Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen ohne Gnade hingemordet; da starben die 39 Verwandten des Hauptchefs in der Mancha, Don Vicente Rojero-Pajillos, getödtet ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten Augenblick zur Befriedigung viehischer Lust benutzt, – das ungeborene Kind ward der zu Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Pajillos, aus dem Leibe gerissen und – füsilirt, um keine Spur vom Leben des Geschlechts zurück zu lassen! Gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt, die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt!“ – Das ist kein Bild von 1635, sondern von 1835, und nicht aus dem Kaffernland, sondern aus dem christlichen Staate ihrer katholischen Majestät. Das Bild hat carlistische Färbung, das ist wahr; aber eben so wahr ist es, daß die Rache der Sieger im Volkskrieg keine Grenzen kennt, wenn diese Sieger zugleich die vorher herrschenden waren. Davon kann manche Waise ein trauriges Lied singen.
Während das Glück der Waffen zwischen den Parteien hin- und herschwankte, bald diese, bald jene begünstigend, während der Charakter des Kriegs derselbe blieb, kühne Streifzüge, Ueberrumpelungen, einzelne Belagerungen (Bilbao und Segovia), Eroberungen und Entsetzungen, viele Gefechte und noch mehr Metzeleien, Vertreibungen und Hinrichtungen Land und Leben verödeten, gingen in beiden Feindeslagern Veränderungen vor, die den Sturz der beiden Parteihäupter, des Don Carlos und Christinens, herbeiführten. Bei den Christinos standen sich die beiden Parteien der Exaltados und der Moderados (nach deutschen Begriffen: „Gesinnungstüchtige“ und „Gutgesinnte“) schroff gegenüber. Durch die Militärrevolte von la Granja hatten die Ersteren gesiegt. Bald ermuthigte ein Lächeln des Glücks die Königin, und rasch erhoben, von ihr begünstigt, die Moderados wieder das Haupt und führten die durch ihren Einfluß abgeschwächte Verfassung von 1837 durch; Espartero aber war der glückliche Feldherr der Christinos und die Hoffnung Aller, die sich nach Frieden sehnten. – Im Hoflager des Don Carlos arbeitete die alte absolutistische Kreuzspinne, Kamarilla genannt, an einem neuen Netz, das bald die Thätigkeit der besten Heerführer lähmte [173] und mit „Pfaffentrug und Weiberlist“ Zwietracht und Mißtrauen zwischen sie streute, um jeden Einzelnen leichter zügeln zu können. Als aber der General Maroto sogar des Verraths gegen Don Carlos angeklagt wurde, so schloß derselbe, des Undanks und wohl auch der Grausamkeiten, die durch Narvaez 1838 auf eine selbst die Christinos empörende Höhe getrieben worden waren, müde, mit Espartero den Vertrag zu Vergara am 31. August 1839. Dieser gab der carlistischen Sache den Todesstoß. Kurze Zeit nachher verließ Don Carlos mit seinem Hofe den spanischen Boden. – Wie schon ein Jahr vor seiner Ankunft, so dauert nun noch ein Jahr nach seinem Scheiden der Kampf seiner Anhänger für das Königthum ohne König fort, bis der letzte Ritter desselben, Cabrera in Katalonien, die letzte Hoffnung für dasselbe aufgab und mit dem Rest seiner Getreuen nach Frankreich floh.
Damit endete dieser siebenjährige Krieg. Er hatte das Land von dem einen Haupt der Zwietracht, dem nicht an sich, sondern nur durch seine Partei und deren Ziel gefährlichen, befreit. Noch größere Erwartungen erregte jedoch dieses Jahr 1840 dadurch, daß noch im Oktober desselben auch das andere Haupt der Zwietracht, das an sich selbst gefährlichste, Königin Christine, ihrem Gegner aus dem Verbannungswege nach Frankreich unfreiwillig nachfolgte.
Das war Espartero’s Werk, und eben kein schweres. Gehaßt wegen ihrer Herrschsucht, wegen ihrer Hinterlist gefürchtet und wegen ihres bereits angedeuteten Verhältnisses mit ihrem Stallmeister, den sie trotz aller Ernennungen, Ordensverleihungen und Standeserhöhungen in den Augen der stolzen und sittlich gekränkten Nation nicht erheben konnte, von dieser verachtet, hatte Christine Alles verloren, was sie in ihrer Würde als Regentin und der noch höheren Würde als Königin-Mutter hätte aufrecht halten können. Die Gewalt der Waffen fehlte ihr, denn das Heer stand auf der Seite der Exaltados, gegen welche die Regierung der Regentin sich gern der Moderados, als konstitutioneller „spanischer Stand“ bediente. Gerade deshalb liebäugelte Espartero mehr und mehr mit der progressistischen Partei, unterdrückte mit ihrer Hülfe alle Aufstandsversuche zu Gunsten Christinens und ward im Mai 1841 als alleiniger Regent für die minderjährige Isabella anerkannt.
Von da an, in den letzten fünfzehn Jahren, bietet die Geschichte Spaniens nichts mehr, als das Auf- und Abwogen von Reaktion und Revolution in naturgemäßer Folge.
Espartero’s Regentschaft dauerte zwei Jahre. Er ging mit eisernem Schritt auf seinem Dornenpfad, ordnete viel und zertrat viel, verlor die Richtung und wandte sich im diktatorischen Machtgefühl von denen ab, die ihn gehoben hatten: von den Exaltados. Mit diesen wankte das Heer und fiel von ihm ab. Den politischen Gegnern schloß die Geistlichkeit sich an, und ein neues Garn war fertig, dessen Fäden alle in einer Hand in Paris zusammenliefen, in der der Königin Christine. Es bedurfte nur eines Fehltritts, und der Regent lag am Boden. Das geschah im Mai 1843. – Espartero flieht nach Portugal, die dreizehnjährige Isabella wird für mündig erklärt, Christine setzt [174] sich abermals zu ihr auf den Thron, die Moderados revidiren nach ihrer Weise die Verfassung so lange, bis kein konstitutionelles Atom mehr darin zu finden ist, und Narvaez, erst christinischer Aufstands-, dann eben so eifriger Reaktionsgeneral, hält die Zügel der Regierung in der Faust. Trotzdem entfallen sie, nach abermals zwei Jahren, auch ihm; von Allen verlassen, verläßt er freiwillig das Land.
Nun gesellt sich zum Wirrwarr der Hofintriguen das Spiel des Ministerwechsels, je nach den Siegen oder Niederlagen der englischen oder französischen Diplomatie. Die englische Regierung trennt bei diesem Kulissenstück die junge Königin, die man indeß vermählt hatte, mit Hülfe junger schöner Generale von Gemahl und Mutter, treibt die Letztere noch einmal nach Paris und lockt die Progressivsten mit neuen Hoffnungen zum Thron heran. Dagegen leitet Frankreich die Versöhnung ein, führt Christine und Narvaez nach Madrid zurück, verscheucht die jungen schönen Generale aus der Nähe der Königin und bringt die Moderados wieder auf die Oberfläche der Bewegung.
Da schlug es 48, und der Schall der europäischen Sturmglocken durchzitterte auch Spaniens schwüle Luft. Dem Ausbruch der drohenden Wetter zu wehren, verhängt Narvaez Belagerungszustand und Standrecht über ganz Spanien. Aber der Schrecken, der alle europäischen Höfe durchzuckt hatte, mußte auch in den zu Madrid fahren. Alle unterdrückten Parteien erhoben sich: Aufstände in Madrid (am 26. März und 6. Mai), eine Militärrevolte zu Sevilla, ein diplomatischer Bruch mit England, republikanische Versuche in den Ostprovinzen und eine carlistische Fahnenerhebung Cabrera’s in Katalonien waren die politischen Frühlingsblüthen des Jahres. Ueber alle wurden Narvaez und Manuel de la Concha Herr. „Ruhe und Ordnung“ waren äußerlich wieder hergestellt.
Desto unordentlicher und unruhiger blieb der Hof: er wühlte an den Grundfesten des Staats nach gewohnter Weise fort. Während verständige Männer die augenblickliche Ruhe zu benutzen suchten, um die heillose Wirthschaft im Staatshaushalte zu säubern und zu regeln, war das Weiberregiment sammt Anhang einzig bemüht, tabula rasa mit allen Verfassungsrechten zu machen; während das Volk, erdrückt von den Lasten des Staats, in wahrer tiefer Noth vor den verschütteten Quellen seines einstigen Wohlstandes steht, ohne anderes Vertrauen und andere Hoffnung als auf die Männer, die sein Wohl berathen und seine Rettung herbeiführen sollen, – spielt der Hof mit den Rechtsheiligthümern der Nation, vernichtet und beschimpft eines nach den anderen, und wo ihm der kitzelnde Genuß des Gelingens einer List entgeht, da vollendet die rücksichtslose Gewalt das Begonnene. So blind fuhr man auf dieser Bahn drauf los, daß sogar einem Narvaez schauderte vor dem Abgrund, zu welchem sie führen mußte. Er verließ Spanien im Januar 1851 und kehrte erst im Herbst von Frankreich dahin zurück. Sein Gehen und Kommen änderte nichts im Lauf der Dinge. Intriguen und Capricen, persönliche Interessen und Gelüste aller Art, dazu Mißtrauen nach allen Seiten und Unschlüssigkeiten in allen Ecken, die sich in sich selbst widersprechenden Kabinetsprogrammen tagtäglich offener an’s Licht stellten – das war das Treiben in der obersten Region; – in der Mitte [175] Parteihäupter aller Sturmzeiten und Principien, alle zorngeschwellt und kampfbereit; – und unten, ganz unten, die unglückliche Nation, ein Verein edler herrlicher Volksstämme, verwahrlost und allen Lockungen und Bedrückungen der Parteien bloßgestellt, in sich vielfach gespalten und allerwärts mit tiefer Mißstimmung erfüllt: – so war Spanien 1854.
Im Juni des genannten Jahres brach eine neue Revolution aus, diese führte eine neue Reaktion und diese endlich den letzten Sturm herbei, mit welchem Spanien in diesem Jahre, 1856, an dem Gebäude seines dreihundertjährigen Elends rüttelte. Das war seine blutige Jubiläumsfeier. Sie ist vorbei.
Zu einer eingehenderen Darstellung dieser beiden letzten Erhebungsversuche des spanischen Volks wird uns ein anderes Bild Gelegenheit bieten. Dann wird es an der Zeit seyn, eine Uebersicht der verschiedenen Verfassungsveränderungen zu geben und aus derjenigen, welche aus dem gegenwärtigen Chaos hervorgehen wird, einen Schluß zu ziehen für Spaniens nächste Zukunft.
Das Bild, welches uns zu diesem geschichtlichen Streifzug veranlaßt hat, stellt den alten Markt von Vittoria vor. Trachten und öffentliches Leben zeigen sich hier nicht verschieden von dem im übrigen Spanien. Dagegen bietet das Aeußere der Stadt selbst viel Eigenthümliches, das ihr zum Vorzug gereicht. Die Straßen sind breit und reinlich, schmucke Häuser aus behauenen Steinen geben den Hauptstraßen ein in Spanien seltenes Ansehen von Wohlhäbigkeit. Besonders stattlich ist der neue Marktplatz, ein regelmäßiges Viereck von 220 Fuß Länge und. Breite, von Palästen umgeben, die von Einem Baumeister nach planmäßiger Ordnung aufgeführt worden sind. Den ganzen Platz umgibt ein 15 Fuß breiter, mit gewölbter Dachung versehener Portikus, welcher auf jeder Seite des Marktes 19 Bogen hat und im Fond zu Waarengewölben führt. Ueber letzteren erheben sich die zwei Stockwerke der Gebäude. – Von den fünf Kirchen Vittoria’s ragt im Hintergrund unseres Bildes der Dom hervor, ein ursprünglich gothisches Bauwerk, dem die Geschmacklosigkeit späterer Zeiten seine jetzige verzopfte und verschnörkelte Gestalt gegeben. Unter den weltlichen Gebäuden zeichnet sich der Palast der Provinzialdeputation aus, dessen Aufschrift: „Disputacion de Alava“ ein Zeugniß baskischen Stolzes und zugleich eine sehr beredte Demonstration ausspricht gegen die verschiedenen Regierungsangriffe auf das Institut der Generaldeputationen, für deren Sitzungen das stattliche Gebäude bestimmt war. Denn die Basken sind ein kerniger, unvermischter Volksstamm, der immer schlagfertig ist und jeder Regierung trotzt, die sich an seinen alten Rechten und Einrichtungen vergreift, daher im eigenen Bereich konservativ bis zur Starrheit und für die allgemeine politische Entwickelung Spaniens ein so schwerer Hemmschuh, wie die Urkantone für die Schweiz. Wie die Schweiz für ihre Nachbarländer, war das Baskenland und namentlich Vittoria stets das Lieblingsasyl politischer Flüchtlinge aus Frankreich, die erst in [176] diesen Tagen (in Folge der letzten Revolution) im Inneren Spaniens „internirt“ worden sind. Die 12,000 Einwohner Vittoria’s sind auch in industrieller Beziehung regsam. Ihre Gerbereien, ihre Fabriken für Tafelzeuch, Töpferwaaren, Eisen- und Kupferwaaren beschäftigen viele Hände, und ihr Handel mit Wein (dem berühmten Chacoli), Wolle, Tuch, Pferden, Mauleseln und Rindvieh hat sich durch alle Kriegsübel nicht ganz darniederschlagen lassen. Dies Alles verschafft der Stadt jene Wohlhabenheit, die sich schon im Aeußeren zeigt, mit der sie sogar für Pflege von Kunst und Wissenschaft Einiges thut, indem sie eine Zeichenschule und ein Münz- und Antikenkabinet erhält, und mit der sie für Anstalten der Wohlthätigkeit (Waisenhaus und Spitäler) sorgt. Hauptsächlich zeigt sie sich aber in den großen Opfern, die sie der unbändigen Schaulust des Volks bringt. Auf dem neuen Markt werden jeden Sommer drei bis vier Stiergefechte gehalten, deren jedes 6–7000 Piaster (ungefähr 15,000–17,500 Gulden rhn.) verschlingt. Außerdem unterhält die Stadt ein stehendes Theater. Vittoria’s Lieblingsstätte ist aber der Prado, eine große von Bäumen beschattete Wiese, auf welcher die immer fröhliche Jugend ihr Spiel treibt und das Alter sich am Zusehen erquickt. Jeder Sonntagnachmittag sieht hier ein immer neues Volksfest in uralter Weise. Die Bärentrommel und die Pickelflöte genügen dem Völkchen zum lustigsten Tanz und die halbe Bevölkerung der Stadt wimmelt da durcheinander. Auch die Märkte ziehen nicht ohne ihr langes Gefolge von Lustbarkeiten vorüber. Vittoria liegt in der Mitte einer reichen herrlichen Ebene, die ringsum in einer Entfernung von drei bis vier Stunden mit einem Kranze von grünen Hügeln und blauen Gebirgsrücken eingefaßt ist. Aus den Thälern und von den Bergen herab winden sich die langen bunten Züge durch die lachende Ebene zum Markte, und das Schönste von Allem, was da kommt, sind natürlich die Töchter des Landes in ihrer malerischen Tracht. Wie bei allen romanischen Nationen sind auch hier die Frauen des Volks ein tapferes, charaktervolles Geschlecht, auf dessen Tüchtigkeit, Feuer und Thatkraft kein geringer Theil der Hoffnungen der Zukunft ruht. Und weil sicher unter denen, die da zum Markte wallen, manche Schöne ist, die in ernsten Tagen keinem „Mädchen von Saragossa“ nachsteht, so schließen wir, ihnen zu Ehren, mit einem jener glühenden Volksliedchen, in denen der Baske seine Huldigung darbringt und das zugleich die Marktzeit in Vittoria verherrlicht.
Kommt der blühende April,
Füllen sich die Rebenhügel
Von Vittoria mit den Schaaren,
Die zu seinem Markte wallen.
Seinen blonden Sand bedecken
Tausend Stuten, tausend Füllen.
Wilde Stiere heerdenweise
Ziehn herbei. Doch unvergleichbar
Ist die Tochter des Gebirgs:
Zierlich, lustig, stolzen Hauptes,
Rauschend licht von Gold und Fransen,
Kommt sie auf den Markt am Morgen.
Klein der Fuß, ein Baskenfüßchen,
Und das Aug’ ein ganzer Baske,
Und der Blick ein rascher Mörder,
Schwarze Nacht und strahlend Licht;
Wo er trifft, der sichre Schütze,
Liegt ein Todter, steht ein Kreuz!