Die Maxburg in der Rheinpfalz

Great-Salt-Lake-City, die Mormonenstadt in Utah Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Die Maxburg in der Rheinpfalz
Die arktischen Gletscher
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DIE MAXBURG IN DER RHEINPFALZ

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Die Maxburg in der Rheinpfalz.




Zwischen dem Panorama des Haardtgebirgs, von Bergzabern im Süden bis Grünstadt an der Nordgrenze der Rheinpfalz, und dem Rhein liegt das lieblichste und blühendste Stück von jenem

  „ – großen, eb’nen Land,
Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,
Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn;
Da steht man frei nach allen Himmelsräumen.
Das Korn wächst dort in langen, schönen Auen,
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen!“

Dieser Garten ist nicht bloß herrlich durch den Schmuck, den Natur und Menschenhand in ihm ausgebreitet, sondern auch seine Größe ist etwas werth: er hat eine Länge von ungefähr neun Meilen und mißt vom Gebirg bis zum Strom bald etwas mehr, bald etwas weniger als drei Meilen. Nach der französischen Seite stößt er an einen denkwürdigen Zaun, der aber dem Nachbar gehört: die weißenburger Linien; von den Marksteinen des Nordrandes aus erblickt man die Thürme von Worms. Auf seinem ganzen Laufe geht der Rhein nicht so lustwandelungsselig im großen Bogen zur Linken und Rechten durch die Fluren; man sieht, wie schwer ihm das Scheiden wird aus seinem Paradiese. Der erhabenste Schmuck dieses Gartens ist jedoch die Terrasse, welche seine ganze westliche Länge begrenzt, jenes Panorama des Haardtgebirgs.

Nicht durch Höhe, eisige Pracht und Schreckenreichthum imponirt dieser Gebirgszug, der nach Elsaß und Lothringen hin in den Vogesen weiland deutsche Reichsnachbarn hatte, sondern durch die strahlende Anmuth, die entzückende Lieblichkeit der Thäler, den lachenden Reichthum der Hügel, die kecken Gestalten der Berge und das stattliche Leben des deutschen Fleißes, die Werke der Industrie, die Denkmäler der Kunst, der Sitte und des Glaubens, die uns hier vor jeden Blick unserer Augen treten. Könnte man diese ganze Terrasse von Bergzabern bis Grünstadt mit Einem Blick überschauen, so umfaßte derselbe über 70 Berge und Hügel und vor, an und auf denselben gegen 60 Werke der Menschenhand an Städten und Marktflecken, Dörfern und Einzelhöfen, Schlössern und Ruinen, Klöstern und Kapellen. Das Gebirg selbst bietet eine überraschende Mannigfaltigkeit der Formen. Wie auf einem Wanderzug nach Norden begriffen, strecken dorthin viele langrückige Berge ihre Häupter vor, andere erheben sich mit runder Behaglichkeit, andere sind kühn gewölbt und noch andere ragen als Pyramiden in den Himmel. Damit [167] das Auge beim Genusse dieser Schönheit auch seine Eintheilung machen könne, scheiden zwei breitere Tiefthäler das ganze Panorama in drei Gruppen. Hinter Albersweiler, wo die Wasser der Queich sich sammeln, öffnet sich das Annweiler Thal, in der Mitte der Südhälfte, und beim Beginn der Nordhälfte des Panorama’s liegt Neustadt am Eingang in das andere Thal, durch welches dem Dampfwagen die Bahn gezogen ist vom Ludwigshafen am Rheinstrom bis nach Zweibrücken. In der Mitte der mittleren Gruppe dieser Kegel und Pyramiden, Kuppeln und bäumenden Bergrücken erhebt sich als höchste Spitze die Pyramide des Kalmit zu 2046 Fuß, und zwischen ihr und Neustadt (Bd. XVII, S. 205 f.) tritt auf steiler Höhe, über dem breiten Kranze eines Kastanienwaldes, beherrschend und krönend zugleich, aus der Reihe der Berge und Hügel der Gegenstand unserer Stahlplatte hervor. Die Maxburg kann sich unbestritten der reizendsten Lage im ganzen Haardtgebirge rühmen.

Unser Bild, lieber Leser, lügt Dir etwas vor, oder, um milder zu reden, es stellt nicht die Wahrheit dar, sondern einen Wunsch, der früher ein in der Ausführung begriffener Plan war. Die Burgruine, die unter dem Namen „Hambacher Schloß“ (sogenannt nach den Dörfern Ober-, Mittel- und Niederhambach, die malerisch zu den Füßen ihres Bergs liegen) in den „dreißiger Jahren“ europäischen Ruf erlangt hatte, war Eigenthum der Bürger von Neustadt, als Bayerns Kronprinz Max sich mit der preußischen Prinzessin Marie vermählte. Da brachten die Pfälzer ihrem künftigen Herrscherpaare die prachtvolle Ruine als Festgabe dar. Es lag eine sinnige Bedeutung gerade in diesem Angebinde, das offenbar mit gewissen geschichtlichen Erinnerungen versöhnen sollte; damals (1842) erhielt das Hambacher Schloß den Namen „Maxburg.“ Zugleich war der Wunsch ausgesprochen, daß der zukünftige König sich ein Seitenstück zum Hohenschwangau, eine königliche Pfalz in der Mitte seiner Pfälzer, auf dieser Höhe errichten möge. Der Gedanke fand Anklang und die Wiederherstellung der Burg wurde, nach dem Plane von Ziebland und Voit, begonnen. Im Jahre 1846 stand bereits die östliche, dem Rhein zugekehrte Frontseite des Hauptbaues mit ihren 15 Fenstern im reichen mittelalterlichen Styl fertig da. An der nördlichen Wand, deren Einsturz man befürchtete, und am Jahre 1848 scheiterte der Ausbau der Maxburg, die jetzt, in der Nähe allerdings schon prächtig, jedoch aus der Ferne betrachtet nur beklagen läßt, daß man die großartige Ruine in ihrer malerischen Schönheit nicht unberührt gelassen.

Auch ihrer Geschichte nach gehört diese Burg zu den Volksheiligthümern des schicksalreichen Landes; sie hat dessen ganzen Jammer mit durchgelebt und zeigt die Spuren davon noch der Gegenwart. In der ältesten Zeit hieß sie Kästenburg, d. h. Kastanienburg, und war eine stattliche Pfalz der deutschen Könige. Heinrich II. erbaute sie sich zu Anfang des 11. Jahrhunderts. Später kam sie an Wolfram, Graf der Ardennen, Schwager des unglücklichen Kaisers Heinrich IV., der von dieser Burg aus den verhängnißvollen Gang nach Canossa angetreten haben soll. Ein Neffe dieses Kaisers, Bischof Johann, schenkte sie um 1100 dem Hochstifte Speyer, dessen [168] Bischöfen sie bei drohenden Gefahren zum Zufluchtsort diente. Im Bauernkriege erstürmte sie die wilde Rotte des sogenannten Kolbenhausen und setzte sich darin fest. Des Bischofs großes Faß von 100 Fudern ward rein ausgeleert; den übrigen Fässern schlugen die Bauern den Boden ein und steckten dann die Burg in Brand. Auf Kosten der Bauern wieder hergestellt, wurde der feste Bau schon 1552 vom deutschen Alcibiades (Markgraf Albrecht von Brandenburg) abermals durch Feuer zerstört. Und abermals erstand sie aus Schutt und Asche und überdauerte sogar den 30jährigen Krieg, aber nur, um dem schmachvollsten aller Kriegszüge, dem Orleans’schen Mordbrennerkriege, zu erliegen. Wie viele andere Burgen und Klöster der Pfalz ragt sie seitdem als ein Denkmal Ludwigs XIV. und des deutschen Reichs, aber zugleich als ein mahnender Fingerzeig der Geschichte empor über ein vielgeprüftes Land.