Great-Salt-Lake-City, die Mormonenstadt in Utah
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SALT-LAKE-CITY
die Mormonen-Stadt
Auf die Hauptstadt der „Heiligen des jüngsten Tages nach Joseph Smith’s neuestem Testamente“ ist in diesem Augenblick (Oktober 1857) die Aufmerksamkeit von Tausenden in allen Erdtheilen gerichtet. Gegen die Mormonen am großen Salzsee setzten sich am 18. Juli vom Fort Leavenworth (unweit Weston am Missouri) aus zwei Regimenter Infanterie, ein Dragoner-Regiment und eine Batterie leichter Artillerie, im Ganzen 2500 Mann unter dem Kommando des Generals Hearney und begleitet von einem Train von 500 Wägen, mit je zwölf Ochsen oder acht Maulthieren bespannt, als Exekutionstruppen der Union in Bewegung, um den Gesetzen und Beamteten des Kongresses dort Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die für europäische Anschauung unbedeutende Truppenzahl könnte Manchen verleiten, diesen militärischen Wüstenzug für eine nordamerikanische Lokalkleinigkeit zu halten, deren Interesse sich nicht bis zu uns herüber erstrecke. Die ganze Angelegenheit steht jedoch jetzt schon anders. Sind die Mormonen auch keine Erscheinung, welche der europäischen Civilisation diesseits und jenseits des atlantischen Oceans und der dermaligen Ausbildungsstufe des Christenthums in den niederen Volksklassen zur Ehre gereichen, so haben sie sich doch zu einer Macht emporgearbeitet, welcher bis jetzt nicht nur die Wüste und der granitne Wall schreckenreicher Gebirge zum Schutz, sondern der blindeste Fanatismus zur Trutzwaffe diente. Dazu haben ihre Missionäre kein Land der Erde unbesucht gelassen, und Hunderte von Gemeinden sind gegründet, deren einzige Zuversicht und Sehnsucht nach der „großen Salzseestadt“ hingerichtet ist, die der Prophet ihres alleinheiligen Glaubens „das neue Jerusalem“ nennt, und wo ihnen das Zion winkt mit der „Kirche Christi der Heiligen des jüngsten Tages.“ Immer neue Schaaren bevölkern die große Oase in der Wüste zwischen Kalifornien und dem Westland, Schaaren, die in keinerlei staatsbürgerlicher Pflichtverbindung mit Union und Kongreß stehen, sondern nur „Heilige“ sind im „Lande Deseret“, wie der Nachfolger Smith’s im Oberpriester- und Prophetenamt, Brigham Young, das neue Kanaan nannte. Das Ziel der Mormonen, unabhängig von den nordamerikanischen Freistaaten nicht nur einen selbstständigen Staat mit der Ausdehnung bis an das stille Meer zu gründen, mit welchem es jetzt schon durch zahlreiche Kolonien wie mit kriegerischen Stationsposten verknüpft ist, sondern, in Verbindung mit den mormonenfreundlichen und unionsfeindlichen Indianern, das gesammte
[158] „Heidenthum“, d. h. alle Nicht-Mormonen Amerika’s, mit Gewalt zu bekehren, oder zu vertreiben und zu vertilgen – dieses Ziel ist längst von den Mormonen ausgesprochen und von den Amerikanern als Wahnwitz verlacht worden; aber nun die ersten Schritte zur Erreichung desselben mit aller Sieges- und Rechtsgewißheit der „Heiligen“ und aller Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit gegen die „Heiden“ gethan sind, erhebt sich plötzlich in der ganzen Union nur eine Stimme gegen eine längere Duldung solchen Treibens. Ob nun die Mormonen dem Wunsche der Regierung, sie auf dem Wege friedlicher Verständigung zum Gehorsam gegen die Gesetze der Union zurückzuführen, einsichtig entgegen kommen, oder ob sie die Waffenmacht Nordamerika’s herausfordern, muß die nächste Zukunft entscheiden. Jedenfalls ist man in Washington entschlossen, das starre mormonische Holz zu biegen oder zu brechen.
Betrachten wir nun die Stadt am großen Salzsee, wie sie jetzt noch steht; das Bild möchte durch einen Schlag des Schicksals leicht eine plötzliche Veränderung erleiden.
Die Vertreibung der Mormonen aus ihrem blühenden Sitze zu Nauwoo, das sich durch ihre Ameisenthätigkeit binnen zwei Jahren zu einer Stadt von 2000 Häusern mit 20,000 Einwohnern erhoben hatte, sowie der grauenvolle Zug der 40,000 Vertriebenen durch die tausend Meilen der Wüste ist zugleich mit der Geschichte der Gründung und einer Charakteristik des Mormonenthums im fünfzehnten Bande des Universums (S. 137 bis 147) dargestellt worden. Die ersten Schaaren hatten den Mississippi im Frühling 1845 verlassen und im Frühsommer 1847 war von der Hauptkolonne das Thal am großen Salzsee zuerst betreten und als das „den Heiligen“ von Gott verheißene Land in Besitz genommen worden. Die neue Stadt ist mit wunderbarer Schnelligkeit wie aus demBoden hervor geschossen. Schon eine Stunde nach der Ankunft der ersten Mormonen sah man Beil und Pflug, Hacke und Spaten der rastlosen Männer in Thätigkeit, und jetzt, nach zehn Jahren, steht ein zweites Nauwoo am großen Salzsee, eine Stadt, die einen Flächenraum von vier (engl.) Geviertmeilen bedeckt, umgrünt von einem wahren Garten an Fruchtbarkeit, die der Fleiß hervorzwang.
Lage und Umgebung dieses Neujerusalems sind außerordentlich schön. Es dehnt seine großartigen Glieder aus vor der westlichen Abdachung des Wasatschgebirgs, welches sich vom nördlichen Ende des großen Salzsees nach Südwesten gegen die Quellen des San Joaljuin hin erstreckt, diese vom Coloradothale und von dem großen kalifornischen Bassin scheidet und an dem östlichen Ufer des frischen und klaren Utahsees hinläuft. Den Blick nach Westen entzückt ein grünumhangenes Amphitheater von Bergen, deren schneebeladene Gipfel uns die Mährchen des Ostens mit ihren Berggeisterschlössern vor die Seele zaubern. Neben dieser Alpenpracht gewährt der See selbst einen großen Schmuck der Landschaft, der noch erhöht wird durch die schönen Inseln, die er umgibt. Sein Wasser ist so salzhaltig, daß der menschliche Körper nicht darin untersinken kann und die Salzsieder aus drei Maß [159] Soole zwei Maß Salz gewinnen sollen; sie nennen den See deshalb the great Briny Shallow, die große Sooluntiefe.
Bauart und Aussehen unterscheiden die Salzseestadt von jeder anderen in der Welt. Als am 24. Juli 1847 (seitdem ein jährlicher Jubeltag der Mormonen) die Präsidentschaft, den Seher Young an der Spitze, am Salzsee ankam, ließ sie, nachdem in feierlichster Weise das Land dem Herrn und seinen Heiligen geweiht war, zuerst alle Hände sich regen zum Aufbau eines Forts. Man verwandte dazu im nördlichen Theile des Stadtgebiets, der sich terrassenförmig erhebt, die höchstgelegenen 40 Acres Landes. Hierauf ward das Stadtgebiet in Vierecke von je 10 Acres Größe zerschlagen, von welchen jeder Mann 1¼ Acker zum Haus-, Feld- und Gartenbau erhielt. Die großen Vierecke (Blocks genannt) sind getrennt durch rechtwinkelige Straßen von je 132 Fuß Breite, die mit 25 Fuß breiten Seitengängen längs der Häuser versehen, mit Baumreihen bepflanzt und mit Wasserleitungen aus dem City Creek durchzogen sind. Diese Bauart ist ebenso malerisch, als gesund. Die einzelnen Wohnstätten werden durch beträchtliche Zwischenräume von einander getrennt, während die Straßen in kurzen Entfernungen auf einander folgen. Gegen Westen dehnt sich die Stadt bis an den Jordanfluß aus. – Die Häuser, meist einstöckig und von Adobes (an der Sonne getrockneten Ziegeln von bläulichem Lehm) gebaut, haben ein gefälliges Aeußere. Einzelne zweistöckige Gebäude, die dazwischen emporragen, zeichnen sich als die Wohnungen des Sehers und Präsidenten und der Kirchen-Aeltesten aus. Größere Bauwerke aus der ersten Zeit der Stadt sind das Tabernakel und das Rathaus. Ersteres, ein langes, breites, niedriges Gebäude, das 6000 Personen faßt, ist der Tempel der Heiligen; letzteres, von geringerem Umfang, dient der Verwaltungs- und Rechtspflege. Schon im Sommer 1848 hatte man den Jordan überbrückt, ebenso sieben andere kleinere Flüsse, einen großen Wasserbehälter mit Bewässerungskanälen versehen und ein großes Badehaus am See, drei Mahlmühlen und sechs Sägemühlen gebaut. Im Jahr 1850 wurde ein großes Stadthaus vollendet. Eine vier Meilen lange Holzbahn verbindet die Stadt mit den Red-Butte-Steinbrüchen, aus welchen der schöne rothe Sandstein zum Tempelblock beigeführt wird. Man wollte ein Gebäude errichten, das alle von Menschenhänden gemachten übertreffen und nur jenem Bau nachstehen sollte, welcher einst, wenn die Präsidentschaft in Neujerusalem eingesetzt sey, die Stätte zieren würde, wo vormals der Zionstempel stand. Nördlich vom „Temple Block“ und nahe bei demselben erhebt sich, die Tempelstadt überragend, der Hügel des Paniers (Ensign Mount), weithin sichtbar. Auf ihm soll die große Fahne, welche die Flaggen aller Nationen in sich vereint, als Symbol der Einheit wehen, auf daß erfüllet werde, was der Prophet Jesaias sagt: „Und wird ein Panier unter die Heiden aufwerfen und zusammenbringen die Verjagten Israels und die Zerstreuten zu Hauf führen aus Juda von den vier Oertern des Erdreichs etc.“ – Neben solchen Ueberschwänglichkeiten der Zukunft wurde der Gegenwart mit aller Sorge gedacht. [160] Bis zum Winter 1853 waren in allen Wards der Stadt Volksschulen errichtet, in denen sogar Unterricht in fremden Sprachen, namentlich in den im Gebiete von Utah vorzüglich gangbaren Indianerdialekten ertheilt wird. In der neuerrichteten „Social Hall“ eröffnete zur selben Zeit eine Schauspielertruppe ihre Vorstellungen. Die massiven Mauern um den Tempelplatz und um die ganze Stadt gingen schon im Sommer 1854 ihrer Vollendung entgegen. Begonnen wurde die Erbauung eines 40 Meilen langen Kanals vom Utahsee bis zum Salzsee, durch welchen mehre tausend Acres anbaufähigen Landes die nöthige Bewässerung erhalten sollten. Endlich ward der Bau eines großartigen Universitätsgebäudes auf der ersten breiten Terrasse, welche sich im nördlichen Theile der Stadt erhebt, vorbereitet; vermittelst eines Kanals wollte man die Umgebung der Anstalt durch Springbrunnen verschönern, Haine, Blumenbeete und botanische Gärten bewässern und Bassins ausgedehnter Bade- und Schwimmanstalten speisen. Ein großes Viereck sollte zu einem Turn- und Fechtplatze, sowie zur Reitschule eingerichtet werden, und eine Sternwarte, für welche die Instrumente bereits bereit liegen, eine Anstalt zur Ausbildung von Ingenieuren und Landvermessern und eine Berg- und landwirthschaftliche Schule sollten den stattlichen Kranz von Bildungsmitteln in der Mormonen-Hauptstadt schließen.
Außer Salt-Lake-City haben die Mormonen im Territorium von Utah Niederlassungen gegründet auf einer Längenausdehnung von 200 (engl.) Meilen. Vierzig Meilen von der Tempelstadt, nach Norden hin, liegt Ogden City in reizender Gegend am Zusammenfluß des Weber und Ogden; sechzig Meilen nach Süden erblüht eine Ansiedelung am Timpanogosflusse; 70 Meilen südlicher erhebt sich bei der Stadt Manti die neue Kolonie San Pete Valley; in der Nähe des kleinen Salzsees, wo noch weit mehr der Bewässerung fähiges Land ist, als am großen Salzsee, findet man massenhaftes Brennmaterial für den nahen Eisenreichthum von Paroan oder Iron City; und im Tuillathale, 30 Meilen westlich von der Salzseestadt, sind Ansiedelungen mit vielen Säge- und Mahlmühlen. – Aber nicht nur innerhalb der Grenzen der Union und im übrigen Amerika haben die Mormonen zahlreiche und zum Theile sehr starke Gemeinden mit Tempeln und Priestern, die sämmtlich ihre Gebote vom Propheten in Deseret erwarten, sondern, wie schon bemerkt, in allen Erdtheilen. Auf den Sandwichsinseln beten 5000 Mormonen in hawaiischer Sprache, in Sidney belehrt der „Zions watchman“ die „Heiligen“ Australiens, zu Calcutta und Ava im Birmanenreich, zu Dinapore, Chivesarah, Madras und Ceylon, in Bombay, in Siam und am Kap der guten Hoffnung wird das Evangelium der Jüngstentagesheiligen gepredigt, und in Europa ist das britische Reich die Hauptquelle der Mormonenmacht: 9/10 der Bevölkerung von Utah sind zu Heiligen bekehrte Bauern aus England, Irland und Wales! Das Buch Mormon, Jos. Smith’s neuestes Testament, ist jedoch nicht bloß in’s Englische und Wälische, sondern auch in’s Deutsche, Französische, Italienische, Dänische und Schwedische übersetzt und findet in all diesen Sprachen seine Leser und Anhänger. Wie jede Religionsgemeinschaft, [161] deren Hauptziel politische Macht ist, streckt die Mormonenschaft die schleichenden Fühlhörner vorzugsweise über krankhafte Stellen der Menschheit aus. Wie sie in Italien die revolutionäre Aufregung für ihre Zwecke benutzte, so in Deutschland die reaktionäre Abspannung, und wie in Skandinavien die kirchliche Verwahrlosung, so in Großbritannien die materielle Noth – aber immer nur der niedrigsten Volksklassen. Die Gesammtzahl der Mormonen auf der Erde berechnet sich schon jetzt nach Hunderttausenden.
In Utah ist die mormonische Volkszahl auf 50,000 gestiegen. Diese Bevölkerung ist zwar sehr verschiedenen Charakters, doch herrscht das englische Element natürlich vor. Neben diesem bewegte sich bisher in ungestörter Ursprünglichkeit der scharfe, rastlose Yankee mit dem Allerwelts-Führungs- und Anführungstalent, der vorsichtige, schlaue Schotte mit dem schmalen Gesicht, der finstere, phlegmatische Deutsche, der lustige, leichtherzige Irländer und Franzose, und alle zusammen lebten in diesem wüstenumgürteten Zufluchtsorte in geselliger Harmonie und Brüderlichkeit. Diese und das musterhafte System, die Arbeitskräfte gemeinschaftlich zur Erreichung eines Ziels zusammenwirken zu lassen, während doch jeder Einzelne sein besonderes Privateigenthum in liegender und fahrender Habe besitzt, haben ihr Gemeinwesen zu einer Blüthe erhoben, die, vom materiellen Standpunkt betrachtet, unsere Bewunderung verdient. Die sprechendste Thatsache dafür ist die: Im Jahre 1850 fragten die Vorsteher der Mormonen in allen Gemeinden nach, wie viel Individuen vorhanden seien, welche man etwa in ein Armenhaus aufnehmen könne. Da meldeten sich als öffentlicher Unterstützung bedürftig gerade – zwei Personen, zwei unter so vielen Tausenden, welche drei Jahre vorher ihres Eigenthums beraubt worden waren und gekochtes Leder essen mußten, um nicht zu verhungern!
Wo ist nun die eigentliche Quelle des Hasses, der alle Amerikaner der Union erfüllt gegen diese Latterday-Saints? Wo war die Quelle namentlich in den ersten Zeiten des Mormonenthums, wo dasselbe noch, machtlos zwischen den Bewohnern der Oststaaten aufkeimend, den Gesetzen der Regierung zu Washington gehorchte? Welcher Haß hat diese armen Heiligen dreimal von Haus und Hof und bis in die Wüste getrieben? Schwerlich ein Haß gegen die wunderlichen Geheimnisse der mormonischen Theologie allein! Die Amerikaner können, was Religion angeht, viel vertragen, so lange eine neue Sekte die Bibel als Glaubensbuch anerkennt, und das thun auch die Mormonen. Jenes sonderbare Ding, welches man die ganz eigenthümliche amerikanische Religion nennen muß, hat schon viele Zerrbilder hervorgebracht, über welche man sich wenig beunruhigte. Wer einmal einem methodistischen Waldlager beigewohnt hat, hält in Religionssachen bei den Amerikanern Alles für möglich. Die Sekte der Mormonen ist aber sogar aus jener specifisch amerikanischen Religion recht eigentlich herausgewachsen, in keinem anderen Boden hätte die Pflanze wurzeln können. Nicht ihr Glaube ist dem Amerikaner das Hassens-, Verachtens- und Vernichtungswürdige, sondern die von diesem Glauben diktirten unamerikanischen Sitten und [162] Regierungsformen und ihr unmenschlicher Heiligenhochmuth. Die Mormonen glauben nämlich zwar an die Aechtheit des Alten Testaments wie an die Göttlichkeit des Charakters, der Sendung und Offenbarung Christi, glauben aber gleich darneben, daß der Wille Gottes sich dem Joseph Smith in ähnlichen Offenbarungen kund gab und, wenn Verhältnisse es fordern, sich heute dem Brigham Young und den anderen Patriarchen der Kirche ebenso kund geben wird. Der anstößigste Theil ihres Glaubens ist jedoch der an Vielgötterei und die Vielweiberei, die beide Hand in Hand gehen und gegenseitig ihre Nothwendigkeit beweisen müssen. Den Grundideen ihrer Theologie gemäß sind die Mormonen selbst alle „Götter und Väter von Göttern“, verschieden von einander nur in Macht, Wissen und Rang, Götter, die sich selbst erniedrigt haben, um eine Zeit lang unter menschlicher Gestalt auf der Erde zu erscheinen. In ihrem erniedrigten Charakter ist es daher eine ihrer größten Pflichten, ihr Geschlecht zu vermehren, und nicht allein die Erde, sondern auch andere unzählige und unerschaffene Welten mit ihren Nachkömmlingen, Göttern, wie sie selbst, zu bevölkern. Daher kommt die Nothwendigkeit und der Grund für die Annahme der Vielweiberei; nur sie macht es möglich, daß die Mormonen diesen großen Zweck ihres Daseins schneller zu Stande bringen. Nach dem Tode fahren sie in den Himmel hinauf, nehmen ihre ursprüngliche Gottheit an und leben nun in einem Zustande ewigen Freudengenusses, umgeben von ihren zahlreichen Weibern und ihrer Nachkommenschaft. Eine Hölle gibt es für die Mormonen nicht; des Himmels Unwürdige werden eben der Freuden und Entzückungen derselben beraubt, und Unwürdige sind von vorne herein alle Nicht-Mormonen, die aber, selbst die längst verstorbenen, erlöst werden können dadurch, daß ein Mormone sich nachträglich noch für sie taufen läßt.
Aus diesen Grundzügen ihres Glaubens fließen nun die Quellen des amerikanischen Hasses gegen die Mormonen von selbst zu Tage. Diese Heiligen des jüngsten Tages brachten keine Vermehrung in das bunte Farbenspiel der Sekten, sondern eine Trennung in das Leben. Sie sonderten sich als geschlossene Kirche von dem übrigen Volke ab, nicht bloß in der Religion, sondern in ihrer ganzen Wirthschaft. Sie wollten nicht bloß an der Bibel genug haben, sondern auch begnadigt sein durch besondere Offenbarungen Gottes und der Engel an ihre Propheten. Sie hielten das Wesen ihrer Religion und Vieles in ihren Sitten und Gebräuchen geheim und trotzten dem Verdacht, in wichtigen Dingen von der allgemeinen Landessitte abzuweichen. Sie verkündigten frank und frei, sie allein seien die Auserwählten des Herrn und die Andern alle Heiden und Verworfene. Dabei waren sie nicht bloß einfache Landbauern, Handwerker und Handelsleute, sondern ausgelernte Banquiers und Geschäftsleute, und nicht als friedsame Mitbürger traten sie auf, sondern als entschlossene Männer des Schreckens, welche ihre Bataillone einübten und sich eine Artillerie verschafften. Was Wunder, wenn das amerikanische Volk Grund zu der Befürchtung zu haben glaubte, der Mormonenstaat werde, wenn er erst stark genug dazu sei, sich wirklich für souverän erklären und die hergebrachte Staats- und Landesordnung zu zerreißen suchen?
[163] „Die Regierung der Union ist ein Gestank in Jehova’s Nase!“ – sagte Brigham Young zu den Abgeordneten von Washington. Das ist aber derselbe Mann, auf welchem derzeit die Gabe des Geistes der Offenbarungen ruht. Unter ihm stehen 12 Apostel und unter diesen 24 Bischöfe. Letztere sind nicht bloß Priester, sondern auch bürgerliche Beamte in ihrem Stadtviertel, Richter und Generäle. Jedes Mitglied der Gemeinde ist zu unbedingtem Gehorsam gegen das Oberhaupt verpflichtet. So beherrscht die Kirche, d. h. Brigham Young, der Herr ohne Nebenbuhler und Opposition, Alles, Meinungen und Handlungen, Eigenthum und Leben aller Genossen des Mormonenstaates.
Der Gedanke einer Religion der Visionen, einer Religion, die nicht auf festen Lehren beruht, sondern deren Gebote wechseln je nach Erforderniß der zu erreichenden Zwecke, dieser Gedanke ist mit den Mormonen in’s Leben getreten als eine außerordentliche Macht. Jehova offenbarte: Führe meine Heiligen durch die Wüste in’s gelobte Land! Und wie ein Mann gehorcht das ganze Volk, erträgt unsägliche Leiden und trotzt allen Schrecknissen unerschütterlich bis zum Ziel. Jehova will: Arbeitet wie Brüder, und Nüchternheit und Fleiß sei eure höchste Ehre! Und eine Musterwirthschaft von Tausenden verwandelt in einem Jahre eine Einöde in ein blühendes Land. Jehova gebietet: Predigt mein Wort auch den Sündern! Und Hunderte von Missionären eilen auf den Wink des Propheten nach allen Gegenden der Erde, unbekümmert um jede Widerwärtigkeit und Hemmniß von Menschen und Natur. So weit ist der mächtige Gedanke auch ein geweiheter. Die Entweihung desselben war aber, wie die ganze romanhafte Entstehung, Entwickelung und Benutzung des Mormonenthums unwiderleglich darthut, seines Schöpfers erstes Ziel. Denn derselbe Jehova muß ferner offenbaren: Ihr allein, ihr Gläubigen Mormons, seid Heilige, und den Heiligen des jüngsten Tages allein gehört von Gottes- und Rechtswegen alles Land der Erde![1] Damit aber der verheißenen Macht entsprechend werde die Stärke des Volks, so verordnete endlich Johova auch für seine Heiligen die Vielweiberei. Jehova muß das thun, weil, nach dem Staatsgesetzbuch in Washington, 60,000 Seelen nothwendig sind, um ein Gebiet (Territorium) der Union in einen Freistaat Nordamerika’s zu verwandeln. Freistaat muß aber Deseret sein, wenn die Lenker der Mormonen unabhängig von Gouverneuren, Richtern und sonstigen Beamten des Kongresses ihr Ziel, die schrankenloseste Priesterherrschaft, erreichen sollen. – Deseret nennen sie ihren Staat und übersetzen das „Land der Honigbiene“. Der Amerikaner streicht nur ein e davon, und vor ihm steht Desert, d. h. „Staat der Wüste“. So treiben selbst Wörter mit diesen wunderlichen Heiligen ihr deutungsreiches Spiel.
[164] Diese Entweihung hat das Gift der Verderbniß in den Körper der Sekte gelegt; die Krankheit, die ihn vernichten soll, steckt schon in ihm. Die Pseudoreligion der Mormonen sammt der Theodemokratie von Utah konnte nur ein Kitt zusammenhalten, dessen Beseitigung in deren eigenem Plan liegt: die Bedrängniß war’s, die den fanatischen Volkshaufen zusammen drängte, und der Fanatismus war’s, der den blinden Gehorsam aufrecht hielt. Beides schwindet. Der Weltverkehr hat eine seiner Hauptstraßen durch jene Wüste gezogen, was jetzt noch gefahrvoller Karawanenweg ist, wird eine Schienenbahn, auf welcher der Dampf die langen rastlosen Wagenreihen auf- und abzieht zwischen dem Mississippi und dem großen Ocean, Ostamerika und Kalifornien. In Salt-Lake-City ersteht der Riesenbahnhof zwischen den Wüsten. Die Schranken der Abgesperrtheit zerfallen, die Beschränktheit schwindet, und die Reaktion des gesunden Menschenverstandes wird zunächst den Schandpfahl niederreißen, an welchen das Weib in der Polygamie gefesselt ist. Die ruchlose Entwürdigung der menschlichen und christlichen Ehren und Rechte des Weibes wird sich rächen. Neue, freisinnige Elemente werden im Kreise des Mormonenthums sich festsetzen, und die Opposition der Volksrechte wird laut werden gegen die alleinherrschende Priestergewalt. Der Zehente, der ungeheure Summen in die Verfügung der unverantwortlichen Präsidentschaft stellt, wird die Unzufriedenen um die gefährlichen Fahnen des Geldkastens schaaren, und die Einigkeit in der herrschenden Priesterschaft selbst ist schon jetzt nicht mehr Wahrheit, sondern zerfließender Schein.
Solchen Voraussetzungen gegenüber hätte man wohl die Mormonengemeinschaft ihrer Auflösung und Umbildung in amerikanische Lebensformen überlassen können, wenn nicht die Verbrechen der „Heiligen“ gegen Eigenthum, Ehre und Leben der „Heiden“ ihren Richter forderten. Nicht die Vielweiberei der Mormonen an sich, schreibt man aus Washington, sondern die empörende Art und Weise, wie die Vorsteher der Sekte dieses Privilegium geltend machen, die Unterdrückung, der Raub, die Plünderung und der Todtschlag, welche in Folge dieser Institution an anderen sogenannten ungläubigen Personen und Bürgern der Vereinigten Staaten verübt werden, ohne daß die von der Centralregierung eingesetzten Richter die Macht hätten, die Verbrecher zu bestrafen, das Auflehnen gegen die oberste Regierungsgewalt der Union und die offene Verhöhnung des Kongresses – das sind die Anklagen, welche in Washington gegen die Mormonen erhoben wurden und welche die Eingangs erwähnte Truppensendung nach Utah veranlaßten. Nach den letzten Nachrichten (vom Juni) aus Utah hat nämlich der Oberpriester Brigham Young, obgleich er als Statthalter der Union Gehalt bezieht, alle Akten des Unionsgerichtshofs nebst den Gesetzsammlungen der Vereinigten Staaten öffentlich verbrennen lassen und mit dieser symbolischen Handlung die Erklärung verbunden, daß er keinen von der Bundescentralgewalt ernannten Territorialbeamten mehr anerkennen werde. Nach dieser offenen Rebellion hat der Unionsrichter Drummont sein Amt niedergelegt und nach Washington berichtet. Sein Bericht wiederholt eine Beschuldigung, die schon bei der Vertreibung [165] der Mormonen aus Missouri auftauchte und damals ziemlich wahrscheinlich gemacht wurde – die Beschuldigung, daß der Oberpriester, ein moderner Alter vom Berge, aus einer erlesenen Schaar einen Geheimbund gebildet habe, dessen Mitglieder, Danites genannt, verpflichtet seien, alle ihm mißliebigen Personen zu ermorden. Letztere verschwinden in der Stille, in der Regel, nachdem sie das Gebiet verlassen haben; es heißt dann, sie seien unter den Fäusten der Indianer verblutet. Richter Drummont will den Beweis liefern, daß der Hauptmann Gunnison und seine Begleiter, welche von der Regierung mit wissenschaftlichen Untersuchungen im fernen Westen beauftragt worden waren, auf diese Weise ihr Leben verloren hätten. Selbst aus den entferntesten Kolonien, z. B. am Michigan-See, berichtet man von „mormonischen Raubzügen“.
Um solchem Unwesen entschieden ein Ende zu machen, ist ein Militär, Oberst Cummings, zum Gouverneur von Utah ernannt worden. Brigham Young ist für abgesetzt erklärt und wird den Gerichten verfallen. Er soll bereits aus der Salzseestadt entflohen, nach anderen Nachrichten sogar von einer Mormonenpartei vertrieben worden sein. Utah wird vom 6. Januar 1858 an ein besonderes neues Militärdepartement mit drei Posten und erhält somit, gleich allen anderen Territorien, eine permanente Besatzung.
Die nächste Zukunft hängt ereignißschwer über Deseret und seinen Heiligen. Wir finden wohl Gelegenheit, den interessanten Gegenstand auch in unserem Universum zum Abschluß zu bringen, wenn erst die Geschichte mit ihm fertig geworden ist.
Wenn wir das Bild des Mormonen- und übrigen Sektenwesens der Union in seinem haltlosen Wirrwar vor uns aufstellen, so müssen wir dem Ausspruch eines bekannten Schriftstellers beistimmen: Amerika braucht eine eigene Religion. Das Christenthum ward der leidenden Welt verkündet, der Sehnsucht nach dem Jenseits; hier haben wir ein Reich der That, eine leidenschaftliche Befangenheit im Diesseits, eine absolute Unfähigkeit zur Vertiefung und Verinnerlichung. Lauter Gegensätze zum Christenthum. Und hat es nicht den Anschein, als ob das Volk auf allen Punkten an einer solchen neuen Religion arbeite? Was bedeuten die Hunderte von Sekten, die täglich entstehen und vergehen, anderes, als das Suchen nach einer nationalen Form der Religion? – Es scheint sogar, daß diese neue Religion bald herbei kommen müsse, wenn die Mehrzahl des Volks nicht noch vorher an dem Rande von gar keiner angelangt sein soll.
- ↑ Wörtlich aus dem in Independence erscheinenden mormonischen Blatte: „The Milennial Star“.