Die arktischen Gletscher

Die Maxburg in der Rheinpfalz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Die arktischen Gletscher
Das viereckige Haus in Nismes
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DIE ARCTIC-GLETSCHER
(Melville Bay)

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Die arktischen Gletscher.




Du Himmelstürmerrotte der Titanen
     Und Babels Thurmbau, – als ein kindlich Spiel
Steht jetzt ihr vor des Menschengeistes Bahnen,
     Vor seinen Thaten und vor seinem Ziel!
Der Himmel ist erstürmt, die Götter flohen,
     Der Erde Haus beherrscht des Menschen Geist!
Und schon will er der letzten Schranke drohen,
     Die ihm den Leib so eng, so eng umkreist, –
Da zieht der Herr zurück die Lebensleiter
Und spricht: Mein Kind, bis hieher und nicht weiter!

Des Menschen Geist hat eine unübersteigliche Schranke: es ist ihm nicht gegeben, der Welt Anfang oder Ende auszudenken. Vor dem Worte „Ewigkeit“ steht der Gedanke still: weder rückwärts noch vorwärts vermag er die Finsterniß zu durchdringen, in welcher für ihn die Begriffe von Raum und Zeit sich ausdehnen, und je stärker die Waffen werden für des Forschers Auge, je tiefer er in die Fernen des Himmels blickt, desto weiter öffnet sich die Unermeßlichkeit, immer neue Sonnen gehen ihm auf, selbst die kaum gefundene Centralsonne rückt von ihrer Stelle, ist wieder nur eine Sonne, die sich mit Tausenden von Welten um eine Centralsonne bewegt, [169] und Milchstraße und Nebelflecke sind längst zu Kranz und Blumen von unzähligen Sternen geworden. Wie viel Milliassen lebender, wie viel Milliarden denkender Wesen athmen dort? Wie viel Jahrtausende an Bildung und Gesittung sind sie uns, sind wir ihnen voraus? Oder ist gerade jetzt unsere Erde das Kultur-Europa der übrigen Weltalltheile? Lernen wir nie die Bewohner eines andern Sternes kennen? Oder gibt es einst eine Genossenschaft der Auserwählten aller Sterne? Was wird aus den Trümmern unseres Planeten, wenn auch ihn einst das verhängnißvolle „Blühen der Sterne“ ergreift? – Wunderliche Fragen! Ihr selbst seid nur ein Beispiel, wie weit des Menschen Geist hinüber schwärmen kann in die Unendlichkeiten des Weltalls, aber Anfang und Ende bleiben ihm verschlossen.

Des Menschengeistes Stellung im All entsprechend ist die des Leibes auf unserer Erde. Die äußersten Theile derselben sind ihm unerreichbar, sein Organismus bannt ihn auf einen sehr beschränkten Raum seines großen Planeten. Von den 1719 geogr. Meilen des Erddurchmessers und von den 9 bis 36 Meilen der das Centralfeuer umhüllenden Erdrinde hat der Mensch noch nicht eine Meile erforscht, die tiefsten Bergwerke und betretenen Höhlen erreichen noch nicht das Maß einer halben Meile, und die größte Tiefe des Meers ist noch unermittelt. Wie die Erdrinde zieht auch die Atmosphäre dem kühnen Forscher unübersteigliche Grenzen. Sie umgibt dieselbe in einer Höhe von 132- bis 175,000 Fuß, aber auch davon hat der Mensch noch nicht eine Meile (24,000 Fuß) durchmessen, obwohl der Forschermuth der Männer weiter in die Höhe, als in die Tiefe drang. Im Luftschiffe stiegen Gay-Lussac und Biot 1809 bis zur Höhe von 21,600 Fuß, also um mehre hundert Fuß höher, als der Gipfel des Chimborasso ist, an welchem Alexander v. Humboldt und Bonpland am 23. Juni 1803 die Höhe von mehr als 18,000 Fuß erreicht hatten; Amerika’s mächtigster Adler, der Condor, fliegt kaum 1000 Fuß höher. So sehen wir denn dem Menschen auf der ungeheueren Oberfläche der Erde (sie beträgt 9,281,910 geogr. Geviertmeilen!) zum Forschen in die Tiefe und in die Höhe ein kaum 1½ Meilen breites Gebiet frei gegeben; sobald er höher steigt, sobald er tiefer dringt, zieht die Natur für ihn die Lebensleiter zurück.

Und nicht nur in die Höhe und Tiefe, auf der Oberfläche der Erde selbst sind seinem Organismus Grenzen des Vorwärts gezogen. Sind auch die Wüsten der heißen Zone nicht mehr undurchdringlich, so stehen doch der Edda schreckliche Eisriesen noch heute fest als unerbittliche Wächter vor den Geheimnissen der äußersten Polarwelt. Noch blieb der höchste Nord unbetreten von des Menschen Fuß, obgleich gerade für seine Ueberwältigung die kühnsten Unternehmungen gewagt, unsägliche Leiden erduldet, die schmerzlichsten Opfer gebracht worden sind. Noch können uns unsere Erdkarten im Süden nur die muthmaßlichen Grenzen eines antarktischen Kontinents andeuten, und um den Nordpol schattirt man ein „wahrscheinliches Polarland“; noch ist man im Süden [170] nicht über den 75. Grad vorgedrungen, während jedoch Parry am 27. Juli 1827 nur noch 7° 15′ vom Nordpol entfernt stand: das Aeußerste, was je einem Seemann auf solcher Fahrt gelungen!

Warum so vieler kühner Männer Leben gesetzt wurde an die Entdeckung von Ländern und an Fahrten in Meere, die für die Kultur weder Boden, noch Menschen, noch kostbare Naturschätze darbieten konnten? Man suchte nicht letztere, sondern alle sogenannten Nordpol-Expeditionen hatten ursprünglich nur den Zweck, die kürzeste Seeverbindung zwischen Europa und Asien durch das Eismeer im Norden Amerika’s aufzufinden. Der Globus oder eine in der Polar-Projektion dargestellte Karte der nördlichen Halbkugel macht es begreiflich, welchen Werth die seefahrenden Europäer auf eine solche „nordwestliche Durchfahrt“ legen mußten. Wenn auch nur wenige Sommermonate fahrbar, mußte ein Seeweg von Grönland nach der Behringsstraße für die Nordweststaaten Europa’s, für ihre Handels- wie für ihre Eroberungsflotten, von kaum zu ermessender Bedeutung sein. Deshalb die mehr als 300jährigen Kämpfe mit der starren Natur der Polarländer, die selbst fortdauerten, als man längst zu der Einsicht gekommen war, daß keine Durchfahrt dort zu finden, und, selbst wenn eine solche noch gefunden werde, sie nutzlos sei für die Förderung des Völkerverkehrs. Von der Zeit dieser Erkenntniß an galten die Polarfahrten geographischen und physikalischen Forschungen und endlich der Rettung des gefeiertsten und unglücklichsten aller Nordfahrer, John Franklins.

Die Forschungen haben zu höchst merkwürdigen Entdeckungen geführt. Zunächst ist die Länderkunde bereichert worden; alle Küsten, Meere, Sunde und Inseln westlich von Grönland kamen in ihr Gebiet, von der Hudsons- und Baffinsbai bis zur Melvillesinsel, der äußersten Station der Nordwestfahrten, im 75. Breitengrade, und dem Gegenstande unseres Stahlstichs. Das Meer ist ruhig auf unserem Bilde. Parry’s Schiff steht vor uns. Es ist im September 1819. Am Kap Dundas donnerten ihm die undurchdringlichen Eisbarrikaden, von riesigen, schon durch ihre Gestalten schreckenerregenden Gletschern überragt, ihr „Halt!“ entgegen. Da geschah es zum ersten Male, daß Nordfahrer in diesem fürchterlichen Klima überwintern mußten, und so günstig war den Muthigen das Glück, daß Parry im folgenden Jahre heimkehrte ohne den Verlust eines einzigen Menschenlebens. Aber die Qualen, entspringend aus dem Mangel an Allem, was zur Unterhaltung und zur Vertheidigung des Lebens gegen die rastlosen Angriffe des Klima’s unentbehrlich ist, die fast hoffnungslosen Kämpfe mit unberechenbaren Gefahren, das ewige sinntödtende Einerlei von Eis und Schnee, das jeden durch die Sonne aufgethauten Sumpf nur um seiner schwarzen Farbe willen als eine Wohlthat erscheinen läßt, das zwischen schwimmenden Eisbergen von 2-, ja 300 Fuß Höhe täglich tausendfach nahe Verderben und endlich das Furchtbarste, ein Sturm zwischen den kleinern Eismassen, die wie schwimmende Granitquadern von den Wogen emporgeschleudert und an einander geschlagen werden, während die flacheren Eisfelder, vom Wind und Strom gegen diese Massen oder [171] Gegen das Ufer getrieben, sich oft vierzig Fuß hoch emporbäumen, sich überschlagen und so das betäubende Geräusch und den schäumenden Gischt dieses eisigen Höllenschlundes wo möglich noch steigern, – diese Erfahrungen gehören auch mit zur Kunde von den nordischen Polargegenden. Der erste Eisberg, dem der Seefahrer begegnet, sagt Schleiden, trägt für das kundige Auge die Inschrift von Dante’s Hölle:

„Die Ihr hier eingeht, laßt die Hoffnung draußen!“

Die wichtigste Bereicherung aus den Norpol-Expeditionen kam unserem Wissen über den Erdmagnetismus zu Gute. Die nur horizontal schwingende Magnetnadel (Deklinationsnadel) wurde in diesen hohen Breitengraden unthätig, kehrte sich bei der Melvillesinsel geradezu um und wies mit dem Nordpol nach Südwest, Süd und Südost; erst mit Hülfe der Inklinationsnadel (die nach Art eines Wagebalkens freischwebend aufgehängt ist) entdeckte der jüngere Roß am 1. Juni 1831 den eigentlichen magnetischen Pol in bedeutender Entfernung vom Erdpol. Die weitere Durchdringung dieses großen Naturgeheimnisses wird noch manches Schiff nach Norden führen.

Zur Rettung Franklins läuft keines mehr aus. Er ist verloren. – Dieser von Europa und Amerika betrauerte Seeheld, aus Spilsby in Lincolnshire, hatte sich frühzeitig auf der englischen Kriegsflotte ausgezeichnet und in den verschiedensten Meeren gefochten, als im Jahre 1817 die Nachricht nach England kam, daß die ausgedehnten Eisfelder, welche Jahrhunderte lang die Ostküste von Grönland umgeben hatten, plötzlich sich gelöst hätten und mächtige schwimmende Eisberge noch im 40. Breitengrade zu finden seien. Seit 1779 hatten die Nordpol-Expeditionen geruht; diese Nachricht rief sie mit neuer Kraft in’s Leben. Mit der ersten derselben ging Franklin 1818 unter Segel; sie blieb ohne Erfolg, Ein Jahr später befehligte er eine zweite, die von den nördlichsten Niederlassungen der Hudsonsbai-Kompagnie nach Norden ging; von dieser gelangte er nach Erduldung des furchtbarsten Elends erst 1822 nach London zurück. Auf einer dritten Reise, die er 1825 antrat, gelangte er bis 70° 30′ nördl. Br. und 150° westl. L. und kam erst 1829 wieder nach England. Hohe Ehren empfingen ihn von Seiten des Königs und der wissenschaftlichen Institute. Später finden wir ihn im Mittelmeer und, bis 1843, als Gouverneur in Vandiemensland. Kaum nach London heimgekehrt, wurde der eben dem Sechzigsten zuschreitende Veteran mit der Jünglingsseele abermals an die Spitze einer Expedition in die Polargewässer Amerika’s gestellt, die der alte Nordsegler John Barrow in’s Leben gerufen hatte. Mit zwei tüchtigen, für zwei Jahre überreich verproviantirten Schiffen, Erebus und Terror, schied er am 19. Mai 1845 von Englands Küste auf Nimmerwiedersehen. Die letzte Nachricht von dem hoffnungsfroh Lebenden brachte ein Wallfischfahrer, den er am 26. Juli im nördlichsten Winkel der Baffinsbai angesprochen. Seitdem war’s still, im Nordmeer und in England, [172] bis das Herzpochen der Angst und der Sehnsucht in den Seinen und seinen Freunden laut wurde und ihr Jammer ganz Europa für ihn und seine Gefährten zu Hülfe rief. Zehn Jahre lang zogen die Segel zur Rettung hinauf zu den Eskimo’s. Franklins Gattin, seine Freunde, seine Regierung, seine Verehrer in Europa und Amerika haben Alles gethan und gewagt, was Liebe und Pflicht gebieten. Man fand nichts, als Ueberreste von britischen Schiffsgegenständen, die Anzeichen eines Lagerplatzes, drei Gräber von Mitgliedern der Expedition mit Inschriften aus der Zeit des ersten Winterlagers und eine Kunde der Eskimo’s, daß im Frühling 1850 über 40 Weiße wohl mehr als 10–12 Tagereisen gegen Westen jenseits des großen Fischflusses durch Mangel an Lebensmittel umgekommen seien. Von Schiffstrümmern, Papieren, menschlichen Ueberresten nirgends eine Spur. Welches Ende fand der Mann mit seinen Braven? Es ist nur eine Nachricht darüber da. Sie ist entstanden in dem Geiste unseres Schleiden und lautet so: An einsamer eisiger Küste steht das Lager der unglücklichen Seeleute. Die Vorräthe sind verzehrt; Einer nach dem Andern unterliegt dem qualvollen Tode durch Kälte, Hunger und Erschöpfung. Vergebens durchspäht das Auge des edlen Franklin, des letzten Uebriggebliebenen, die ausgestorbene Wüste. Ermattet sinkt er nieder, und mit den letzten bitteren Worten: „Das Vaterland hat uns verlassen und vergessen!“ haucht er seine muthige Seele aus. Jahre kommen und vergehen. Da schimmern weiße Segel; die englische Flagge naht sich abermals dem ausgestorbenen Strande. In ängstlicher Hast eilen die Seemänner dem Zelte zu. Nichts regt sich. Noch ein Schritt; sie stehen an der Leiche ihres verlorenen Gefährten. Auf seinem Antlitz lesen sie den letzten Todesseufzer, den die herzlose Kälte der Natur mit boshafter Treue aufbewahrt hat. Stumm, vorwärts gebeugt, in peinigender Angst, lauschen sie, ob nicht irgend ein Geräusch in der Nähe noch eine Lebensspur verräth. Umsonst! Alles ist stumm, wie das Grab; kein Laut tönt unter dem weißen Leichentuche der Natur hervor; nur das innere Ohr vernimmt das schreckliche Wort, welches die alten nordischen Schicksalsraben in jeder Stunde dem siechen Europa zukrächzen: „Es ist zu spät!“