Die Ruinen von Ettajah in Bengalen

DLXXVI. Zwickau Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXVII. Die Ruinen von Ettajah in Bengalen
DLXXVIII. Die Ruine Auersberg
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RUINEN bei ETTAIA

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DLXXVII. Die Ruinen von Ettajah in Bengalen.




Ueber den Dschumnah ragt hoch noch Gemäuer, zu verkünden den Namen;
Aber die Königsstadt selbst, sie liegt als Staub in der Gruft.

Die Geschichte der indischen Reiche ist geschrieben in kolossalen Hieroglyphen. Städte entstehen, wachsen, stürzen und vergehen mit den herrschenden Geschlechtern, und die Blüthe und der Verfall ganzer Länder ist dort wie eine Livrey, welche mit jedem neuen Herrn Schnitt und Farbe wechselt. Nirgends auf der Erde liegen Größe und Verfall so nahe bei einander, als in Indien, und ein Paar Jahrhunderte umschließen oft das ganze Leben berühmter Orte und Staaten. Darum ist inmitten einer dichtgedrängten Bevölkerung das Land bedeckt mit Trümmern, welche wie die Blätter eines zerrissenen Buchs verworren durcheinander liegen und dem Forscher die Entzifferung erschweren.

Ettajah am Dschumnah war die alte Metropole des Landes, ehe Akbar vor zwei Jahrhunderten die Moguldynastie gründete und für sein neues Reich Agra als Hauptstadt erbaute. Agra ist jest selbst fast zur Ruine geworden, und auch seine Nachfolgerin, Delhi, die Stolze, wo noch der Mogul als Schatten umgeht, verfällt. Nicht was auf Despotengeheiß entsteht, nur was frei und naturgemäß sich entwickelt, hat Bestand und Dauer. Petersburg z. B. würde in 50 Jahren entvölkert seyn und Heerden würden Weide finden auf seinen Straßen, wäre es sich selbst überlassen; während in Nordamerika ein halbes Jahrhundert genügte, um, ohne Zuthun einer Regierung, Städte aus dem Boden wachsen zu machen, größer und herrlicher als alle Residenzen Europa’s, und dabei so voll von innerer Lebenskraft, daß die Grenze ihrer Entwickelungsfähigkeit noch nicht abzusehen ist. Wenn Petersburg, Berlin und Wien in Ruinen liegen, werden in New-York und Boston, in Cincinnati und St. Louis Bevölkerungen von Millionen in den Straßen wogen, Millionen freier und glücklicher Menschen; nicht Unterthanen, Sklaven und Werkzeuge der Einherrschaft, denen zu jeder Stunde ein Zuchtmeister mit seinen Prätorianern und Rothmänteln, mit Jellachichen, Wrangeln und Windischgrätzen, in Tagen zerstören mag, was der Bürger Fleiß aufgebaut hat und erworben in Jahrhunderten. –

Seitdem Dampfboote von Kalkutta den Ganges und Dschumnah bis nach Delhi herauf befahren, ist der letztgenannte Strom sehr belebt, und seine romantischen, den schönsten Partien des Rheinthals gleichenden Ufer sind [41] ein fashionables Ziel der indo-britischen Touristen geworden. Ettajah ist der Glanzpunkt der Fahrt. Denn nirgends sind die Ufer des Stroms schöner, und die Staffage – diese Trümmer von Kastellen auf allen Felsgipfeln, diese Tempel auf den Höhen oder gebettet in den Bergschluchten, – kann nicht prächtiger seyn. Bei dem Tempel, der mitten in den Ruinen der untern Zitadelle eingebaut ist, legen die Dampfschiffe für so lange an, als nöthig ist, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, Alles zu besichtigen. Braminen machen die Führer, und der Besucher erfährt von diesen wandernden Historiographen zugleich die Geschichte des Orts.

Europa besitzt weder nach Umfang noch nach Pracht ein Denkmal aus den Zeiten der Feudalherrlichkeit, das würdig wäre, mit dieser doppelten Königsburg von Attajah verglichen zu werden. Sie bestand aus dem obern und untern Schloß. Jenes steht auf dem Scheitel eines hohen Felskolosses, der mit fast senkrechten Wänden sich in die Wolken hebt.

Dieses obere Schloß ist bis auf einen kleinen Tempel, den ein alter Bramine bewohnt, gänzlich verfallen. Es besteht aus mehren Terrassen, die sich über einander erheben und früher durch Treppen mit einander in Verbindung standen, welche nun im Schutt begraben liegen. Die ehemalige Pracht ist jedoch immer noch sichtbar. Ueberall zeigen sich Skulpturen und kostbares Material, große Blöcke des schönsten Marmors liegen umher. – Etwas besser ist das untere Schloß erhalten, und weder Zeichnung noch Beschreibung mögen einen vollkommenen Begriff von der Schönheit der Architektur geben, sowohl im Aeußern als im Innern. Mehre Säle sind von Säulenarkaden getragen und die Fußböden bestehen aus Mosaik von bunten Steinen. Die Verwüstung macht an dem, was noch erhalten ist, reißende Fortschritte; bei jedem Regenguß dringt das Wasser durch die gesprungenen Decken und Gewölbe. Im Bankettsaal hat sich eine arme Hindufamilie eingerichtet, und an den Stufen des Königsthrons, die der Sage nach einst mit Goldplatten getäfelt waren und auf denen die Großen des Reichs in Ehrfurcht sich niederwarfen vor dem unumschränkten Herrscher, kocht jetzt der Pariah seinen Reisbrei. –

Ettajah – dein Staub verweht! ein Paar Jahrhunderte noch und deine Stätte kennt man nicht mehr. Wenn man fragt: was hast du gethan und gewirkt? so spottet dein die Antwort. Du hast getrunken und gegessen, du hast geschmeichelt und gehorcht, und der König, der über dir saß da droben in seinem Felsennest, der hat geschwelgt und gepreßt und geknechtet und gemordet von Geschlecht zu Geschlecht bis ein Stärkerer kam über ihn, und mit ihm that, wie er an Tausenden gethan hatte. Keines Hellers Werth hast du zum hehren Bau der Menschheit gesteuert, kein Sandkörnchen zum Menschenschatz des Wissens gefügt, keine einzige fruchtbringende Idee als Erbe ihr hinterlassen! Pilz du, Despotengewächs, du schossest auf aus Fäulniß und bist in Fäulniß vergangen! Hätte der Menschengeist einen Hals gehabt, deine Despoten hatten ihn abgeschlagen, so gewiß, wie auch unsere Tyrannen ihn abschlagen würden, wenn sie ihn am Schopf fassen könnten. Ja, bevor ihr zugebt, daß der [42] Hagelschlag der Freiheit und die Heuschrecken der Demagogie eure verschnittenen Taxushecken zerstören, wollt ihr lieber, daß keine Wolke am Horizonte aufsteige, müßte auch die ganze Erde darüber verdorren und die ganze Menschheit darüber verschmachten; aber über euerm Willen steht ein höherer, und mächtiger als alle Teufel ist der einzige Gott. Und an Gottes Hand gehen die Völker, und die Uhr der Volksfreiheit geht fort, mögt ihr auch die Zeiger rücken wie ihr wollt und sie schlagen lassen Mitternacht am hellen Morgen. Daß ihr aber an die Lügenzeit selbst nicht glauben könnt, die ihr gemacht habt; daß ihr, je fester ihr aufstampft, je schneller ihr rollen hört und schwinden fühlt den Boden unter euern Füßen: das ist eure Sorge, eure Angst, eure Verzweiflung: – und damit seyd ihr gerichtet!