Zwickau (Meyer’s Universum)

DLXXV. Der Alcazar in Segovia (Spanien) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXVI. Zwickau
DLXXVII. Die Ruinen von Ettajah in Bengalen
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ZWICKAU

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DLXXVI. Zwickau.




Als Deukalions Fluth den Erdkreis mit Wasser bedeckte,
     Legt’ er dir, freundliche Stadt, heimlichen Schatz in den Schooß.
Auf denn! rege die Hand unb heb’ ihn zum Wohle des Landes,
     Daß er belebe den Fleiß, schaffe dem Volke Verdienst.

Freudig begrüßte das Vaterland die hellen Lenztage der Volksfreiheit; aber die Märzsonne ist untergegangen und für Verkehr und Gewerbe ist schon längst dunkle Winternacht geworden. Die Industrie verkümmert; der deutsche Fleiß geht müßig; deutsche Arbeiter sind ohne Arbeit; deutsche Arbeitgeber zu Tausenden sind ohne Geld und ohne Absatz. „Das ist die Schuld und das Erbe der Freiheit!“ sagen ihre Schmäher. – Sie lügen’s. Die Freiheit hat so wenig Schuld daran, als der Arzt an der Hinfälligkeit des Kranken, wenn die Arznei das Fieber gehoben hat. Der Trauerzustand der deutschen Gewerbe ist die Schuld der langen Knechtung, deren Unerträglichkeit die Revolution verursachte, und jener tollen Staatswirthschaft, welche der Nation das Mark aussog, das baare Kapital derselben in die Fremde jagte und es mit Kreditpapieren ersetzte, die, als endlich der überspannte Bogen platzte und damit der Kredit selbst brach, vom Mißtrauen aus der Zirkulation gewiesen, bei Vielen nichts zurückließen, als bodenlose Noth, Ruin und Armuth. Man erwäge! In den drei und dreißig Friedensjahren hat die deutsche Nation durch die Schuld der Regierungen und ihrer, die deutsche Arbeit der fremden Raubindustrie schutzlos preis gebenden Berather dem Auslande sieben hundert Millionen Thaler für solche fremde Arbeitserzeugnisse hingegeben, die sie selbst machen konnte. Wir ließen fremde Nationen für uns weben; wir zahlten den Briten hundert Millionen Thaler Spinnerlohn; wir befahren jetzt noch mit englischen und belgischen Dampfrossen auf englischen und belgischen Schienen die Eisenbahnen Deutschlands; – ja in einem Dritttheil des Vaterlands kocht der hungrige Michel heute noch seine Kartoffeln in englischen Töpfen bei englischen Steinkohlen. Sträubt sich nicht der Nationalstolz, wenn uns die Zolltabelle vorrechnet und nachweist, daß wir für Eisen allein den Engländern etc. seit 1815 hundert und zwanzig Millionen Thaler haben bezahlen müssen? Für Eisen, sage ich, wahrend Berge der prächtigsten Eisenerze unbenutzt gen Himmel starren, während unermeßliche und unerschöpfliche Kohlenschätze den Bauch der deutschen Erde segnen und des Rufs zu ihrer Hebung warten; während die Hungerpest die arbeitslose Bevölkerung unserer Gebirge fraß; während Mangel an Arbeit das Proletariat dem Elend in den Rachen jagte und Hunderttausende von fleißigen und geschickten, [36] kräftigen und braven deutschen Bürgern zum Lande hinaustrieb, um über dem Meere eine neue, dem Fleiße dankbarere Heimath zu suchen. Ja, verrathen und verkauft war das deutsche Arbeitsvolk an die Fremde, und jene ehrlose, deutsche Diplomatie, welche mit dem deutschen Volksinteresse Schacher trieb, wie eine Kupplerin mit der Unschuld, die lohnte jede Klage, jede demüthige Vorstellung der Betrogenen mit Fußtritten und verachtendem Schweigen. Wenn aber die erwerblosen Massen zu laut wurden in ihrer Verzweiflung, so machte man sie durch Kanonendonner verstummen und ihren Hunger stillten die Volkspeiniger mit blauen Bohnen.

Noch ist dieses fluchbeladene System in Kraft. Während die deutsche Industrie, die Nährmutter der Arbeit, von tausend Schlägen getroffen, krankt und verkümmert; während zahllose Werkstätten geschlossen sind; während Hunderttausende sonst fleißiger Hände ruhen; während ganze Arbeiterheere darben und mit Entbehrung und Elend kämpfen: – überschwemmen nach wie vor die Erzeugnisse fremder Fabrikation die deutschen Lande, schleppen den letzten Thaler fort und dem armen deutschen Proletariat das letzte Stück Brod. Das Bankett der Freiheit ist vorüber; doch den deutschen Arbeitern ist nicht einmal ein Brosame zugefallen. Sie darben jetzt noch arger, als zuvor sie haben darben müssen. Auch die letzte große Hoffnung ist gebrochen; denn der Traum einer deutschen Zolleinheit zum Schutze deutscher Arbeit ist ausgeträumt, wie so viele andere Träume, und das Reich selbst erscheint dem Volke nur noch wie ein Wolkenbild, oder als stinkender Nebel, der sich allmählig auflöst, um bald gänzlich zu verschwinden.

Trotz alle Dem soll die deutsche Arbeit nicht müde werden, ihr Recht zu fordern und ihre Interessen zu vertheidigen. Was man ihr so lange vorenthalten und schmählich verkümmert hat, ihren Anspruch auf genügenden Schutz, welcher der fremden Raubindustrie die deutschen Märkte verschließt oder es doch möglich macht, daß die Produkte des deutschen Fleißes neben den fremden feilhalten können auf deutschem Boden, muß sie immer und immer wieder erheben, und nach jeder Versagung soll sie die Erfüllung um so entschiedener fordern. Sie darf nicht nachlassen, am wenigsten jetzt, wo das Interesse der ausländischen Arbeit dem deutschen mit Frechheit entgegentritt, mitten in Deutschland sein Heerlager aufschlägt oder Vesten baut, und nichts Geringeres im Schilde führt, als die weitere Entwickelung der deutschen Industrie unmöglich zu machen, sie nieder zu kämpfen und zu unterdrücken. Namentlich verfolgt die Freihandelspartei, unter der Oberleitung britischer Emissäre, die deutsche Arbeit mit grimmigem Haß. Diese Partei hat in den fabrikarmen deutschen Küstenländern, welche keinen Begriff haben von dem Elend und dem Jammer der brodlosen Arbeiter im Binnenland, eine große Macht, und an den Kommissionären, Händlern, Spediteuren und Agenten der fremden Fabrikation, welche Deutschland aussaugt und arm macht, findet sie ihre eifrigsten Wortführer. Sie hat in den deutschen Stapel- und Niederlagsplätzen der ausländischen Manufaktur ihr volksfeindliches Panier aufgesteckt, und die Fahne ihres englischen Propheten flattert auf dem Kirchhof der Hoffnung der deutschen Nation neben der in Trauerflor gehüllten Trikolore. [37] Frankfurt ist der Zentralpunkt, in welchem alle Thätigkeit der Freihandelsvereine zusammengeht und von da aus werden die wohlorganisirten Kämpferschaaren geleitet. Ihnen schließen sich alle an, welche bei der Invasion fremder Arbeit ihre Rechnung finden, oder sich durch die Deklamationen Derer bethören lassen, welche mit jesuitischer Dreistigkeit die Thatsachen verdrehen, die Erfahrung verleugnen und die Wahrheit der Verhältnisse auf den Kopf stellen. Diese der deutschen Volksarbeit feindlichen Gegner eines unsere Industrie schirmenden Zollsystems sind unablässig thätig. Britischer Einfluß ist ihre Stütze und britisches Geld erkauft ihnen Talente und Stimmen. Sie haben eigene Organe zur Verfolgung ihrer Pläne und die Tageblätter einer indolenten, gesinnungslosen oder bestochenen Presse öffnen sich willig ihrer Sophistik. Ihre Emissäre durchziehen das Land und stiften Vereine, halten Tischreden, streuen Flugblätter, Traktätchen und Pamphlets aus, um die öffentliche Meinung zu berücken; sie beaddressiren Kammern, Minister, Klubs und Parlamente; sie stacheln die Sonderbundsgelüste deutscher Regierungen an, um sie in Zwiespalt mit den der deutschen Arbeit und der furchtbaren Noth des deutschen Fabrikproletariats freundlichen Bestrebungen zu sehen und die Uneinigkeit für ihren und ihrer ausländischen Verbündeten Vortheil auszubeuten. Die Gefahren, welche von diesem Feinde drohen, sind um so höher zu achten, je größer die Mittel sind, über welche er zu verfügen hat. Wir wissen Alle, daß, wo der Schutz des britischen Fabrikinteresses in Frage steht, England kein Opfer schont. „Wir erkaufen die Gegner und Rivalen unseres Arbeitsinteresses überall in einem Goldstrom, und wo dies mißlingt, da kommen wir durch Retorsionen, Drohungen, oder die ultima ratio des Stärkern, durch Kanonen, zum Zweck.“ – Diese Aeußerung des ältern Pitt ist die traditionelle Politik Englands und – diese Politik trägt das Weltreich.

Gegen einen solchen Feind ist Nachgeben ein Sich-Aufgeben und Rückzug Vernichtung. Englands rastloser Thätigkeit im Angriff müssen die Vertreter deutscher Arbeit gleiche Thätigkeit der Vertheidigung entgegensetzen. Wenn auch die List und die Kraft jetzt überwiegen auf jener Seite, so wird doch zuletzt die Stärke des Rechts den Sieg behalten. Es wird aus dem Konflikte die bessere Einsicht der Regierungsgewalten sich entwickeln und die Läuterung der öffentlichen Meinung im Volke selbst geschehen, welches, irre geleitet, nicht selten das eigene Interesse verkennt. Mag dann während des Streits, der kaum begonnen hat, es der Fürstengewalt gelingen, die deutsche Bewegung für eine kurze Zeit in die erstarrten Formen des alten Staatenbundes zurückzudrängen; ein neuer Märztag wird doch kommen, wo die Nation, abermals von großen Gedanken ergriffen und aufgeweckt, jene Formen zum zweiten Mal, dann aber für immer, von sich stößt, um dauernd zu verwirklichen, was ihr jest wie ein Traum entschwindet. Vor dem „hohen Volke“, vor dem Areopag, den freie, direkte Wahlen aus den Besten und Weisesten zusammenführt, wird dann auch das Schutzrecht der Volksarbeit die Sanktion und Geltung erhalten, welche von den Gesetzgebern, die jetzt noch in letzter Stunde zu Frankfurt tagen, nimmer zu erwarten ist. Aus dem Schiffbruch unserer Märzhoffnungen haben wir noch genug gerettet, um dem erleuchtenden Wort eine Brücke [38] zu bauen in alle deutschen Herzen, und durch die öffentliche Meinung ein Zwangsrecht zu üben, dem sich keine positive Gewalt entziehen kann. Benutzen wir diese Zeit zur Aufklärung des Volkes über seine materiellen Interessen, damit, wenn der Tag komme, wo die Nation wieder zu Thron steigt als ihr eigner Gebieter, ihr das Verständniß nicht gebreche, ohne welches auch das höchste Maß von Freiheit dem Schutzbegehren der deutschen Arbeit noch keine Gewähr der Erfüllung gibt. Dieser Schutz, er muß anerkannt werden von der großen Mehrheit der Nation als sittliche Nothwendigkeit und er muß einen Grundpfeiler des deutschen Verfassungswerks bilden, welches aufzuführen einem neuen Volkstage beschieden ist.

In keinem Lande ist die Industrie noch groß geworden ohne legislative Pflege und Aufmunterung und ohne jenen Zollschutz, welcher der feindlichen, fremden Konkurrenz die Macht nimmt, sie im Entstehen zu unterdrücken und ihrer Entfaltung enge Schranken zu ziehen. Aber Zollschutz wird immer nur da seinen Zweck erreichen und eine gesunde, starke Industrie aufziehen, wo die natürlichen Bedingungen einer solchen vorhanden sind: Zunächst Beschäftigung suchende Menschen in Menge, folglich billigen Handlohn; Anstelligkeit, Sinn und Lust für Fabrikarbeit; wohlfeile Urstoffe; reichliche und billige Kommunikationsmittel und – Kapital. Ein wohlfeiler Brennstoff ist namentlich für die meisten Groß-Industrien ein Hauptbedürfniß. Ohne den unermeßlichen Steinkohlenschatz hätte z. B. England’s Fabrikation nie der Riese werden können, welcher sich die ganze Welt tributpflichtig gemacht hat. Aber auch welch ein Schatz! 40,000 Bergleute und 900 Dampfmaschinen mit der Kraft von 112,000 Pferden holen jährlich 1100 Millionen Zentner Kohlen, im Werthe von 250 Millionen Gulden, aus der Erde, und eine Flotte von 1800 Seeschiffen und 2000 Barken, bemannt mit 40,000 Matrosen, dient dazu, sie zu den Verbrauchsorten zu führen!

Neben einem solchen Bilde erscheint freilich alles winzig, was wir gleicher Art in Deutschland haben. Doch ist der Steinkohlenschatz um Zwickau, dessen bekannte Ausdehnung über 6 Fluren reicht und im Hauptfelde aus 9 Kohlenflötzen von zusammen über 130 Fuß Mächtigkeit besteht, von solcher Größe, daß eine Förderung von jährlich 1 Million Karren ihn in vielen Jahrhunderten nicht erschöpfen würde. Gegenwärtig bringen 1200 Bergleute mit 17 Dampfmaschinen etwa 400,000 Karren oder 3½ Millionen Zentner jährlich zu Tage. In Sachsen gilt das Gesetz, daß die Kohlenflötze nicht Eigenthum des Staats, sondern des Grundbesitzers sind. Früher war der Werth derselben wenig geachtet; seit er aber vollständig erkannt ist, sind mehre Dörfer um Zwickau zu großem Reichthum gelangt, und man hört dort von Bauern reden, die ¼ Million Thaler Kapitalien besitzen. Ein Acker Kohlenfeld ist schon mit 30,000 Thaler bezahlt worden; – dreimal theurer, als vor 50 Jahren das größte Bauerngut.

Fragen wir aber nach den Industrien zur großartigen Nutzung des Schatzes, so hören wir mit Verwunderung, daß auf diesem üppigen Boden bis jetzt noch wenige emporgewachsen. Nur ein wahrhaft großes [39] Etablissement, hervorgerufen durch den Patriotismus einiger Kapitalisten, hat sich nach langem, schweren Kampfe durch den ausdauernden Muth eines seiner Interessenten (Freiherrn v. Arnim auf Planitz) zu einer festen Existenz emporgerungen: das Eisenwerk Marienhütte zu Kainsdorf. Es fertigt hauptsächlich Schienen für den Bau der sächsischen Staatseisenbahnen. Außer diesem Werke, das im Stande ist, 50,000 Zentner Walzeisen zu fertigen, nutzen eine Glas-, eine Porzellanfabrik und viele Ziegeleien die reichlich vorhandenen Rohstoffe.


Nichts Anmuthigeres ist im ganzen Voigtlande, als die Lage von Zwickau. Wie eine bekränzte Braut liegt die von Gärten und Anlagen umgebene Stadt in einem schönen Thale, das die Mulde durchschlängelt, und die Menge Dörfer mit den großen, ja theilweise eleganten Wohnungen und die sorgfältig bebauten Fluren sind Zeugen von dem Fleiß und Wohlstand der Bewohner und nicht minder von der Fruchtbarkeit des Bodens. Eine eigenthümliche Zierde wird dem Fernblick der Stadt durch die Menge schlanker Säulen, welche sich im Süden der Stadt über einzelne Gebäude erheben und Rauchwolken ausstoßen. Es sind dies die Dampfessen der Steinkohlengruben, welche Tausende ernähren und den Wohlstand der ganzen Gegend mit begründen.

Die Stadt selbst ist eben nicht schön. Straßen und Plätze sind unregelmäßig, und selten sieht man ein Haus, das durch Bauart und Größe sich auszeichnet. Allein das Ganze hat das wohlthuende Gepräge des bürgerlichen Behagens, und die Lebendigkeit und Rührigkeit auf den Straßen läßt auf den ersten Blick erkennen, daß der Fleiß hier zu Hause ist und die städtischen Gewerbe blühen. Die Ursache, welche all das Leben hauptsächlich schafft, ist bald sichtbar. Langen Zügen von Kohlenwagen begegnet man auf allen Hauptstraßen, und die Chausseen in der Nähe der Stadt sind ganz geschwärzt von Kohlenstaub. Manchen Tag kommen 2–300 Frachtfuhrleute, um Kohlen zu laden, und Keiner kommt und Keiner geht, der nicht zum bürgerlichen Erwerb sein Scherflein steuert.

Zwickau hat etwa 9000 Einwohner in 850 Häusern. Seit einigen Jahren wird viel gebaut und es erweitert die schönste sich die Stadt nach mehren Richtungen. Unter den öffentlichen Gebäuden steht die Marienkirche – Zierde der Stadt – oben an. Sie ist die Perle der gothischen Baukunst im ganzen Königreich und besitzt einen Schatz von Gemälden und Skulpturen altdeutscher Meister. Das königliche Schloß Osterstein, groß und unregelmäßig gebaut, dient jetzt zum Aufenthalt für Sträflinge. Das ehrendste Denkmal verständigen Gemeinsinns hat sich aber die Stadt in ihrem neuen Schulgebäude gesetzt, dessen Erbauung 40,000 Thaler kostete. Die Einrichtung desselben ist musterhaft. Es ist mit schönen Anlagen umgeben und jeder Zwickauer darf es mit Freude und Stolz betrachten.