Die Tombs in New-York

Kano Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Die Tombs in New-York
Cilli
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THE TOMBS
IN
NEW-YORK

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Die Tombs in New-York.




New-Yorks „Grabzellen“ heißt auf Deutsch die Ueberschrift, eine Bezeichnung, die gewiß eben so sehr wie das nebenstehende wunderliche Bild etwas viel Geheimnißvolleres der Phantasie des Lesers zu verkünden geeignet ist, als ein Polizeigefängniß. Nichts Anderes verbergen jene seltsam mit Apisköpfen und geflügelten Weltkugeln – dekorirten Mauern, die uns wahrlich leichter an die Ufer des Nil, als in die Kleiderjuden-Straße (Centre-Street) von New-York versetzen. Wir gehören glücklicher Weise nur zu den zahlreichen Neugierigen, welche, wie Börse oder Kaffeehaus, die Tombs als Sprechsaal, als einen Markt für interessante Stadtereignisse [50] täglich besuchen und begegnen unter dem von steinernen Lotoskelchen getragenen Peristyl einem Manne, der mit verstörter Miene und händeringend erzählt: „Ich hatte einem Uhrmacher meine goldene Uhr zum Ausbessern gegeben und mir inzwischen eine galvanisirte von ihm geliehen. Fünf Tage später treffe ich einen Bekannten, mit dem ich einen lustigen Abend in einem Trinksalon zubrachte, in welchem sich auch „Damen“ befanden. Betrunken kam ich nach Hause und entdeckte am Morgen, daß die Uhr gestohlen war. Als ich den Uhrmacher fragte, wie viel die galvanisirte Uhr werth gewesen sei, behauptete er jetzt, dieselbe wäre nicht galvanisirt, sondern von Gold und koste 110 Dollars, er behalte einstweilen meine Uhr und ich sei ihm darauf noch 40 Dollars schuldig! Ich warf dem Uhrmacher einen Schurken an den Hals und begab mich zu einem Polizeimann. Gegen 15 Dollars versprach dieser, die Diebin noch an demselben Tage zu verhaften. Morgens darauf entschuldigte er sich, daß er noch zwei Polizeileute annehmen und jedem 5 Dollars geben müßte. Ich zahlte auch dieses Geld und hoffte nun endlich, meiner Uhr wieder habhaft zu werden. Wie sehr war ich im Irrthum! Der Polizeimann ließ Nichts von sich hören; man sagte mir, er sei nach Long Island gefahren, um zu fischen. Erbittert wandte ich mich nun an einen Advokaten, welchem ich 10 Dollars auf die Hand gab, um die Diebin verhaften zu lassen. Dies geschieht, aber der Advokat erklärt mir, er möge mit der Sache nichts weiter zu thun haben, denn wenn der Richter sie des Diebstahls nicht überführen könne, werde sie auf Schadenersatz klagen. Erst eine 20-Dollarnote bestimmte diesen edeln Sachwalter, die Angelegenheit weiter zu treiben. Die Diebin wird vor den Richter gebracht, aber der Advokat schweigt und sie wird entlassen. Ich war in Verzweiflung. Als ich aus dem Verhörzimmer kam, stellt sich mir ein Mann als Mitglied der Sicherheitsbehörde vor, sich erbietend, gegen 5 Dollars die Freigelassene wieder in Haft zu bringen, sie während der Nacht im Stationshause zu behalten und ihr das Geheimniß abzulocken. Ich war so thöricht, diesen Plan für praktisch zu halten, gab die 5 Dollars und freute mich im Voraus des Erfolges. Kaum hatte dieser mich verlassen, so klopfte ein anderer mir auf die Schulter: Er sei Berichterstatter für die Morgenblätter, möchte meine interessante Geschichte ausführlich mittheilen und bäte mich deshalb um meinen Namen. Das hätte noch gefehlt! Erführe das meine Familie, so wäre ich ein verlorener Mann. Aber den Berichterstatter wurde ich nicht los, bis ich mit meinen letzten 20 Dollars sein Schweigen erkaufte. Während ich nun eben den Polizeimann hier im Corridor erwarte, sagt mir jener Herr da, er sei ein Berichterstatter, jener, welchem ich 20 Dollars gegeben, ein Gauner, der zu der Bande der Skinners (Schinder) gehöre, die ihr Gewerbe nur in den Hallen der Tombs treiben und deren verschiedenartige Leistungen, vom Uhrmacher an, ich soeben für ein Lehrgeld von 100 Dollars kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

Dies ist eines der kurzweiligen Geschichtchen, wie man sie täglich zu Dutzenden an dieser Stelle vor sich gehen sieht; anstatt beim Uhrmacher heben sie vielleicht beim „Dropper“ an, der einen harmlos Vorübergehenden [51] ein nur schlechte Banknoten enthaltendes Taschenbuch finden läßt und dann eine Belohnung ihm abpreßt, entweder dafür, daß er verschweigen will, der Finder habe das Taschenbuch einem Andern gestohlen oder halb Part fordernd, – ein anderes beginnt mit einem Mock-Auktions-Abenteuer, in einem der berüchtigten „Peter Funk“-Läden, wo unter den plausibelsten Vorspiegelungen falsche Steine und vergoldete Uhren für ächte an den Mann gebracht werden, – wieder ein anderes hat seine Entstehung der Bekanntschaft mit den „Burners“ zu verdanken, durch ihre Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit den Fremden angenehm sich machende Gesellschafter, bis eine unvorsichtig eingegangene Wette oder schlau angelegte Spekulation sie zu spät den Wolf im Schafspelz erkennen und gewöhnlich noch Spott und blaugeschlagene Augen obendrein ernten lassen.

Wir führten nur einige Spezies aus dem großen Gaunergeschlecht der Weltstadt am Hudson an, dergleichen man zu jeder Stunde im Vorhofe der Tombs begegnet. Theilweise ist ja die Schwelle des Gefängnisses sogar der Schauplatz ihrer frechen und großentheils straflosen Streiche. Doch unser Führer von der geheimen Polizei, ein „Detektive“, nöthigt uns zum Weitergehen. Er will uns in einer Halle des Erdgeschosses die „Gallerie notorischer Gauner“ zeigen, eine gewiß sehr ergiebige Anwendung der Photographie. Barmherziger Gott, welche Physiognomien! Es wird uns unheimlich, weil dritthalbhundert Verbrecheraugen zumal uns anstarren. Aber unter zehn jener Physiognomien sind kaum zwei, welche den Schurken auf den ersten. Blick verrathen. Die gefälligen, offenen Gesichter sind stärker vertreten als jene mit lauerndem Blicke und hinterlistigen Mienen. Wir finden gutmüthige Bursche, Muttersöhnchen, wohlwollend darein schauende Greise, die gewiß keinem Armen ein Almosen versagen, feine Herren, die sich, sollte man denken, für ihre Geliebte hätten photographiren lassen. Dazwischen sind auch die heitersten Gesichter, und der rechtschaffenste Mann kann nicht vergnügter aussehen, als viele dieser Leute. Einzelne lächeln, als ob sie sagen wollten: die Polizei mag mich immerhin abbilden; ich bleibe dabei, stehlen ist bequemer als arbeiten. Viele verrathen einen hohen Grad von Selbstgefälligkeit. Gram und Bestürzung finden wir nur selten ausgedrückt, aber häufig jenen fatalistischen Blick, der Alles über sich ergehen läßt. Die Aelteren sind fast immer elegant gekleidet, Knaben dagegen erscheinen zerlumpt; Schnurrbärte selten, Vollbärte noch seltener. Die Gesichter sind großentheils mager, viele haben regelmäßige, selbst einnehmende Züge. Die weiblichen Ladendiebe sind meist über 30 Jahre alt, unschön und von boshaftem Ausdruck. Dagegen sind boshafte Männerphysiognomien nur spärlich vertreten, resolute aber sehr häufig; sie gehören meist Einbrechern, die sanften Gesichter den Gasthausdieben an.

Auf einem Tische liegt das Adreßbuch der Conterfeiten, ihr Namen- und Sündenregister. In ihm werden Alle verzeichnet, die der Schande verfielen, ihre Lehrjahre in Zuchthäusern oder in Staatsgefängnissen überstanden haben, oder noch in denselben sich befinden. Von Vielen ist es ausgemacht, daß sie lediglich durch [52] Diebstahl ihr Leben fristen, aber man hat sie nur verzeichnen, noch nicht zur Strafe bringen können. Alle Verbrecher sind in alphabetischer Ordnung mit genauer Personenbeschreibung, Familienverhältnissen, Geburtsland, Alter und Wohnung eingetragen. Jedes Porträt führt eine Nummer. Schlagen wir einige nach: Eine freundliche Physiognomie, ein Mann von dreißig und etlichen Jahren, feiner Gesichtsbildung, wohlwollender Miene, ein Gentleman, der keiner Dame einen Höflichkeitsdienst verweigern wird. „N. N., geboren in Schottland, sieht sehr fashionabel aus, Schauplatz seiner Gaunereien sind die Kunstanstalten auf dem Broadway. Namentlich bei Gastspielen, vollen Häusern und Andrang von Wägen bemüht er sich, den Damen behülflich zu sein, wenn sie in den Wagen steigen wollen; er stiehlt ihnen dabei, während seine Hände unter dem Shawl arbeiten, Börse oder Uhr. Die letztere pflegt er mit einer künstlich gearbeiteten Zange von der Kette abzukneipen. – Ein anderes Bild: Das ist ein scharf gezeichnetes Gesicht, im Profil aufgenommen; hohe Stirn, eng auf einander geklemmte Lippen, nachdenkender Blick; sieht fast aus wie ein Gelehrter, hat aber einen boshaften Zug um den Mund; das keck gehobene Kinn deutet auf einen Geschäftsmann. Richtig, er ist der Rothschild unter den Gaunern, der reichste Gauner in New-York. Sein Grundbesitz in der Stadt und deren Umgebung ist sehr bedeutend, und, wie das Buch bemerkt, durchweg mit unredlichen Mitteln erworben. Er soll lange Zeit Leiter einer sehr gefährlichen Diebsbande gewesen sein und ist Fürst der Hehler. – Noch ein Bild: Der Kopf eines schönen Mannes von dreißig Jahren. Er hat energische Züge und im Blicke jene Zuversicht, die da weiß, daß der Sieg bei Frauen gewiß ist. Er ist Meister im Einbrechen, er wird es auch mit dem Ausbrechen versuchen. Ein äußerst gefährlicher Schurke, bricht in Bankgebäude ein, sprengt eiserne Geldschränke mit Pulver, und führt ein üppiges Leben. Ist aus New-York. Spielte viel in den Spielhöllen. Brach an dem und dem Tage in das Gewölbe einer Versicherungsgesellschaft ein; wurde überrascht, vertheidigte sich mit dem Revolver auf Leben und Tod. Stand vor den Assisen, wurde zum Zuchthaus verurtheilt. Hatte mit elf Frauen und Mädchen Verkehr; war erklärter Liebhaber Aller. Hat keine Mitschuldigen und keinen Verkehr mit andern Verbrechern. Arbeitet stets allein auf eigene Faust.

Und so folgte eine ganze Conduitenliste der Armee, die auf hundert verschiedenen Wegen Krieg gegen das Eigenthum führt. Die hinter Schloß und Riegel bewahrten Originale verlangten wir nicht zu sehen. Wir hatten genug und gingen.

Die Zellen der Tombs geben ihren Bewohnern entweder die Freiheit zurück, oder liefern sie an das Staatsgefängniß ab, je nach erfolgter Freisprechung oder Verurtheilung. Nur die mit dem Strang Bestraften lassen ihr Leben in den finstern Mauern. Der Hof des Gebäudes ist die Richtstätte.