Kano
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KANO
(Sudan-Mittelafrika)
Südlich des 16. Grades n. Br. beginnt für Afrika eine neue Welt; denn erst unter diesem Himmelstrich tritt man in tropisch üppige Landschaften ein. Wellenförmig zieht sich der breite Gürtel der furchtbaren Sahara quer über den Erdtheil; sein ertödtender Sand verhindert Fruchtbarkeit und Gedeihen der Pflanzenwelt, so weit er sich erstreckt, – und das ist genau so weit, als von der entgegengesetzten Seite her die Regengüsse des tropischen Frühlings oder der Regenzeit reichen. Das Wasser ist es, welches den Tropen ihre Fülle, ihren Reichthum gibt, das Wasser ist es, welches der Wüste fehlt, sein Mangel Das, was sie zur Wüste macht. Verbunden mit der außerordentlichen Wärme jener Himmelsstriche und dem allbelebenden Sonnenlicht, wird es zu einem allmächtigen Zauberer, dessen Wirken gewaltig und märchenhaft ist. Selbst das starre, todte Gestein versteht es zu begrünen, selbst den Sand zu beleben; wo es zur Herrschaft gelangt ist, hat es ein Reich voller Pracht und Fülle, voller Märchen und Wunder erschaffen.
Es wird uns schwer, ein Land uns zu denken, in dem es niemals regnet, oder in welchem der wirklich einmal fallende Regen als überaus seltene Naturerscheinung angestaunt wird. Und gleichwohl müssen wir viele Länder der Sahara als solche regenlose betrachten. Von Norden herein sendet das Mittelmeer noch seine Gesandten, die regenschweren Wolken, in das dürre Land, und Tripolis, noch mehr aber die Atlasländer (deren Gebirge diese Meeresboten am Weiterziehen hindern und ihre befruchtenden Gaben ihnen abnöthigen), liegen noch unter dem Einflusse dieses Meeres und blühen und erzeugen; südlich von ihnen aber beginnt die todte Welt, das Meer des Sandes, einen Kampf mit dem Leben: dem Wasser. Sein Sieg muß den Tod und die Oede zur Folge haben, muß selbst ein Paradies in eine Wüste verwandeln.
[44] Südlich des 16., hier und da bereits des 18. Grades n. Br. gestalten sich die Verhältnisse anders. Der dem Aequator zuwandernde Reisende bemerkt den Einfluß des unter dem entsetzlichsten Aufruhr der Elemente zeitweilig zur Erde herabrauschenden Wassers, sobald er jene Grenzen überschritten hat. Die Sandmeere verschwinden; die staubigen Ebenen, auf denen er bisher nur halbdürres Riedgras kümmern sah, bekleiden sich mit einem Pflanzenteppich, welcher anfangs allerdings noch spärlich ist, gar bald aber reicher und wechselvoller wird; selbst zwischen den glühenden Felsenmassen, deren trostlose Oede höchstens durch die prachtvollen Farben des Südens gemildert wird, sproßt es und keimt es; auch die Gipfel der Berge schmücken sich mit frischem Grün. In jedem Breitengrade, den man weiter durchwandert, begegnet man neuen Pflanzen; die Arten, so wie die einzelnen Gewächse werden zahlreicher. Je mehr man sich der Linie nähert, je flammender die Blitze, je heftiger die Regen werden, um so mehr steigert sich der Reichthum und die Fülle des pflanzlichen Lebens. Bereits unter dem 15. Grad n. Br. vereinigen sich die früher nur einsam, gleichsam verlassen an den Ufern der Ströme oder in den tieferen Niederungen stehenden Mimosen zu Wäldern und sie selbst erstarken zu gewaltigen, schattenreichen, herrlich blühenden und köstlich duftenden Bäumen. Die Ebenen deckt ein oft mannshoher Graswald, welchen einzelne Bäume und dichte Gesträuche überragen; in den Thälern geht die Steppe – denn diese tritt im Innern Afrika’s an die Stelle der Wüste – jedes Mal zum Urwald über; und während nördlich nur die Ströme die Herzadern und Erhalter des Pflanzenlebens waren, wird letzteres südlich des 13.Grades n. Br. allgemein. Je früher die Wiederkehr der Regenzeit erfolgt, oder je länger sie währt, um so ähnlicher an Fülle und Schönheit wird der Pflanzenwuchs Afrika’s dem der in aller Pracht und Ueppigkeit schwelgenden Tropenländer Amerika’s. Die starken und häufigen Regen sättigen hier alle Gewächse hinlänglich, um das ganze Jahr hindurch in voller Frische fortleben zu können. Die unserem Winter gleichbedeutende Zeit der Dürre verliert mehr und mehr ihre vernichtende Gewalt, und die gleichsam noch immer durstige Pflanzenwelt der Steppe wird durch eine ächt tropische ersetzt, obwohl die Dürre auch hier noch mächtig genug ist, wenigstens einen Theil der Pflanzen für einige Wochen in Todesschlummer zu versenken.
Diese klimatischen Einwirkungen haben dem Innern Afrika’s das Gepräge aufgedrückt, das es kennzeichnet. Im Westen wie im Osten, südlich des Gleichers, wie nördlich desselben, scheint es so ziemlich dasselbe zu sein. Das innere Afrika ist eine unermeßliche Steppe mit Urwäldern. Auf Meilen hin deckt Graswald die Ebene, auf kaum minder ausgedehnten Strecken dichter Urwald die Niederung. Die eine wie die andere gehen in einander über und ergänzen sich gegenseitig. Der Urwald ist nur als eine höhere Vegetationsstufe der Steppe anzusehen.
[45] Mit diesem reichen Leben der Pflanzenwelt steht das der Thiere und des Menschen im innigsten Einklange. Elephant, Nashorn und Nilpferd, Giraffe und Antilope, Löwe und Leopard, Steppenhund und Steppenfuchs, Erdferkel und Schuppenthier, Pavian und Meerkaze, Geier und Adler mit Prachtgefieder, Papageien und Helmvögel, farbenreiche Bienenfresser und schimmernde Honigsauger, die Kolibri’s Afrika’s, merkwürdige Sänger, zahllose Hühner, Trappen und Laufvögel, unter denen der Strauß als Wundervogel obenan steht, wunderliche Störche, Flamingos, riesenhafte Reiher, der märchenhafte Schuhschnabel oder Wallfischkopf, Pelekane, Schlangenhalsvögel, Enten und Gänse, Schildkröten, Krokodile, riesige Eidechsen, Riesen- und Giftschlangen, tropische Frösche, furchtbare Skorpione, Taranteln, Tausendfüße und lebende Edelgesteine in Schmetterlings-, Bienen- und Käfergestalt sind aus der Thierwelt die bezeichnenden Gestalten für diesen Reichthum, welcher weit mehr an das wassergesättigte Amerika, als an Afrika denken läßt. Auch der Mensch des Innern ist ein ganz anderer, als der der dürren Ränder oder des Südens von Afrika. In seinem ganzen Leben und Wesen ist der Reichthum seiner schönen Natur deutlich ausgedrückt; er ist weniger kräftig, weniger streng, weniger rechtlich, weniger muthig, weniger tapfer, als der Mann der Wüste oder des Nordens, aber er ist dafür fröhlicher, heiterer, leichtsinniger, leider freilich auch ausschweifender und lasterhafter, und weniger verläßlich, als jener. Sorglos lebt er in den Tag hinein; er bedarf wenig und seine Heimath bietet ihm Alles in Fülle, ja mehr, als er bedarf. Deshalb hat er auch nicht Ursache, sich um das irdische Besitzthum zu kümmern, obgleich er dies thut, sobald er einmal zur Herrschaft gelangt ist. Der unselige Sklavenhandel oder vielmehr die unselige Sitte, Sklaven zu halten, überhebt ihn der Arbeit und macht aus ihm einen in jeder Hinsicht leichtfertigen Gesell; jedoch ist der Grundzug seines Wesens so edel, daß diese Leichtfertigkeit selten zum Nachtheil ausartet. Es ist ein sehr großer Irrthum, in welchen wir noch heut zu Tage gewöhnlich verfallen, daß wir uns in den Bewohnern Centralafrika’s lauter halb oder ganz wilde Barbaren ohne jegliche Spur von Gesittung, Glauben, Wissen und Bildung denken. Der größte Theil des Innern und der zugleich für uns wichtigste wird von betriebsamen, nach ihrer Weise hinlänglich gebildeten, Völkerschaften bewohnt, und es ist keineswegs übertrieben, wenn Reisende den Grad der Bildung der dunkeln innerafrikanischen Völkerschaften nicht nur weit über den anderer Erdtheile, sondern auch über den der dicht an Europa grenzenden Marokkaner stellen. Namentlich haben wir in neuerer Zeit an drei Orten die Betriebsamkeit und Regsamkeit, mit einem Worte die Bildung der innern Afrikaner, schätzen gelernt: in Timbuktu, Kano und Charthum, und gewiß verschließt das Binnenland noch mehre diesen ebenbürtige Städte. Die wichtigste unter den bekannten ist unstreitig Kano, das London Afrika’s.
Kano liegt etwas nördlich von dem 12. Grad n. Br., fast unter dem 27. Grad östl. L. von Ferro in der Landschaft gleichen Namens, welche als der Garten der Fellataländer angesehen wird. Die Landschaft ist im [46] hohen Grade anmuthig, sie ist ein wohl bebautes Land, mit zahlreichen Meiereien und reichbestandenen Feldern, zu denen sich üppige Urwaldungen gesellen. Außer der Hauptstadt soll sie noch 27 mit Mauern umgebene Städte und über ½ Million Bewohner haben. Gewaltige Mauern von 4 deutschen Meilen im Umfang schließen die Hauptstadt ein, welche allerdings den durch die Wälle geschützten Raum bei weitem nicht ausfüllt, sondern nur als ein Zufluchtsort der gesammten umwohnenden Bevölkerung bei Kriegen betrachtet wird. Viele Wohnungen sind, wie die gewöhnlichen im Innern Afrika’s: Strohhütten mit kegelförmigem Dach; allein zwischen ihnen finden sich auch viele Lehmgebäude, von denen einige sogar künstlerisch ausgeführt sind. Im Allgemeinen findet man beide Arten von Gebäuden unter einander gemischt, im südlichen Theile der Stadt aber sind die Hütten die vorherrschenden Wohnungen; die Lehmhäuser sind höchst unbequem gebaut und, wie es überall im Innern Afrika’s gebräuchlich, möglichst nach außen abgeschlossen, demnach auch mit möglichst wenigen Fenstern versehen. Manche besitzen einen zweiten Stock, jedoch ist auch dieser nur sehr mangelhaft. Die Hofräume sind stets sehr klein.
Unser berühmter Landsmann Dr. Barth schildert uns das Leben in Kano in sehr ansprechender Weise mit kurzen kräftigen Zügen: „Der Reisende zu Fuß kann sich keinen rechten Begriff von einer afrikanischen Stadt verschaffen, zu Pferde dagegen gewinnt er einen Blick in alle Hofräume und wird Augenzeuge der verschiedenen Geschäfte und Scenen des alltäglichen Lebens. So konnte ich denn auch heute von meinem Sattel aus all die verschiedenen Bilder des öffentlichen und Privatlebens überschauen, äußerlich von denen europäischer Städte durchaus verschieden, und doch wieder in den vielfachen Triebfedern so ähnlich. Hier reiche Buden mit feilschenden Käufern und Verkäufern, dort nackte, halb verhungerte Sklaven unter einem hürdenähnlichen Schattendach zum Verkaufe ausgeboten; Buden mit den schmackhaftesten Lebensbedürfnissen aller Art, auf die der darbende Arme begierig blickt; ein reicher Herr, in Seide und glänzende Gewänder gekleidet, auf einem edlen, reichgezäumten Rosse, gefolgt von einem Troß übermüthiger Sklaven, und wiederum ein armer Blinder, mühsam seinen Weg fühlend. Hier ein freundlich mit neuen Matten und Rohr eingefaßter Hofraumum eine reinliche, gemüthliche Hütte mit wohlgeglätteten Lehmmauern, eine sorgsam geflochtene Rohrthüre an das runde Thor gelehnt, ein sauberer Schuppen für die tägliche Hausarbeit, beschattet von einer sich weit ausbreitenden Alleluba, einer schönen Gonda oder einer hohen Dattelpalme. Die Hausfrau im reinlichen schwarzen Baumwollenkleid, mit einem Knoten um die Brust befestigt, und mit zierlich geflochtenem Haar, geschäftig, die Mahlzeit für den abwesenden Mann zu bereiten oder Baumwolle zu spinnen, die Sklavinnen antreibend, mit dem Stampfen des Korns für das Mahl zu eilen, und umgeben von nackten spielenden Kindern und dem wohlgeordneten Hausrath der irdenen Töpfe und hölzernen Schalen und Schüsseln. Dort die heimathlose Buhlerin im bunten Kleiderschmuck, zahlreiche Perlenschnüre am Halse, das Haar phantastisch geputzt und mit einem Diadem umwunden, ihr vielfarbiges [47] Gewand lose unter der Brust befestigt und lang im Sande nachschleppend; daneben wiederum ein kranker Ausgestoßener, mit Beulen oder der Elephantiasis behaftet.“
„In der Färberei waren die Männer beschäftigt, die Indigofarbe zu mischen, wohlgesättigte Hemden zum Trocknen aufzuhängen und die schon getrockneten in regelmäßig harmonischem Takt mit hölzernen Hämmern zu schlagen, um ihnen den feinsten Glanz zu verleihen. Ein Grobschmied schmiedete mit rohem Werkzeuge Dolche von bewundernswerther Schärfe, Speere mit starken Widerhaken, oder die nützlicheren Werkzeuge des Ackerbaues. Ueberall geschäftige Männer und Frauen und daneben träge Umhertreiber, in der Sonne sich streckend. – Dort kehrt ein zahlreicher Zug einheimischer Handelsreisender aus dem fernen Lande Gondja heim, beladen mit der allgemein begehrten Guronuß, dem Kaffee des Sudan. Hier bricht eine Karawane, mit Natron befrachtet, nach Stupe oder Nyffi auf, oder ein Trupp Tuareg zieht zur Stadt hinaus, um Salz nach den Nachbarstädten zu bringen. Araber führen ihre schwer beladenen Kameele nach dem Quartier Ghadamsier, oder Sklaven schleppen einen seinem kläglichen Leben erlegenen Leidensgenossen hinaus, ihn in den Alles verschlingenden Sumpf Djakara zu werfen. Hier ein Trupp mehr prahlend als kriegerisch aussehender Reiter, nach dem Palast des Statthalters sprengend, ihm die Nachricht von einem Einfall des Sserki Ibram von Sinder zu bringen; dort – eine weite Knochenstätte von Aas und Unrath aller Art.“
„Kurz, überall das menschliche Leben in allen seinen verschiedenen Formen, Freude und Trauer, Gedeihen und Verderben im buntesten Gemisch. Alle Nationen, Gestalten und Farben waren vertreten: der olivenbraune Araber, der röthere Targi, der dunkle Bornuer, der leicht und schlank gebaute Fellani mit kleinen scharfen Zügen; dort die breiten Gesichter der derberen Wangaraua (Mandingo’s) oder eine große starkknochige Frau von Nyffi, hier die wohlgebaute, freundlich lächelnde Bahauscherin.“
„Leider ist die Stadt in hohem Grade schmutzig, und die Aasgeier haben täglich viel zu thun, den Unrath der Bevölkerung aufzuräumen. Der große Sumpf Djakara in der Mitte der Stadt ist die allgemeine Gosse Kano’s, in welche aller Unrath, aller Abfall, ja selbst die Leichname von Sklaven und Stieren niedergelegt werden.“
Kano wird gegenwärtig von den Fulbe beherrscht, welche die hier Habe oder Kochelan genannten Haussa unterjochten. Außerdem wohnen viele Araber in der Stadt. Die gesammte Zahl ihrer Einwohner mag 30,800 betragen. Der Zudrang der Fremden und die Zahl der nur zuweilen hier Anwesenden ist jedoch so groß, daß in den Monaten Januar bis April oft mehr als 60,000 Menschen sich innerhalb der Mauern Kano’s befinden mögen.
[48] Kano ist die bedeutendste Handelsstadt der mittlern Negerlande nördlich vom Gleicher. Erzeugnisse und Handel der Waaren gehen hier Hand in Hand, und fast jede Familie hat ihren Antheil daran. Von hier aus reisen Karawanen bis Mursuk, Rhat, Tripolis, Barhirmi, Timbuktu und bis ins tiefste und unbekannteste Innere. Alle bessere Kleidung, welche man in Timbuktu trägt, kommt aus Kano, wo sie gefertigt und von wo aus sie auf ungeheuern Umwegen der Sicherheit halber versendet wird. Namentlich fertigt man baumwollene Zeuche in der Stadt selbst und in den zunächst gelegenen kleinen Ortschaften der Provinz von der hier einheimischen Pflanze, welche mit selbst gezogenem Indigo gefärbt wird. Aus diesen Zeuchen wird die verschiedene Kleidung der Inner-Afrikaner hergerichtet, und der Werth der Gesammterzeugnisse mag nach Barth an 300 Millionen Zahlmuscheln (Kurdis) betragen. Allerdings sind dies bloß ungefähr 1200 Speciesthaler nach unserem Gelde, allein wir müssen hierbei nothwendigerweise an die Summe der afrikanischen Zahlmittel und nicht an die unserigen denken. Einzelne Hemden, welche als besondere Schmuckstücke gelten, kosten 18–20,000 Kurdis. Außer diesen Gegenständen nennt Barth unter den Erzeugnissen Kano’s noch folgende: sehr künstlich gearbeitete Sandalen, sehr schön gegerbte Häute, röthlich gefärbte Schaffelle, welche über Tripolis selbst bis zu uns gelangen, die Einrahmung kleiner Spiegel, die von Tripolis aus nach Kano kommen, Anfertigung kleiner Schachteln und Büchsen aus Leder, allerhand Eisen, als Speere, Lanzen, Dolche, Ackergeräthschaften, Steigbügel und Zaumketten, selbst goldene und silberne Gegenstände, obgleich die edlen Metalle nur von Grobschmieden verarbeitet werden u. s. w. Unter den natürlichen Erzeugnissen, mit denen sich der Großhandel befaßt, sind das Negerkorn und Guro oder Guronuß die wichtigsten. Außerdem werden Sklaven ausgeführt und eine Menge von Gegenständen wenigstens aus- und durch Kano geführt. Aus dem Lande Aïr kommen jährlich mindestens 3000 Kameelladungen Salz durch Kano, und von dem Mittelmeerland arabische Kleidungsstücke, Weihrauch, Gewürze, wohlriechende Oele, Kupfer, von welchem der Centner gegen einen Sklaven umgetauscht wird, von dem innern Lande Silber, Gold u. s. w., und aus Europa endlich Papier, Kattun, französische Seide, rothes Tuch aus Sachsen und aus Livorno, Glasperlen aus Böhmen und Venedig, Spiegel, Nadeln und Kurzwaaren von Nürnberg, Schwertklingen von Sohlingen, Rasirmesser aus Steiermark, Zucker aus Marseille.
Wie sehr dieser Handel dazu beiträgt, den allgemeinen Wohlstand zu heben, mag daraus hervorgehen, daß eine eingeborne Familie bei bescheidenen Ansprüchen mit 60,000 Kurdis oder 24 Speciesthalern das ganze Jahr lang bequem leben kann. Außer diesem Handel hat Kano noch Korn und Weide im Ueberfluß, und jeder seiner Bewohner Das, was er braucht, genügend: deshalb dürfen wir unbedingt Kano als eines der glücklichsten Länder der Erde ansehen.
[49] Auch die Regierung ist hier nicht drückend, obwohl die Anmaßungen der herrschenden Klasse wie überall viel Ungerechtigkeit veranlassen. Der Statthalter oder Sserki regiert nicht unumschränkt, sondern ist einem Oberherrn, dem Sultan von Ssockoto, verantwortlich, und jeder Unterthan, welcher sich in seinen Rechten gekränkt wähnt, kann versuchen, bis zu diesem vorzudringen. Im Uebrigen ist er allerdings die Spitze aller Behörden, sowohl was die Rechtspflege als das Soldatenleben anlangt. Unter ihm stehen der Ghalladima, nach unsern Begriffen Ministerpräsident, der Befehlshaber der Reiterei, Sserkin-n-dauakei oder Oberherr der Sklaven oben an. Auf sie folgen der Oberrichter, der Finanzminister und der Aufseher der Packochsen, welche Herren sämmtlich hohe, wichtige Stellen im Staate einnehmen und sämmtlich Fulbe sind, also alle den Herrschern angehören. Diese unterscheiden sich von der unterworfenen Bevölkerung durch den Widerwillen, dieselbe Kleidung mit ihnen zu tragen, stehen aber nicht an, die hübschen Töchter der Besiegten zu heirathen, obwohl sie niemals gestatten, daß das Umgekehrte stattfindet, und ein Mann ihrer Unterworfenen eine ihrer Töchter zur Ehe nimmt. Uebrigens gelten sie für feig, wahrscheinlich deshalb, weil sie durch das bequeme Leben in Kano viel von ihrer früheren Regsamkeit und Kühnheit verloren haben.
Diese zusammengedrängte Schilderung mag genügen, unsern deutschen Lesern den Begriff eines Staates zu geben, welcher, obwohl im Innern Afrika’s gelegen und weit von allen gesitteten Ländern nach unsern Begriffen entfernt, dennoch in sich selbst unversiegbare Quellen des Wohlstandes und Wohlbefindens enthält, deren Ausfluß mehr oder minder Allen, Reichen und Armen, zu Gute kommt und in ihrer Weise zu vollkommen glücklichen Menschen macht.