Die neue Börse in London
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DIE BÖRSE IN LONDON
Jede Zeit hat ihren Gott und ihre Wunder. Jene Tempel, gebrochen in der Berge Nacht, jene Säulen-Colosse an ihren Füßen, jene Sphinxe in Hieroglyphen stammelnd, jene Pyramiden und Obelisken zur Sonne strebend, Balbeck mit seinen Säulenstraßen, die Pracht von Susa und Babylon, Hellas’s lichte Tempelhöhen, die Pforten des Ruhms der alten Roma und die kunstreichen Münster des Mittelalters: – sie alle sind redende Zeugen von den Ideen, welche in ihren Zeiten herrschten. Auch unsere Zeit schafft des Großen viel; doch ist’s ein anderer Gott, der sie regiert, und die Idee hat wenig mit ihm zu schaffen. Es ist der Judas unter den Zeitgöttern, der Seckelmeister, der Haus zu halten und zu rechnen weiß und Zins zu Zinsen schlägt. Auf das Nützliche ist das Streben der Menschen jetzt zumeist gerichtet und alle Thatkraft wendet sich dem Vortheil zu. Kunst und Wissenschaft thun Mägdedienst bei diesem Götzen, leuchten ihm hinab in der Erde Schooß, ebnen ihm die Berge, füllen die Thäler aus und helfen seinen riesigen Traumgestalten an das Licht der Wirklichkeit.
Dieser Gott hat unter den Völkern einen Liebling sich auserkoren. Einen Fuß setzend auf den Fels der Heimath, den andern in des Weltmeers Mitte, trägt England hoch sein Haupt über alle andere Reiche. Mächtiger als Rom und reicher als Karthago, nennt es die halbe Welt sein eigen, und die andere Hälfte kann sich seinem Einfluß nicht entziehen. In der Freiheit wahrt es sein goldenes Vließ; in den Gewerben schützt es die Basis seiner Größe und der Handel ist der Athemzug seines Lebens.
Rom brauchte 800 Jahre, um mit dem Schwert allein die Eroberung der Welt zu verfolgen. England errang mehr in zwei Jahrhunderten durch den Handel und die Arbeit. – Könnten nicht ähnliche Mittel auch andere Völker auf denselben Grad von Macht erheben? – Amerika und Frankreich versuchen es. – Warum nicht Deutschland?
Der Tag ist noch nicht da; aber er kommt gewiß, wo auch wir in die vorderste Reihe der Nationen treten, Theil zu nehmen an den unermeßlichen Vortheilen, welche das britische Reich seiner Gewerb- und Handelsblüthe verdankt. Hüten wir uns nur, sie je auf dem falschen Wege zu suchen! Nicht der Unternehmungsmuth, nicht die Einsicht, nicht die Thätigkeit, nicht die Uebergewalt des Geldes und der politischen Macht sind es vorzugsweise, sondern vielmehr die besonnene Klugheit, der gute Haushalt und die Rechtlichkeit der betriebsamen Menschen, was den Arbeiten [152] und dem Handel Englands das Uebergewicht verleiht. Wenn jemals in den britischen Inseln der nützliche Bürger diese Tugenden verlöre, so dürften wir gewiß seyn, daß, trotz des Schutzes der furchtbarsten Kriegsflotten, trotz der Berechnung und Vorsicht der tiefsten Staatsklugheit, Englands Kauffahrer, von allen Küsten zurückgestoßen, bald von den Meeren verschwinden würden, auf denen sie jetzt die Schätze der ganzen Welt um die Schätze des Fleißes ihrer Heimath tauschen.
Es war mir von jeher eine erhebende Beschäftigung, tief in den Charakter des englischen Gewerbs- und Kaufmanns einzudringen. Meine ersten Mannesjahre habe ich in seinem Umgange verlebt. Eine lange Beobachtung hat mich immer darauf zurückgeführt, daß das unersättliche Verlangen, welches jedem britischen Geschäftsmann inne wohnt, die fremden Nebenbuhler zu erdrücken und zu beseitigen, nie zu Mitteln greift, deren ein Ehrenmann sich schämen könnte. Eine kalte, anhaltende, geregelte Thätigkeit, eine besonnene Kühnheit, mit welcher der Unternehmer mit prophetischer Berechnung von Unfällen und Erfolgen Alles daransetzt, eine Ausdauer, die nichts lähmt, nichts erschüttert, und alle die kräftigen Tugenden, die einer Seele inne wohnen, deren erste Triebfedern der öffentliche Geist, der Ruhm des Vaterlandes und der Stolz des rechtlichen Mannes sind, gehoben durch die Vortrefflichkeit der Staatseinrichtungen und den unverletzlichen Schutz der Gesetze, – dieß sind die Eigenschaften, welche dem englischen Kauf- und Gewerbsmann zu Erfolgen führen, welche in ihrer Totalität dem Lande in so kurzer Zeit jenes Wunder von Reichthum und Macht erwarben, welches das Erstaunen der Welt geworden ist. Auf dieses eine Ziel sind alle Thätigkeiten im Volk und Staat beständig hingerichtet. Darum werden alle Verträge geschlossen, darum ist die Gesetzgebung wirksam, darum sind die unzähligen Anstalten geschaffen, welche den Transport und die Magazinirung im Innern und in der Nähe der Küste vermitteln, darum bestehen jene Einrichtungen, welche auf jedem Punkte von Großbritannien den Verkehr unglaublich rasch und wohlfeil machen, darum werden die schwimmenden Vesten in alle Meere entsendet, und um die Rechte und das Eigenthum des britischen Kaufmanns zu schirmen sind die Stationen britischer Macht über das Erdrund gestreut. Eine nimmer rastende Rührigkeit gräbt fort und fort neue Häfen, mauert neue Docks für die Handelsflotten, senkt neue Leuchtthürme in des Meeres Grund und tieft die Ströme aus, und alle diese großen öffentlichen Arbeiten gehen vom Volke aus, das seinerseits vom Staate nichts weiter verlangt, als Schutz im Ausland, Schutz gegen fremde Arbeit, im Innern überall Recht und Freiheit und – das Laissez faire für alles Uebrige. Und dieses „Gehen lassen“ hat in dem kurzen Zeitraum von 80 Jahren England für 1200 Millionen Gulden Straßen gegeben, für 2 Milliarden Eisenbahnen, für eine Milliarde Kanäle, für ebensoviel Häfen und Docks; es hat zahllose Ortschaften gebaut, tausend und aber tausend neue Stätten der gewerblichen und commerziellen Thätigkeit gegründet und den Bodenwerth des Landes um vier Milliarden erhöht.
[153] „Ihr habt eine Akropolis gebaut,“ – sagte Peel, der Premier, bei der Einweihung der neuen Londoner Börse – „und wir wollen sie in Ehren halten, wie Hellas sein Nationalheiligthum, an das diese Säulen so lebhaft erinnern.“ – Wahrlich, ein Wort, eines großen Staatsmanns würdig! Daß die englische Staatsklugheit jemals dem Prinzip entsagen könnte, welches den Handel als den Grundstein der englischen Macht zu ehren heißt, ist nicht zu denken.
Im Mittel der City, da wo Cheapside und Cornhill ihr tosendes Straßengewühl zusammengießen, im Herzen des englischen Handelslebens, gruppiren sich alle die großen Gebäude, welche den Zwecken des Weltverkehrs dienen; dort sind Bank und Post, der Palast der ostindischen Compagnie, die Stockbörse und die Royal-Exchange, d. i. die Börse für den Waaren- und Wechselhandel. Diese letztere steht auf der Stelle der alten, welche, als die schönste der Welt gerühmt, 1838 am 16. Januar gänzlich niederbrannte. Am 17. Januar 1842 war die Grundsteinlegung zur neuen Börse und binnen weniger als 3 Jahren wurde dieß massive Prachtgebäude, welches unser Stahlstich so meisterhaft veranschaulicht, vollendet. Die herrliche westliche Hauptfronte mit dem griechischen Portikus, dessen Frontispiz ruhmredige Allegorien auf Englands Handelsgröße en basrelief verzieren, führt auf Prachtstufen von Granit zum „Merchants walk“, den schönen Arkaden, welche den innern, offenen Hofraum einschließen. Dieser Säulengang ist der eigentliche Tempel für die herrschende Gottheit der Jetztwelt. In den Nachmittagsstunden von 3 bis 5 Uhr versammeln sich hier seine Priester und Verehrer, die Wechsler und Kaufleute zu vielen Tausenden, Männer aller Farben, aller Zonen, aller Völker, und das wunderbare Gewimmel des Weltverkehrs summt in allen Sprachen. – Es ist ein großes, eindrucksvolles Schauspiel, und wohl ziemen dem Briten bei dessen Anblick die stolzen Dichterworte:
Stände die Welt auch auf, zu tödtlicher Fehde gerüstet,
Schickte Okeanos selbst feindliche Flotten uns zu:
Nimmer noch bebt, so lange der gewaltige Dreizack
Ruht in Albions Hand, dieses so prachtvolle Haus.
Also stehen die Eichen des Zeus auf den mächtigen Wurzeln;
Nur das vertrocknete Laub stören die Winde herab.