Frankfurt an der Oder (Meyer’s Universum)
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FRANKFURT a/d. ODER
Frankfurt gehört zu den vielen deutschen Städten, die mit Stolz auf ihre Geschichte blicken können, wie der Deutsche berechtigt ist, mit Stolz auf alles Land östlich von der Elbe und Saale zu blicken, denn wenn der Fremde höhnisch fragt: „Wo sind euere Kolonien?“ so zeigen wir dorthin: das halbe Norddeutschland ist’s, das unsere Alten erst mit Schwert, Kreuz und Pflug erobern mußten. Frankfurt ist in diesen unseren Kolonialländern ein vielgeprüfter Ort, gehärtet und gestählt durch den Kampf vieler Jahrhunderte, und behauptet noch heute fest und würdig seinen alten Posten.
Je älter eine Stadt, desto freier beginnt der Chronist ihre Geschichte. Um mittelst einer Furth der Franken den Ursprung der Stadt und ihres Namens mit einem Federzug hinzustellen, lassen die alten Chroniken um 140 v. Chr. einen Frankenkönig (Senno oder Sunno I.) aus Scythien daherziehend hier die Oder überschreiten. Daß aus Scythien nie Franken gekommen sind und der Name „Franken“ damals hier noch kein menschliches Ohr berührt haben konnte, kümmerte die braven Alten nicht. Das Einfachste ist, daß Frankfurt ursprünglich ein Fischer- und Schifferdorf war, das allmählig zum Marktflecken anwuchs und der günstigen Lage angemessen ein Uebergangspunkt für den deutschen Handel nach Polen wurde. Zur Stadt wurde es erhoben am 14. Juli 1253. Dieses Datum trägt eine Urkunde, nach welcher die Markgrafen von Brandenburg, Johann I. und Otto III., in Gemeinschaft mit dem Erzbischof von Magdeburg den „Flecken“ vergrößern und den Marktplatz bei der Nikolaikirche, sowie die Niederlage in der Nähe des Orts erhalten wollten. Die junge Stadt wurde in Rechten und Pflichten Berlin gleichgestellt. Sie gedieh durch die Rührigkeit ihrer Bürger, die ihren Namen mit Ehren trugen, denn sie wußten ihre Stadtburg zu schützen. Ihre Nachbarn, namentlich die geistlichen, sorgten dafür, daß sie allezeit tüchtig in der Tapferkeit geübt wurden. Die Stadtmauern waren kaum fünfunddreißig Jahre alt, als sie die erste Belagerung, 1290 durch Markgraf Dietrich von Meißen, zu bestehen hatten. Darauf wurde (1318) die Befestigung vom Markgrafen Waldemar verstärkt. In ihrem Bürgersinn verständig und treu und, durch Erfahrungen in nächster Nähe gewitzigt, waren die Bürger in allen Kämpfen zwischen Hierarchie und weltlichem [38] Reich dem Kaiser treu, und so urprotestantisch ist Land und Luft dort, daß schon dieses junge Frankfurt des päpstlichen Bannes lachte, Bischöfe von seinen Mauern trieb und bis in die eigenen festen Sitze verfolgte. Doch waren sie in Frankfurt weniger grausam, als zu Halle, wo die Bürger den habgierigen Magdeburger Erzbischof 1325 einkerkerten und hinrichteten: die Frankfurter nahmen den Bischof von Lebus, der nicht des Glaubens, sondern des lieben Zehntens wegen im Verein mit dem Polenkönig das Land verwüstet und 1326–1328 Frankfurt vergeblich belagert hatte, in Goritz, der Bischofsburg, die sie eroberten, gefangen und ließen ihn so lange in strenger Haft büßen, bis er in sich ging, Lösegeld zahlte und von den ungerechtesten seiner Forderungen abstand. Erst im Jahr 1334 wurde der Gottesdienst in Frankfurt gegen eine zehnjährige Abgabe wieder freigegeben! Das sind Zeichen jener Zeit. Als der falsche Waldemar aufstand, fiel Frankfurt ihm zu und wurde deshalb 1348 von Kaiser Karl IV. belagert; und kaum war diese Kriegsdrangsal vorüber, so sorgten die feindlichen Bischöfe von Lebus für einen neuen Bannstrahl, 1350 bis 1354. Einen treuen Gönner fand die Stadt an dem Kurfürsten Ludwig dem Aeltern von Brandenburg: er ertheilte ihr neben vielen anderen werthvollen Privilegien auch die Freiheit der Schifffahrt zwischen Breslau und Stettin. Aehnliches erfolgte von Seiten seiner Nachfolger und selbst der Kaiser. Die Stadt war reich und mächtig geworden, so daß sie den stets geldbedürftigen Fürsten bereitwillig aus der Noth helfen und dafür immer neue Vorrechte und Vortheile für sich gewinnen konnte. Das 14. Jahrhundert schloß die glückliche Stadt mit einem frommen Werke: der Stiftung des Karthäuserklosters beim Gubener-Thore. Das 15. Jahrhundert ließ mit neuen Stürmen nicht lange auf sich warten und schloß abermals mit einer Stiftung, die ein strahlendes Zeugniß ablegt für den geistigen Fortschritt, den diese hundert Jahre in den Häuptern und Köpfen des deutschen Volkes, und zwar nicht nur im Norden, bewirkt hatten. Die Kriegszüge der Hussiten erstreckten sich bis nach Frankfurt; Procop belagerte die Stadt zweimal vergeblich. Mit ebenso wenig Erfolg lagen 1450 die Polen vor den Mauern der festen Bürger. In besonderer Gunst stand Frankfurt bei dem Kurfürsten Friedrich II. und Johann Cicero, der schon als Kurprinz eine Vertheidigung der Stadt gegen den Herzog von Sagan geleitet hatte, 1477. Damals kehrten 350 gefangene Frankfurter, die der Herzog frei gelassen hatte unter der Bedingung, daß 100 Dukaten Lösegeld für sie bezahlt würden, in die Haft zurück, weil diese Summe für sie nicht aufzutreiben war. Das hieß: Worthalten, weiter nichts. Von da an ging das Jahrhundert auf der beglückenden Bahn des Friedens seinem Ende entgegen; denn die einige Zeit störenden Strauchdiebereien märkischer Edelleute, der Krachte, Köckeritze, Lüderitze, Itzenplitze und Cons., legten sich, nachdem die Bürger mit guten Stangen und Klingen einigemale die adeligen Schnapphähne auf Finger und Köpfe geklopft hatten. Die Stiftung, mit welcher Frankfurt das Ende des 15. und den Anfang des 16. Jahrhunderts verherrlichte, war die einer Universität: soweit war man in 100 Jahren vom Karthäuserkloster aufwärts gestiegen! Den Anfang dazu [39] machte das noch von Johann Cicero (1499) errichtete „Fürstenkollegium“; die Universität selbst wurde 1505 von Joachim I. gestiftet, nach dem Muster der leipziger Hochschule eingerichtet und 1506 eingeweiht. Einer ihrer ersten Studenten war Ulrich von Hutten, und – der Ablaß-Tetzel erhielt von ihr den Doktorhut. In der deutschen Gelehrten-Republik ist von jeher Alles möglich gewesen. – Viel schadete der jungen Universität die Pest, welche zehn Jahre lang in Frankfurt wüthete und die Verlegung der Anstalt nach Kottbus nöthig machte, und die Eifersüchteleien gegen Wittenberg und Luther. Erst nachdem unter Joachim II. am 9. Nov. 1539 die Reformation in Frankfurt eingeführt und die Universität nach reformirten Grundsätzen eingerichtet worden war, gedieh sie zu einer schönen Blüthe. Sie ward 1811 nach Breslau verlegt.
Eine lange Zeit äußeren Friedens ließ der Stadt Muße, an der Entwickelung ihrer Verwaltung und Verfassung, der Ausbreitung ihres Handels durch die berühmten Messen und gesicherte Schifffahrt zu arbeiten. Im Nordosten Deutschlands war Frankfurt damals eine Zierde deutscher Handels- und Gewerbsthätigkeit. Da kamen über die Stadt drei große Kriege, gekämpft mit den Waffen der neuern Zeit, gegen welche ihre Mauern keinen Halt mehr boten: der dreißigjährige Krieg, der siebenjährige Krieg und die Franzosenkriege. In allen drei Kriegen lag Frankfurt fortwährend in der Feuerlinie. In welchem Zustand eine Stadt aus solchen Drangsalen hervorgehen muß, erklärt sich von selbst. Nach dem dreißigjährigen Krieg waren 500 Feuerstellen der Stadt verschwunden und 5000 Einwohner von Krieg und Elend dahin gerafft worden. Nach dem siebenjährigen Krieg klopfte die Armuth an alle Thüren. Nach der Schlacht bei Jena bis zum Aufruf: „An mein Volk“ fraß die französische Herrsch- und Habgier bis in’s Mark, so daß damals viele Bewohner die Stadt mit dem Rest von Hab’ und Gut lieber in Stich ließen, als der Schande länger zusahen, die man in unseren Tagen mit „Helena-Medaillen“ verewigen möchte.
Seit dem Frieden von 1815 hat die Stadt wieder rastlos an ihrem Wohlstand gebaut und, trotz mancher ungünstigen Vorgänge, in der Handelswelt einen ehrenwerthen Rang behauptet. Die jährlichen drei Messen (zu Reminiscere, Margaretha und Martini) sind die stärksten der Monarchie, und wenn sich auch seit 1835 eine Abschwächung derselben fühlbar machte, so wird Frankfurt doch stets ein wichtiger Mittelpunkt des Handelsverkehrs zwischen den deutschen und nordischen Staaten, ein besonders glücklich gelegener Austauschplatz der deutschen Fabrikwaaren gegen polnische und russische rohe Produkte und deshalb, so lange sich der Kulturzustand des Nordostens nicht bedeutend verändert, noch fort und fort ein bequemer und lebhafter Meßplatz bleiben. Die Eisenbahnen, die es mit Berlin, Breslau, Danzig und Königsberg verbinden, werden für die Zukunft der Stadt, im Verhältniß des riesigeren Verkehrs, so großartig wirken, wie dies durch die Kanäle und Chausseen im langsameren Schritt der früheren Zeit geschehen ist.
[40] Frankfurt liegt bekanntlich am linken Ufer der Oder und besteht aus der eigentlichen Stadt und den drei Vorstädten Gubener-, Lebuser- und Dammvorstadt. Letztere liegt auf dem rechten Oderufer und ist mit der Stadt durch die 844′ lange und 31′ breite hölzerne Brücke verbunden, welche wir auf unserem Stahlstich vor uns haben. Stadt und Vorstädte bedecken einen Flächenraum von 1057½ Morgen. Die Stadt hat 5 Thore und ist regelmäßig gebaut: ihre vier geraden Hauptstraßen werden von 13 anderen durchschnitten. Zu ihren Sehenswürdigkeiten gehören, außer den schönen öffentlichen Plätzen (großer Markt, neuer Markt, Anger und Roßplatz) und den meist sehr alten und gut restaurirten Kirchen und weltlichen Gebäuden (Rathhaus, Herrenhaus, große Magazine in der Lebuser-Vorstadt, Hebammeninstitut auf dem Damm etc.), sowie den verschiedenen Unterrichts-, Erziehungs-, Vergnügungs-, Wohlthätigkeits-, Heil- und Besserungsanstalten, wie wir dergleichen in allen gleichgroßen deutschen Städten finden, auch mehre wahrhaft denkwürdige Denkmäler. Im Park, zwischen dem neuen Markt und dem Anger, sehen wir die des Generals von Diringshofen, des Professors Darjes und des Dichters Ewald Christian von Kleist, der in der Schlacht bei dem nahen Kunnersdorf 1759 den Heldentod gefunden hat, und auf dem rechten Oderufer erhebt sich das Denkmal eines Helden der Menschenliebe, jenes Herzogs Leopold von Braunschweig, der sein Leben in der Oder verlor, aus deren Wellen er Verunglückte retten wollte. Endlich ist Frankfurt der Geburtsort des Großkanzlers von Cocceji, des Theologen Augusti und des Dichters Heinrich von Kleist. – Die Einwohnerzahl Frankfurts, die im Jahre 1825 nur 19,620 betrug, stieg bis 1840 auf 25,900, bis 1843 auf 28,700 und mag gegenwärtig ungefähr 35,000 sein.