Pierre Pertuis, das Römerthor

DCCLIII. Naumburg und sein Dom Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCLIV. Pierre Pertuis, das Römerthor
DCCLV. Die Thermopylen
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PIERRE PERTUIS
BEI TAVANNES.
(SCHWEIZ)

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DCCLIV. Pierre Pertuis, das Römerthor.




Der Schöpfungstag ist die Ewigkeit; denn das Schaffen ist ohne Ende wie die Zeit selber. Aber jeder Tag hat seine Tageszeiten, seinen Morgen und seinen Abend, und wenn wir von dem Schaffen der Naturgewalten reden, wie sie uns in der Struktur der Gebirge entgegentreten, so denken wir an des Tages Morgenroth, an seine ersten Stunden. – Milliarden Jahre sind vergangen seitdem des Feuers Kraft und der Gewässer Wucht die Rippen der [165] Alpen emporgetrieben und ihre Längen- und Querthäler gezogen haben. Der Kampf der streitenden Elemente: – des plutonischen, welches die Massengesteine aus der Tiefe der Erde aufschichtete, und des Wassers, welches sie wieder niederstürzte, in Schutt begrub, und die Schluchten und Gründe eingeschnitten, oder die Berge gespalten, gesprengt und zerrissen hat, so daß nichts stehen blieb, als steiles Felsgemäuer, – dieser Kampf füllte Zeiträume aus, gegen welche die Periode des Menschenlebens wie Augenwinken erscheint. So viel steht fest, daß schon in der Urbildung des Schweizerlandes die Geschichte desselben vorgezeichnet worden, – eine Geschichte, die sich anders gestaltet haben würde, wäre das Gebirg nach seiner Erhebungszeit ungestört geblieben, hätte es, wie die Ebenen Hochasiens, ein Plateau getragen, einförmig, abgeschlossen, ungeschützt vor den Winden, eine Wüste, den mongolischen Steppen gleich, kalt, unfruchtbar, unzugänglich, unbewohnbar. Der Boden macht den Menschen. Wie ganz anders wären diese Söhne der Alpen, würden sie nicht von der Natur ihrer Berge erzogen, die sie beständig an den Kampf widerstreitender Kräfte erinnert, und ihre gesammte Energie, des Körpers wie des Geistes, fortwährend aufregt, erfrischt, zum Streite nöthigt und in Uebung erhält. Johannes von Müller hätte keine Helden und Heldenthaten zu schildern gehabt, die Schweizergeschichte wäre ein leeres Blatt geblieben und das Land selbst nicht eine Wohnung der Freiheit und das Asyl Aller, die um der Freiheit willen leiden und verfolgt sind seit fünf Jahrhunderten.

Die schweizerische Gebirgsnatur ist die große Erziehungsschule des schweizer Volks, die Quelle, aus der ihm der Geist des Muthes und der Freiheit beständig frisch in die Seele sprudelt. Sie ist der Born, aus dem die Schweizer das Bewußtseyn ihrer Menschenwürde, des Stolzes der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit schöpfen, der Kunst, sich in jeder Lage selbst zu helfen und der Energie, welche sie in den Stand setzt, trotz ihrer isolirten Lage, und eingeschlossen von den Zoll- und Mauthlinien schelsüchtiger und übermüthiger Nachbarn, durch die Macht der Intelligenz, der Industrie und der Erfindung Goldströme in das arme Land zu locken und sich zum verhältnißmäßig reichsten Volke der Erde zu machen.

Mannichfaltigkeit – wie wir sie im Volke selbst nach Abstammung, Sprache, Sitten und Charakter sehen, – das ist das wahre Abzeichen des Alpenlandes! Ein Gurt von Seen umlagert von allen Seiten die Gebirgswelt und sammelt in ihren Becken die wässerigen Niederschläge von dem Felsgebäude auf, die aus tausend und abertausend Rinnsaalen den Tiefländern zufließen. Von diesen Wasserbecken erheben sich in den verschiedensten Abstufungen die Gehänge des Gebirgs und bieten auf jeder Staffel andere Naturbilder dar. Auf der Nord- und Südseite des gesammten Alpenstocks steigen die Voralpen – das Hügelland – zur Höhe von 2000–2500 Fuß empor, und im Westen erhebt sich die Mauer des Jura über den Leman- und Bielersee schroff und ernst. Der Jura erreicht die doppelte Höhe der Voralpen; aber die Sohlen seiner vielen parallelen Thaleinschnitte sind kaum halb so hoch gelegen. In diesen Vorbergen drängt sich eine dichte, mannichfaltige Menschenwelt. [166] Das deutsche Volkselement herrscht vor; nur in dem westlichen Jura dominirt das französische. In den Thalgründen jenes Vorlandes und auf den sonnigen Berggehängen und Terrassen reihen sich Wohnungen an Wohnungen, Höfe an Dörfer, Flecken an Städtchen. Hier ist der Schauplatz des emsigsten Fleißes, des gewerblichen und staatlichen Lebens. Eine Staffel höher breitet der Wald seine Fittige über das Land. Hier blühen die Gewerbe, welche in der Forstwirthschaft ihr Fundament finden. Noch höher hinauf, bis in die Nähe des ewigen Schnees, hat das Hirten- und Jägervolk seine Bergtriften, Sennereien und Reviere. Dort, wo die Gewässer als Wildbäche in den tief eingefressenen Schluchten brausen, oder als Staubbäche über die senkrechte Felswand stürzen, um die dürstenden Matten zu benetzen, welche die Schutthalden der Berge kleiden – und noch weiter oben, wo die Krummholzkiefer die einsamen Berggehänge umsäumt, auf denen Alpenröschen und Heidelbeeren prangen – da haben das Murmelthier und die Gemse ihre Heimath; da nisten die Berg- und Schneehühner, da streifen der Marder und der Iltis, da würgt der Adler und der Falke, da ist der Schauplatz für des Waidmanns Gefahr und Lust. Diese Region ist auch die Geburtsstätte der Gletscher, jener unerschöpflichen Eismagazine, welche das Tiefland bewässern und befruchten. Zuhöchst aber stehen die Throne der Alpen, die nackten, zerrissenen Hörner und Spitzen, auf denen kein Schnee haften will und keine Hand voll Erdreich: die Region der Erstarrung und des Todes. Ernste Majestät sitzt auf diesen Königs-Stühlen des ewigen Winters, über welche das Sonnenlicht an jedem hellen Morgen und jedem Abend sein Purpurgewand geworfen hat.

Pierre Pertuis ist ein Bild aus den tiefern Regionen der Schweiz. Im Kanton Bern, unweit Tavennes, an der Grenze des Jura, führt ein schmaler Gebirgspaß hinunter in das lachende Solothurner Land. Schon die alten Welteroberer kannten die strategische Wichtigkeit dieses Uebergangs für die Befestigung ihrer Herrschaft in der Rauracher und Sequaner Gebiet und deshalb erbauten sie eine befestigte Heerstraße, bei deren Konstruktion das weite Thor durch die vorliegende Felswand gesprengt wurde, welches der Stahlstich so vortrefflich darstellt. – Das Thor hat eine Höhe von 40 Fuß und eine lateinische Inschrift verkündet der Welt den Namen seines Erbauers.