Die Thermopylen
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DIE THERMOPYLEN
(GRIECHENLAND)
Der Begriff von groß und klein ist kein absoluter; er setzt allemal den Vergleich voraus. Wenn der Eskimo seine Winterhütte betrachtet, so kann sie ihm groß erscheinen; doch winzig würde sie ihm vorkommen, sähe er den Palast eines Fürsten. Ein Bauer kann die Milbe in seinem Käse für das Kleinste alles Lebendigen halten; doch wird sie zum Elephanten, verglichen mit den Geschöpfen der Infusorienwelt, in der unser mit dem Mikroskop bewaffnetes Auge alle Tage neue Entdeckungen macht. Wir staunen den Schiffer an, der die Erde umfährt und messen verwundert die Länge seines Wegs durch die Oceane von Zone zu Zone: doch wie klein ist seine Reise, verglichen mit der des Strahls, welcher von der Sonne zur Erde dringt. Wir sind betroffen von der Geschwindigkeit des Adlerflugs, verblüfft von der Schnelligkeit des elektrischen Stromes, der unsere Gedanken auf den Flügeln des Blitzes an den metallenen Drähten in die weitesten Entfernungen trägt: was ist diese Schnelligkeit gegen die Bewegung des Lichts, welches im Weltraume fast drei Millionen geogr. Meilen in einer Minute durchläuft? Wir gerathen in Staunen über das Alter der Pyramiden, die Werke vergangener Jahrtausende; wo schwinden sie aber hin, wenn wir bedeuten, daß der schwache Schimmer des fernsten, uns sichtbaren Nebelflecks über 80 Millionen Jahre braucht, um unser Auge zu erreichen? – Nennen wir nicht Alle unsere Welt, die Erde, groß? Und was ist diese Erde im Sternenkreise, dem sie angehört: –im Ringe der Milchstraße, des Sternengürtels, welcher 20 Millionen Sonnen zählt? Und was ist selbst diese Milchstraße unter den Myriaden von Milchstraßen, deren Gesammtheit eins der Weltsysteme ausmacht, welche, ungezählt und unzählbar, sich in dem unendlichen Weltraume bewegen? – Wir beugen unser Haupt vor einem Menschen, der auf einem Bröckchen jener Erde, jenes Stäubchens im Aether, das Recht des Stärkern übt; wir sinken nieder vor einem andern, der sich ausgibt als der Statthalter Gottes, und sich heilig und unfehlbar nennen läßt; und was ist die Milbe, – man nenne sie Kaiser oder Papst,–
[168] gegen DEN, welcher in der Republik des Weltalls der Freiheit ewige Gesetze geschrieben hat? – Wahrlich, ich sage Euch, es ist nur Eins groß, das Eine, in dem alle Begriffe von absoluter Größe, von Dauer, Raum, Kraft, von Ewigkeit, Unendlichkeit und Allmächtigkeit zusammen fließen: – GOTT – des Weltalls schaffender, belebender, ordnender Geist! – Da hört aller Vergleich auf, da steht alle Betrachtung still, da hat der Gedanke seine Schranke; und wer sie überschreitet, der verirrt sich, wie der Schiffer ohne Kompaß im Ocean. –
Vom Himmel zur Erde niedersteigend, ist es uns gestattet, an Das, was wir groß nennen, einen bescheideneren Maßstab anzulegen. Mit Recht nennen wir groß Männer und Thaten, an denen das Geschlecht sich erwärmen kann und erheben in allen Zeiten. In Hellas, in Palästina und in Italien, wo noch der Garten der Erde zur Stunde blüht, da haben von jeher die heiligen Symbole, Freiheit und Tugend, in Helden ihre Träger gefunden; dort wuchsen die hohen Lebensbäume der Menschheit auf, die über die Zeiten ragen; dort war die Heimath der Götter, der Heroen, der Bildner des Geschlechts, wie sie die Wiege jenes Wunderkindes gewesen, welches Hirten und Könige verehrten; von dort her sind die Engel ausgezogen mit dem ethischen Flammenschwert zur Rache gegen Trug, Mißbrauch und Entartung. – In jenen Sonnenländern wurde auch das griechische Leben geboren und entwickelt, in welchem alle späteren Humanitätsbestrebungen des Abendlandes ihre Quelle haben. An der Geschichte des kleinen Griechenvolks, an den hellenischen Geschicken ist der Welt klar geworden, daß im Menschheitsleben etwas Anderes wirkt und schafft, als die Materie, welche dem eisernen Zügel der Nothwendigkeit blind gehorcht: ich meine die höhere Willenskraft, welche die freien Geister regiert und keine andere als eine freiwillige Unterwerfung will. – Frei ist die Wahl unter den Elementen des Glücks der Geisterwelt gegeben. Mögen sie nun nach eigener Willkür zum Göttlichen sich bestimmen, oder zum Abfall und zur Erniedrigung, sie werden letzteres doch nicht anders zu thun vermögen, als auf die Gefahr hin, im Nichtigen sich zu verlieren, dem Alles anheimfällt, was sich lossagt von den unwandelbaren Geboten der Tugend und der Pflicht. Bei den griechischen Helden, welche aus freiem Entschluß sich jener ethischen Leitung hingaben, die im Gewissen vernehmlich spricht, sehen wir ihren Willen mit dem der Gottheit, als dem Ursprung ihres Wesens, in Eins zusammenfließen und deshalb wirken sie mit einer Kraft, Stärke und Dauer im Geisterreiche fort, gegen welche das Wirken der großen Menschen späterer Zeiten oft unbedeutend erscheint. Zeiträume des Verfalls liegen zwischen der Gegenwart und den Tagen, da die Heroen in die Schattenwelt hinunterstiegen; wir kennen ein ganzes Jahrtausend, in welchem das kranke Geschlecht in Siechheit sich hingeschleppt; wir kennen Jahrhunderte, in welchen die Schatten des Todes und der Verwüstung umgegangen und das Leben der Völker sich, in Mühsal und Elend aufgelöst: aber nicht das zeitweilige Taumeln [169] aus den lichten Ideen des griechischen Lebens in die Finsterniß der leeren Scheinwelt; nicht die Nacht, die mit tödtendem Frost auf den Menschen lag; nicht die Eigensucht, in welcher alles Lebendige erstarrte; nicht die Zeiten, da die alte Welt in ihren eigenen, fressenden Feuerflammen sich verzehrte, und allgemeine Fäulniß im Staat und Volksleben war; nicht jene Mitternachtsstunden der Vergangenheit, da die Hölle selbst aus dem Abgrund zur Erde aufgestiegen schien, um alles Menschliche und alle Bildung auszutilgen, hat die ewige Kraft des griechischen Heldenthums auszutilgen vermocht. Todt und begraben war das verrottete Alterthum, Hellas und Italien, die blühenden Gärten der Menschheit, waren zertreten und bis zum Grund zerstört: aber die Saat ihrer Gesittung, die nicht mehr aufgehen konnte im Boden der Heimath, trugen die Winde über die ganze Erde. Fort und fort haben die Großthaten der hellenischen Geister aus dem Tode das Leben geboren, nach jedem Sterben haben sie ihre Keime im Schooß der Zeiten geborgen: – ja, sind die Arche gewesen, in welche die Menschheit ihr Bestes rettete nach jeder Sündfluth! Selbst das Christenthum konnte sich nur an dem griechischen Feuer erwärmen und in der griechischen Bildung Boden finden, zu dem Riesenbaume aufzuwachsen, in besten Schatten die Menschheit neu erblüht. Was ist geworden aus dem Uebrigen, was die alte Welt als groß gepriesen? Was wurde aus den Giganten am Euphrat? Wer kennt noch die Stätte von den Tempeln des Moloch? Als bleiche Schatten wandeln die Geister des Nillands; erstorben ist Indiens Gluth, Mediens Blüthe ist spurlos vergangen; die Feuerflammen auf Persiens Feldern sind erloschen. Griechenlands ewige Sonne allein glänzt noch goldig vom Olymp herüber und über ihr in reinem, ungetrübtem, verklärtem Himmelsglanz Sion. –
Doch zu unserem Bilde! – Was wir heute das Königreich Griechenland nennen, wird im Norden durch einen langen Gebirgsrücken von dem türkischen Thessalien geschieden. Im östlichen Vordrängen nach der Küste steigt derselbe schroff zum hohen Oeta empor und stürzt von da steil, zerrissen, baumlos, in abenteuerlichen Formen zum Meere herab. An dieser Stelle, auf die Weglänge von einer Stunde, sind die Felswände durch einen schmalen, kaum 20–60 Schritt breiten Raum von dem Meer geschieden, und dieser Paß hat stets als das stärkste Thor des eigentlichen Griechenlands gegolten. Seinen Namen „Thermopylen“ entlehnt er von den heißen Quellen (Thermen), welche an dem östlichen Fuße des Oeta entspringen und, dem Herkules geweiht, schon in der griechischen Sagenzeit als Bäder benutzt wurden. – Der Thermopylenpaß wurde, bald nach der Kolonisirung von Hellas, zum Schutz gegen die Einfälle der nördlichen Barbaren befestigt, und in späteren Zeiten sind diese Befestigungen erneuert und oft erweitert worden. Obschon meistens im Schutt des Gebirges begraben, kann man sie doch noch an verschiedenen Stellen erkennen, und manche verengern den Paß so sehr, daß er kaum einem Wagen die Passage gestattet. In den Perserkriegen führten die Phocier eine doppelte Mauer vom Fuße des Oeta bis an’s Meer hin und verschlossen sie mit doppelten Thoren; diese sind jedoch, wie die Werke, welche die Geneuesen in [170] späteren Zeiten aufgeführt haben, jetzt bis auf geringe Spuren verschwunden. Die Landschaft bei den Thermopylen gewährt heutzutage ein trostloses Bild der Oede und Unfruchtbarkeit, und zudem ist sie wegen ihrer Ungesundheit ebenso berüchtigt, als wegen ihrer Unsicherheit; denn das rauhe zerklüftete Gebirg ist der Zufluchtsort der Räuber, welche die Grenzen zwischen dem türkischen und griechischen Gebiete beständig heimsuchen und plündern. Die sonst so berühmten Thermen sind längst eingegangen; die heißen Quellen haben sich zwischen Schutt und Ruinen ein tiefes Bett gegraben, und schleichen als dampfende Bäche zu dem Gestade hin, welches sie versumpfen.
Die Geschichte, bis auf unsere Tage herab, weiß von zahlreichen Kämpfen an diesem Thore Griechenlands zu erzählen; aber keiner glänzt und leuchtet herrlicher aus der Nacht der Zeiten herauf, als der Spartaner Heldenkampf und Opfertod unter ihrem Könige Leonidas. Es war im Juli 480 vor christlicher Zeitrechnung, – als das kleine Volk der Griechen zur Vertheidigung seiner heiligsten Güter, Freiheit und Unabhängigkeit, den Kampf mit der Weltmacht der Perser ausgenommen hatte– daß Xerres Griechenland mit einer Flotte und einem Heere zu gleicher Zeit angriff. Flotte und Heer waren zahlreicher, als sie je die Welt gesehen. Auf Athen lastete die Vertheidigung zur See; der Schutz der Landesgrenze lag den übrigen Staaten ob. Die Besetzung und Vertheidigung des Thermopylenpasses wurde dem tapfersten Feldherrn der Griechen, Leonidas, dem Spartanerkönig, übertragen. Das kleine Sparta konnte nur 300 Bürger und 1000 Heloten stellen; zu ihnen stießen die Kontingente der Lokrier, der Phocier, Arkadier, Thebaner und das von Korinth. Ihre an den Thermopylen vereinigte Macht belief sich auf höchstens 10,000 Mann. Gegen dieses kleine Heer hatte Xerres seine Hunderttausende herangeführt, er selbst hatte den Oberbefehl übernommen.
Langsam wälzte sich durch die Gefilde Thessaliens der Zug der Perser, sechstausend Wagen, hunderttausend Saumthiere, Kameele und Elephanten schleppten das Heergeräthe und Speisen für Roß und Mann; denn das durchzogene Land selbst hatte die Mittel zur Ernährung solcher Armeen nicht. Jede Nacht flammten Berge und Thäler von den unzähligen Feuern der Perser, jeden Morgen dröhnte die Erde von den Tritten der Thiere und Menschen, von dem Rasseln der Wagen und Kriegsmaschinen stärker und erschreckender. Als die griechischen Vorposten endlich der Perser endlose Kolonnen heran kommen sahen im funkelnden Waffenschmuck, da sank vielen der Muth und sie meinten, es sey Thorheit, daß Einer streite gegen Hunderte, und kostbares Blut in fruchtloser Vertheidigung vergossen werde. Die peloponnesischen Heerführer stimmten dafür, man möge alles griechische Land bis zum Isthmus von Korinth, weil es nicht mit Erfolg zu vertheidigen sey, preisgeben, am Isthmus selbst aber eine unüberwindliche Stellung einnehmen. Gegen diese Meinung traten die Thespier und Phocier auf, deren Gebiete dem Einfall der Perser zunächst ausgesetzt waren. – Der Zwiespalt der Meinungen wurde heftig; er schürte die keimende Entmuthigung und bedrohte das griechische Heer mit schmählicher Auflösung Angesichts der größten Gefahr. [171] Da erhob sich im Kriegsrath König Leonidas und, nach einem begeisternden Aufruf an das Ehrgefühl der Führer, erklärte er, sein Entschluß sey, hier, an der Pforte des Vaterlandes, mit den Seinen zu siegen oder zu sterben. Fortgerissen von dem Hochsinn ihres Königs, schwuren die meisten, mit ihm in den Tod zu gehen. Nur die Peloponnesier zogen sich zurück. 4000 Mann blieben um Leonidas.
Nach ihrer Weise bereiteten sich die Spartaner feierlich zur Schlacht. Sie schmückten sich wie zum Feste. Grüne Reiser zierten ihre Helme. Festspiele wurden angeordnet und ihren Genossen und den Göttern feierliche Opfer dargebracht. Leonidas verteilte hierauf sein kleines Heer an die zur Vertheidigung geschicktesten Stellen des Passes. Er ließ die Verschanzungen verstärken und die Zugänge unwegsam machen. Als dies geschehen war, stellte er sich in den vordersten Befestigungen auf, den Anprall der Perser erwartend.
Xerxes war von der Stärke der Griechen und ihren Anstalten gut unterrichtet. Er hielt es für unmöglich, daß es dem Häuflein mit dem Entschluß zum Widerstand Ernst sey. Er wollte großmüthig erscheinen und den Griechen Zeit zur Besinnung gönnen. In dieser Absicht sendete er Boten an sie, welche sie von der Zahl seiner Krieger, von den furchtbaren Mitteln, die seinen Angriff unwiderstehlich machten, unterrichteten. Er gab ihnen Zeit zum Rückzug. Vier ganze Tage lagerte er Angesichts der Thermopylen. Sein Heer murrte und die Griechen ihrerseits machten keine Anstalt zum Abzug. Nun schickte Xerxes einen Sendboten an Leonidas mit der herrischen Aufforderung: seine Krieger in die Heimath zu entlassen und die Waffen abzuliefern. Der Spartanerkönig aber antwortete: „Xerxes komme und hole sie!“ Da entbrannte der Zorn des Gewaltigen; er befahl seinen Feldherren, am nächsten Morgen die Thermopylen zu erstürmen. Der Angriff geschah mit Tagesanbruch. In dichten Kolonnen drängten die Perser gegen die Verschanzungen; voran das leichte Fußvolk, wohl an 100,000, deren Pfeile die Sonne verdunkelten, ihm nach die schwerbewaffneten Schaaren – zuletzt die Leibwache des Königs selbst, 10,000, die sogenannte Schaar der Unsterblichen. Aber an der eisernen Tapferkeit der Griechen brach sich der Muth und Ungestüm der Feinde, wie am Fels eine Woge. Jeder Sturm wurde abgeschlagen, jeder Angriff für die Angreifenden in eine Niederlage verwandelt. Den ganzen Tag währte das Schlachten. Als das Dunkel der Nacht und die beiderseitige Erschöpfung dem Kampfe ein Ende gemacht hatten, sah man um die Schanzen der Griechen im weiten Halbkreise einen Wall aus den Leichen der Erschlagenen. Xerxes hatte von einem Hügel herab, sitzend auf einem goldenen Thron, der Schlacht zugeschaut. Der Fehlerfolg – den er für unmöglich gehalten hatte, – erfüllte ihn mit Wuth und Schrecken. In dieser Lage erbot sich ein Melier, Ephialtes, einen persischen Heerhaufen auf verborgenen, nur ihm bekannten Pfaden während der Nacht durch die Schluchten des Oetagebirges in den Rücken der Griechen zu führen. Xerxes folgte dem Rath und 20,000 auserwählte Truppen der Perser brachen auf unter [172] Anführung des Hydarnes, eines erprobten Feldherrn, um die Stellung des Leonidas zu umgehen. Noch vor Anbruch des Tages hatten sie die Höhen erstiegen. Dort überraschten sie eine Schaar von 1000 Phociern, welche zwar muthig kämpften, sich aber bald vor der Uebermacht zurückziehen mußten. Leonidas hatte inzwischen vom Verrath des Meliers Kunde erhalten, und mit derselben schwand die letzte Hoffnung auf siegreichen Widerstand, welche der glänzende Erfolg des vorhergegangenen Tages in ihm geweckt hatte. Es war ein großer Moment und er offenbarte des Königs ganze Heldennatur. Eingedenk seines Gelöbnisses, seine Pflicht und den Ruhm seines Vaterlandes im Auge, voll des Gedankens, daß das Griechenvolk eines großen Beispiels zu rettender Begeisterung und Einigkeit bedürfe, eines Beispiels für alle Zeiten, rief er seine Spartaner um sich, setzte ihnen mit wenigen Worten die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage und die Größe des Opfers, welche das Vaterland forderte, auseinander und stellte die Frage: ob sie bereit seyen, mit ihm in Vertheidigung der Thermopylen zu sterben. Alle – es waren ihrer 300, welche vom Würgen des vorigen Tages übrig waren – riefen, wie aus einem Munde: „Mit dir wollen wir streiten und sterben!“ Von den übrigen Griechen blieben noch 700 Thespier bei Leonidas, die den Spartanern den Ruhm des Heldentodes nicht allein lassen wollten. Die übrigen Kontingente entließ der König, „auf daß ihre Tapferkeit dem Vaterlande für künftige Schlachten bewahrt bliebe“; und dann bereitete sich die kleine Schaar durch ein feierliches Gebet zum Tode. Es war nahe am Tagen. Eben verschwanden die letzten Sterne am Firmamente, der herrlichste Morgen brach an, Phöbos entstieg seinem Purpurbette in der östlichen Fluth und vergoldete die Felsspitzen des heiligen Oeta. „Seht“, rief Leonidas aus: „Apoll lächelt uns Beifall, und die Götter bereiten sich, uns zu empfangen. Kommt, laßt uns ihnen Dankopfer bringen und dann laßt uns das Frühmahl genießen, froh und heiter, weil eingedenk, daß wir das Abendmahl zusammen im Hades einnehmen werden!“ – Auch Xerxes bereitete sich feierlich zur Schlacht vor. Er hatte im Angesicht seines ganzen Heeres bei Anbruch des Tages der aufgehenden Sonne Brandopfer gespendet und dann seine Kolonnen in Schlachtordnung gestellt. Doch die Erneuerung des Angriffs geschah nicht. Vergeblich harrte Leonidas den ganzen Vormittag. Es war nämlich zwischen Xerxes und Hydarnes verabredet worden, daß man nicht eher angreifen wolle, bis der entsendete Heerhaufen im Rücken der Griechen Stellung genommen hatte. Erst gegen Mittag erhielt Xerxes Botschaft, daß dies geschehen sey, und nun befahl er zu stürmen. Leonidas mit den Seinen, alle dem gewissen Tode geweiht, kämpften nicht wie Menschen, sondern wie Götter. In jedem Arm steckte die Kraft eines Herkules. Die Perser, verblüfft ob der unbesiegbaren Tapferkeit und übermenschlichen Stärke der Gegner, wankten, nachdem ihrer viele Tausende erschlagen waren, rückwärts. Da befahl der König, die Weichenden mit Lanzenstichen und Geißelhieben zu empfangen und wieder gegen die Verschanzungen zu treiben, welche Leonidas am Eingang des Passes vertheidigte. In demselben Augenblicke aber stürzte an der Spitze der Seinen Leonidas über die Hügel der erschlagenen Feinde hinab den Persern entgegen. Wie Würgengel [173] des Todes wütheten sie mit breitem kurzem Schwert in den Reihen des Xerxes. Tausende wurden erschlagen, andere Tausende stürzten sich, entsetzt, in’s Meer und ertranken; noch Tausende wurden von den eigenen Reiterschaaren zertreten: denn der Griechen Angriff brächte das ganze persische Heer in Verwirrung. Jede Minute aber schmolz die Heldenschaar, – und ehe der Abend kam, bluteten ihre Letzten aus tausend Wunden.
Unter ihnen auch Leonidas. Auf einer Anhöhe, mitten im wildesten Getümmel, ragte die hohe Heldengestalt; da sank die Sonne hinter des Oeta kahles Haupt, und mit ihr sank der König, getroffen von einem feindlichen Speer. Der letzte Kampf raste nur noch um seinen Leichnam. Zusammengedrängt, um den Hügel, auf den Leonidas gefallen war, wurden die wenigen noch übrigen Spartaner und Thespier zuletzt von den Feinden erdrückt und als sie sämmtlich getödtet waren, trugen die erbitterten Perser Steine herbei und thürmten über ihre Leichname einen Felshügel auf. Kein Einziger der ganzen Schaar blieb am Leben; Alle starben, wie sie gelobt hatten, den Heldentod für’s Vaterland.
Sie waren nicht umsonst gestorben. Als die Kunde der Großthat sich über Griechenland verbreitete, durchdrang Opfermuth und heilige Begeisterung das ganze Volk. Jeder hatte nur noch einen Sinn: es den Männern von Thermopylä gleichzuthun. Von diesem Augenblicke an war Griechenland unüberwindlich. Die Tage von Salamis und Marathon zerbrachen der Perser Macht, sie retteten Griechenlands Freiheit und Unabhängigkeit, sie retteten den Kulturgang der Menschheit, der in der Entwickelung des griechischen Lebens seinen Ausgangspunkt gefunden hat. Die Dichter aller Zeiten haben darum die That des Leonidas und der Seinigen als eine göttliche gepriesen und an ihrem Feuer wärmten und wärmen, erhoben und erheben sich die Geister der Menschen in allen Zeiten, die da waren, die da sind, die da seyn werden. –
Drei Inschriften meißelte das dankbare Griechenvolk den Felsen in’s Angesicht, welche der Großthat Zeuge waren. Vor zwei Jahrhunderten war noch die Eine zu lesen. Sie lautete:
| Daß wir, ihrem Gesetz getreu, hier liegen, verkünde Du, o Wandrer! – dort den Lacedämoniern! |