Der Catterskill-Fall
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THE CATTERSKILL FALL
Die Aeußerungen der Trauer und der Freude: – Lust, Tanz, Gesang und Spiel, – sind bei allen Völkern verschieden. Jedes Lebensalter der Nationen gibt ihnen besondere Formen, jede Kulturstufe besonderen Ausdruck. Kriegsspiel und Waffentanz ergötzten unsere Urväter ebenso, wie sie die Rothhäute in den Wildnissen Amerika’s noch ergötzen, und der Römer der Imperatorenzeit erfreute sich am Gladiatorenspiel wie der moderne Franzose sich an den Kämpfen amüsirt, die ihm sein Kaiser in der Arena der Krim zum Besten gibt. Thespis, der seinen tragischen Apparat auf einem Karren mit sich führte zur Kurzweil der Griechenwelt, war zu seiner Zeit so gut an seinem Platz, wie die Rachel in einer Corneille’schen Tragödie im theatre français. Mit dem Volksgeschmack ist nicht zu rechten; passend hält er Alles, was am rechten Orte und zeitgemäß ist. Wenn die Söhne Nordamerika’s in Dingen des Vergnügens, des äußeren Anstandes und der konventionellen Formen unsern eigenen Geschmack verletzen, so müssen wir dies toleriren. Der Nordamerikaner, der praktische Verstandesmensch, macht dagegen auch tausend Dinge besser wie wir. Auf welchem deutschen Strome z. B. fährt ein Dampfboot, das, wie ein amerikanisches ein Inbegriff der Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit und des Comforts ist? Der Amerikaner lacht, wenn er unsere gläsernen Schwitzkästen und Treibhäuser sieht, in die wir uns geduldig einsperren lassen, und zeigt stolz auf seine schwimmenden Paläste auf dem Hudson, mit den hohen luftigen Salons, ausgestattet mit der verschwenderischen Pracht eines Versailler Schlosses, mit Kajüten, die zu königlichen Schlafgemächern bestimmt zu seyn scheinen, mit Speisezimmern, schön wie Pariser Kaffees, auf dem Deck die Verandas, die kühlenden Polster in der Kajüte, die prachtvollen Landschaftsbilder rund umher, und Alles bei einer unbemerkten Fortbewegung von zwanzig Meilen in der
[175] Stunde. „Weder Ahasver in seinem goldenen Wagen, von feuerschnaubenden Rossen gezogen, noch die Cleopatra, als sie
......................„Auf schlanker Galeere,
(Gezimmert aus Rosenholz, mit silbernen Buckeln gefestigt,
Das Takelwerk schillernde Seide, die Taue aus goldnen Gespinnsten,
Purpurn die Segel und schwellend von würzig duftenden Winden),
Im Kreise der üppigen Nymphen den Wogen scherzend gebietend,
Wie Venus, vom Meere geboren etc.".........
dürfen wir heute beneiden“ – so sagten wir uns, als wir an einem hellen Sommermorgen, in Gesellschaft munterer Freunde, auf einer Tour nach Catterskill den majestätischen Strom hinaufschwammen. Die Luft war angefüllt mit dem Aroma, welches uns ein sanfter Westwind aus dem frisch gemähten Wiesengrund herübertrug, die weißen Segel der kleinen Fahrzeuge spiegelten sich schachbretartig wider auf der leichtbewegten Oberfläche des Flusses, und als wir den langen Felswänden der Pallisaden vorüberfuhren und durch die echoreichen Buchten des Hochlandes steuerten, beneideten wir weder Deutschland um seine weinberankten Rheinufer, noch Ungarn um seine von Ruinen und Schlössern geschmückte Donau. Wir glaubten, die Welt habe keinen herrlicheren Strom aufzuweisen, als den Hudson, und die Chroniken aller Luftfahrten hätten von keiner froheren Gesellschaft zu berichten, als der unsrigen.
Es war spät Nachmittags, als wir am Dorfe Catterskill landeten, wo wir nach einem flüchtigen Besuche in dem Atelier des berühmten, seitdem heimgegangenen Landschaftsmalers Cole einen Wagen bestiegen, uns nach dem Gebirge zu bringen. Den Tag über hatte es, fern und blau, vor unsern Augen gestanden; jetzt befanden wir uns zu seinen Füßen. Die ersten Paar Meilen war der Weg weniger interessant als ermüdend; aber sobald wir die Ebene verlassen hatten, erhob sich eine frische, erquickende Luft und öffnete sich hie und da ein entzückender Blick über Feld und Wald. Die letzten drei Meilen hatten wir zu Fuß zurückgelegt, und als wir endlich, bei hereinbrechender Dunkelheit, das auf dem höchsten Kamm erbaute White Mountain House erreicht hatten, waren wir, ermattet, durstig und hungrig, einestheils froh, die erhoffte Aussicht vom Table Rock bis nach dem Genusse eines herzhaften Abendessens und einer stärkenden Nachtruhe verschieben zu können. Am nächsten Morgen mit dem ersten Erwachen der Vögel waren auch wir auf den Beinen, und als wir eben zur höchsten Spitze der nördlichen Bergwand hinankletterten, sandte der rosige Tag seine ersten Boten über den östlichen Himmel aus. Vor uns lag das dunstige, breite Thal, noch im Zwielicht schlummernd, während die prächtige Sonne, sich voll Majestät und Grazie von ihrem karmoisinrothen Wolkenlager erhebend, ihr mildes Licht über den weiten Erdball ausgoß. Die sanfte Morgenluft schüttelte einen Thauregen von dem rauschenden Laubdache über uns. Die Vögel jubelten [176] ihre heitersten Melodien in den Tag hinaus, weit unten hatte der Hudson sich zwischen blühende Obstgärten und Wiesen gebettet, da, wo grüne Oasen im Dunkel der Wälder auftauchten, Seen sich im Sonnenschein wärmten, Bäche wie glitzernde Perlenschnüre die Wohnungen der Menschen umzogen und weiter hinaus Hügelreihen sich hinter einander aufthürmten und ihre scharfen Silhouetten am Himmel abzeichneten. Als wir auf der Kante des jähen Abhanges standen und dem Geflüster der Winde in den Baumkronen lauschten, begleitet vom fernher tönenden Blöken der Heerden, wurde die Scene zur Vision und wir traten unwillkürlich zurück, damit die verführerische Lieblichkeit des Anblicks uns nicht in die schwindelnde Tiefe ziehe.
Nach dem Frühstücke schlugen wir einen sehr simplen Pfad über ein ödes, steinbesäetes Plateau ein und ließen uns von dem noch simpleren Wegweiser nach den Fällen leiten, welche, durch den Ausfluß eines kleinen Sees gebildet, über eine große Felsentreppe stürzen, um den Weg in die Niederung zu suchen. Obgleich der Blick von oben herab auf das Gewässer, mit seinem bunten Felsengeröll und den überhängenden Fichtenstämmen, außerordentlich wild ist, so bietet die Partie doch nur dann malerische und imponirende Schönheiten dar, wenn schwere Regengüsse den Strom angeschwellt haben. Gewöhnlich erscheint er nur als ein in Dunstwolken verschwimmender Staubbach, der am Fuß der Felsen sich wieder zum Bache sammelt.
Von den Fällen wanderten wir nach dem sogenannten Clove, einer pittoresken Gebirgsöffnung in kurzer Entfernung von „Pine Orchard“. Es ist ein steiler, schluchtartiger Paß, durch den ein reißender und wasserreicher Bergstrom von Fels zu Fels stürzt. Ein schmaler Pfad umgeht die überhängenden Riffe, welche die eine Seite bekleiden, während auf der andern sich tiefe Rinnsale öffnen, die mit Felsstücken angefüllt sind.
Diesen Fall, der den Indianernamen Deroya führt, ist so in den Bäumen des Waldes verborgen, daß der zufällige Wanderer ihn leicht übersehen kann; aber einmal entdeckt, entzückt und fesselt er durch seine wunderbare Schönheit. Es schwebt eine feenhafte Stille über der heimlichen Landschaft. Die hohen Felsen, über welche der Bach sich ergießt, sind in abenteuerlicher Gestalt über einander gethürmt. Ihren Fuß baden sie in dem schäumenden Gewässer, üppiger Baumwuchs und Rankenpflanzen decken ihre Seiten und ihre Häupter verlieren sich im Blau des Himmels. Lange Zeit wanderten wir auf den verwachsenen Pfaden umher und konnten der Bewunderung nicht satt werden; erst nachdem Einer vom Staubbach, ein Anderer vom Terni, ein Dritter vom Montmorency Vergleiche herbeigeholt und vertheidigt hatte, verließen wir die Wildniß und machten uns auf den Rückweg nach dem White Mountain House.
Kaum waren wir da angelangt, so hatte auch die Natur ein anderes Schauspiel für uns vorbereitet. Mit dem einbrechenden Abend sammelten sich Wolken am nördlichen Himmel. Die dunkeln Gipfel der entfernteren Berge, um die sie sich lagerten, nahmen das Aussehen eines fortlaufenden undurchdringlichen Walles an. Ein heftig [177] stoßender Wind, welcher anfänglich wie ein Flug Vögel durch den Wald rauschte, riß mit einem Mal die Blätter von den Aesten, wirbelte sie hoch durch die Lüfte und wuchs an zu solcher Gewalt, daß der Urwald dröhnte wie vom Gebrüll von tausend wilden Bestien. Plötzlich brach ein Regenstrom über uns los, der Alles zu ertränken drohte. Die Wassermassen, welche von den Gipfeln der Berge niederbrausten, rissen, was ihre Bahn hemmte, Erdschollen, Baumstämme und Felsstücke, Alles mit unwiderstehlicher Gewalt fort und ungeheure Fluthen strömten durch die Schluchten der Ebene zu. Der Sturm währte jedoch nur kurze Zeit; die triefenden Bäume erhoben sich wieder aus den Wolken und standen, wie mit Edelgestein geschmückt, in der Abendsonne.
Die große Thalebene unter uns füllte sich mit Nebel; sie wurde ein großes wogendes Meer. Es rollte hin und her in stummer wellenähnlicher Bewegung, ohnmächtig gegen die Veste anstürmend, auf welcher wir standen. Manchmal ballte sich der Nebel zum Bilde eines großen Schiffes auf, das tollkühn auf den Wellen tanzte; dann enthüllten sich wieder auf Augenblicke die Felder darunter, als wollten sich die lichtscheuen Verstecke der Tiefe uns zeigen, mit ihren Korallengrotten und ihren von Ewigkeit her vergrabenen Schätzen. Endlich, als sich das Thal mehr und mehr lichtete, verwandelte die Nebelfluth sich in phantastisches Bauwerk, und die Bilder verschwammen, wie die Luftschlösser unserer Jugend, in den Aether. –
Ein eisiger Wind folgte dem Sturm und trieb uns in’s Haus an das lustig flackernde Kamin; da saßen wir und lasen Irvings drollige Sagen von Rip van Winkle’s zwanzigjährigem Schlaf in den Bergen, meinend, wir hörten in den plötzlichen Windstößen, welche unsere Fenster erzittern machten, das Gelächter der Schiffsmannschaft bei dem unglückseligen Kegelspiel.