Portsmouth (Meyer’s Universum)
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PORTSMOUTH
von der Salutirungs-Platform aus.
Der alte Neptun legte seinen Dreizack in Britanniens Hand als Zepter, und die britische Seemacht ward der Grund, auf dem sich das britische Weltreich allmählig erhoben hat. Angethan mit ihrem Panzer ist nicht nur England selbst unverwundbar, sie führt auch seine tapfern Söhne von Pol zu Pol, macht den Ozean zu seiner Domaine und pflanzt die Fahne seiner Botmäßigkeit auf den fernsten Küsten auf. Ueberall auf der runden Erde begegnet man England, immer geachtet oder gefürchtet, oft herrschend, öfter noch durch seinen Einfluß die Geschicke der Völker lenkend.
Die Weltgeschichte ist ohne Beispiel von einer solchen Macht; aber auch ohne Beispiel ist die Größe des Apparats, sie zu behaupten. Halten wir inne, ihn zu betrachten. Es ist ein nobles Schauspiel.
Im Norden von Europa berührt der britische Dreizack Schweden und Rußland, Dänemark und Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich; im Süden sind Spanien und Portugal, Sicilien und Neapel, Sardinien und die italienischen Küstenstaaten seinen Flotten geöffnet, also seinem Willen unterworfen. England befiehlt an der Pforte des Euxinus und entscheidet dort über Seyn und Nichtseyn der Staaten. Von dem Augenblicke an, [136] wo seine Flagge aufhörte, der griechischen Sache feindlich sich zu zeigen, triumphirten die Nachkommen der Herakliden und die Enkel der Argonauten holten ihr goldenes Vließ, – die Unabhängigkeit.
In Nordamerika macht England Nachbarschaft mit Rußland unter dem Polarkreis, die gemäßigte Zone des Welttheils theilt es mit seiner abgefallenen Tochter, und zwischen den Wendekreisen gebietet es aus seinem Lager auf den Antillen; es umgürtet den mexikanischen Busen, herrscht in Guayana und Honduras, und die sämmtlichen jungen Staaten jener Regionen hält es nieder in Ohnmacht und benutzt sie als Faktoreien für seine Industrie und seinen Handel. Und damit keiner andern Macht es möglich werde, ihm die Alleinherrschaft auf dem großen Ocean streitig zu machen, hat es sich zum Herrn der einzigen Station aufgeworfen, welche an dem Wege zwischen Afrika, Asien und Amerika liegt: der Fels des neuen Proteus, St. Helena, ist sein eigen. Ueber das Mittelmeer wacht und herrscht seine Flagge von den Bastionen Corfu’s, Malta’s und Gibraltars herab, den unüberwindlichen Vesten, und ein neues Calpe hat es in Aden gefunden, von dem aus es den Weg nach Indien meistert und Arabien seinem Einfluß unterwirft. Seine Waffenplätze an der Goldküste, in Sierra-Leone, auf Fernando-Po, auf Zanguebar vervollständigen den Apparat, mit welchem es, am umfassendsten vom Kap der guten Hoffnung aus, die schwarze Raçe des ganzen Litorals von Süd- und Mittelafrika civilisiren und zugleich beherrschen will. In Indien sehen wir seine Kaufleute im Purpur, im Strahlenkreis der Majestät, zu Thron sitzen, gebietend über die schönsten und reichsten Länder der Erde, und hundert Millionen Unterthanen zu ihren Füßen; in China endlich hat sein Pottinger, ein neuer Columbus, mit dem Schwert eine neue Welt geöffnet, deren Ausbeutung dem britischen Manufakturstaat noch auf Jahrhunderte hinaus Prosperität verheißt. Kurz, überall ist England mit den Zeichen des Christenthums, der Civilisation und der Herrschaft zu finden. Sein Kreuz steht auf den einsamen Inseln der Südsee, es steht auf den Eisküsten des antarktischen Continents.
Jeder andern Nation auf der Erde würde eine solche Zersplitterung der Ansiedelung und des Ländergebiets Verderben bereiten: dem britischen Volke hingegen ist sie eine Quelle der Kraft und des öffentlichen Heils. Indem nämlich England durch große Distanzen von seinen auswärtigen Provinzen getrennt ist, kann es durch dieselben nicht verwundet werden, und weil die Provinzen selbst wieder weit aus einander liegen, so sind sie der Gefahr enthoben, daß sie je einem Schlage unterliegen.
Es ist jedoch nicht die politische Macht, nicht die glückliche geographische Lage, nicht der Besitz aller Elemente des Reichthums, es sind, mit einem Worte, nicht die materiellen Ursachen allein, welche Albion in der Reihe der Staaten zur ersten Stelle erhoben; auch nicht der Muth, das Können und die Thatkraft, die seinem Volke inne wohnen, sind es: mehr als diesem Allen ist es der Klugheit, Wirthschaftlichkeit, Ehrenhaftigkeit und Rechtschaffenheit zuzurechnen, welche Eigenschaften in so hohem Grade das englische Volk zieren, und in ihrer Wirksamkeit auf die gewerbliche Production dieser so großes Uebergewicht verleihen. Wenn der Fabrikherr und der Kaufmann [137] Großbritanniens jene Tugenden verlieren würde, so würden keine Flotten, keine äußere Macht, keine Kunst der Politik den Verfall der englischen Wohlfart aufhalten und verhindern können, daß die englischen Waaren vom Markte weggewiesen würden. Die mächtige englische Handelsflotte würde bald ein Fremdling seyn an vielen Küsten und der britische Unternehmungsgeist, der jetzt die Schätze der ganzen Welt gegen die Erzeugnisse des britischen Fleißes tauscht, würde keine Nahrung mehr finden; er würde verschwinden, wie einst der von Trapezunt und Venedig verschwunden ist.
Im festen Verein mit diesen Tugenden, als der eigentlichsten Grundlage britischer Größe, gelangen die bewunderungswürdigen Anstalten zu ihrer vollen Wirksamkeit, welche Englands äußere Politik so thatkräftig und so gefürchtet machen. – Gute Seehäfen und wohleingerichtete Arsenäle zur schnellen vollständigen Ausrüstung von Flotten sind von der höchsten Wichtigkeit für jede Seemacht, und in allen Staaten, die nach commerzieller und kriegerischer Größe auf dem Meere strebten, wurden stets ungeheuere Summen auf deren Herstellung verwendet. So zumal in unsern Tagen von Rußland und Frankreich. Was Cronstadt und Sebastopol, was Brest, Rochefort und Toulon in dieser Hinsicht Großes und Bewunderungswürdiges besitzen, erscheint jedoch nur klein, verglichen mit den englischen Anstalten in Portsmouth, diesem unscheinbaren Winkel der Erde.
Ich sage unscheinbar; denn der Eingang zum schönsten Hafen Großbritanniens ist schmal und eng, und die Stadt selbst, welche ihm zur Seite liegt, ist ein großer Haufen meist unansehnlicher Häuser, ohne Anspruch auf zweckmäßige Anlage oder malerische Gruppirung. Aber hinter der engen Einfahrt dehnt sich das prachtvollste Bassin aus, welches so groß ist, daß es alle Flotten Großbritanniens fassen könnte. Es ist so tief, daß die Riesen des Meers, die Dreidecker von 130 Kanonen, noch dicht an den Kayen flott bleiben, es ist frei von Felsen, Untiefen und sonstigen Hindernissen und hat überall den besten Ankergrund. Um dieses herrliche Becken her liegen die Docks und andere Anstalten zum Erbauen, Ausrüsten und Ausbessern von Kriegsschiffen, alle nach dem großartigsten Maßstabe und mit jeder Bequemlichkeit versorgt, und diese sind wieder umgeben mit einem Gurt von Befestigungen, in welchen die Kriegskunst Alles aufgeboten hat, um diesen kostbarsten Schatz Englands für jede Feindesgewalt unantastbar zu machen. Der Hafen von Portsmouth hat noch den unschätzbaren Vorzug, daß er in unmittelbarer Verbindung mit der Rhede von Spithead steht, die, von der vorliegenden Insel Wight vollkommen geschützt, die sicherste im ganzen Kanal ist. Von diesem Punkte aus wurden in dem letzten, langen Kampfe mit Frankreich und seinen Alliirten jene Armaden in alle Meere geschickt, welche die Geschwader der übrigen Seemächte vernichteten[1], die Kolonien aller Staaten des Kontinents eroberten, ihrem Handel [138] auf lange Jahre tiefe Wunden schlugen, und von hier aus geschehen die Ausrüstungen, welche von Jahrzehnt zu Jahrzehnt das Weltreich der Briten erweitern.
Die Kriegsmarine Großbritanniens besteht gegenwärtig aus 380 größern Segelschiffen. Davon sind 90 Linienschiffe und etwa 120 Fregatten, meistens von großem Kaliber. Hierzu kommt die im Entstehen begriffene Dampfflotte von etwa 80 zum Theil eisernen Fahrzeugen, unter denen sich 15 Fregatten befinden. Die ganze Kriegsflotte erfordert eine Bemannung von 32,000 Matrosen. Ueber 200 Schiffe sind fortwährend beschäftigt, die Beziehungen zwischen den auf allen Meeren zerstreuten Kolonien und dem Mutterlande zu unterhalten und die auswärtige Politik des Weltreichs zu unterstützen; die übrigen werden in den Kriegshäfen zur Armirung bereit gehalten oder liegen zur Ausbesserung auf den Werften. Portsmouth ist für die zur Ausrüstung parat gehaltenen Schiffe die Hauptstation: – gewöhnlich liegen 30 Dreidecker und eine entsprechende Anzahl Fregatten und Corvetten abgetakelt, entmastet und mit leichten Holzschuppen überdeckt in den trockenen Docks, und man erstaunt, zu hören, daß alle diese leblosen Riesenleiber binnen acht Tagen, vollständig bemannt und ausgerüstet, in See stechen können, wenn es gälte, daß britische Anrecht auf die Oberherrlichkeit der Meere gegen fremden Angriff zu vertheidigen. In der That haben, seit der großen Epoche der britischen Triumphe, nur erst drei der früheren Seemächte es wieder gewagt, an die Reparation ihrer Verluste zu denken und sich als Nebenbuhler der Briten zu giriren. Frankreich, die Vereinigten Staaten und Rußland haben in den letzten Jahrzehnten der Vergrößerung ihrer Seemacht ungeheuere Opfer gebracht; aber nur im Fall einer engen Allianz dieser drei Staaten, die mindestens unwahrscheinlich ist, würden sie eine Chance haben, ihre Marinen mit Erfolg gegen die englische zu führen. Es ist nicht das numerische Verhältniß allein, das hier entscheidet; es ist die moralische Kraft, die im Seekampf öfter noch als in der Landschlacht den Ausschlag gibt, und Niemand wird in dieser Beziehung den sieggewohnten Söhnen Albions den Vorzug abstreiten mögen. England ist und wird folglich wohl noch lange die erste, dominirende Seemacht der Erde bilden. Seine Einrichtungen, seine Neigungen, seine Erziehung, sein Geschmack, seine Bedürfnisse, seine Geschichte, seine Interessen, selbst seine Vorurtheile – Alles ist auf die Mittel gerichtet, sich eine Oberherrschaft zu erhalten, welche die letzten Seekriege außer alle Frage gestellt haben.
Neben den Arsenälen mit ihren bewundernswerthen Anstalten hat Portsmouth nichts Merkwürdiges aufzuweisen. Die Stadt mit ihren 60,000 Einwohnern ist im Frieden ein stiller, geschäftsöder Ort. Erst wenn der Kriegsgott den Dreizack erhebt, tritt hier ein unbeschreibliches Leben auf, jede Straße wird dann zum Bazar und Reichthümer werden vom waglichen Geiste noch leichter erworben als festgehalten.
- ↑ In jener Periode zerstörten oder eroberten die Engländer nicht weniger als 156 Linienschiffe, 582 Fregatten, 662 Korvetten und über 3000 kleine Kriegsschiffe, zu deren Wiederherstellung 25 Jahre und 1000 Millionen Thaler nicht hinreichen würden.