Barcelona (Meyer’s Universum)
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BARCELONA
Religion, Vaterland und die Erinnerung der Vergangenheit sind dem Spanier Seele, Leib und Leben. Sie sind ihm die Penaten auf dem Hausaltar, die Stammgüter im Nationalheiligthum. Für sie hat er allezeit heiß gekämpft, für sie hat er seine Felder mit Blut getränkt; ihnen ist seine ganze Liebe zugewendet, und wie er mit unerschütterlicher Treue an seinem Boden hängt, so hängt er mit Stolz an seiner Geschichte, die ihn mit hohem Selbstgefühl für die Gegenwart begabt. Darum kann die Autorität, der er willig gehorchen soll, nie wohl eine andere Grundlage haben, als eben jene Elemente, die zur eigentlichen Seele der Nation gehören. Nur die Unterwerfung unter eine solche Autorität kann das Selbstgefühl nicht verletzen bei einem Volke, das, das stolzeste der Erde, sich in Masse adelich fühlt. Wenn der Asturier diesen Adel anspricht seines rein-gothischen Blutes wegen, so fordert ihn der Kastilier, weil sein Stamm der herrschende geworden, und der wackere Biskayer, der kühne Katalonier, die stolz und frei auf ihren Wehrgütern wohnen, verlangen die Anerkennung als für ein Erbstück von den Vätern überkommen, das alle Könige ehrten. So, mit bestimmt und scharf ausgeprägten Charakterzügen, steht das spanische Volk in der Weltgeschichte ernst und großartig da, einer Aloe gleich, die nur in langen Zwischenräumen ihre geschlossene Knospe zur wunderbaren Blüthe aufschließt. Fest, besonnen und ruhig, jedoch heftig und reizbar in der Liebe wie in der Ehre, ernsthaft, streng, ja finster in der Stimmung; freisinnig, edelmüthig, ritterlich und standhaft in seinem Thun, steht dies Volk wie ein Granitfels in den Wogen der Zeit, – verwittert zwar und von Flechten und Moos überwachsen, aber nicht erweicht, nicht abgerundet, nicht zahm und zur Knechtschaft aufgelegt.
Die Fluth der Aufklärung über sociale Begriffe, die Ideen von durchgängiger Gleichheit, angestammten Menschenrechten und ihrer Unverjährbarkeit, von der Souveränität des Volks und der nothwendigen Delegation aller Macht von unten herauf: – kurz die Ideen, welche bei den gesittetsten Völkern durch Revolutionen und Reformen seit 50 Jahren eine Umgestaltung des Baus der Gesellschaft bewirken, sie haben in Spanien noch keinen solchen Boden gefunden, um schnell und tief zu wurzeln. Darum sind auch Verfassungen, die auf jenen allgemeinen Abstraktionen sich gründeten, der Masse des spanischen Volks unverständlich geblieben, und eine weitere Folge davon ist gewesen, daß die Mehrheit es jederzeit gleichgültig geschehen ließ, daß man sie eingeführt, wieder abgerufen und von Neuem zurückgebracht hat. Seinem heimathlichen Sinn ist ein solches Verfassungswerk so fremd, wie [140] ihm der abstrakte Despotismus zuwider ist. Dem spanischen Volke, zumeist aber dem Katalonier, ist Heimath und Gemüth und angestammtes Recht Alles; die Theorie der neuen Gesetzgebung hingegen liegt ihm fern. Was in jenem wurzelt, wird ihm schnell vertraut und werth; solche Verfassungen aber, die diese Grundlage nicht haben, betrachtet er mit Verwunderung und Mißtrauen, sie gehen nie in den gewöhnlichen Bereich seiner Begriffe über. Was er will, ist eine Regierungsform, die sich seinen Gefühlen und Gesinnungen, seinen Sitten und Gewohnheiten, ja selbst seinen Vorurtheilen anpaßt, die in seiner Geschichte wurzelt, also eine solche, in welcher er sich selbst wieder erkennt und Schutz und Sicherheit für seine theuersten Güter findet.
Es ist einleuchtend, daß bei dieser Haltung des Volks, bei dieser Theilnahmlosigkeit der Mehrzahl an den Schwingungen des Zeitgeistes die Kräfte, welche diesen Pendel in Bewegung setzen, nur Partei-, nicht Volkskräfte genannt werden dürfen. Je geringer die Zahl Derer ist, welche in Spanien den Beruf übernehmen, das Staatsgebäude ihren Wünschen gemäß umzugestalten, und je weniger das Volk selbst daran Theil nimmt, desto weiter ist auch das Feld, welches sich für das Spiel und den Kampf der Faktionen öffnet. Deshalb haben wir in Spanien seit einer Reihe von Jahren den traurigen Anblick, daß Parteien um die Herrschaft blutigen Hader treiben, bei dem das Glück des Volks kalt und grausam geopfert wird. Bald mißbrauchend den Namen der Monarchie, bald den der Freiheit, wird Spanien abwechselnd durch die Leidenschaften seiner Fürsten oder Derjenigen gequält, welche Arglist und Glück an die Spitze der Macht führt. Jede Partei macht sich das Mißvergnügen des Volks zu nutze, jede schmeichelt ihm mit der Hoffnung auf einen bessern Herrn, jede theilt Geschenke und Versprechungen aus, um den Despoten des Tags zu stürzen, und gelingt es und setzt sich ein Anderer an seine Stelle, so gibt solcher Erfolg den Unordnungen, Verheerungen und der Qual der bürgerlichen Kriege nur neue Nahrung.
Armes Spanien! Unglückliches Land du, wo ein sittenloses, ränkevolles Weib, mit dem schlauesten und blutdürstigsten Parteihaupte im Bunde, unter der Larve eines verzogenen Kindes jetzt zu Thron sitzt und die Kunst der Tyrannei über ein braves Volk übt! Widerliches Schauspiel, eine Nation, in der Millionen starke Männerherzen schlagen, mißhandelt und betrogen zu sehen von einer Handvoll Menschen, die nicht einmal ein großer Charakterzug ziert! Wie ist es empörend, diese Taschenspieler zu sehen mit ihren Künsten zur Behauptung der Herrschaft, wie sie schmeicheln der Eitelkeit des Einen, erbittern die Eifersucht des Andern, hofiren dem Geize von Diesem, entflammen die Rache von Jenem, reizen die Leidenschaften Aller; wie sie Eigennutz oder Vorurtheile gegen einander stellen, Zwietracht säen und Haß; wie sie versprechen dem Armen die Beute des Reichen, dem Reichen die Unterjochung des Armen; wie sie einem Menschen mit dem andern drohen, einem Stand mit dem andern, einer Provinz mit der andern; wie sie die Bürger durch Mißtrauen vereinzeln, Stärke aus ihrer Schwäche [141] ziehen und ihnen mit Hülfe der Lüge und des Schreckens ein Joch von Meinungen auflegen, dessen Knoten sie täglich enger schürzen. Durch Bajonette bringen sie die Steuern auf, durch jüdische Finanzkniffe und Börsentrug bringen sie fremdes Kapital als Anleihen an sich, und mittelst solcher Steuern und Anleihen verfügen sie über das Heer und machen es zu einer Rotte von Henkersknechten, immer bereit, die Blutbefehle der Tyrannen zu vollziehen. So legen sie durch das in einander wirkende Spiel von Reichthümern und Aemtern, öffentlicher Plünderung und Schmeichelei, Blutbefehlen und militärischem Terrorismus die spanische Nation in Fesseln und überliefern den Staat allen Leiden des Despotismus.
Aber das edle Spanien ist nicht für immer zum Leiden verurtheilt. Zerreißen wird endlich der Faden seiner Langmuth, aufstehen wird das Volk und mit den zerrissenen Ketten wird es die Tyrannei zerschlagen und verjagen seine Unterdrücker. Alsdann werden große Menschen, aufgeklärte, thatstarke Apostel der Volkswohlfahrt in Spanien erscheinen, und der jetzt in finsterer Schreckensherrschaft befangenen Nation wird es ergehen wie es andern Völkern in gleicher Lage vor ihr ergangen ist: das Licht wird sich immer weiter verbreiten und allmählich das Ganze erhellen. Das Beispiel freierer, glücklicherer Völker wird in Spanien nicht ohne Nachahmung bleiben. Schon reden tausend Zeichen von der nahen Wendung der Dinge; ich vernehme schon an den nächsten Ufern der Zukunft das Flüstern von Dem, was, einmal laut ausgesprochen, widerhallen wird von den Firsten der Pyrenäen bis zu den Mauern von Corunna in allen spanischen Herzen. Schon geht hörbares Murren über die Unterdrückung durch die ganze Nation; schon knistert die noch unsichtbare Flamme; schon regt sich’s in den Provinzen da und dort; schon sieht man überall im Stillen rüsten, die Hülfsmittel prüfen und die Lage der Dinge in ernste Berathung ziehen. Noch ein Tag, noch eine Betrachtung – und eine ungeheuere Bewegung wird entstehen, eine neue Zeit wird hervorgehen; eine Zeit des Schreckens für die Tyrannen und für Spanien ein Tag des Freiwerdens, ein großer Tag der Hoffnung, und – wer weiß es? – nicht allein für Spanien!
Barcelona, die jetzt durch Tyrannei so gebeugte Hauptstadt Kataloniens, nach Intelligenz, Freiheitssinn und Gewerbfleiß die erste, nach Größe und Volksmenge die zweite Stadt in Spanien, blühte schon vor der christlichen Zeitrechnung. Hamilkar, der Vater Hannibals, hat sie gegründet und sie mit Carthagischen Ansiedlern bevölkert. – Carthagischer Geist ist nie aus ihr gewichen. Republikanische Institutionen, ächte Freiheitsliebe, die den Tod nicht achtet, und ein Unternehmungsgeist, der Barcelona’s Namen zu allen Zeiten in der Handelswelt groß gemacht hat, behielten hier eine Heimath.
[142] Katalonien ist Barcelona, denn Barcelona ist der Brennpunkt, das Leben des ganzen Landes. Deshalb ist Kataloniens Geschichte auch die seinige. Alle großen Ereignisse erhielten hier Vollzug, hier entschieden sich die Kriege, hier wurden die Friedenspakte geschlossen.
Barcelona war die erste spanische Großstadt, welche die Römer von den Carthagern gewannen; sie war die letzte, welche von ihnen verlassen wurde. Die Gothen besaßen sie nicht lange; dann bekam sie Herren aus Italien, aus dem Norden Europa’s, aus Afrika. Auch die Besetzung der Araber war von kurzer Dauer; der Schlag, den Karl Martell bei Poitiers gegen sie führte, warf sie bald bis an den Tajo zurück. Um jene Zeit (902-903) hatte Barcelona die 17 Monate dauernde denkwürdige Belagerung gegen Ludwig den Aquitanier auszuhalten, in welcher von der Bevölkerung über 60,000 umkamen, und bald darauf, unter christlicher Herrschaft, eine zweite gegen die Sarazenen, in Folge welcher, nach heldenmüthigem Widerstand, der Rest der Einwohner zu Sklaven gemacht wurde, bis sie das christliche Schwert wieder befreite.
Schnell entfaltete sich seitdem die Glanzzeit seiner Geschichte unter den christlichen Beherrschern Kataloniens. Hauptstadt eines unabhängigen Staats geworden, nahm es in eben dem Maße zu, als sich des letztern Macht vergrößerte. Sardinien und Sicilien wurden erobert, siegreich mit Byzanz gekämpft und diesem ein großer Theil von Griechenland entrissen, während die Handelsflotte von Barcelona, dem neuen Carthago, alle bekannten Meere bedeckte und in der mit Reichthümern erfüllten Stadt Künste und Wissenschaften mit der arabischen Civilisation erfolgreich wetteiferten. Nicht als ob die Barcelonesen während und nach dieser Periode dauernden innern Frieden genossen hätten: ihr stolzer, unruhiger Geist und ihr unbeugsamer Sinn für Freiheit verwickelte sie oft in Kämpfe gegen ihre eigenen Fürsten und Magistrate und brachte der Stadt manchmal schwere Tage. Doch das frische, rührige Leben, das ihr innewohnte, vernarbte schnell jede Wunde wieder.
Im Erbfolgekrieg ward (1702) Barcelona von Philipp V. in Person mit gewaltiger Anstrengung, doch fruchtlos belagert. Ja, nachdem schon ganz Spanien die neue Dynastie anerkannt, nachdem England und Oesterreich Barcelona seinem Schicksal überlassen und ihre Truppen entfernt hatten, behielt die Stadt noch den Muth, allein den vereinigten spanischen und französischen Heeren und Flotten zu widerstehen. Die damalige Belagerung ist jenen von Numantia und Saragossa zu vergleichen. Als die feindlichen Kugeln die Zinnen von den Bürgern, ihren Vertheidigern, so gelichtet hatten, daß diese allein nicht mehr vermögend waren, die täglichen Stürme abzuschlagen, bildeten sich die Frauen und Mädchen zu Bataillonen und halfen bei der Vertheidigung mit Löwenmuth. Nachdem allmählich in dem ungleichen Kampfe alle Werke verloren waren, vertheidigte die Bevölkerung Straße für Straße noch mehre Wochen lang; jedes Haus wurde zur Festung, und jedes erforderte einen Sturm und ein Blutbad zur Eroberung. Erst nachdem drei Viertheile der Einwohner gefallen waren, die Stadt zur Hälfte in Schutt [143] lag und der übrige Theil in Flammen stand, – konnte der Marschall Berwick (1714) seinen Einzug halten. Auf den Trümmern eines zerstörten Stadtviertels wurde nachmals die Citadelle Montjui als Zwingburg erbaut, welche in spätern Zeiten so oft dazu diente, den unbändigen Geist der Barcelonesen zu zügeln.
Die Lage dieser berühmten Stadt ist herrlich. Von Norden her durch eine sich in schönen Formen erhebende Gebirgskette geschützt, dehnt sie sich, Front machend gegen das Meer, an der Mündung eines breiten Thals aus, welches die Flüsse Llobregat und Besos bewässern. Hier belohnt die größte Fruchtbarkeit unter einem milden Himmelsstriche hundertfältig jede Mühe der Kultur. Der Hafen ist weit und groß und wird durch einen prächtigen Molo vor den feindlichen Winden geschützt. Doch hat ihn die Regierung leider! und wohl nicht ohne Absicht in den letzten Jahren sehr vernachlässigt und so versanden lassen, daß jetzt nur Schiffe mittlerer Größe, die höchstens 12 Fuß Tiefgang haben, einlaufen können. Größere sind gezwungen, auf der unsichern Rhede vor Anker zu gehen.
Die Bauart Barcelona’s nähert sich auffallend der einer deutschen Stadt des Mittelalters. Die Häuser sind einfach, fest, massiv, hoch; die Straßen meist eng und winklich: nur wenige sind regelmäßig, breit und prachtvoll. Die ausgezeichnetste ist die Rambla, eine Art Boulevard; auch auf der Riera ampla und Riera Conde del Asalto stehen viele Paläste. Die schönste aber und die modernste ist die Ferdinandsstraße, der Sitz der reichsten Kaufleute und Fabrikanten. Von den Kirchen zeichnen sich die Kathedrale und Maria del Mar durch Größe und innern Schmuck, von den öffentlichen Gebäuden durch seine Masse der königliche Palast und durch Styl und Zweck die Börse, das Zollhaus, das Theater, das Rathhaus aus. Vieles ward in dem Bombardement vor 2 Jahren zerstört und beschädigt, indeß eben so schnell wieder hergestellt und jetzt ist kaum eine Spur jener Verwüstung übrig. Aber in den Gemüthern grünt ihr Andenken fort, und Barcelona bleibt der Heerd, auf dem der Brennstoff am höchsten aufgeschichtet ist, der, zur rechten Stunde angezündet, Spanien in Flammen setzen und seine Unterdrücker vernichten wird.
Barcelona ist die reichste Stadt in Spanien, und unter allen Provinzialorten ist in ihr die meiste Intelligenz, der meiste Sinn für Kultur, Kunst und Wissenschaft zu finden. Doch noch viel größere Wichtigkeit hat Barcelona als Mittelpunkt der spanischen Industrie – es ist das Manchester des Südens. 20,000 Webstühle sind in der Stadt gangbar, 10,000 arbeiten für die barceloneser Fabriken auf dem Lande. Engländer und Franzosen haben in neuerer Zeit viele große Etablissements gegründet und neue Gewerbzweige hergepflanzt: so Maschinenfabrikation, Eisengießerei u. s. w., und für die Bearbeitung der seit Jahrhunderten unbenutzt gebliebenen Mineralschätze Kataloniens bestehen jetzt eine Menge Vereine. Auch die Rhederei blüht mächtig auf und beschäftigt schon Tausende. Der Handel, von jeher groß und mehre Welttheile umfassend, wird durch das Emporkommen des Fabrikfleißes [144] jährlich gehoben; über 1100 Schiffe haben im vorigen Jahre den Hafen besucht. Nirgends sonst in ganz Spanien begegnet dem Auge eine solche Rührigkeit, ein so fleißiges Leben. Von allen Seiten erschallt das Getöse der Hämmer, das Rauschen der Webstühle, das Stöhnen der Dampfmaschinen; Männer, Weiber und Kinder sieht man zu Hunderten im Freien mit ihren Rädern und Spindeln Fäden drehen, oder emsig die Nadel führen, um die rohen Stoffe zu Geweben vorzubereiten, oder diese durch Stickerei zu veredeln. An Sonn- und Feiertagen aber, wenn Gesang und Glockengeläute aus den Tempeln schallt, ruhen alle Hände – und des Nachmittags strömen die Schaaren der fleißigen Bürger mit ihren Familien hinaus nach Grazia oder Serria unter die Zelte und Platanen. Der Barcelonese ist nüchtern, mäßig in jedem Genuß. Tiefe Religiosität ist ein Grundzug seines Charakters, und von Natur beherrscht ihn nur eine große Leidenschaft – die Liebe zur Freiheit. Für sie hat er nie ein Opfer zu groß gefunden.