Pueblo de Zunni, eine Aztekenstadt
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PUEBLO DE ZUNNI
Nicht der Osten der alten Welt allein, auch der Westen der neuen birgt Ruinen eines alten Kulturlebens. Es ist durch vielfache Wandlungen gegangen. Es hat seine Phasen der Blüthe und des Untergangs gehabt, die , wie der Geolog die Kulturepochen der Erdrinde aus der Lagerungsfolge der zerstörten Schichten erkennt, der Geschichtsschreiber zu erforschen sucht, bis er an die Zeit kommt, da die spanische Eroberung neue Elemente herführte, welche seitdem der Boden aller Lebenserscheinungen geblieben sind. In den Arbeiten und Urtheilen der Archäologen und Antiquare, für die das Land noch große wissenschaftliche Ausbeute verspricht und die auch in neuester Zeit besonders eifrig sich mit den altmexikanischen Monumenten, Sprachüberresten, Bildwerken und Inschriften beschäftigen, ist jedoch an Klarheit noch nicht zu denken. Der Konjekturen über Urheber und Zweck jener stummen Zeugen der Sagenzeiten des Westens sind viele und die Ansichten darüber liegen so ordnungslos und fragmentarisch durch einander, wie die alten Bautrümmer selbst. Es kann dies nicht befremden. Ein Forscher vorgeschichtlicher Zeiten kann seine Stoffe nicht mit Hammer und Lupe zergliedern und sichten, wie der Geologe die Gesteine nach ihren Formationen. Was wir wissen vom alten Mexiko und seinen Bewohnern, ist im Vergleich zu Dem, was die hinterlassenen Spuren seiner Lebensthätigkeit uns zu rathen geben, so viel wie das ABC in der Schule; die größten Gelehrten sind da noch am Buchstabiren.
Der Reisende aus den östlichen Staaten Nordamerika’s, wenn er, von Independence aus, mit einem californischen Auswanderungszug, oder einer mexikanischen Handelskaravane die bekannte Santa-Fé-Route einschlägt, betritt, nach der tristen Passage einer vegetations- und wasserarmen Wüste, deren Gefahren so groß sind als ihre Mühsale, eine neue Welt. So wie er den Fuß in das Stromgebiet des Rio Colorado setzt, verwandelt sich die Scenerie gänzlich und die ihn umgebenden Lebens- und Landschaftsbilder regen ihn ebenso gewaltig an, als den Europäer, der eine erste Reise nach den heiligen Orten von Mekka macht, oder durch die Nubische Wüste das Nilthal erreicht. Das ganze Land, ein unabsehbares Plateau, nur von den gewundenen Linien der Flußbetten und den aufgewühlten Vulkankegeln durchbrochen, zeigt dem Auge auffallende, ungewohnte Scenen, und die großen wunderlichen Ruinenhaufen, die verfallenen Straßen und Wasserleitungen, die Wohnsitze eines halbcivilisirten, ackerbautreibenden und staatlich organisirten Indianervolks, die alten weitläufigen Hacienda’s, die neuen gut gebauten Fortifikationen, dazu die bunte Bevölkerung – Rothhäute, mexikanische Tagediebe und fleißige Amerikaner – [55] bald Gastfreundschaft, bald Wegelagerei, bald die verfallene Kultur, bald die wilde Ursprünglichkeit, bald die neue Civilisation – geben den Eindruck eines Landes, das gestempelt ist mit den mannichfaltigsten Veränderungen und Schicksalen.
Die auffallendsten Erscheinungen sind die zahlreichen, über das Thal des Rio Colorado und seiner Zuflüsse zerstreuten altmexikanischen Städte-Ruinen. Wir betrachten eine solche in dem Bilde, welches nach einer von unserem Zeichner an Ort und Stelle gemachten Aufnahme gestochen wurde. Die Bauart dieser „Pueblos“ ist der Hauptsache nach überall dieselbe. Sie deutet auf ein kommunistisches Zusammenleben der Bewohner hin, nach Art unserer Klöster, Kasernen oder Phalansteren. Jeder Pueblo bildet nämlich ein großes im Viereck errichtetes, drei- oder vierstöckiges Gebäude von der sorgfältigsten und solidesten Mauerung. Das unterste Stock besteht aus kleinen zellenartigen Räumen, mit einem Fenster nach dem Hofe. Wahrscheinlich diente es zu Wohnungen der armen und niedrigsten Klasse. Das zweite und dritte Stock enthält geräumigere, höhere und hellere Gemächer mit freien Altanen; da haben vermuthlich Adel und Geistlichkeit gehaust. Ein rundes thurmähnliches Gebäude endlich im Hofraum mag als Versammlungsort für öffentliche Zwecke, als Tempel, vielleicht auch im Kriege zur Vertheidigung gedient haben. Von Treppen findet man keine Spur. Man erstieg, und thut dies noch, die Etagen auf Leitern durch die in den Decken angebrachten Luken. An den Ecken gehen hie und da Rauchfänge in die Höfe. Von außen haben diese Gebäude ganz das Aussehen von Befestigungen, und ohne Zweifel konnten die oberen Stocke zu Reduits für die Vertheidiger dienen, wenn das untere erstürmt worden war.
Die wenigen aufgefundenen Ueberreste von Gefäßen, Mosaiken und Bildwerken zeugen von einer nicht gemeinen Kunstfertigkeit der damaligen Werkleute. Nachgrabungen werden gewiß noch manchen interessanten Fund und wichtigen Aufschluß zu Tage fördern. Aus der überraschenden Aehnlichkeit dieser Bauten mit denen in Central-Amerika und Alt-Mexiko und aus der Tradition einer Einwanderung jenes Kulturvolkes aus dem Norden, hat sich die Ansicht gebildet, daß Neu-Mexiko eine Zeit lang Station jener Völkerwanderung gewesen und später wieder verlassen worden sey, als man inne wurde, daß der Süden gesündere und fruchtbarere Wohnsitze, eine leicht zu unterjochende Bevölkerung und reiche Beute bot. Die Sage erzählt, das seyen die alten Azteken gewesen, die später ihre Eroberungszüge bis nach dem Isthmus ausdehnten. So ist die Indianer-Tradition im Lande. Ein geschichtlicher Grund für deren Glaubwürdigkeit hat sich noch nicht auffinden lassen.
Gegenwärtig dienen die Pueblos den christlichen halbgezähmten Indianerstämmen zur Wohnstätte, die in einen staatlichen Verband mit den Herren des Landes getreten sind und von ihnen zu einem festen geordneten Ansiedlerleben angehalten werden. Hinter den hohen Mauern finden sie Schutz gegen die Raub- und Mordanfälle der kriegerischen Stämme der Apachen und Comanchen, dieser Erbfeinde der Civilisation.
[56] Zunni liegt 240 Meilen westlich von Santa Fé am Rio Pescado, in üppiger, von jährlicher Ueberschwemmung befruchteter Gegend. Die Bevölkerung ist ein mehr als die übrigen civilisirter Indianerstamm von 2000 Seelen, die für ihren Unterhalt ausreichenden Ackerbau und Viehzucht treiben. Mit ihren Nachbarn und der Vereinigten Staaten-Regierung leben sie in gutem Einvernehmen und gelten als freundlich und gastfrei, wenn ein Emigrantenzug oder reisende Kaufleute sich bei ihnen einquartieren.
In der Nähe von Zunni soll von den alten Spaniern bedeutender Gold- und Silber-Bergbau getrieben worden seyn, von dessen reicher Ausbeute die Ueberlieferung noch Wunderdinge fabelt. Wahrscheinlich, wie aus den großen Sandhügeln sich schließen läßt, waren es Goldwäschereien am Fluß, welche die Eroberer des Landes von den getauften Indianern bearbeiten ließen.
Die Ueberreste von Kirchen, Klöstern und Missionen deuten auf einen gewissen Flor des Landes unter der damaligen spanischen Herrschaft, bis, 1680, ein allgemeiner Aufstand der als Sklaven gehaltenen Indianer ihr ein plötzliches Ende machte. Wer spanisches Blut in den Adern hatte, verfiel dem Messer, alle spanischen Etablissements dem Feuer und selbst der Gouverneur der Provinz, der mit seinen Truppen Santa Fé inne hatte, mußte sich, geschlagen, den Fluß hinab bis in die Gegend von El Paso del Norte zurückziehen, wo er bei freundlich gesinnten Indianerstämmen Aufnahme fand und jene Stadt gründete. Spätere Expeditionen von da aus stellten zwar die Oberhoheit der spanischen Krone in der aufrührerischen Provinz wieder her, doch nur dem Namen nach. Die rothhäutigen Insurgenten blieben und sind noch faktisch die Herren des Landes; sie dulden die mexikanischen und in neuester Zeit die nordamerikanischen Niederlassungen nur aus dem Grunde unter sich, weil sie Vortheil aus denselben ziehen. Vorläufig wird dieser Zustand dauern, bis die projektirte Eisenbahn-Verbindung mit der Westküste, welche in drei verschiedenen Linien Neu-Mexiko durchschneidet, die Ansiedelung der Amerikaner massenhaft dahin zieht und eine größere Machtentwickelung der Regierung nothwendig macht. Dann werden die alten Azteken-Städte ihre schöngehauenen Quadern zum Eisenbahnbau hergeben und die armen Rothhäute gezwungen werden, sich neue Hütten zu bauen. Thun sie störrig, so ist’s eine Gnade für sie, wenn man ihnen im Norden der Felsengebirge noch ein fernes Eckchen Land anweist und sie, die erbgesessenen Herren, wie Verbrecher deportirt.