Die Mündungen des Mississippi
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SÜD-WESTLICHE MÜNDUNG DES MISSISSIPPI
Die Alluvial-Bildungen an den Betten und Mündungen der großen Ströme sind die Zeitmesser, an denen wir die jüngsten Lebensjahre unserer Erdrinde absehen, das lebendige Experiment, an dem die neptunische Kraft ihre Schöpfungen vor unsern Augen demonstrirt; auch Vulkan hält noch zur Gesellschaft hie und da seine Werkstätten offen, gönnt uns bisweilen einen Blick durch die speienden Feueressen in’s Innere seines Laboratoriums, und läßt uns an der Hand der Wissenschaft das Schmieden der Glieder schauen, welche die zurückgelegten Altersstufen der Erde an die Gegenwart ketten.
Es geht der Geologie wie der Weltgeschichte. Von der Zeit, da das Feuer noch Alleinherrscher auf unserm Planeten war, weiß jene wenig mehr zu erzählen, als von siedenden Kraterbecken, Schlacken-Ruinen und Thaten der Zerstörung. So weiß die alte Geschichte oft auch nichts Besseres zu berichten, als von Kriegen, umgestürzten Thronen und Unthaten abgestorbener Dynastien. Erst als des Feuers jüngerer Nebenbuhler, das Wasser, mit seinem Dunstkreis und der ihm innewohnenden befruchtenden Kraft einen siegreichen Kampf gegen den alten Monarchen bestanden und ihn dem Erdkern näher, nach dem Innern seiner Veste zurück gedrängt hatte, erst als die Keime organischen Lebens über die Erdoberfläche gesäet waren, entwickelte sich eine mannichfaltige Blüthe selbstständigen Daseyns, wie in der Geschichte der zum Selbstbewußtseyn und eigener Thätigkeit erwachten Völker. Seitdem dauert der Kampf des Feuers und Wassers beständig fort. Ganze Reiche der organischen und animalischen Welt gehen unter in Revolutionen, wie es ganzen Gruppen der Menschenschöpfung auch ergangen; aber das Princip des Schaffens im Reiche des Lebens ist nicht mehr zu vernichten. Es äußert seine Kraft in immer höher entwickelten, edleren Bildungen, wie sie der Geist eines unaufhaltsamen Fortschritts auch an den Geschicken unseres eigenen Geschlechts zeigt, sollte er auch über Brandstätten und Leichenhaufen schreiten müssen. Es ist ein unsterblicher Geist, eine ewige Kraft, ein unabänderliches Gesetz – nennt’s, wie ihr wollt; – aber es ist ein durch alle Erscheinungen physischen und geistigen Lebens sich consequent bleibendes Element, welches aus jeglichem Tod ein vollkommeneres Leben erweckt.
[58] Der Leser weiß, daß unsere Stein- und Braunkohlen-Flötze die Grabstätten alter Kulturepochen sind, in der die balsamirten Riesenleichen einer unbegreiflich üppigen Vegetation eingebettet liegen. Hat er Lust, die Diener des Neptun, die großen Ströme, welche ihre Rinnsale durch die Gebirge, die Wälder, die Prärien unserer Erdrinde brechen, in ihrem Erb-Todtengräberamt zu beobachten, so begleite er uns nach dem Delta und der Thalebene des Mississippi.
Was hat er da zu schauen? Ein Riesenwerk von 100 Jahrtausenden unablässiger Thätigkeit. Es ist die Anschwemmung, welche vom mexikanischen Golf bis herauf nach Kap Girardeau reicht und über 30,000 englische Quadratmeilen Flächenraum deckt. Diese ganze Landschaft besteht aus Morästen mit üppigem Baumwuchs, zerstreuten Seen und verlassenen Flußschlingen, die sich allmählig mit den vegetabilischen Stoffen, welche der Strom mit sich führt, anfüllten, während bei seinen Überschwemmungen an den äußeren Rändern derselben die dichten Binsenmatten, Rohre und Schilfe die eintretenden Wasser filtrirten und den schweren, mit erdigen Substanzen vermischten Niederschlag absetzen. In das tiefere Wasser der Niederungen, wo kein Wald wachsen kann, flößt der Strom die Baumstämme aus dem Oberlande herab. Sie betten sich in die Ablagerung von Blättern und zersetzten Pflanzen, welche üppig um den Rand der Moräste wachsen. Zu Grunde jener Cypressen-Marschen lagert sich aus den erdigen Beimengungen des Wassers eine zähe Thonschicht ab, in welches die Wurzeln der Bäume sich ausbreiten; eine unverkennbare Analogie mit den Schieferthonen der älteren Steinkohlenflötze. Von Zeit zu Zeit verursacht eine nie rastende vulkanische Thätigkeit Senkungen an der Oberfläche, wie das „gesunkene Land“ in der Nähe von New-Madrid durch das Erdbeben von 1812 entstanden ist. Dadurch tauchen die bewachsenen Waldflächen unter das Niveau des Wassers, welches die unteren Theile der aufrecht stehenden Bäume mit Sand und Schlamm umhüllt, die oberen Theile zersetzt und so fossile Wälder bildet; oder der Fluß nimmt seinen gestörten Lauf über die gesunkenen und seit Tausenden von Jahren mit vegetabilischen Ueberresten angefüllten Moräste und schwemmt sie mit Flußsand an, gerade, wie wir in den Kohlenbecken den Sandstein oft unmittelbar auf dem Kohlenflötz aufgelagert finden. Wenn mehre solcher Senkungen Statt haben, so müssen selbstverständlich Schichten wechseln, wie wir dies in der Steinkohlenformation so häufig antreffen. Bei Ausgrabungen in Louisiana hat man umgestürzte Baumstämme in Thon eingebettet gefunden, die 2000 Jahrringe zählten und unmittelbar darüber eine jüngere Vegetation von Bäumen, die ein Alter von 800 Jahren nachweisen; die in noch höheren Schichten folgenden Generationen zeigten ebenfalls hohe Lebensalter. Bei New-Orleans hat man zehn verschiedene über einander steigende Staffeln von Baum-Vegetation angetroffen, die zusammen eine Bildungsdauer von wenigstens 10,000 Jahren ergaben, seit der erste Baum in jenem Becken keimte. Ein langer Zeitraum! und doch nur ein kleiner Bruchtheil desjenigen, welchen wir der Thätigkeit des Mississippi zugestehen müssen, wenn wir die Zeit berechnen, welche die Konstruktion [59] des Delta, vom Boden des mexikanischen Golfs auf bis zu seiner jetzigen Höhe und Ausdehnung gekostet hat. Beobachtungen haben gezeigt, daß durchschnittlich 3000 Pfund Mississippi-Wasser ein Pfund feste Stoffe mit sich führen und Bohrversuche am See Pontchartrain, an der Spitze des Delta, hatten mit 600 Fuß Tiefe noch nicht einmal den Alluvialschlamm durchsunken. Da nun die jährlich herabgefluthete Masse, bei normaler Schnelligkeit und Mächtigkeit des Stromes, an 4 Milliarden Kubikfuß beträgt, so hat er zur Bildung des 13,600 Quadratmeilen großen Delta’s allein 167,000 Jahre gebraucht, und nimmt man die Alluvialmasse der oberen Thalebene zur Hälfte jener Mächtigkeit an, und ihre Ausdehnung auf nicht mehr als die des Delta’s selbst, obgleich sie in der That viel größer ist, so berechnet sich die Land machende Thätigkeit des „Vaters der Ströme“ auf 300,000 Jahre. Zu kurz ist diese Rechnung dennoch, denn einen großen Theil des fein zertheilten und leichten Sediments nimmt der Fluß mit hinaus in den Golf, wo es, von der Meerströmung erfaßt, bis nach den Bänken von Neufundland fortgeführt wird.
Die hier berechnete schöpferische Kraft eines der Hauptströme der Erde ist doch nur noch ein Anfang ihres Wirkens. Es ist wahrscheinlich, daß der Mississippi noch Millionen Jahre fortfährt, aus allen Theilen des nördlichen Kontinents Materialien zu seinen Bauten im mexikanischen Golf zusammenzutragen und einen Damm nach der südamerikanischen Halbinsel zu legen. Und in der Lebenszeit des Kontinents füllt auch diese Arbeit nur einen kurzen Abschnitt aus, wenn wir bedenken, daß die Bluffs, die jetzt die Grenze der großen Alluvial-Ebene darstellen, selbst nur eine Süßwasserbildung sind mit Ueberresten einer ausgestorbenen Thierwelt, und sie einem Alter angehören, in dem der Lauf der Flüsse und die Gestalt des Welttheils unendlich fern von unserer jetzigen Vorstellung liegen. Am Ohio hat man alte Seeküsten aufgefunden, deren Wände von Eis polirt sind und die geognostischen Vorkommnisse in Arkansas beweisen, daß der Red-River vormals an einer ganz entgegengesetzten, jetzt wasserlosen Gegend seine Anschwemmungen rother Erde vollbracht hat und seine Vereinigung mit dem Mississippi jüngeren Datums seyn muß. Betrachten wir noch die unermeßlichen Steinkohlenbecken und die älteren fossilen Umbildungen organischen Lebens am Missouri, so gerathen wir auf Zeiträume, für die uns die Ziffern ausgehen und das Maß der eigenen Begriffe nicht mehr ausreicht. Und doch sind sie nur Pulsschläge im vergänglichen Daseyn des Planeten – Momente des Erdenlebens.
Das Bauwerk des Mississippi ist zu einer Frage der höchsten volkswirthschaftlichen Bedeutung geworden. Seit den riesenhaften Fortschritten, welche die Entwickelung seiner Uferstaaten nimmt und seitdem sich der Schwerpunkt der nationalen Interessen, Ackerbau, Handel, Politik und Bevölkerungszahl, mehr und mehr dem Binnenlande zuwendet, dessen Verkehrsstraße der Mississippi selbst bildet, und dessen Emporium die Stadt New-Orleans ist, dieses Alexandrien der neuen Welt, – sind die Hauptmündungen des Mississippi das eigentliche Thor [60] Amerika’s. Ohngefähr 90 Meilen von der Küste theilt sich der Strom in mehrere Arme, durch die er seine Fluthen in den mexikanischen Meerbusen ergießt. Die ältesten Beobachtungen und Karten zeigen vier solcher der Schifffahrt zugänglichen Wasserpässe; jetzt unterscheidet man deren nur noch zwei, den südöstlichen und südwestlichen Paß, von denen nur noch der letztere Schiffen bis 18 Fuß Tiefgang die Einfahrt erlaubt. Leider werden die Mündungen mehr und mehr von Sandbarren blockirt, welche, oft viele Meilen lang, die Dämme darstellen, vermöge deren der Mississippi seinen Wasserbauten Festigkeit verleiht und unter deren Schutz er sie allmählig weiter in den Golf hinausschiebt. Diese Barren (Sandbänke) stehen mit dem Festland in Verbindung. Sie bilden Lagunen, welche die Arbeit des Ausfüllens und Zusammentragens der leichteren vegetabilischen Stoffe vor dem Andrang der Fluth und dem störenden Einfluß der Golfströmung bewahren. Im Delta selbst finden sich mehrere solcher nun dem Festland einverleibten Lagunen-Dämme, z. B. diejenigen, welche den See Pontchartrain nach der Südseite eindeichen und dessen allmählige Ausfüllung noch vor sich geht. Es haben jene Barren bereits das Versiegen von zwei Mündungen des Stromes bewirkt, und sie werden bald auch den südöstlichen Paß unzugänglich machen, dessen Tiefe unter dem Niveau des Meeres seit den Beobachtungen im vorigen Jahrhundert sich bereits von 18 Fuß auf 8 Fuß hob, eine Erscheinung, welche die ernstesten Besorgnisse erweckte und die schon seit 1833 eine Kommission von Experten mit Plänen zur Abhülfe der drohenden Gefahr beschäftigt. Man sann zunächst auf Ergründung der Ursache der Barrenbildung, um durch deren Entfernung die Wirkung zu paralisiren; aber alle darauf sich gründenden Versuche und Anstalten zeigten sich als erfolglos. Eine sorgfältigere neuere Untersuchung ergab, daß jenes Phänomen auf ganz eigenthümlichen Umständen beruht. Die ausströmende Süßwasserschicht fluthet nämlich mit unverminderter Geschwindigkeit weit über die Barre hinaus und führt Sand und vegetabilische Stoffe mit sich in die offene See. Am Meergrund aber ist eine Strömung in entgegengesetzter Richtung thätig, welche die zu Boden gesunkenen Stoffe aufnimmt und wieder gegen die Strommündung zurück führt. In trockenen Sommern tritt diese Salzwasserströmung viele Meilen weit in das Flußbett hinauf; an ihrem Wendepunkt verliert sie die Kraft, die mitgeführten Sedimente weiter zu tragen und setzt sie da ab; bildet aber dann eine dritte leichtere Wasserschicht, die zwischen der obenschwimmenden ausströmenden Süßwasserlage und der Gegenströmung des Salzwassers am Grunde des Meeres wieder ausfließt. Bei verschiedenem Wasserstand des Flusses und veränderter Widerstandskraft der Gegenströmungen verändert sich folgerecht auch der Standort der Sandbänke und dies erklärt die fortwährende Beweglichkeit derselben. Ein wirksames Mittel, dem so schädlichen wie uninteressanten Phänomen wirksam zu begegnen, ist noch nicht gefunden. Man hat sich bisher darauf beschränkt, mittelst kräftiger Baggermaschinen einen Kanal durch die Barren offen zu halten, so daß größere Schiffe mit Schleppbooten an die Stadt gebracht werden können. Vor der Höhe von Balize, der Lootsenstation, kreuzt jetzt beständig eine Flottille von 30 Dampfern, um diesen Schleppdienst zu versehen.
[61] Es wird noch einen schweren Kampf gegen die Macht der Elemente kosten; aber das technische Genie und der amerikanische Unternehmungsgeist werden ihn bestehen. Die Lagunenbauten von Venedig und die Riesendämme in Holland, die Docks an der Themse und am Mersey erscheinen wie Kinderspiel gegen Das, was an den Mündungen des Mississippi gethan werden muß, um zu erreichen, was die Interessen der Republik gebieterisch fordern: – eine freie sichere Einfahrt für Handels- und Kriegsflotten jeder Größe zum Hafen von New-Orleans. An allen anderen Haupthäfen Amerika’s, New-York, Boston, St. Francisko, hat die Natur Alles gethan, um der Menschenhand die Arbeit zu sparen. Deswegen sind auch die nautischen Anlagen der Amerikaner so dürftig und provisorisch. – Es liegt im amerikanischen Charakter, in seinem Individualitätsstreben und Egoismus, nur für sich, höchstens für die mitlebende Generation zu arbeiten; Jeder will den Genuß der Arbeit selbst erhaschen; es ist seltener der Staat, welcher für das allgemeine Wohl, für die Zukunft Opfer bringt, man sieht nur den Eigennutz, der um des eigenen Gewinns schafft. Deshalb die Hast und Liederlichkeit, mit der große Werke ausgeführt werden. Taugen sie nicht mehr für die nächste Generation, was kümmert’s die Erbauer? In jenem Fall aber scheint die Natur, diesem Charakterzug zum Trotz, die Tüchtigkeit seiner Arbeit, den Muth seines Unternehmungsgeistes, die Kraft seiner Mittel und die Unermüdlichkeit seiner Ausdauer herausgefordert zu haben – Alles hat sie gethan, das Giganten-Werk zu erschweren und die Hand abzuschrecken, die sich daran wagen möchte. Daneben aber hat sie dem Gelingen des großen Werkes köstliche Früchte verheißen, zu lockend für die amerikanische Spekulation und zu gebieterisch gefordert vom Bedürfniß und den Interessen einer großen, erleuchteten und in der ersten Reihe der Civilisation schreitenden Nation. Es ist hier nicht mehr mit hölzernem, vergänglichen Pfahlwerk, mit lockeren Dämmen aus Triebsand und Kies, mit leichtgebauten Leuchtthürmen und Waarenhäusern, mit einsinkenden Docks und versumpfenden Kanälen gethan; es handelt sich nicht mehr um eine Arbeit von ein paar Jahren, die den Unternehmern oder Aktionären reichliche Dividende gibt und durch Flickwerk ein kurzes nothdürftiges Daseyn fristet, sondern es gilt ein nationales Werk aufzurichten, für das der Patriotismus den Säckel öffnen muß, ein Werk, vom Volke gebaut und dessen Vollendung Hunderte von Millionen und ganze Menschenalter erfordert, ein Werk, sage ich, dessen enorme Kosten an Kapital und Arbeit den großen Interessen der künftigen Staatsentwickelung recht eigentlich zu Gute kommen soll, ein Werk, das sich die Segnungen der Nachwelt verdienen soll. Und wenn der amerikanische Kaufmannsgeist kein Krämergeist ist, wird er sich zur Höhe dieser Idee schwingen und Etwas schaffen, gegen das die Wunder der alten Welt zu Zwergen schrumpfen. Wo heute der Fuß im Morast watet, werden unsere Nachkommen auf prächtigen Quais lustwandeln, wo nacktes Rohr unübersehbare Flächen deckt, werden blühende Kulturen und Plantagen prangen, wo elende Lootsen- und Fischerhütten im Sumpf versinken, werden prächtige Städte und Landhäuser das Auge entzücken, wo die Fahrzeuge mühsam über die Sanddünen sich schleppen und die Dampfboote dicken, schwarzen Schlamm aufwühlen, [62] werden die Flotten aller seefahrenden Nationen ankern und wo jetzt giftige Miasmen und Fieber die Luft füllen, wo Tausende alljährlich ihr frühes Grab finden, wird der reine Himmel des Südens wieder zum Vorschein kommen und eine Bevölkerung von Millionen wogen, die sich ihres Glücks, Wohlseyns, Reichthums und Genusses erfreuen.