Der Parnassus in Griechenland
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DER PARNASSUS
(GRIECHENLAND)
Auch die Mythe ist bisweilen conventionell und sie bewegt sich in Formen, die bei ganzen Völkergruppen stereotypisch erscheinen. Namentlich ist das mit der Vorstellung von einer Regeneration des Menschengeschlechts der Fall. Als der Herr der Welt, „dessen Stuhl der Himmel ist, während die Erde sich als Schemel seiner Füße unterbreitet“, in seinem Zorn die große Fluth aussandte, um die alte Erde von ihren sündigen Geschöpfen rein zu waschen, hatte er hohe Berge hie und da erlesen, an denen er den Wassern ihr Maß vorzeichnete, bis wie weit sie sich versteigen durften. In Asien war’s der Ararat, in Peru der Titikaka, in Griechenland der Parnassus, welche trockenen Hauptes blieben und auf denen die Auserwählten des menschlichen Geschlechts sich retteten, um als Ueberlieferung der alten und Ausgangspunkt der neuen Welt- und Menschengeschichte zu dienen und von kommenden Herrschern als Keim ihres Stammbaumes gebraucht zu werden. So führten in Peru die Inkas, in Mesopotamien die mächtigen Patriarchen ihre Herkommenschaft auf jene Unica ihres Geschlechts zurück und die Könige von Phocis behaupteten, die direkten Nachkommen des Helden Deucalion zu seyn, dem das Geheimniß anvertraut war, seine Unterthanen aus Drachenzähnen zu ziehen, die er auf dem Parnaß aussäete, um alsbald gewaffnete Krieger zu erhalten – das Material, um Völker und Reiche zu gründen.
Als durch die aufgethanen Schleußen des Himmels die erste Zeit mit ihren Greueln begraben war, und wieder aufgegangen die jungen Keime im Schooß der gereinigten Erde, da wurde, wie uns die Mythe versichert, zwischen Gott und dem verjüngten Geschlecht ein neuer Bund errichtet. Aber die Völker arteten aus in neuen [63] Freveln, der Fluch der Knechtschaft wurde geboren, blutroth wurde die reine Flamme des Himmelslichts in den Tempeln des Molochs, blau und bleich im ägyptischen Schattenreiche, sie erlöschte im Garten Indiens; herrlich strahlte sie fort an Griechenlands Olymp allein. Die Hellenen wurden die Schooßkinder der antiken Wunderwelt; unter ihnen ließen sich die alten Götter nieder und der Berg, den wir auf unserem Bildchen sehen, war lange ihre heitere Wohnung und der Lichtträger für die Welt. Als aber die Verheißung, die Hellas zur Geistersonne erkoren, sich erfüllt hatte, das heitere Glück vor den Stürmen des Kriegs aus dem Lande floh, und das Wunderkind, im Zeichen des Lammes geboren, eine neue Zeit verkündigte: da wurde es auch den alten Göttern unheimlich auf ihren Bergen, sie zogen davon und mit ihnen das Glück aus dem griechischen Leben; verlaufen war die alte Zeit, und vom verödeten Parnaß ging die Strömung der Ideen hin zum Fuße des Libanon.
Wie würden Apoll und seine Musen trauern, wenn sie ihren Göttersitz jetzt wieder sähen. Des Parnassus sonst ewig sonniger Scheitel trägt eine beständige Nebel- oder Schneekappe, auf seinen kahlen Felswänden wachsen keine Oliven mehr, gehen keine Saaten, geschweige Drachenzähne auf, Geier und Adler nisten in den Altartrümmern, die sonst wohlriechende Opfer zum blauen Himmel sandten, und wo die Dryaden alljährlich ihre heiteren Feste feierten, treiben nur noch rauhe Winde ihr Spiel. Die Stätte des Tempels von Delphi selbst, in dem Plinius noch 3000 Bildsäulen von Gold und Marmor zählte, verunstalten elende Hütten, und aus der kastalischen Kluft, wo der goldene Dreifuß der Pythia stand, lugt dann und wann ein griechisches Räubergesicht, das dem Reisenden auflauert, der nach den klassischen Orten pilgert. Wie sein schönes Götterthum, ist ja ganz Hellas zur Ruine geworden.
Der alte Göttersitz erhebt sich von dem nordöstlichen Plateau Hochgriechenlands als eine fast ganz nackte Steinmasse zu einer Höhe von 7500 Fuß. Nur ein schmaler Gürtel dunkler Tannen umschließt seine Seiten. An seinem Fuß, im Thale, wo das alte Daulis stand, lebt noch ein Menschenschlag, der griechisches Blut, griechische Züge und sogar griechische Tracht in erkennbarer Reinheit erhalten hat und in der frischen Bergluft ein unabhängiges Leben führt. Die türkische Eroberung hatte das Völkchen aus der Ebene auf diese luftigen Höhen getrieben, wo sie aus den rauhen Gebirgsabhängen Getreidefelder und Weinberge schufen. Von da aus ist’s noch ein sechsstündiger, beschwerlicher Stieg bis zur Spitze. Eine dem höchsten Gipfel gegenüber stehende Felswand, auf der die Alten, wenn sie des Lebens satt waren, sich, ihren Göttern zum Opfer, selbst den Tod gaben, heißt noch der Greisenfels. Der Gipfel selbst ist eine mehrfach gezackte Felskante von Kalkstein. Zehn Monate im Jahr ist er von Schnee bedeckt. Hoch am Berg liegt die korykische Grotte, das Heiligthum der Nymphen, ein ungeheures Stalaktitengewölbe. Während des Befreiungskrieges fand vor den Türken die ganze Bevölkerung des Thales darin Schutz und jetzt noch werden die schwarzgeräucherten Tropfsteinkammern gelegentlich von Raubgesindel bewohnt. Ein rauher [64] Pfad führt über den Rücken des Gebirges, im Zickzack an einer jähen Felswand hinab nach dem Dörfchen Kastri. Zwei senkrechte, rothgraue Kalkfelsen ragen mehrere hundert Fuß hoch über dieser Felswand empor und umschließen eine romantische Schlucht, aus der ein plätschernder Bach hinab in’s Thal eilt; – ein paar Stufen führen in’s Innere der Schlucht zu dem Bassin der kastalischen Quelle, dem geweihten Bade, das die pythischen Jungfrauen sich für ihre Weissagungen vorbereiten und läutern mußten. Jetzt wuchert frische Brunnenkresse aus den Fugen der zerbröckelten Marmorumfassung. Hinter dem Becken führt ein verschütteter, mit Steinplatten verdeckter Gang zur Dunsthöhle, welche das Orakel verbarg. Noch zu Hadrians Zeit war der heilige Ort vom Tempel des Apoll umschlossen; über einer Felsenspalte, aus der die inspirirenden Dämpfe aufstiegen, stand der goldene Dreisessel mit Lorbeeren und Blumen umwunden. Von dem in das Allerheiligste geleiteten Wasser der Quelle Kassotis trank vor dem Wahrsagen die bleich und verstört blickende Pythia, und ließ sich auf dem Dreifuß sitzend von dem Athem der Unterwelt umnebeln, bis sie in Raserei verfiel und unter Geheul unverständliche Worte und Töne ausstieß – das war das Orakel, welches die Priester sorgfältig aufzeichneten und, geordnet und ausgelegt, dem Fragenden für Gold einhändigten, gewöhnlich in Versen, da keine Sprache so geeignet ist als die der Dichter für eine dunkle Bedeutung und eine räthselhafte Auslegung. Bis zum Verfall des Römerreichs erhielt sich das Orakel in Ansehen und erst die Raub-Einfälle der kriegerischen Scythen und Gothen machten der Herrlichkeit und dem Hokus Pokus ein Ende. Die goldenen Statuen, Gefäße und der Dreifuß wurden von den Barbaren fortgeschleppt, der Tempel zerstört, Pythia und ihre Priester wanderten aus und überließen die heilige Stätte den Eulen und Geiern, deren Geschlecht noch da horstet. An der Ostseite der kastalischen Kluft steht zwischen Olivenbäumen ein verlassenes Kloster, etwas weiter die Ruine eines dorischen Tempels zwischen umhergestreueten, ausgeraubten Sarkophagen.
Am Fuß des Parnaß drängt sich aus einem engen Thal das Flüßchen Pleistos hervor und schlängelt sich durch eine mit herrlichen Oelbäumen bewachsene Ebene in’s Meer. An dieser Stelle war es, wo Apoll landete, als er in Delphin-Gestalt sein Schiff und sein Heiligthum von Kreta nach Delphi brachte. Hier wurden auch die pythischen Spiele gehalten. Am einst so berühmten Hafen sieht man bloß noch ein paar verfallene Hütten; die Küste des nahen Bulis, welche die Fischer der Purpurmuschel einst so sehr belebten, ist jetzt versandet und verödet.