San Antonio in Texas

Burg Landsberg bei Meiningen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
San Antonio in Texas
Maffei’s Maschinenfabrik in der Hirschau bei München
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ST ANTONIO
(Texas)

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San Antonio in Texas.




Rasch ist der Lauf des Schicksals in der neuen Welt. Denksteine, die unsere Großväter gesehen haben könnten, sind dort Alterthümer, die um so grauer erscheinen, je grüner, je jünger und frischer die neuen Ansiedelungen neben den Ruinen empor wuchern. Wie das Wachsthum drüben an tausend Stätten zeigt, welch’ riesenhafte Kraft es in einem gesetzes-freien Boden entwickeln könne, ebenso treten uns Hunderte von Bildern des Gegentheils vor die Augen: jene Stätten, die, von einer Tyrannei gegründet und von einer anderen befreit, plötzlich auf vogelfreiem Boden gestellt, kein anderes Recht mehr kannten, als das Faustrecht. So rasch das Aufblühen dort ist, so reißend schnell stürzt hier das alte europäische Menschenwerk in Trümmer, und wo vor Jahrzehnten Tausende in Ueppigkeit dahin lebten, ringen nun Hunderte mit der Arbeit um das Dasein. Aber mit der Ueppigkeit zogen Feilheit und Faulheit aus, und mit der Arbeit werden Wohlstand und Bildung einziehen, sobald gesetzliche Freiheit Schwert und Wage über Volk und Land hält.

Ein solches Land und Volk zeigt Dir Texas. Von Spaniern besetzt und kolonisirt, japanisch abgesperrt gegen alle anderen Völker der Erde, von den Jesuiten ausersehen zu einem zweiten Paraguay, von den Amerikanern benutzt als Schmuggelerlager und Verbrecherherberge, prangte Teras in einzelnen Städten mit den Treibhausblüthen europäischer Kultur, die, sobald das Rütteln des Volks an der Kette der Abhängigkeit, erst von Spanien, dann von Mexiko, begann, abfielen wie welkes Herbstlaub. Endlich war die Unabhängigkeit erfochten und anerkannt, und Texas stand zwischen Mexiko und Nordamerika als ein „einsamer Stern“, wehrlos offen für die Ausbeutung aller Seehandelsmächte. Da bat es die große Union im Norden um – Einverleibung, und so ward, nach abermals harten Kämpfen, der „einsame Stern“ erhoben zum dreißigsten im Banner Washingtons. Erst damit kam Texas vom vogelfreien auf gesetzes-freien Boden.

Die Spuren der spanischen Glanzzeit und der mexikanischen Verderbniß sind noch heute sichtbar, am sichtbarsten aber in San Antonio de Bexar, dem Gegenstand unserer Stahlplatte.

Galveston (vgl. Bd. XVI, S. 73 ff.) und San Antonio bilden – nach dem Ausspruch eines deutschen Reisenden – die beiden Pole des texanischen Lebens. Dort, in der ersten Seestadt des Landes, wiederholt [150] sich das Leben von New-Orleans, treibt der Kaufmann und der Gastwirth sein Geschäft, der Deutsche, der Franzose und jeder Andere neben dem Amerikaner, wie es eben glückte, – während in Antonio noch die Karavane aus dem altmexikanischen Osten mit dem amerikanischen Kaufmann in seinem Baumwollenfrack handelt und noch Pferd und Maulthier und der Ochsenkarren die Straße und der Hut mit breiter Krampe den Kopf bedeckt und Serape und Rebozo, Fandango und Hazardspiel ihre Geltung behaupten. – Betreten wir die Stadt selbst, die in einem breiten, vom Antoniofluß durchströmten Thale liegt, so sehen wir längs der Straßen neben Häusern, die auch hier, wie in Galveston, im „Scheunenstyl“ gebaut, und neben Hütten, deren Pfähle mit Ochsenriemen zusammengebunden sind, einzelne Steinhäuser mit flachen Dächern oder hochgegiebelt aufsteigen. Der geräumige Marktplatz ist sogar von drei noch ziemlich vollständigen Steinhäuserreihen gebildet und auf der vierten Seite von der Kirche begrenzt, deren Thurm und Kuppel über das einfache Gemäuer emporragen. Solche Pracht ist in ganz Texas nicht wieder zu finden. Dafür ist Antonio aber auch schon 1692 gegründet; man kann noch Wappen mit der Jahrzahl 1757 an dem verfallenden Gemäuer finden. Der Krieg hat Antonio zu Grunde gerichtet; als das Fort Alamo (Pappel), der altspanische Schutz der Stadt, gefallen war, verließen sie die stolzen Spanier, zurück blieb nur ein verkommenes Geschlecht von Lazzaroni in Lumpen, und einzog der Frack des Yankee. Von 10–12,000 sank die Einwohnerzahl damals auf 7–800.

Die Stadt wird und muß sich aber heben, sobald ihre Lage eine günstigere geworden ist durch das Vordringen der Bevölkerung, der Kultur und vor Allem der Völkerverbindungsmittel. Jetzt ist es der äußerste Markt gegen die Wüste, die schon am St. Miguelflusse beginnt. Der kluge Amerikaner hat auch das bereits benutzt: wie Galveston als Seehandelsplatz den Grund seiner künftigen Größe legt, so soll nun auch San Antonio zum Hafenplatz werden am Sandmeere durch – das Schiff der Wüste. Man hat das Kameel als Lastthier eingeführt und ihm eine neue Heimath angewiesen zwischen dem Salzsee und dem Missouri, Kalifornien und Texas. Der Versuch gelang vollkommen, das für Wüstenreisen geschaffene Thier bringt in die sonst so gefährlichen Züge der Karavanen durch jene Länderstriche mehr Sicherheit, der Handel athmet auf, und je zahlreicher die Schiffe der Wüste durch das große Sandmeer dahin ziehen werden, um so rascher muß San Antonio sich aus seiner Verkommenheit erholen. Nach den neuesten Berichten ist die Einwohnerzahl der Stadt wieder bis auf 2000 gestiegen.