Burg Landsberg bei Meiningen

Die Silberkaskade in den Weißen Bergen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Burg Landsberg bei Meiningen
San Antonio in Texas
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BURG LANDSBERG
(BEI MEININGEN)

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Burg Landsberg bei Meiningen.




Eine Idylle im Ritterkostüme auf lieblichem Hügel in einem Thale des Friedens! – Vor uns stehen Mauern und Zinnen, Warten und Schießscharten, aber nicht bestimmt, einem Feinde zu trotzen, sondern dem fürstlichen Erbauer zu einem gemüthlichen Lug-ins-Heimathland zu dienen und den Bewohner des Landes, wie den Wanderer aus der Ferne zum Genusse von mittelalterlichen Erinnerungen und Kunstwerken moderner Hand einzuladen; mehr will er nicht sein, unser Landsberg, das neue Bergschloß des Herzogs Bernhard Erich Freund von Sachsen-Meiningen.

Wer vor zwanzig Jahren auf der untern Werrabrücke der Stadt Meiningen stand, sah das Thal nach Norden von einem Kalksteinhügel begrenzt, der sich öde und traurig aus dem Wiesengrün emporhob. Die Burgtrümmer auf seinem Rücken lagen am Boden, nichts Erhebendes versöhnte mit seinem Anblick. Früher war und jetzt ist das anders. Die Lage der isolirten Höhe zwischen drei belebten Straßen, dem alten Thalwege im Werragrund, der alten Frankenstraße und der Straße in das sogenannte Sandland, war zu lockend für die Burgengründer des Mittelalters, um lange unbenutzt zu bleiben. Urkundlich ist erwiesen, daß die nahen Orte Meiningen, Vachdorf und Leutersdorf unter König Heinrich I., dem Städtebauer und Hunnenbesieger, ihre Befestigungen erhielten. Da nun Walldorf und Meiningen damals Reichsdomänen waren, so spricht Vieles für die Wahrscheinlichkeit, daß auch auf dem heutigen Landsberg schon zu jener Zeit (zwischen 924–930) eine feste Burg erbaut worden sei. Am deutlichsten spricht aber dafür der Name jener ältesten Burg: sie hieß „Landeswehr“ und der Berg, „der Landwehrberg.“

Wenn dies der Ursprung der alten Burg ist, so haben wir damit den interessantesten Theil ihrer Geschichte erzählt. Später hatte sie das Schicksal von Hunderten ihres Gleichen in Thüringen, Franken und Schwaben. Lange Zeit sammt der Stadt Meiningen und deren Umgegend Besitzthum der Bischöfe von Würzburg, welche Burgmänner daselbst hielten, blieb sie am längsten in der Hand des Geschlechts der Wolfe, die jedoch in jenen Blüthentagen des Faustrechts ebenso oft die Grafen von Henneberg, von deren Gebiet Meiningen und Landeswehr rings umschlossen waren, ihre Lehnsherren nennen mußten. Burg und Berg mit den Hofstätten am Fuße desselben waren wieder würzburgisches Kammergut geworden, als der Bauernkrieg 1525 der Herrlichkeit auf der Höhe [146] ein Ende machte. Ein hoher Thurm und einige Thor- und mächtige Mauerreste mit hohlen Fensterluken bedeckten den Landwehrberg, als derselbe sammt Meiningen 1542 an Henneberg und endlich, 1583, an das Haus Sachsen kam. Der dreißigjährige Krieg hatte hier nur den Meierhof mit allem Zubehör zu verwüsten, that dies aber so gründlich, daß noch lange nach dem westphälischen Frieden sich Niemand zum Wiederanbau der hier entstandenen Wildniß entschließen wollte. Nach der Ländertheilung des Herzogs Ernst des Frommen ward Meiningen durch Herzog Bernhard I. Fürstensitz; man verwendete nun die Steine der Ruine Landeswehr zum Schloßbau in Meiningen und sprengte den letzten Stolz des Hügels, den hohen Thurm, mit Pulver. Dies geschah imJahre 1685. Ein zerborstener Theil dieses Thurms liegt noch heute, quer und fest wie sein heidelberger Schicksalsgenosse, auf dem Fundamente seiner Vergangenheit. Seitdem machte der Name „Landwehrberg“ dem kürzeren „Landsberg“ Platz.

Diesen Namen erhielt auch das neue Schloß, dessen Bau im Jahre 1836 begonnen und nach dem Plane und unter der Leitung August Döbners, des herzogl. Baumeisters, bis 1840 in den Hauptmassen vollendet wurde. Das Ganze besteht aus dem mit drei starken Eckthürmen und zwei hohen Plattformen zierend umgebenen Hauptbau und zweien durch Bogengänge und Thormauern damit in Verbindung stehenden Nebenbauten, der Kastellanswohnung und dem Thorwarthause. Von diesem bis zu jenem zieht sich eine Ringmauer hin, die einen freundlichen Hofraum umgürtet und das alte Thurmgetrümmer noch mit umschließt. Neben letzterem führt eine Pforte zu dem zweiten neuen Schmuck des Landsbergs, zu der herrlichen jungen Waldanlage, aus deren frischem Grün das Schloß so heiter und anmuthig emporragt und durch welche schattige Fußwege zur ebenfalls neuen und von Dobner nach Schweizermanier erbauten Meierei am Fuße des Hügels führen. Unser Stahlstich zeigt uns Burg und Berg von dieser Seite.

Dem äußeren Bilde der Burg entspricht vollkommen das Innere. Die Anmuth herrscht im ganzen Bau vor und hält die Pracht im rechten Maße zur Größe der Räumlichkeiten. Das Mittelalter zeigt uns hier alle heiteren Seiten seiner Lebensformen, und wie Herzog Bernhard II. dasselbe angesehen wissen will, sagt uns der Spruch über dem Eingang der Waffenhalle:

„Nicht zurück wünschen laßt uns die alte Zeit,
Wohl aber der Ahnen Kraft und männlich Walten,
Nicht den Lehnsdruck, nicht der Ritter Eisenkleid,
Wohl aber die felsenfeste Treu’ der Alten.“

Die Waffensammlung selbst ist klein, aber wohlgewählt und geschmackvoll geordnet. Besondere Beachtung nimmt der großeSaal (50′ lang, 17½′ breit und ebenso hoch) in Anspruch wegen W. Lindenschmitt’s acht historischer Bilder aus der Vorzeit Thüringens, der trefflichen Glasmalereien, der reichen gothischen Schnitzereien am [147] Holzgetäfel der Wände, des Credenztisches, der geschmackvollen Kronleuchter und der neuerdings dort aufgestellten sehr werthvollen Autographensammlung. Drei hohe Glasthüren verbinden diesen Saal mit der 3219 Quadratfuß großen nördlichen Plattform der Burg, die den Blick nach Norden und Osten frei läßt.

Das nordöstliche Thurmzimmer und das Lutherzimmer sind hauptsächlich mit Skulpturwerken Ferdinand Müllers ausgeschmückt, jenes mit einem beziehungsreichen Turnierfries, dieses mit Reformatorenstatuetten. Eine besondere Zierde des letzteren ist Kellner’s (in Nürnberg) Glasgemälde: „Der Tod der Maria.“

Im zweiten Stock des Schlosses fesselt uns im Mittelzimmer ein Bild, das alle heiteren Eindrücke der bisher durchwandelten Räume plötzlich verdüstert. Da sitzt der arme Tyrann auf dem Balkone, das abgefeuerte Gewehr im Schooße, im Gesicht das Zeugniß eines vom Glaubenswahn verbrannten Gehirns: „Karl IX. nach seinem ersten Schuß auf die Hugenotten in der Bartholomäusnacht“, Beck’s treffliche Kopie nach Wappers weltberühmtem Gemälde. Auch die übrige Zimmergesellschaft kann einem ehrlichen Deutschen das Herz nicht erleichtern: Kaiser Karl V., Tilly und Ferdinand II. von Spanien. Was die in den Freinächten der Geister während der heiligen Zeit da droben mit einander berathen mögen? – Offenbar um eine protestantische Opposition gegen etwaige Beschlüsse dieser gefährlichen vier Herren zu ermöglichen, hält im nordöstlichen Eckzimmer eine Versammlung von anderen Männern geheimen Rath: Ernst der Fromme, Bernhard von Weimar, Gustav Adolf, Philipp der Großmüthige und Friedrich von der Pfalz; Erzengel Michael, der Drachenbesieger, ist ihnen sinnig zugesellt, letzteres ein feines Holzrelief. – Nachdem wir noch die Laube, das Spruch- und das Stammbaumzimmer, deren Bestimmung und Hauptschmuck durch die Bezeichnung erklärt ist, betrachtet haben, besteigen wir vom ebenfalls noch zimmerreichen dritten Stock aus die Schneckenstiege des 120′ hohen Hauptthurms, auf dessen freier Zinne wir 456′ über dem Spiegel der Werra und 1343′ über der Nordseefläche stehen.

Gleichwohl kann die Aussicht in das von höheren Bergen begrenzte und an sich schmale Thal der Werra nur eine beschränkte sein. Außer den fern herüber schauenden Köpfen der Rhön und des Thüringerwaldes sind die Berge der Nähe, Geba und Dolmar, die Zierden des Rundbildes, welches gegen Süden die untere Vorstadt von Meiningen, nach Norden die berühmte Tabaksstadt Wasungen mit den Trümmern der ehemaligen Burg Maienluft (im Hintergrund unseres Stahlstichs sichtbar) und außerdem noch zwischen Feldern und Wiesen und an Waldrändern und kahlen Höhen 8 Dörfer und 4 Einzelhöfe, die Meierei des Landsbergs eingeschlossen, in sich faßt. Anstatt der Aussicht erquickte mich auf der Thurmzinne bei Hinabblick auf das Schloß eine wohlthuende Einsicht. Vergleiche, lieber Leser, die Jahre vor der Julirevolution, wo die großen Sonnenblumen der ersten Restauration blühten, mit der Gegenwart: damals wieder, wie zu Ludwigs XIV. Zeit, war Paris die Sehnsucht aller Prinzen, und nur das Ausland bot standesmäßige Bezugsorte für alle feineren Bedürfnisse der höheren Regionen. Was [148] „nicht weit her“ war, taugte nichts, und wer nichts taugte, war „nicht weit her“. Ist das nicht anders, nicht besser geworden? Bei den schönsten Arbeiten da unten im Schlosse, zu deren Vollendung Handwerk und Kunst sich die Hände reichen mußten, frage: Wer sind ihre Meister? Wer war des Schlosses Maurer? Wer verfertigte jene Kronleuchter? Wer jene Holzschnitzereien der Sessel, Stühle und Wandbänke, der Thüren und Decken? Wer jenen kunstreichen Credenztisch? Wer die architektonische Malerei der Zimmer? Wer die Glasmalereien der Fenster und Thüren? Wer die plastischen Ornamente und historischen Skulpturwerke? Da erfährst du Namen, wie: Meister Thomas, Meister Meiße, Meister Morgenroth, Meister Rieneck, Eberlein, Kellner, Thieme, Müller u. s.w., lauter deutsche Namen, deren Inhaber nicht weit her, meistens in Meiningen und, wenn nicht im Inland, höchstens nur in Deutschland daheim sind. Das thut wohl und macht dem edlen Bauherrn wie den tüchtigen Meistern der Heimath Ehre!

Deshalb glauben wir’s auch nicht, wenn uns die Leute im Thale weiß machen wollen, wir ständen hierauf dem Thurm gerade über der Hölle. Das ist nicht wahr, sondern tief unten im Grunde des Thurms liegt ein großer Schatz begraben und lauert ein versteinerter Mann auf Erlösung, und das ging so zu. Es war einmal ein uralter Herzog, der wollte jagen. Da schickte er seinen Kammerherrn voraus, daß er die Jagd anstelle. Der aber kam auf den Landwehrberg als ein müder Mann und nickte bei dem Thurme ein. Da träumte ihm von einer wunderschönen Jungfrau in einem schneeweißen Kleide, die winkte ihm und deutete mit dem Finger auf die Glücksblume. Und als er erwachte, blühte vor ihm im Boden eine große Schlüsselblume, die zog er heraus und siehe, an der Wurzel hing ein großmächtiger Schlüssel, und eine Eisenthür stand plötzlich vor ihm in der Mauer. Als ein kluger und tapferer Herr ging er mit dem Schlüssel darauf los, die Thür sprang auf und da lag’s haufenweis von Gold und Edelgestein. Aber wie er nun mit beiden Händen zugreifen will, hat’s der Teufel besorgt, daß die Jagdhörner ertönten und sein gnädigster Gebieter da war und ihm rief. Eiligst sprang er hervor, steckte den Schlüssel in die Tasche, – und verlor die Blume! Freilich schlich er gleich nach der Jagd wieder hin zum Schatz, aber vergeblich: er fand die Eisenthür nicht wieder. Da stieg er hinauf, wo im Thurm ein Loch durch den Schlußstein des Gewölbes geht, und da harret er nun, den Schlüssel in der Hand, der weißen Jungfrau und versteinerte nach und nach, um das Warten besser aushalten zu können. Armer Mann, du kannst noch lange lauern! Du hast ja die Blume verloren! – Darum merk’s, lieber Leser: willst du den Schatz heben, so wahre die Blume! – Hast du sie verloren, so hebst du den Schatz nimmermehr.