Wildbad Pfeffers in der Schweiz
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BAD PFEFFERS
(Schweiz)
Das ist ein herrliches, blühendes Land, dieses Land St. Gallen. Die Klosterbrüder haben es verstanden. Sie schnitten sich überall das beste Stück aus dem Kuchen. St. Gallen mit seinem 40 Quadratmeilen großen Gebiet ist wie ein Park, in dem die Natur ihre besten Schätze zur Schau stellte. In diesem Lande war der Krummstab das Scepter, der Abt der Fürst, und in Macht und Pracht, Stolz und Hoffahrt stand er weltlichen Regenten nicht nach. Aber nach und nach entwuchs das hörige Volk, das der Fleiß vieler Jahrhunderte wohlhabend und reich gemacht hatte, dem Gängelbande, und Theil nehmend am ewigen Fortschritt der Zivilisation entwickelte sich, trotz aller Gegenbestrebungen der Pfaffen, das freie Bürgerthum. Als dies zu Kraft gekommen war, da entspann sich der Kampf gegen die Kirche, und allmählig wurde den Aebten ein Recht und eine Konzession nach der andern abgerungen. Die morsche Mönchsherrschaft war dahin, und in den Verwirrungen der schweizerischen Revolution zu Ende des vorigen Jahrhunderts brach sie vollends zusammen. Der letzte Nachfolger des heiligen Gallus starb vor 20 Jahren in der Zelle eines fremden Klosters, und die junge Republik, als Kanton des Schweizerbundes, ist eins der glücklichsten und blühendsten Gemeinwesen der Erde. Von Jahr zu Jahr wächst ihr Wohlstand, ihre Bevölkerung, und auch die edlern Früchte der Freiheit: Kunst, Wissenschaft und Humanität, gedeihen in dem kleinen beneidenswerthen Staate.
Dort an der Grenze des bündtner Landes, wo der junge Rhein aus dem Hochgebirg hervorbricht, schlängelt sich ein Saumpfad hinan bis zu den Hütten des Dorfes Valens. Es liegt beinah 3000 Fuß über dem Meere, in einem heitern Bergthal, zwischen den Hörnern der wildzerrissenen Gebirgsstöcke Calanda und Monteluna. Vom Kirchlein weg geht seitwärts ein Pfad durch Wiesen bis zum Rand einer Bergschlucht, auf deren finsterm Grunde die Tamina über Felsblöcke hinrauscht. Steil windet sich der Weg an der Felswand in den Schlund hinab bei 700 Fuß tief, und in dieser schauerlichen, kaum zugänglichen Einsamkeit stehen die Gebäude des kleinen Kurorts. Es ist Pfeffers – das berühmteste unter den Bädern der Schweiz.
Die warmen Heilquellen von Pfeffers kamen schon vor 1000 Jahren in Gebrauch. Sie gaben zur Gründung einer Klause, dann eines Klosters Veranlassung. Ein wunderthätiges Marienbild unterstützte die Heilkraft der Quellen. Was das Wasser nicht that, das wirkte der Glaube.
[159] Die Mönche ließen sich im Jahre 1050 vom deutschen Kaiser Heinrich III. mit dem Eigenthum der Quellen auf ewige Zeiten belehnen und übernahmen dagegen die Verpflichtung, die für den Gebrauch der Bäder nöthigen Einrichtungen zu treffen und zu unterhalten. Diese Einrichtungen waren freilich dürftig genug. Die Kranken wurden an Seilen in die Tiefe der Schlucht hinabgelassen, mußten dann an der Tamina hinan, bald über Felsblöcke weg, bald auf Leitern, bald von Seilen gehalten zu den Quellen klettern und da eine ganze Woche lang Tag und Nacht im Wasser liegen, während ihnen ein Klosterbruder das Nöthigste an Speise und Trank reichte. Die Kur war eine verzweifelte und die Schrecken der Umgebung, die halsbrechende Fahrt, die Finsterniß des Orts, welche nur durch den Schimmer einer ewigen Lampe vor dem im Gestein gebauenen Bilde der heiligen Jungfrau gebrochen wurde, der Mönch, der zu verschiedenen Tageszeiten mit den Kranken die Litanei absang, oder das Ave betete: – alles Das regte neben der drastischen Wirkung des Bades so gewaltig auf und weckte so viele schlummernde Kräfte, daß die unglaublichen Wunderkuren wohl möglich wurden, von denen die Legenden des Klosters erzählen. Erst vor anderthalb Jahrhunderten wurden bequemere Einrichtungen gemacht, gangbare Pfade in die Schlucht gesprengt, die Badehäuser gebaut und das Wasser der Quellen aus einer Entfernung von 700 Schritt durch Röhren in das Kurhaus geleitet.
Die Fahrt zu dem Ursprung der Heilquelle selbst ist immer noch ein kleines Wagniß; aber der Reiz, das Naturwunder zu schauen, überwindet die Furcht bei den Meisten. „Es ist ein Gang“, – erzählt Zschokke – „als wär’ es ein Weg durch die geborstene Erdrinde zum Orkus oder zu den unterirdischen Palästen der Gnomen.“ Die Felspforte zum Eingang ist dicht bei dem Badehause. Sie führt in eine schmale Bergspalte, in deren Wand eiserne Pfähle eingetrieben sind, auf welchen ein schmaler Bretersteig, kaum 2 Fuß breit, gelegt ist. Der Steig ist ohne Geländer; er schwebt über einem 30 bis 40 Fuß tiefen Abgrund, auf dessen Sohle dampfendes Gewässer rauscht. Durch das ewige Tropfen des Wassers von den Felswänden wird der Pfad schlüpfrig und das blendende Fackellicht erhöht die Gefahr. Ein Fehltritt brächte unvermeidlichen Tod. Mehre hundert Fuß hoch steigen die Felswände der Schlucht senkrecht hinan zu dem kaum erkennbaren Tageslicht. Das Gestein ist schwarzer Marmor, durch welchen da und dort eine blendend weiße Spathader sich wie ein Blitz schlängelt. An vielen Stellen hängen die Wände weit über, und hausgroße Felsblöcke bilden, zwischen die Wände eingekeilt, natürliche Thore. An andern Orten neigen sie sich, den Einsturz drohend, einander zu, oder sie gehen weit auseinander und formiren Hallen von unabsehlicher Höhe, aus denen helles Grün der Gebüsche herableuchtet, wie aus einer andern Welt. Die Tamina heult brausend, tobend und stürzend aus der Tiefe herauf, wie der Strom der Hölle. Man fühlt den Steig zittern unter den Füßen von der Gewalt der rasenden Fluth. So geht es fort unter Herzklopfen und mit schlotternden Knieen wohl eine Viertelstunde lang, bis der Führer sein „Halt!“ ruft. Man steht am Ziel. [160] Eine zweite Fackel wird angezündet, um hinab zu leuchten, wo die Heilquelle geboren wird. Auf schmalen, in die Felswand gehauenen Stufen geht es hinunter, ein großes Felsthor thut sich auf, dichte, warme Dampfwolken hüllen dich ein und in der Tiefe siehst du polternd und zischend die gischtenden Wasser aus dem schwarzen Marmorfels hervorbrechen. Ein Fünftel der Wassermenge genügt für den Bedarf der Bäder und wird in Röhren hingeleitet; das Uebrige stürzt über die Felswand und vermengt sich mit der Tamina.
Pfeffers würde ein Weltbad seyn, – denn die außerordentlichen Heilkräfte seiner Quellen übertreffen die der meisten europäischen Thermen! – wenn für behaglichere Zustände der Kranken und Leidenden gesorgt würde und zweckmäßigere und großartige Anlagen die Ansprüche befriedigten, welche jetzt die Majorität Derer macht, welche Bäder besuchen. Aber die alten klösterlichen Gebäude in der Taminaschlucht, die den Kurort ausmachen, bieten gar keine Bequemlichkeiten und die 70 bis 80 Babestübchen, die sie enthalten, sind klein, kaum reinlich erhalten und eine hübsche Wohnung ist in ganz Pfeffers nicht zu finden. Trotz dieser abschreckenden Umstände ist doch das Bad fast jedes Jahr überfüllt und mancher Leidende kann nicht einmal das dürftigste Obdach finden. Vergebens hat die Regierung des Kantons dem Kloster einen hohen Preis für das Bad geboten, in der Absicht, ihm durch die geeigneten Einrichtungen eine seinem großen Rufe würdige Gestalt zu geben: die Mönche haben stets jedes Anerbieten abgelehnt, und so wird wohl so lange die alte Wirthschaft bleiben, bis die Abtei Pfeffers der Säkularisation anheim fällt, ein Schicksal, dem sie nicht entgehen kann: denn die Zeit steht nicht still und der tausendjährige schweizerische Wettkampf zwischen herrischem Priesterthum und der emporstrebenden Bürgerfreiheit, zwischen Dunkelheit und Licht, wird nicht endigen, so lange er noch in dem Bestehen der Klöster und geistlichen Stiftungen Spielraum findet.