Vincennes, Veste und Staatsgefängniß bei Paris

DCIX. Wildbad Pfeffers in der Schweiz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DCX. Vincennes, Veste und Staatsgefängniß bei Paris
DCXI. Die Münze in Paris
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VINCENNES
Schloss und Staatsgefängniss
bei Paris

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DCX. Vincennes,
Veste und Staatsgefängniß bei Paris.




In dem Wallgraben jenes Schlosses führt man den Wanderer zu einem einfachen Stein, der eine traurige Geschichte erzählt. Ein Jüngling aus dem Geschlechte der Könige von Frankreich ist dort erschossen worden. Er war kein Verbrecher nach dem Ausspruch seines eigenen reinen Gewissens und nach dem Urtheil der Welt; er lebte in dem festen Glauben, daß auf die Krone der französischen Nation seinem Stamme ein göttliches Recht verliehen sey, und mit diesem Glauben trat er für sein Recht bewaffnet in die Schranken. In Frankreich war aber ein anderes Recht zur Gewalt gekommen, und diese Gewalt tödtete ihn. Das ist die Geschichte.

Es bedeutet wenig, daß dieser Jüngling ein Herzog von Enghien war, und eben so wenig, daß er talentvoll und wohlgestaltet in der Blüthenzeit des Lebens stand. Wie viel Edleres und Herrlicheres frißt jeder Krieg, vernichten tausend dämonische Mächte auf dem Erden- und im Geisterreich! Daß aber die Gewalt den Mantel der Gerechtigkeit um sich werfen und mit dem Schwerte derselben eine That der Rache und Heimtücke vollbringen konnte, das ist das Fluchwürdige der Begebenheit. Napoleon machte sich durch dieselbe zum gemeinen Mörder, und sie stürzte ihn tiefer hinab, als zehn verlorene Schlachten.

Noch Traurigeres erzählt uns das Schloß selbst, das von jenen starken Thürmen beschützt und bewacht wird. Es ist ein Staatsgefängniß. – Wo der Verbrecher seine Strafe leidet und in einsamer dunkler Zelle, oder an harte Arbeit gefesselt, begangenes Unrecht abbüßt, da mag der Genius der Menschheit, wenn auch trauernd, doch versöhnt vorüberziehen. Nothwendigkeit ist selbst ein Trost, und Gerechtigkeit ist die festeste Säule des Staatsbaus; bei ihr muß eine zwar immer menschliche, doch unbestechliche Schutzwacht stehen. – Aber sind es nur Verbrecher gewesen, die dort ihre Stirne an das Eisengitter preßten und jammernd zu den Wolken des Himmels emporblickten? oder die tief unten in der Kerkernacht schmachteten, auf lange, ja, wohl auf ewig geschieden von Gottes Licht und Luft? – Nein! Mit dem Missethäter, mit dem Auswurf der Menschheit theilten das gleiche Loos auch Männer, die in ihrem Innern keine schuldige Stelle fanden, Männer, die für ihre Partei, für ihren Glauben, für ihre Ueberzeugung muthig das Höchste, das Liebste im Leben gewagt, die im edelsten Kampf auf Erden, in dem für Freiheit und Vaterland, die theuersten Opfer gebracht hatten: kurz, jene Männer, die als [162] „politische Verbrecher“ von jeher mit der schmählichsten Rachsucht, mit der grimmigsten Wuth von ihren siegreichen Gegnern verfolgt und mißhandelt worden sind. Und solcher Märtyrer barg dieses französische Staatsgefängniß zu jeder Zeit in seinen Mauern.

Schmerz ergreift uns bei dem Gedanken, daß, soweit unser Auge in die Vergangenheit der Völker zurückblicken kann, jeder Schritt vorwärts auf dem Pfade der Besserung, der Veredelung, der Vervollkommnung der menschlichen Zustände in Staat und Kirche, Schule und Familie auf den hartnäckigsten Widerstand traf und mit höchstem Kraftaufwand erkämpft werden mußte. Tiefer Schmerz faßt uns bei dem Hinblick auf ganze Geschlechter, Völker und Nationen, denen jeder Schritt vorwärts so lange unmöglich gemacht worden, bis die Widerstandskraft und der Kampfmuth versiegt waren, und die wir nun vor uns sehen zu Automaten vertrocknet, in denen der Geist, das Feuer des Redens, erloschen ist. Das niederdrückende Gefühl, das uns vor solchen verknechteten Menschenmassen ergreift, wird nur gemildert durch die Erinnerung an die einzelnen hervorragenden Gestalten jener Männer, die im Ringen gegen die Gewalt Ehre und Heil ihres Geschlechts zu retten gesucht, und selbst im Untergange, im tiefsten Fall und niedrigsten Elend, noch erhaben und leuchtend vor uns stehen: – Sterne in dunkler Nacht.

Ihr Ringen, wenn auch erfolglos, war inzwischen nicht vergeblich! Ihre Saat, wenn auch vom Fußtritt der Tyrannei noch so tief in den Boden gestampft, geht dennoch auf! Sie können den Boden nicht vernichten, die Saat nicht tödten, die finstern Mächte, welche ihre Geißeln über die Völker schwingen! Sie keimt im Boden, sie bricht über Nacht hervor, sie wächst hinan zum Riesenbaume, der die Gipfel den Wolken zustreckt und Jahrtausende dauert, während jene ersticken in ihrem eigenen Unkraut, das sie allein mit Liebe gepflegt haben. Durch tausend Beispiele predigt die Geschichte den Unterdrückten: Bewahrt den Boden rein, die Saat der Edlen geht auf und auf ihren Gräbern ärndten kommende Geschlechter: – ihr Tod ist das künftige Leben der Freiheit.

Ja, so ist es! Baut immerhin Gefängnisse, um deren fensterlosen Thürme die Raben und Eulen flattern, und deren schauerlicher Anblick gemeine Serien mit Schrecken erfüllt! Foltert die Helden des Volks durch heimliche Gerichte, dunkle Kerkerhaft und rohe Beschimpfungen; dingt die Banditen der Feder, daß sie die Männer des Volks mit niedrigem Verdacht besudeln; oder hetzt die dressirten Söldlinge an sie; macht den Belagerungszustand permanent für jedes Städtchen, das Standrecht zum einzigen Recht in jedem Dorfe und auf jedem Kreuzwege den Galgen zum Wegweiser für den Himmel: so wenig wie von Lady Macbeth’s „kleiner, weißer Hand des Mordes Blut wäscht das tiefe Meer“, so wenig könnt ihr der folternden Ueberzeugung entrinnen, das, alle Schreckungssysteme mit Standrecht, Marter und Gefängniß die stärksten Mittel sind, den Sinn und die Treue für Volksehre und Bürgerfreiheit in jedem braven Mann zu befestigen. Die Tyrannei war allezeit Thorheit; aber die größte ist sie im neunzehnten Jahrhundert. Was nützt es, daß sie die Bedienten- und Hasenherzen schreckt, die auch ohnedem der Willkür immer gehorsam sind? Männerherzen [163] flößt sie keine Furcht ein; da weckt sie nur Verachtung! Die Weltgeschichte aber sagt den Tyrannen mit einem Blick, der ihnen Grauen in die Seele gießt, daß die geworfene Saat aufgeht, und daß wie ihre Saat ist, so die Aerndte. Ihre Aerndte aber reift schnell, – sie düngen ja mit Blut. Die Saatfelder des Despotismus, wie stehen sie so üppig, wie sind sie unabsehlich! Betrachtet – meine Freunde! – den Welttheil von seinem Westrande an, wo ihn der Ozean bespült, bis zu den Steppen Asiens: überall seht ihr blutgetränkte Fluren, grünend, schossend, reifend! In Portugal, wie in Spanien, in Italien, wie in Griechenland, in Deutschland, wie in Frankreich, in den Niederlanden, wie in Dänemark, in Ungarn, wie in Polen, in der Türkei, wie in Rußland – allenthalben haben Königsschwerter gepflügt und Königshände gesäet – und was ist aufgegangen? – Auf der pyrenäischen Halbinsel der Bürgerkrieg in Permanenz, geschaffen und gepflegt von herrschsüchtigen Prätorianern und Pfaffen, blödsinnigen Thronprätendenten und zwei lüderlichen Messalinen, welche spielen mit der Krone des Volks, das sie bestehlen und quälen. Wo 40 Millionen Menschen frei und glücklich leben könnten, ist die Bevölkerung bis auf ¼ zusammengeschmolzen, und diese kümmerlichen Reste hetzt man auf einander, sich gegenseitig zu erwürgen, auf daß die königliche Diebebande Zeit gewinne, die letzten Reichthümer der Nation zusammen zu raffen und in Sicherheit zu bringen. Während Spanien so aus einem Paradiese zur Mörderhöhle wird, und aus der edelsten Nation eine Heerde wilder Thiere, besorgen die „Vettern“ die königliche Saat im Hesperidenlande, in Italien. Neapel und Sizilien sind Bettel- und Räuberherbergen geworden; allgemeine Verdummung, Hofverschwendung, Lazzaroni-Regiment, Revolution und Volksmord grünen und blühen, Dank dem Königsverrath an der Nation, seit den Tagen der europäischen Restauration. – In Rom aber, in dem Lande, wo Staat und Kirche zu einem Wort zusammengeflossen waren, versinken beide im unergründlichen Sumpf der langen Pfaffenwirthschaft, und selbst ein Pius warf da vergebens den Rettungsanker aus. Das schöne Norditalien hingegen verkümmert und verblutet gar unter dem Doppel-Joch, das ihm einheimische und fremde Despotie auflegten. – In Griechenland geht die Saat der Groß- und Schutzmächte auf; hier krümmt sich das seiner Selbstbefreiung nie froh gewordene Volk zwischen russischen Bärentatzen, französischen Katzenpfoten und englischen Goldfingern. Vergebens leert Gott sein Füllhorn über das herrliche Land; Armuth und Verwilderung reichen sich die Hände und freche Gewalt dolmetscht höhnend eine freie Verfassung. – In Ungarn ist aus der habsburger Drachensaat die Republik emporgewachsen; die Säemänner stehen verwundert vor ihrem Werke und das Volk im Schmuck des Ehrenkranzes vor ganz Europa, gegen den der Despotismus nun wüthend mit der Knute schlägt. – In Frankreich, wo die Tyrannei unter allen Gewändern so oft schon reifen sah ihre Saaten, da hat sie von Neuem bestellt ein reiches Blutfeld von Verderben, Fluch und Schande. Die jetzige Republik ist nur die falsche Firma für die Gewaltherrschaft eines Schurken – die Aerndte ist noch zu erwarten und – an ihr wird Theil haben die Monarchie des ganzen Welttheils, [164] die schon der Gedanke daran zittern und beben macht. – In den Niederlanden sind die Wunden noch nicht vernarbt, welche das schamlose Gladiatorenspiel zu Antwerpen schlug. Die Holländer keuchen unter ihrer Bürde; Belgien aber lacht und tummelt sich frisch im Sonnenscheine seiner Freiheit, – dieser oranischen Fürstensaat. – In Dänemark hat der Absolutismus Hochmuth gesäet und die Demüthigung des Königthums ist aufgegangen. Die dänische Volksfreiheit wurzelt im Blute von Schleswig und Holstein, und in den jütschen Marschen schoßt die Saat beispielloser Königsperfidie und Unehre zu allgemeiner Entrüstung auf. – In Polen hat die Allianz der Länderdiebe Drachenzähne in Unzahl ausgestreut. Ueberreich war schon die Aerndte der Peiniger; aber die überschwenglichste wird noch kommen. Polen wird seiner Mörder Tod. – In Rußland, dem Lande des Schweigens und des Schreckens grünen unabsehliche Felder. Sechzig geknutete Völker gehen dort im Joch und ziehen jetzt auf des Zaaren Geheiß nach Westen: aber – was keine Ukasen hindern können – der laue West der Freiheit weht sie dort an, und die Treiber beben. – Die hohe Pforte aber, auf ihrem Aerndtewagen sehen wir sie zu Grabe fahren.

Und in Deutschland? Da haben Saat und Aerndte schon mehrmal gewechselt, seit Napoleons Schwert das Reich umgepflügt! Man säete in Wien und in Frankfurt, im heiligen Bund und im Bundestag, in Karlsbad und sonst wo. Alle geheimen Vorrathskammern des Absolutismus wurden aufgeschlossen und eingestreut wurden in den Schooß der deutschen Erde die Giftkörner mit vollen Händen. Und die Frucht sie brannte das Volk in den Eingeweiden; aber statt den Geist zu tödten, stachelte sie auf zum Widerstande. Der Hohn, die Arglist, die Lügenkunst und die Nichtswürdigkeit einer trugvollen Politik kamen zur allgemeinen Kenntniß und erregten den bittersten Haß. Die Vermehrung der Staatsbedürfnisse wuchs mit der Unzufriedenheit, und um Vertrauen und Ehrgefühl im Deutschen zugleich auszurotten, mußte die Wahrheit unterdrückt, die Presse geknebelt werden. In den Tagen der Befreiungskriege hatte das deutsche Volk Ehre gewonnen und Ansprüche auf die Dankbarkeit der Fürsten. In seiner Bescheidenheit verlangte es vor Allem nach Einheit des Reichs. Dahin hatten schon der Tugend- und der Männerbund gestrebt, dahin strebten die Burschenschaft mit ihren schwarz-roth-goldenen Hoffnungen, die Turngemeinden und die patriotischen Schriftsteller, wie Oken, Arndt, Fried, Luden und Andere. Die Herren des Bundestags aber sahen in diesen Aussaaten nur die passende Gelegenheit, die Wirkung ihrer Vertilgungsmittel zu prüfen. Sie setzten aus den feilsten Werkzeugen der Macht eine Art Heilausschuß nieder und statteten ihn aus mit unbeschränktem Mandat zu Inquisition und jeder Gewaltthat. Von diesem wurde dann, seinen Instruktionen gemäß, vor dem verwunderten Europa eine deutsche, große, weit umgreifende General-Verschwörung auf Hochverrath proklamirt, die angeblich auf Fürstenmord ihre Erfolge baue, und ein Heer von Polizeibeamten und Spürhunden wurden über Deutschland losgelassen, aufzustöbern, zu hetzen und zu fangen Alles, was den Plänen des Despotismus anstößig war. Die Gefängnisse [165] füllten sich mit angeklagten Männern und Jünglingen, deren Verbrechen darin bestand, daß sie für „Kaiser und Reich“ schwärmten. Wie die gemeinsten Verbrecher schleppte man sie von Kerker zu Kerker, bis das Ungethüm der Mainzer Zentral-Untersuchungs-Kommission große Papiermassen in nichtsnutzige Aktenstöße verwandelt hatte. Akademische Lehrer, die Zierden der Nation, entfernte man aus ihren Auditorien, man band die Zungen und knebelte die Geister, kurz, man „stellte die Ruhe und Ordnung wieder her“.

Also wurde die Saat in den Boden gestampft zum zweiten Male. Manche edle Blüthe der Nation verwelkte im Kerker, Jünglinge mit vollen Locken und Feueraugen warf man hinter die Eisengitter, um abgestorbenen Greisen einst die Gefängnißthüren wieder zu öffnen.

Die Saat keimte still und unbeachtet unter dem Schnee des langen deutschen Winters! Als aber die Julisonne des Jahres 1830 ihn aufthaute, wie schoß sie empor! Sie war in Jünglingsherzen gestreut worden; nun ging sie in Männerherzen auf, deren eisernen Freiheitssinn die schweren Hämmer einer langen Zeit des schmachvollsten Drucks gehärtet hatten. – Auch diese Saat ward wieder zerstampft. Wieder war Treibjagd nach dem Edelwild von Memel bis nach Bacherach, und wir Männer des Volks waren vogelfrei für jeden Schuft, der einen gesinnungstüchtigen Bürger als Verschwörer angeben mochte. Wir wurden gehetzt von einem Hochverrathsprozeß in den andern, mundtodt erklärt, oder stumm gemacht hinter den Mauern der Kerker. Aber umsonst waren unsere Opfer nicht; das deutsche Volk hatte davon Gewinn. Es that einen Riesenschritt weiter: statt nach Reichseinheit verlangte es nach Volksfreiheit; Konstitution war das Stichwort jener Tage, und das allgemeine Verlangen war, daß der 13. Artikel der Bundesakte Wahrheit werde. Das Volk forderte, daß alle seine Fürsten wie ehrliche Männer Wort halten sollten. Der gute Michel! er glaubte noch! Der deutsche Bund aber unternahm es, diesen Glauben auszurotten. Er steigerte das Abschreckungssystem auf den Gipfel; die Gefängnisse füllten sich an mit Staatsverbrechern, Hochverräthern, Majestätsbeleidigern, die der Sammelname „Liberale“ bezeichnete; denn das war damals der Schimpfname für Diejenigen, welche gegenwärtig von derselben Partei, welche jetzt als „konstitutionelle“ die alten konservativen Wege geht, als „Demokraten“ verfolgt werden. Und mit dem Bundestag machten die europäischen Fürsten Chorus. Polen fiel, das freie Frankreich sank, betrogen, in die schmutzigen Fesseln des Orleans, und Deutschland entschlummerte an der narkotischen Wirkung der Bundesbeschlüsse von 1832. Viele edle Männer alterten in den Kerkern; manche befreite der Tod. Es war finster geworden am Hoffnungshimmel der Nationen.

In diese trostlose Zeit fällt die religiöse Episode. Der Geist des deutschen Volks, dem das Politische verschlossen war, wandte sich zum Kirchlichen. Es begannen die religiösen Kämpfe in Deutschland, die in beiden Hauptheerlagern, im katholischen wie im protestantischen, mit gleichem Eifer geführt wurden. Aber auch hier erschien bald der Despotismus als Säemann. Im Süden Abel, im Norden Eichhorn, dort Jesuiten und [166] Ultramontane, hier Hengstenberge, Frömmler und Mucker: dazu mußte im Westen der kölner Erzbischof und der trierer Rock kommen, um im Osten die Saat aufgehen zu machen: – Ronge und Czerski. Deutschkatholiken, freie protestantische Gemeinden fasten Fuß im Volk. Dagegen Verbote, Ausweisungen, Verbannungen, Einkerkerungen, die alten probaten Niederstampfungsmittel – diesmal jedoch vergeblich. Endlich fuhr „die Hand“ aus den Wolken – Pius kam; er gab dem Zeiger der Weltuhr eine neue Richtung, die stärkste Kette riß im europäischen Räderwerk, und es schlug 1848! –

Die Kerkerthüren öffneten sich, das Volk stand auf und – die Summe seiner drei Bewegungen: Reichseinheit und Schwarzrothgold von 1815, Konstitutionen und Preßfreiheit von 1831 und Glaubensfreiheit von 1845 – schrieb es 1848 auf seine Fahne: – Deutsches Parlament mit deutscher Reichsverfassung.

Auf diese Rechnung blicke der Aengstliche, der Verzagende, der in unserer trüben Gegenwart Trost und Ermuthigung sucht. Das deutsche Volk hat nach dem Knechtungsjahrhundert, dem 18., und nach der Franzosenherrschaft, trotz heil. Allianz und deutschem Bund, seit 1815 drei Riesenschritte gethan, es ist, trotz dreimaliger Unterdrückung, stets mit unermeßlich vermehrter Kraft gegen seine Dränger aufgestanden, es hat, trotz seiner Zerrissenheit, 1848 das Größte vollbracht, was bis jetzt ein Volk vermocht: – und weil nun andere Banner das schwarzrothgoldene wieder zu überdecken scheinen, wollt ihr am endlichen Sieg der guten Sache, am Sieg des Volks, am Sieg der Freiheit und des Rechts verzweifeln? Nimmermehr! Gerade an den Mitteln, zu welchen in diesem letzten Kampf die Gewalt ihre Zuflucht nimmt, erkennt ihr, daß es der letzte Kampf ist. Seht ihr nicht, daß die Gefängnisse bereits aufgehört haben, ein bewährtes Beruhigungsmittel zu seyn? Wie bei einer alten Hure sind die letzten Reste von Scham und Zucht aus der Physiognomie der Tyrannei verschwunden: sie schämt sich nicht mehr, sich zu zeigen, wie sie wirklich ist, während es noch vor den Märztagen zu ihrer Etikette gehörte, der Oeffentlichkeit mit einem Heiligenschein gegenüberzutreten. Bestrebte sie sich früher, ihre Gegner durch Ueberredung, Verführung, Bestechung, Drohung zu sich hinüber zu ziehen, und begnügte sie sich damit, die Halsstarrigen, Unerschütterlichen durch Ausweisung und Einkerkerung unschädlich zu machen, – so greift sie jetzt, nachdem das Volk sie einmal in ihrer Nacktheit gesehen hat, sogleich zu den ihren feindseligen Absichten passendsten Mitteln. Man schleppt die Volksmänner und Streiter der Freiheit nicht erst in’s Gefängniß und übergibt sie den Händen der Justiz, – nein, – man spricht über ganze Städte und Provinzen das Interdikt aus, man wirft die erwählten Würdenträger der Nation in die eisernen Arme des Standrechts, man mordet, man vernichtet sie! Die rechtlose Gewalt verfährt mit ihren Gegnern, wie Bonaparte mit dem Enghien. Rache und Heimtücke führen das Schwert des Gesetzes und hüllen ihre blutigen Gestalten in den Mantel der Gerechtigkeit!

[167] Muth, ihr Männer! Wer so wüthet, wie jetzt gewüthet wird, hat bald ausgewüthet; bald wird noch manches Volk seinen letzten Schritt im monarchischen Gewande gethan haben und dann die Fetzen von sich schleudern, wie das Geschenk eines Aussätzigen! Die Fürsten, – sie, mit denen die deutsche Nation frei und glücklich werden wollte – vernichten sich selbst. Wer mag sie hindern? Ist’s aber geschehen, so wird das Volk der „Vereinigten Freistaaten von Deutschland“ dankbar wallen zu manchem Gefängniß und zu manchem Grabe und den Manen der Hingerichteten und Hingeopferten nachrufen, was mein Freund auf jenem Denkstein[1] las:

„Was Ihr mit Blut einst gesät, das müssen wir endlich doch ärndten:
     Sind es die Fürstes auch nicht, ist’s doch das Vaterland werth!
Und wenn von Königen längst im Lande nur geht noch die Sage –
     Denket an Euch noch das Volk, die Ihr für Freiheit gekämpft!“

Vincennes hat noch eine andere Bedeutung im Freiheitskampfe der Völker: es gehört in den Zwingburgen-Kranz von Paris, jenem Orleans-Bau, der zu einem Kerker der französischen Freiheit bestimmt war. Aber schon ist zur Hälfte eingetroffen, was ich 1847 sprach:

Eine Bastille gab Stoff, die Freiheit von Frankreich zu formen;
Zwanzig stehen jetzt da – Stoff für die Freiheit der Welt!

Die vollständige Erfüllung wird nicht lange auf sich warten lassen und wieder wird wahr werden, was die Geschichte in tausend Beispielen vergeblich den Königen lehrt:

Im großen Schöpfungswerke Gott zu stören,
Mit den Ideen der Zeit den Kampf zu wagen,
Ist bare Thorheit; Keiner hat gesiegt,
Der je verwegen solchen Streit gesucht.


Vincennes liegt anderthalb Stunden von Paris, am Rande der Fortifikationslinie. Es ist das älteste der Schlösser des Königthums, und die Residenz einer langen Reihe der Capets, bis auf Franz I., der das burgähnliche Gebäude als Staatsgefängniß errichten ließ. Unter den politischen Gefangenen der älteren nd neueren Zeit glänzen die Namen des großen Condé und Mirabeau’s. – Vincennes ist auch zugleich das Zentral-Depot der Artillerie von Paris, und in den Kämpfen der Faktionen und bei den Aufständen der Hauptstadt gab sein Besitz häufig den Ausschlag auf der Wage, die über Frankreichs Geschicke entschied.




  1. Im Johannis-Kirchhof zu Nürnberg, auf dem Grabstein eines Veteranen aus dem Befreiungskrieg.