Chamsa (Amīr Chusrau Dihlavī)
Die Chamsa (persisch خمسه, DMG Ḫamsa, ‚fünf‘) des indischen Dichters Amīr Chusrau Dihlavī ist ein Sammelwerk aus fünf Masnawīs in persischer Sprache, die zwischen 1298 und 1301 in Delhi entstanden sind. Mit diesen fünf poetischen Werken präsentierte er eine eigene Version der berühmten Chamsa, die der persische Dichter Nizāmī rund einhundert Jahre zuvor verfasst hatte. Nizāmīs Chamsa galt als maßgebendes Vorbild für die Masnawī-Dichtung, und Amīr Chusrau war der erste in einer Reihe von Poeten, die versuchten, sich mit dem persischen Meister zu messen. Dabei ging es auch darum, seiner Chamsa, soweit möglich, eine indische Prägung zu verleihen. Er hat sich dazu von der literarischen und volkstümlichen Tradition Indiens inspirieren lassen.
Das erste der fünf Bücher trägt den Titel Maṭlaʿ al-anvār (Der Aufgang der Lichter); dabei handelt es sich um ein ethisch-religiöses Werk. Das zweite Masnawī, Schīrīn und Chusrau, erzählt von der Liebe zwischen der armenischen Prinzessin Schīrīn und dem persischen Herrscher Chusrau. Der Stoff wurde bereits von Firdausi im Schāhnāma verwendet. Das dritte Masnawī, Maǧnūn (va) Laylī, beschreibt die unglückliche Liebe zwischen Madschnūn und Laylī, die zwei arabischen Beduinenstämmen angehören. Im Āʾīna-yi Sikandarī (Der Spiegel Alexanders) nimmt der Dichter die Alexandergeschichte auf und entwickelt sie zum Fürstenspiegel weiter. Im fünften und letzten Werk, Hašt bihišt (Acht Paradiese), geht es um den Sasanidenherrscher Bahram V. und seine sieben Prinzessinnen. Alle fünf Bücher sind Sultan ʿAlā ad-Dīn Chaldschī gewidmet, enthalten aber auch ein Lobgedicht auf Amīr Chusraus Scheich Nizām ad-Dīn Auliyāʾ.
Dichter wie Dschāmi und Mir ʿAli Schir Nawāʾi hielten Amīr Chusraus Chamsa für die beste von allen Nachahmungen, die jedoch als Ganzes betrachtet hinter dem Original zurückbleibe. Gleichwohl erfreute sich seine Version großer Beliebtheit und wurde von späteren Dichtern oft imitiert. Es war außerdem, nach der Chamsa von Nizāmī und dem Schāhnāme, eines der am häufigsten illustrierten literarischen Werke in persischer Sprache.
Außerhalb des persischsprachigen Raums ist Amīr Chusrau, anders als Nizāmī, weitgehend unbekannt geblieben. Eine Ausnahme bildet eine Geschichte seines Hašt bihišt, die in einer stark veränderten volkstümlichen Prosafassung nach Europa gelangte und im Jahre 1557 in italienischer Übersetzung in Venedig veröffentlicht wurde. Dies war einer der ersten Texte der persischen Literatur, die in Europa gelesen wurden. Etwa 200 Jahre später inspirierte die darin enthaltene Geschichte von den drei Brüdern aus Sarandib den britischen Autor Horace Walpole zur Erfindung des Begriffs Serendipity.
- ↑ Theodore G. Remer (Hrsg.): Serendipity and The three princes, from the Peregrinaggio of 1557. University of Oklahoma Press, Norman, Oklahoma, 1965. Serendipity and the three Princes. Digitalisat