Bei Cumä in der „Campagna Felice“ in Italien
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

Bei GEGEND von CUMA mit LAGO D’AVERNO und LAGO DE FUSSARO
(Das Acheron der Alten)
Campagna Felix! Ist das das Land des Glücks, das Horaz besungen und Virgil gepriesen? Ich sehe herab auf eine Brandstätte der Erde, auf erloschene Essen der Cyklopen, auf Aschenhügel und Lavenkegel, welche vulkanische Gewalten emporgetrieben und ausgeworfen; – ich schaue auf die überwachsenen Gräber vergangener Städte, und wo einst die Bewunderung vor den Marmorpalästen der Welteroberer weilte und Tausende sich ergötzten an den Spielen des Cirkus: da ist’s öde und menschenleer geworden. Woher diese Verwandlung? hat die Natur sich verändert? hat Gottes Fluch diese Erde mit Unfruchtbarkeit geschlagen, oder ist seit den Tagen des Trajan das Feuer erloschen, welches den Boden erwärmte zur treibenden, blühenden, fruchttragenden, überschwenglichen Ueppigkeit? Keins von dem Allen. Die Hand der Natur hat keine ihrer Gaben zurückgezogen; nichts ist anders geworden, als – der Mensch, ohne dessen Fleiß und Pflege auch ein Paradies zur Einöde verwildern kann. Italien steht am Abend, und die Sonne der Kultur sinkt unter nach einem langen dunkeln Tage. Blutigroth ziehen dort die letzten Streifen am Horizonte, bald bricht der Barbarei schwarze Nacht herein, und das entartete, schuldige Volk wird verbluten unter den Wechseln von Anarchie und Despotismus. Erst wenn vergangen ist die Nacht, kommt dort ein stiller Sabathmorgen wieder, und ein neues Geschlecht und ein neues Volk ergreift Besitz von dem ausgestorbenen Lande und streut den Blüthenstaub einer jungen Kultur aus. Dann werden Städte entstehen auf den Todtenhügeln der gestorbenen, so herrlich, als die gewesenen. – Ein Kreislauf ist Alles, Alles ist ein Blühen und Welken und Wiederblühen; aber jede neue Blüthe ist eine höhere und jede Frucht eine edlere. Erschrecke Keiner, wenn eine Schicksalsnacht über ihn hereinbricht, und zage auch Keiner über den langen Weg durch die Finsterniß. Eine Fackel ist Jedem hingehalten – und es ist deine eigene Schuld, wenn du sie nicht ergreifst und du dich führen läßt mit verbundenen Augen. Dann magst du dich freilich verirren, oder in Klüfte und Abgründe gerathen, von denen kein Entrinnen ist, denn durch das Pförtchen, durch welches der Engel mit der gesenkten Fackel alle Müden leitet. –
Wie es dem einzelnen Menschen ergeht, so ganzen Nationen. Wenn sich die Völker in ihrer Nacht nicht zurecht finden können, wenn sie auslöschen ihre Fackeln und sich die Augen zuhalten, so müssen sie fallen und in die Abgründe stürzen, und sterben und verderben, bis andere Völker heraufsteigen mit andern Jahrtausenden. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Grünen und Dorren, ein Leben und Sterben ohne Unterlaß. Aber es ist trostend und erhebend, daran zu denken; denn jeder Blick auf die Vergänglichkeit des Größten erinnert an unser eigenes [101] höchstes Gut und Wesen, – an unsere Ewigkeit. Die Weltgeschichte mag noch tausend Nationen und Reichen Grabsteine setzen, welche ungeboren im Schoose der Zeiten ruhen: du trägst ein unendliches Herz im Busen, du dauerst ewig. Darum getrost, wenn es nachtet, und – die Fackel nicht vergessen! –
Die jetzt so verödete Gegend von Cumä war ehedem die bevölkertste der Campagna Felice. Mit jedem Schritte stößt man hier auf Dinge, welche davon Zeugniß geben. Schutt deckt alle Weiden und Felder, und die Gehölze grünen auf den Trümmern römischer Villen und Sommerwohnungen, welche die Höhen kleideten. Sechs Töchterstädte umgaben das große Cumä, welches von den Griechen schon in den Tagen des Herkules gegründet, zur Zeit des Augusts eine der blühendsten Städte des Reichs war und sogar Rom eifersüchtig machte. Aber gründlicher ist auch keine Stadt des Römerreichs zerstört worden, als Cumä, das, seiner Befestigung wegen, immer von Neuem die Wetter des Kriegs und der Verwüstung auf sich zog. Im fünften Jahrhundert verheerten die Vandalen unter Genserich den Ort; später verbrannten die Sarazenen die Stadt; darauf erhob sich Cumä noch einmal aus der Asche, und im zwölften Jahrhundert fühlten sich die Einwohner stark genug, den Fehdehandschuh aufzunehmen, welchen ihnen die Neapolitaner hingeworfen hatten, die das Gedeihen der Nachbarin mit neidischem Auge betrachteten. In der Feldschlacht besiegt, widerstand Cumä lange Zeit der Belagerung; endlich aber, durch Hunger geschwächt, fiel die Stadt im Sturm, und ihr wurde das Schicksal, das die Römer einst Carthago angethan hatten. Cumä, das dem Zerstörer der stolzen Nebenbuhlerin Roms ein Asyl gegeben, wurde vertilgt von der Erde. Die Einwohner wurden getödtet, die Stadt geplündert und verbrannt, die Mauern niedergerissen und der Erde gleich gemacht, die Felder verwüstet. So vollständig war die Verheerung, daß schon ein Reisebeschreiber des 15ten Jahrhunderts nichts mehr fand, als eine Wüste, mit der Tradition: „Hier hat Cumä gestanden.“
Außerhalb der Stadt erkennt man noch die Substruktionen einer Wasserleitung, eines Tempels und jenes berühmten Amphitheaters, wo die Bevölkerung von Cumä, nachdem sie die griechischen Sitten und Gebräuche mit denen ihrer Besieger, der Römer, vertauscht hatte, an den Kämpfen der Gladiatoren und wilden Thiere sich erfreute. Das Theater faßte 45,000 Zuschauer und war größer, als das Colosseum in Rom. Auch ist noch ein gemauerter Halbkreis kenntlich zum Ruhesitz für die Tausende, die in den mit öffentlichen Anlagen, Tempeln, Monumenten, Bildsäulen geschmückten Umgebungen der Stadt lustwandelten. Ueberall, wo der Spaten oder die Hacke den Boden ritzt, zeigt er Trümmerspuren der verschwundenen Herrlichkeit, und wo Ausgrabungen versucht worden, waren sie lohnend. Cumä mit seinen Vorstädten deckte einen großen Theil des Raums zwischen dem Averner See und dem Lago Licola (jener ist der Kratersee links auf dem Bilde; dieser die Wasserfläche rechts, welche das Profil des Monte Barbaro, des Bergs mit dem viereckigen Thurme, durchschneidet) [102] und zog sich dem Monte di Cumä (dem spitzigen Kegel in der Ferne) hinan, der auf seiner Zinne die feste Acropolis trug. Am Fuße dieses Berges sieht der Leser einen winzig kleinen, weißen Bogen; dieß ist der Rest des beruhmten Arco Felice, eines prächtigen Triumphthors als Eingangspforte des städtischen Weichbildes. Die Bildwerke, die ihn schmückten, sind längst verschwunden, selbst von den Marmorplatten, die ihn deckten, ist er gänzlich entkleidet, und übrig ist nichts mehr, als das Gerippe aus Ziegeln; aber so fest ist der Bau, daß er noch Jahrtausenden trotzen kann. Vom Monte Barbaro (dem Gaurus der Alten) verdeckt, ist die Stelle, wo Scipio, dem ein bezwungener Welttheil den Beinamen gab, ein Landhaus hatte: das Asyl, in das er sich vor dem Undank Roms zurückzog. Dort ist auch sein Grab. Von der Inschrift desselben „Ingrata patria, nec ossa mea habebis!“ (Undankbares Vaterland, nicht einmal meine Gebeine sollst du haben!) ist nur noch das Wort patria lesbar, und dieses gab der Gegend den Namen. Auch Cicero hatte bei Cumä eine Besitzung und lebte daselbst nach dem Sturze der Freiheit eine Zeit lang in Unzufriedenheit, Kleinmuth und Trauer über den Gang der Dinge in Rom. „Nachdem der Senat vernichtet,“ schreibt er, „wo gibt es noch für Manner Etwas zu thun?“ – Cicero war kein Scipio, welcher, von seinen Feinden geschmäht ohne Unterlaß, es unter seiner Würde hielt, sich zu vertheidigen. Diesem ist nie eine Klage über die Lippen gekommen. In Scipio erkennen wir darum den Typus des großen Römers, der in Brutus noch einmal glänzte und mit Cato erlosch. Die Imperatoren herrschten blos über Sklaven und der Geist des alten Roms war längst entwichen, als Barbaren die Paläste der Cäsaren bewohnten.
Den schönsten Ueberblick dieser merkwürdigen Gegend, an welche sich der geschichtlichen Erinnerungen so viele knüpfen und die geweiht ist durch so viele große Namen, – gewährt die Zinne des viereckigen Thurms, welcher den Monte Barbaro (den Gaurus) krönt. Zu den Füßen sieht man die erloschenen Feuerberge deren mit Wasser angefüllte Krater jene Seen bilden, über welche die Mythe der Alten ihre geheimnißvollen Schleier breitet. An ihren Ufern wohnten die Sybillen, welche weissagten die Schicksale der Völker, dort öffneten sich die heimlichen Pfade für die Götter und Boten der Unterwelt. Ruhig, klar und durchsichtig sind diese Seen; aber kein Baum schmückt ihre Gestade; düsteres, melancholisches Schweigen ruht auf ihren Gewässern. West- und südwärts öffnet sich das tyrrhenische Meer. Die Schiffe schweben, wie weiße Möven, auf der Fluth und die Inseln tauchen auf in den anmuthigsten Formen. Der Felsenkegel von Cumä aber erscheint wie ein hoher Grabhügel – wie die Todtenurne der Völker, Helden und großen Männer, welche hier starben oder Thaten verrichteten. Man sieht die Ströme der Zeiten stürzen, man denkt an Griechenland und Rom, und die Geister der Sybillen, des Herkules, des Aeneas, des Scipio, Cicero und Seneca, des Horaz und Virgil ziehen vorüber.