Königsberg in Preussen
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KÖNIGSBERG
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd’ er in Ketten geboren.
Last euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Mißbrauch rasender Thoren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!
(Schiller.)
Glaube an die Tugend ist Glaube an die Freiheit. Der edle Mensch glaubt fest an die Freiheit, weil er sich ihrer bewußt ist. Der Unedle kann nicht an sie glauben; denn er ist selbst unfrei, er ist Sklave seiner Begierden und Leidenschaften; er dient andern Göttern. Viele thun dieß mit Bewußtseyn, Viele auch, ohne es zu wissen. So wirft die feige, gedankenlose Menge sich heute nieder vor der Macht, die sie schlägt, und küßt ihr die Füße, und morgen ruft sie Hosiannah der Zügellosigkeit und wähnt, die Freiheit anzubeten.
- „Sie glaubt sich frei, wenn sie das Unrecht darf!“ –
Freiheit, hehre Himmelstochter! Du, wie die Gottheit selbst ehrwürdig, erhaben und ewig: Erleuchte mich, wenn ich von Dir zeuge! –
Die Welt der Freiheit trägt der Mensch in seinem Innern,
Die Tugend ist der Freiheit Mal und Zier;
Und wenn ein Volk die Freiheit sich errungen,
So ehrt es seine Pflichten für und für.
Ein freies Volk kennt nie ein andres Sollen
Als Rechtthun; es darf nie ein Andres wollen. –
Was führt ein Volk zur Freiheit? Ungerechter Druck!
Er drängt es in den Streit, aus welchem freier
Und siegender bei jedem Schritt
Die Kraft des Rechtes an das Taglicht tritt.
Ein langer Kampf verherrlicht nur die Feier
Des endlichen Triumphs: – drum Muth! Bald glänzen
Die Sterne neu, die Deutschlands Haupt umkränzen.
Wie es Gottesleugner gibt, so gibt es auch Freiheitsleugner: – gibt es doch Menschen, die Alles negiren, was sie nicht einrahmen können in ihre Vorstellungen und sich nicht dienstbar machen läßt den gemeinen Sinnen. Aber darum werden Gott, Freiheit und Tugend nicht wie leere Phantasien und Hirngespinste von der Erde verschwinden! Ob sie verleugnet werden von der Gemeinheit oder Narrheit: sie werden dennoch ewig die Leitsterne aller Menschenbildung seyn, eine höhere Begeisterung erwecken, als Ehren, Gold und Kronen, und mehr erfreuen, als alle Lust und alles Gut der Erde; sie werden das Losungswort bleiben für die Beglückung der Völker, und unter ihrer Fahne wird das Gute das Böse der Welt überwinden.
Durch die Freiheit allein fühlt sich der Mensch als Mensch. Durch sie allein ist Selbstachtung, Zuversicht, Wort und Glaube, ist Freundschaft und Treue möglich, worauf in der Gesellschaft Alles beruht. Aber der Mensch ist nicht frei, wenn er nicht selbstständig handelt; die Selbstregierung ist, wie im Volke, so im Individuum, das untrügliche Kennzeichen der Freiheit. Ein freier Mensch kann unmöglich an die Stelle des eigenen Willens, des eigenen Gewissens, der eigenen Vernunft eines Andern Willen, ein anderes Wahr- und Gutfinden setzen, dessen Ansehen höher, dessen Entscheidung zuverlässiger wäre. Der wahrhaft Freie weist jede Bevormundung von sich. Alles, was er thut, ausübt, hervorbringt, erzeugt er aus sich selbst; er kennt kein höheres Gesetz, als seinen eigenen, vernünftigen Willen; sein eigener Trieb bestimmt jede Richtung, die er einschlägt; sein eigener Geschmack, jede Form, die er schafft; sein ganzes Verhalten ist ein Ausfluß seiner Freiheit, und diese, des göttlichen Ursprungs sich bewußt, strebt unverwandt nach dem Einen, der Harmonie mit dem ewigen Sittengesetz.
Der gemeine Mensch, dessen Thun und Denken in der Sinnenwelt befangen ist, dessen Erdenleben keinen höhern Zweck kennt, als irdische Glückseligkeit und irdischen Besitz, Er kann den Werth der Freiheit freilich nicht begreifen. Ein solcher Erdensohn wird sich mit Bevormundung und Vielregierung, mit Unterdrückung und Knechtschaft immer befreunden. Willig dient er der absoluten Gewalt, schon weil er glaubt, daß sie das Bestehende [105] am sichersten schütze. Er sucht im Staate nichts, als seinen Vortheil. Er will Ruhe um seines Erwerbs willen; Errungenes will er behalten und mehren; Vorzug will er erlangen; Macht über Andere will er erstreben, und wenn er sie hat, sie behaupten; er will ungestört seinem Vergnügen oder seiner Bequemlichkeit leben, er scheut jede Unruhe, wie jeden Schmerz. So gesinnt, entsetzt er sich vor dem Wesen der Freiheit überall; in sich selber wie in seinem Hause, in der Gemeinde wie im Staate; denn das Wesen der wahren Freiheit ist ja: zu bewältigen die gemeinen Begierden, bei allen Menschen das gleiche Recht vorauszusetzen, anzuerkennen und zur Geltung zu bringen, die Unterdrückung, die Ungerechtigkeit, die Bevorzugung, die Ausnahmstellung aus der Gesellschaft zu entfernen und jeden Anspruch auf Achtung zu verwerfen, der sich nicht auf persönliche Tugend oder auf nützliches, bürgerliches Wirken gründet; es spottet jeder Auszeichnung, die vom Reichthum, von der Geburt, vom Amt und andern äußern Zufälligkeiten begehrt wird, – kurz es betrachtet das Meiste von Dem als nichtig, was des gemeinen Menschen Wünsche und Streben ausfüllt und wodurch es ihm möglich wird, in der Gesellschaft Geltung zu erlangen. Die Freiheit fragt wenig nach allen diesen Dingen; allein will sie schaffen in des Menschen Brust, allein will sie erwecken und hervorbringen seinen Haß und seine Liebe, seine Freuden und seine Schmerzen, und aus seiner Seele tilgen Alles, was nicht unvergänglich ist und ewig.
Jeder unfreie Staat ist daher grundsätzlich in Widerspruch mit der Bestimmung der Menschheit. Hätte es in der Absicht Gottes gelegen, dem Menschen ein blos irdisches Daseyn zu schaffen, so bedurfte es, wie in der Thierwelt, blos eines unfehlbaren Mechanismus, der unser äußeres Handeln bestimmte, und wir brauchten nichts mehr zu seyn, als die gut passenden Räder einer Maschine. Die Gottesgabe, die Freiheit des menschlichen Willens wäre dann für uns nicht nur eine überflussige und vergebliche, sondern auch eine schädliche, zweckwidrige. Wir müßten dem Schöpfer zurufen: „Weltgeist, nimm sie von uns, diese Freiheit, dieß unheilvolle Werkzeug der Zerstörung unseres bescheidenen Erdenglücks, und gib uns dafür ein Zwangsgesetz, welches uns müssigt, nach deinem Willen und deinem Plane zu handeln.“ –
Aber der Mensch ist nicht immer ein bloßer Erdenbürger. Er ist ein Hauch der Gottheit, und dieser macht ihn unsterblich. Er ist vernünftig, er ist frei, und eben darum kann ein solcher Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen, eine solche Nothwendigkeit, in welcher die Freiheit absolut überflüssig wäre, seine Bestimmung nicht erschöpfen. Der Mensch muß frei seyn; denn nicht die mechanisch hervorgebrachte That, sondern die mit freier Selbstbestimmung gewirkte, macht – dieß sagt uns die innere Stimme des Gewissens – allein unsern wahren Werth aus. Das Band, mit welchem das Sittengesetz mich bindet, ist ein Band für lebendige Geister; es kann keine Beziehung haben zu einem todten Mechanismus; es wendet sich allein an [106] das Lebendige und Selbstthätige, und wenn es Gehorsam begehrt, so begehrt es ihn als eine Huldigung des erkennenden freien Willens.
Und hiermit geht der Zweck der Gesellschaft heller vor uns auf, und das Grundgesetz ihrer Ordnung steht klar vor dem Auge unsers Geistes. Wie unsere sittliche Freiheit, getragen vom Willen, der in der heimlichen Kammer unserer Seele verschlossen liegt vor jeglichem sterblichen Auge, erstes Glied einer Kette von Folgerungen ist, welche unser ganzes Daseyn durchläuft: – eben so soll die Freiheit im Staate das Lebensprinzip seyn, welches den Organismus desselben durchdringt und ihn begeistigt bis in’s feinste Geäder. Da nun aber Alles, was unvernünftig ist, absolut verwerflich ist: so müssen die Einrichtungen der Staatsgesellschaft in Einklang stehen mit dem Vernunftgesetz, und weil die Freiheit das Wirkende und Lebendige in demselben ist, so wird der Staat der beste seyn, welcher seinen Angehörigen das größte Maß von Freiheit gewährt. – Der Bürger steht in einem wahren Freiheitsstaate gleichsam im Mittelpunkte zweier entgegengesetzten Welten; einer sichtbaren, in welcher der Staatszweck durch die That, und einer unsichtbaren, in welcher der Mensch durch den Willen entscheidet: er fühlt sich aber zugleich als die Urkraft für beide, er umfaßt sie, er beherrscht sie.
Anders in dem Staate, wo der Wille eines Einzigen den Willen Aller vertritt. Wo Einer herrschen will, da müssen Viele unterthänig werden, und wo der freie Wille des Einen maßgebend ist für die Millionen, da kann von Freiheit nur als eine Lüge die Rede seyn. Die Alleinherrschaft bedarf zu ihrem Zwecke und ihrem Daseyn den todten Mechanismus und je vollkommener, kräftiger und wirksamer dieser ist, je näher wird jene ihrem Ideale treten. Die Zerstörung des freien Willens und Wirkens ist ihr ein wirkliches Bedürfniß. Was darauf hinzielt, die Thätigkeit des Menschen in vorgeschriebene Wege und feste Formen zu leiten, was ihre Abhängigkeit von der staatlichen Vormundschaft kräftigen und das Verlangen darnach vermehren kann, das dient dazu, sie zu befestigen. Darum darf die Bildung in einem solchen Staate auch nie in die Massen dringen; denn ein gebildetes Volk bedarf des Gängelbandes nicht und es würde ihm ein solches bald lästig seyn. Unwissende Volksmassen erlagen noch allemal den Stößen des monarchischen Mechanismus und gewöhnten sich bald an Gehorsam. Der Freiheitstrieb ist für die Alleinherrschaft ein gar gefährlicher Geist, und ihn zu bannen und zu fesseln, ist die Aufgabe, welche ihre Staatsmänner von jeher am meisten beschäftigte. So lange als er nicht in feste Banden geschlagen ist, bedräut sie stets der Gedanke, er könnte sich entgegengesetzte Bahnen wählen und wühlen und den Widerstand gegen die Staatsgewalt hervorrufen. Jeder Wortführer der Freiheit erregt darum ihre Furcht und ihren Haß. Und nicht ohne Grund. Wie viele Dynastien liegen in dem einen Schädel [107] Luther’s begraben und wie viele werden noch darin begraben werden? Und doch wäre die kleinste Kerkerzelle weit genug gewesen zur Oubliette für den großen Luther.
Wenn im Freiheitsstaate beständige Bewegung und ein rastloses Fortschreiten die Bedingung seiner Dauer ist, wenn in demselben die Gesellschaft immer darnach trachtet, Dem zuzustreben, dem die gesammte Menschheit zuwandelt: – größerer Vollkommenheit und Glückseligkeit: so sind die Einrichtungen des Staats, wo der Wille eines Einzelnen despotisch herrscht, vorzugsweise darauf gerichtet, die Völker zurückzuführen auf der Himmelsleiter der Gesittung zu niedrigeren Staffeln, oder wo dieß nicht möglich ist, sie doch am Aufsteigen zu verhindern. Blicke hin, Leser, auf solche Reiche und Staaten! Gleichwie in der Thierwelt, bleiben dort die gefesselten Völker ohne Fortschritt. Ihre Organisation gibt kaum dem Instinkte Berechtigung. Das Sklavenvolk, das Lastthier, zu dem Gottes Ebenbild herabgewürdigt ist, wird, was es nach dem Willen seines Treibers und Herrn werden soll; eine Generation ist, was alle vorhergehenden waren, und die folgenden seyn sollen: ohne Fortschritt, ohne Entwickelung, eingeschlossen alle Thätigkeit in festbestimmte Formen und in unübersteigliche Grenzen. Der Mensch, das Herrlichste, was die Schöpfung aufzuweisen vermag, hat seine göttliche Natur verloren. Er ist wie ein dürrer Baum ohne Blüthen und Früchte. Die Freiheit des Willens ist vernichtet. Selbst die Tugend hört auf, geistiger Natur zu seyn, sie wird Instinkt, körperliches Bedürfniß, etwas Zeitliches, Kleinliches, Elendes. Sie blüht in einem Grabe.
Freiheit und Despotismus; Bügerstaat und Alleinherrschaft; Nordamerika und Rußland: – vergleiche! Dort Leben, Glück, Fortschritt; da Erstarrung, Stillstand; dort alle Kräfte in freier Entwickelung; da sie gebunden; dort Menschen-Bildung; hier Zucht zur Schur; dort die Pforten der Ehre, des Reichthums, des Wissens Allen offen; hier ein Privilegium begünstigter Minoritäten; dort der Bürger ein Herr und König; hier ein Sklav. – Aber getrost! Ewig drückt der Despotismus diese Erde nicht. Nur was in Einklang steht mit Gottes Weltordnung ist unvergänglich. Der Despotismus aber ist ihr Gegensatz, wie der Teufel der Gegensatz Gottes. So lange auch der Kampf währen mag: der Sieg ist doch unzweifelhaft. Kann Gott unterliegen? – Allenthalben ist die Freiheitssaat ausgestreut, nur ist sie noch nicht überall aufgegangen. Viele liegt noch unter Schnee und Eis begraben; verdorben aber ist sie nicht und das Eis wird schmelzen und die Schneedecke von der Sonne weggenommen werden. Auch wo der winterliche Despotismus noch mit eiserner Hand die Völker in Erstarrung hält, bleibt der Frühling nicht aus. In jedem Frühling aber gebiert die Natur neue Welten und wirft abgestorbene in Trümmer.
An eins ist noch zu erinnern. Der Despotismus wirkt, wie jedes Gift, nicht blos tödtend, er kann auch heilend wirken. Nicht allemal ersterben an ihm die Völker, zuweilen werden sie auch durch ihn neu geboren. [108] Nur altersschwache und entnervte Nationen gehen zu Grunde unter dem vampyrmäßigen Pumpwerk der Tyrannei und den Hieben ihrer neunschwänzigen Kage; aber Völker, deren Organismen noch unverdorben sind, werden durch ihr Gift erregt zu erhöheter Lebensthätigkeit, und die Mishandlung stachelt sie auf zum Gebrauch ihrer Kräfte. Für solche kann die Tyrannei folglich zur Mutter ihrer Verjüngung, ihrer Wiedergeburt werden. Die Weltgeschichte erzählt, wie zuweilen die blutgierigsten Despoten die Säugammen wurden einer neuen Zeit, und gekrönte Wüthrige und Narren, gegen ihren Willen, zu Wiedertäufern der Menschheit. – Die Aengsten, das Schreien, das Blut, die Wehen der Gebärerin – das freilich muß muthig erwartet und standhaft ertragen werden. Dafür hilft kein Bangen!
Und so soll auch uns die Sorge die Hoffnung nicht nehmen! Ich kann mir nicht denken, Westeuropa’s Völker werden auf einer Marterbank sterben. Nein! das Prokrustusbette der Tyrannei wird ihre Bahre nicht. Mag sich die Reaktion Triumphbogen bauen; der Nebel, der von den Brigittenauen aufsteigt, stürzt sie einst mit Wolkenbruch und Donnerkeilen nieder! – „Die Gefallenen aber?“ Nun, was werden sie anders sagen, als die abgefallenen Blüthen in der Paramythe: „Wir sind gerne gesunken; hatten wir doch vorher die Früchte geboren.“
Was flattert dort oben auf den schwarz und weißgeringelten Masten? Willst du einathmen, schwarzer Adler, den Hauch der Wolken und dich sonnen im Lichte? Wie warst du herrlich damals, als du voranflogst dem deutschen Volke im langen Kampf zu seiner Befreiung von fremder Herrschaft! Deine Gegenwart war der Sieg, und wo du dein Antlitz hinwendetest, da floh die Unterdrückung von deutscher Erde und leuchteten die Berge von Siegesflammen und jubelten die Thäler und erhob sich alles Brudervolk und zog, Brust an Brust mit dem deinen, von Schlacht zu Schlacht, bis die Feuer der deutschen Beiwacht loderten auf dem Mont-Martre und in Notre-Dame unser „Herr Gott, dich loben wir!“ den Triumph des Rechts und die Versöhnung der Völker zugleich verkündigte. Wer hatte damals gedacht, daß Tage kommen könnten, wo der Anblick von Preußens Aar im deutschen Herzen noch eine andere Empfindung rege machen würde, als die des Stolzes und der Freude! Und doch strebst du, deiner Natur gemäß, ewig dem Lichte zu und verabscheust die Eulen, welche sich nur an der Nacht ergötzen und ihrer Finsterniß. Und doch ist das Beste an dir, gerade Das, was dich so hoch in der Meinung der Welt gestellt hat, – dein Ruhm in Kunst und Wissenschaft – nur deutsch, und die Nation, welcher du angehörst, hat dir noch allemal einen Ehrenplatz angewiesen. Was ist’s, das dich nun entfremden möchte deiner Bestimmung und trennen will den stärksten Ast von dem Stamme und reißen will das Glied von den Gliedern? [109] Zersprengt den Wahn, ihr Götter! und last Preußens Namen und Preußens Adler immer prangen auf dem dreifarbigen Banner, der wallen muß und wallen soll über die ganze deutsche Erde.
Kobolde treiben ihr Wesen mit dir und der Eisbär buhlt um dich und haucht dich an mitten im Frühling mit Winterluft und bindet tückisch Blei an deine Schwingen, auf daß du nicht höher zur Sonne fliegest. Du solst dich müde flattern, bis der zweiköpfige Riesengeier des Nordens seinen Augenblick ersieht und auf dich niederstößt und dir die gefesselten Schwingen zerzaußt, und die Federn des Ruhms und der Ehre von dir fallen wie welke Blätter! Wie? hat Preußen vor 37 Jahren darum sein Blut stromweise ausgeschüttet auf den deutschen Fluren, damit die deutsche Eiche gefällt werde von der russischen Axt, oder Schatten gebe nur Slaven und Sklaven? und hat Preußen darum seit jener Zeit Geisterschlachten geschlagen unablässig für die Freiheit in Lehre und Leben, in Wort und That, in Staat und Haus, damit der zottige Riese mit seinem wilden Heer zertrete die Todtenurnen sammt den Siegeskränzen, daß der Kosak seine Lanze stecke auf die deutschen Berge, und die slavische Knechtschaft und Tyrannei, slavische Art und Sitte das Deutsche in Deutschland überwuchere, bis sie es endlich ersticke und es verschwinde?
Schwarzer Adler! Zur Sonne geht dein Flug, der lichte Aether ist deine Heimath, die Freiheit ist deine Stärke!
Als ich ein Knabe war, da lehrte man Geographie und Syntax noch in Reimen, und auf die Frage: „Welche sind die Hauptstädte in Europa?“ schloß der lange Vers:
Lobenstein in Reußen,
Königsberg in Preußen.
In meinem kleinen Kopfe, in welchem die Helden- und Wundergeschichten vom „Alten Fritz“ umgingen, war Preußen damals das mächtigste Reich der Erde, und Königsberg dachte ich mir unter den Städten schön herrlich wie eine Elfenkönigin. Wenn ich auf der Wandcharte der Schule die Namen ablesen mußte, so wurde keiner lauter betont, als – Königsberg. Daß Niemand an ihrem Range irre werde, dafur hatte Herr Homann schon gesorgt. Kein Stadtname hatte größere Schrift und kein Ortszeichen hatte der Thürme und Mauerkränze so viele. Groß wie ein Kupferdreier und mit Zinnober prächtig ausgemalt lag Preußens Königsberg auf der Karte, und es deckte eine großere Fläche, als mein engeres Vaterland, das Gothaer Herzogthum.
[110] Des Knaben Vorstellungen gehören längst in’s Fabelreich. Um Königsberg „die Hauptstadt Preußens“ spielt nicht mehr der Nimbus der Pracht, Größe und Herrlichkeit. Preußens letzt-hundertjähriges Wachsen an Reichthum, Macht, Geltung und Volkszahl hat Königsberg mehr genommen als gegeben, und während Berlin, die begünstigte Halbschwester, zur größten Stadt Deutschlands heranwuchs und eine Menge anderer Städte der Monarchie ihre Bevölkerung verdrei- und vervierfachten, hat sich Königsberg nicht behaupten können und ist in der Reihe der preußischen Großstädte von der ersten auf die fünfte Stelle gesunken. Die Zahl der Einwohner ist nicht über 70,000, und die wiederhergestellten Festungswerke und eine starke Garnison drücken der alten Bundesgenossin der Hansa bei vermindertem Handel allmählig das Gepräge eines Waffenplatzes auf. Bellona wird sich in die Verlassenschaft Merkurs als Erbin einsetzen, und sie spinnt emsig den Faden fort, welche diesem entfällt. Es ist, so sagt man, der Plan der Regierung, Königsberg in eine Festung ersten Rangs zu verwandeln und zu verwirklichen, was schon Friedrich II. wollte. Königswünsche gehen selten ganz verloren, die Gegenwart pflegt sie manchmal besser als die Vergangenheit, die sie geboren hat, und die Zukunft bricht dann die mitunter bittern Früchte der Erfüllung um so gewisser. Das Recht der Herrschaft, willkürlich über das Loos ganzer Städte und ihrer Bevölkerungen zu verfügen, nimmt der Volksbegriff unerörtert hin, und kein Mensch läßt sich beikommen, zu fragen, worauf der Fürst den Anspruch begründe, zu bestimmen, daß Städte ihre Zwecke wechseln und ihre Einwohner genöthigt werden, die gewohnten Bahnen des Erwerbs – die Jahrhunderte lang verfolgten oder in Jahrhunderten errungenen – zu verlassen und neue zu suchen. So wurde aus dem weltberühmten Sitz deutscher Wissenschaft, Wittenberg, eine Festung, und Venedig, die alte Königin der Meere, die der Handel aus den Wogen erhob, ihrer Handelsrechte beraubt, wird nun auf Habsburg’s Geheiß in einen Waffenplatz verwandelt zum Stützpunkt österreichischer Herrschaft über das gebundene Italien. Die Rechte der Dynastien nimmt die Welt hin auf Treu und Glauben; wenn vom Rechte der Bürger die Rede ist, fordert sie Beweise durch ächte Urkunden und gültige Zeugen. –
Königsberg hat sich zu beiden Seiten des Pregelflusses hingelagert, der unterhalb der Stadt sich in’s frische Haff ergießt. Es nimmt fast eine halbe Quadratmeile ein mit seinen fünftehalbtausend Häusern und den zwischenliegenden Kanälen, Speichern, Gärten und Feldern. Acht Brücken verbinden die drei Stadttheile: Altstadt, Löbenicht und Kneiphof. Auf einer kleinen Anhöhe steht das Schloß – ehedem die Burg des Böhmenkönigs Ottokar, – später durch viele Anbauten erweitert, nun der Sitz der obersten Landesbehörden der Provinz: Regierung und Oberlandesgericht. Das Innere der Stadt hat ein ernstes, mittelalterliches Ansehen. Die massiven, oft sehr großen Häuser drücken langbestehenden bürgerlichen Wohlstand aus; gegenwärtig ist dieß jedoch nur in beschränktem Sinn wahr; denn der sonst sprichwortliche Reichthum des Königsberger [111] Bürgerstandes ist mit seiner Ursache, dem Handel, allmählig gesunken. – Das sehenswertheste Gebäude der Stadt ist der Dom mit den Denkmälern von Preußens ältester christlichen Zeit. Da ruhen die Geschlechter der Herzöge des Landes, der Hüter der deutschen Nord-Ostmark, und die Hochmeister jener Ritter, welche, in der einen Hand das Schwert, in der andern das Kreuz, christlichen Glauben, deutsche Gesittung und deutsche Herrschaft unter die rohen Völker des Nordens trugen, Städte baueten und Kolonieen gründeten.
Mehre Ursachen haben zusammengewirkt, den ehemals so berühmten Handel Königsbergs zu beschränken und zu verkümmern. Die Versandung des frischen Haffs nimmt seit Jahrhunderten zu und ist endlich so weit vorgeschritten, daß eine Abhilfe kaum mehr im Bereiche menschlicher Kraft liegt. Schiffe, die mehr als 9 Fuß Tiefgang haben, können Königsberg nicht erreichen. Die nahen Häfen Danzig und Memel leiden weniger an solchen Hindernissen, und da namentlich Danzig mit denselben Gegenständen der Ein- und Ausfuhr verkehrt, so hat sich der Handel meistentheils dorthin gezogen. Statt der Geschwader von großen Seeschiffen, welche in Königsbergs älterer Zeit das frische Haff belebten, sieht man jetzt vorzugsweise die kleinen Fahrzeuge der Fischer still über die Wogen ziehen, und nur zuweilen schleppt ein Dampfer einen stattlichen Dreimaster durch das enge Fahrwasser der Pregel herauf, an den tristen Fischerhütten und den hoch aufgehäuften Vorräthen der Bretter, Balken und Masten vorüber der Stadt zu. Hinaus zu Meer ziehen die Schiffe meist leichtern Schritts: denn der Getreidehandel liegt darnieder schon seit Jahren, und die Fahrzeuge, wenn sie ihre Importen gelöscht haben, müssen öfters nach andern Häfen versegeln, um Fracht zu suchen. Im Hafen selbst ist gemeinlich von dem geschäftlichen Gewimmel von ehedem (da Königsbergs Handel der größte war an der Ostsee und das halbe Polen sich der Vermittelung seiner Kaufleute bediente, um die Produkte seiner Wälder und Felder zu verwerthen und fremde Waaren dafür zu tauschen) selten viel zu sehen. Polen ist jetzt verschlossen. Der Czar macht’s zum China und die für den polnischen Verkehr erbauten Magazine und Speicher stehen daher leer. Erst dann, wenn eine unzureichende Ernte in England den Ostseeländern die Aufgabe zuführt, die dichte Bevölkerung des Inselreichs mit Brodkorn zu versorgen, kehrt für kurze Perioden eine Handelsthätigkeit in Königsberg ein, welche an die große alte Zeit erinnert. Aber diese Conjunkturen dauern selten lange, und sie lassen die Geschäftsstille, welche ihnen nachfolgt, um so mehr empfinden.
Troß alledem hat Königsberg weniger zu klagen, als manche der übrigen Ostseestädte, welchen die Abgeschlossenheit von ihrer alten Nährmutter, Polen, um so weher thut, da sie andere Hülfsquellen nicht besitzen. – Königsberg hat doch in seiner Universität, in dem wohlbezahlten Beamtenheer, der Garnison und als Wohnsitz vieler reichen Familien, welche den Ertrag ihrer Güter und Kapitalien in der alten Hauptstadt des Preußenlandes, weil da freier und unbeachteter, lieber verzehren, als in dem zwischen einer hochfahrenden Aristokratie [112] und dem anmaßlichen Proletariat schwimmenden Berlin, – eine Menge Hülfsquellen des Wohlstands und Pfeiler der Bildung. Letztere ist verbreitet durch alle Schichten des Bürgerthums, und als Stadt der Intelligenz behauptet Königsberg eine rühmliche Stellung. Die Bildung ist hier zur Mutter jener unabhängigen, männlichen Gesinnung und politischen Reife geworden, welche Königsberg in dem Kampfe des preußischen Volks für Fortschritt und Entwickelung zum freien Staate so oft den Ehrenposten eines Bannerträgers gab. – Was große Geister, wie Kant, als Saat hier ausstreuten, hat im bürgerlichen Leben seit ¾ Jahrhunderten tiefe Wurzeln getrieben und gute Früchte. Das Wissen hat im Volk das klare Rechtsbewußtseyn hervorgerufen und es für die Freiheit entzündet. Das Bestreben, ihr helles Feuer auf dem Herde auszulöschen, welchen aufgerichtet hat der größte Denker des Jahrhunderts, und den Geist der Finsterniß auf der Universität herrschend zu machen, das hat niemals dauernd gelingen wollen, und immer gab es Priester, welche die heilige Flamme bewahrten. Nie fehlte es in Königsberg, so oft auch das System des Rückschritts und der Knechtung seine Vertreter hinsandte, an Männern, welche für die Einheit, Macht, Größe und Freiheit Deutschlands, ledig der Fesseln des Partikularismus, kühn auf der Bresche kämpften und selbst in den trübsten Zeiten die Rechte des Volks standhaft und oft mit großem Erfolge vertheidigten. Je häufiger wir, leider! in deutschen Universitätsstädten das Gegentheil gewahren, je öfterer wir sehen müssen, wie das Professorenthum und seine Wissenschafterei die Herzen verhärtet, die Menschen unempfindlich macht gegen die höchsten Interessen der Zivilisation und sie zu willigen Werkzeugen der Gewalt erniedrigt: je mehr gebührt einer Ausnahme Ehre. Statt vieler Illustrationen der Regel nur die eine: Bonn. Kinkel, der einst in der Rheinuniversität so Hochgefeierte, dessen Poesien, die auf der Toilette der Fürstin lagen, zugleich der Arme bei der Arbeit sang, Er sitzt in der Zuchthauszelle am Spulrad, Er liegt auf Stroh und hat die Kost und Kleidung eines gefangenen Mörders. Hat unter der Bonner Collegenschaft nur eine Stimme des Mitleids sich erhoben, nur ein Laut der Entrüstung sich vernehmen lassen? Fragt doch die Herren! – sie werden Euch lächelnd antworten: „Solchen Verbrechen gebührt solche Strafe!“ Nicht so in Königsberg. Jene eiserne Herzenshärtigkeit, jenes wohldienerische Professorenthum hat dort noch nicht gewagt, sich dreist zur Schau zu stellen, und wenn auch ein Königsberger sich herbeiließ, sein Leben von gestern umzukehren wie einen Rock und die Magna Charta der Nation zu verleugnen, der er gelobt hatte als der Allererste: so hat Königsberg diesem Einen gegenüber Andere zu nennen, die es wagen konnten, Königen die Wahrheit auf ihrer Stube zu sagen und Seelengroße genug besaßen, aus sicherem Asyl, auf die schwersten Anklagen der Regierung, den Gerichten sich selbst zu überliefern. – Simson – Jacobi. Wen wird die Geschichte an den Pfahl stellen und wen sie bekränzen?