Bethlehem (Meyer’s Universum, 1860)

Das Rathhaus (Court-House) in St. Louis Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Bethlehem
Die Sibyllengrotte bei Hoboken
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BETHLEHEM

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Bethlehem.




Kinder, dies Bild gilt euch; die Großen haben so oft am Universum ihre Freude gehabt, daß sie es euch gönnen, wenn heute einmal an euch die Reihe kommt.

Im Garten unter dem Kastanienbaum ist für uns der schönste Platz. Seht nur, wie die Lust des neuen Lebens in den Baum gefahren ist, wie festlich er sich zur Frühlingsfeier geschmückt hat! Wie hundert weiße Wachskerzchen mit rothen Flämmchen ragen auf allen Zweigen seine herrlichen Blüthen zwischen dem jungen Grün empor, und so leuchtet er hinein in das Land, als winkte er allen Kindern wie ein mächtig großer Weihnachtsbaum.

Ja, wie ein Christbaum sieht er aus, und er steht gerade so da, als ob er uns daran mahnen wollte, in dieser Frühlingszeit an den schönsten Baum des Winters zurück zu denken. Und ist denn nicht jeder Baum wieder zum Kinde geworden? Betrachtet nur die alte Buche dort und die großen Linden, wie lustig sie mit ihren kleinen zarten Blättchen spielen! Wie sind alle die alten Bäume so jung geworden! Fürwahr, es ist eine Wonne, im Frühling zu leben, im Frühling des Jahrs und – im Frühling des Lebens!

Aber daß der Frühling des Lebens seinen schönsten Baum im Winter hat, das ist doch wunderlich, nicht wahr, Kinder? Nicht wunderlich, wunderbar schön und herrlich ist es, unser Weihnachtsfest zwischen dem Schmuck der Eisblumen am Fenster und dem knisternden Feuer im Ofen. Weißt du noch, wie du mit den Brüdern und Spielkameraden auf dem Weiher Schlittschuhe fuhrst, wo die schneebedeckten Tannen im Mondlicht glitzerten? Und wie die Gebetglocke läutete, da wurden die wildesten Buben so fromm, denn es ging ein Rauschen durch den Wald und der Kleinste von ihnen rief: Es ist gewiß wahr, jetzt hab’ ich das Christkindlein gesehen, wie es mit goldigen Flügeln über die Bäume flog. Da lief Alles heim voll Freude, und richtig, da standen die Christbuden voll Lichterglanz und alle Aeltern sagten, der Kleine habe recht gesehen. Und die Mädchen sagten das auch, als sie vom Haine mit ihren Schlitten heim kamen. Also muß es doch wahr gewesen sein, denn die Freude war in allen Herzen groß und wahr. Ja, und die Budenreihen, die könnten zu keiner andern Zeit so schön strahlen, als im Winter zwischen dem Schnee der Dächer und dem Eis der Straße. Und wie geschwind geht’s von einer Budenfreude zur andern, weil es so kalt ist, und was sehen die munteren Augen Alles mit Einem Blick, und was haben die Pfefferkuchen für einen feierlichen Geschmack, und die Schnurren und Pfeifen, die Trompeten und [70] Trommeln haben einen Klang, der so fröhlich macht wie das ganze Jahr nicht wieder. Auch das ist ganz gewiß, daß die vergoldeten Nüsse viel besser schmecken, als die gewöhnlichen zu anderer Zeit.

Wenn nun aber gar der heilige Abend da ist, da wundern sich die Schlittschuhe den ganzen Tag, denn sie bleiben im Schranke liegen, und die Schlitten stehen im Holzstalle, und Niemand fragt nach ihnen. Was fehlt euch denn, Kinder, daß ihr auf der Gasse so still mit einander plaudert? Und dort sitzen sie am Ofen und wispern sich in die Ohren? Was denn? Ja, das sind gar ernste Bedenken, ob das Christkindlein den rechten Wunsch des Kindesherzens wohl errathen hat, das sind tiefe Vermuthungen über die aufgefangenen Worte, welche die Aeltern und die großen Geschwister so unversehens haben fallen lassen, das sind beklemmte Zweifel, ob das Christkindlein wirklich dahinter gekommen ist, daß man da und da und da doch einmal nicht folgsam gewesen ist. Und immer näher rückt die Zeit mit dem entscheidenden Augenblick, und nun ruft man euch in’s Haus, und da steht ihr vor der Thür, hinter welcher das große Geheimniß schon offenbar da liegt. O süße, das ganze Herz durchzitternde Pein des Harrens! Nur nicht zu lange! – Ach! Auf geht die Thür, und der entzückendste Lichtstrahl dringt in die glücklichsten Augen!

Ihr wißt’s doch recht genau, wie schön die Christbescherung thut: ich sehe es an euren funkelnden Blicken. Nicht wahr, schon die Erinnerung daran macht ganz selig! Wahrlich, der Reichthum der ganzen Menschheit zusammen wiegt dieses Festes Freude nicht auf!

Denn bedenkt nur, Kinder, wie viel ihr eurer hier in eurem Heimathorte seid. Und in den Dörfern und Städten unseres Landes sind wieder viele Tausend Kinder, die sich zur Christnacht freuen, wie ihr. Und wieder, im ganzen deutschen Vaterlande, droben von den Küsten der Meere an bis hinunter in die Thäler der großen Gebirge, da geht’s schon in die Millionen, und alle freuen sich am Christkindlein! Und jenseits unserer deutschen Berge und Ströme und jenseits des Meers wohnen auch Christen und lacht wieder vielen Millionen Kindern das Herz vor Weihnachtslust, wie uns! Wer zählt die glücklichen Kinderherzen nur von einer einzigen Weihnacht auf der weiten runden Erde zusammen! – Und das schöpft den Freudenbrunnen noch nicht aus, denn, Kinder, freut ihr euch denn allein? Freuen sich nicht eure Aeltern und großen Geschwister alle mit? Nun zählt einmal die Jahre aller Aeltern und aller Geschwister auf der ganzen Erde zusammen, die sich mit euch freuten, ach, gibt das eine Freudenzahl! Und das ist noch immer nicht genug! Wie ihr, freuten sich vor euch alle Kinder, seit Christus auf die Welt gekommen und seine Lehre der Menschheit verkündigt ist: das macht weit über tausend Weihnachtfeste! Wo wäre der Sterbliche, der die Zahl der Weihnachtfreuden der Menschheit ergründen, der die Augen zählen wollte, die je in Weihnachtwonne glänzten!

Da muß wohl jedes gute Herz fragen: Woher ist diese Freude gekommen?

[71] Ihr wißt es alle, lieben Kinder, aber es ist gar schön und dankbar, sich immer wieder daran zu erinnern. Darum singen wir es uns, der Kinderfest-Dichter[1] hat uns ja das Lied dazu gedichtet:

Im Morgenland, im gelobten Land,
Wo um die ragenden Palmen
Der königliche Sänger wand
Den ewigen Kranz der Psalmen,
Da wandern von Nazareth den Pfad
Maria und Joseph zu Davids Stadt.

Gen Bethlehem, nach Roms Gebot,
Daß sie geschützet würden,
So wandern sie im Abendroth
Vorbei an Heerden und Hürden.
Die Herberg gibt nur ein Eckchen Raum,
Zum Lager nicht ein Flöckchen Flaum.

Da war Mariä Zeit erfüllt,
Sie drückt ein Kind an die Lippen
Und legt es, in arme Windeln gehüllt,
Auf das Stroh in einer Krippen.
Doch über der Krippe, in Himmelsfern’,
Da strahlt des Kindes schöner Stern.

Den Hirten des Feldes ein Engel naht,
Umleuchtet von göttlicher Klarheit.
Und wie er mild zu ihnen trat,
Zu verkünden die göttliche Wahrheit,
Erschrecken die Hirten und fürchten sich sehr,
Doch der Engel verkündet die neue Mähr.

Da kamen die Hirten zur Krippe in Eil;
Und sie sahen, was die Engel verheißen,
Und knieeten nieder, das göttliche Heil
Zu segnen und zu preisen,
Und sie lobten und priesen mit lautem Schall
Den Herrn für das Kindlein im armen Stall.

Und Maria behält jedwedes Wort,
Von Engeln und Hirten gesungen,
Und birgt es im Herzen fort und fort,
Und keines ist verklungen!
Wir aber jauchzen, daß Jesus Christ
Uns immer neu geboren ist!

In der Freude unserer Herzen – auf nach Bethlehem! Kommt, Kinder, ihr geht alle mit!

Denkt euch einmal, ihr ginget aus einer Stadt auf’s Land hinaus, und zwar heißt diese Stadt – Jerusalem, und das Thor, durch welches wir gehen müssen, um nach Bethlehem zu kommen, nennen sie das Jeffa- oder das Pilgerthor. Von da wandeln wir südwärts, schreiten über die Brücke des Gihonbachs und stehen hier vor dem Berge, auf dessen Zinnen einst der Böse den Herrn versucht hat. An diesem Berge des bösen Raths steigen wir rechter Hand hinan. Da gelangen wir zu einem großen Terebinthenbaum. Hier ruht es sich gut unter der heißen Sonne. Auch Maria und Joseph sollen mit dem Christuskinde in seinem Schatten ausgeruht haben. Seitdem knieten hier viele Tausend Pilger und beteten.

[72] Jetzt gilt’s eilen, Kinder, die vom Segen und Dank vieler tausend Millionen geweihete Stätte zieht mächtig das Herz. Die Gegend selbst wird anmuthiger, das Grün der Bäume schmückt sie häufiger. Den Weg belebt manche erhabene Erinnerung aus den kleinen Anfängen der christlichen Weltreligion und manche fromme Legende. Auch die Stelle zeigt man uns, wo die Engel den Hirten die große Freude verkündeten, die allem Volke widerfahren sollte, und das Dorf, wo jene Hirten wohnten. Wenn wir nur noch eine Viertelstunde vom Ziel unserer Wallfahrt entfernt sind, betreten wir einen holperigen Weg, der zwischen Weingärten und Olivenpflanzungen hinführt, und wandeln wir diesen eine kleine Weile, mit dem verhaltenen Athem und den gespannten Blicken der höchsten Erwartung, so steht plötzlich unser Bild vor unseren Augen. Da liegt das heilige Bethlehem! Mit seinen weißen Häusern und platten Dächern blickt es von den äußersten Kanten eines Bergrückens herab, der von Osten nach Westen zieht, lieblich hingelagert zwischen Feigenbaumgruppen und Oelbäumen, aber umgrenzt von Trümmern, die von glänzenderen Tagen des jetzt so kleinen, armen Städtchens zeugen. Wir sehen rechter Hand ein Häuflein Wallfahrer dem Thore zu ziehen, durch welches man von Jerusalem den Ort betritt; zur Linken erheben sich die burgartigen Massen des Klosters der Geburtskirche, im Hintergrund überragt von dem sogenannten Frankenberg und in weiter Ferne begrenzt von den Gebirgen Judäa’s und des steinigen Arabiens, die das todte Meer umschließen.

Seht es euch recht mit dem Herzen an, liebe Kinder, dieses kleine Bethlehem, dessen Name so sinnreich „Haus des Brodes“ bedeutet. So sieht es jetzt aus. Eine einfache Mauer umgibt das Städtchen, dessen Häuser sämmtlich massiv, aber unansehnlich sind, wenn auch sie, wie die Umgebung von Bethlehem, für den Fleiß und verhältnißmäßigen Wohlstand der Bewohner sprechen. Oliven-, Feigen-, Wein- und Getreidebau sind die Hauptnahrungszweige der durchaus christlichen Bevölkerung von ungefähr 3000 Seelen; nicht geringen Erwerb ziehen sie auch aus der Verfertigung künstlicher und feiner Schnitzereien, namentlich von Rosenkränzen, Krucifixen, Abbildungen der heiligen Stätten aus Olivenholz, Dattelkernen, Perlmutter und dergleichen. Der Mensch erfreut sich ja so gern an einem sicht- und greifbaren Erinnerungszeichen an geistige Größen und Ereignisse. Das Beste, das Unvergängliche, trägt jedoch Niemand anders, als im Herzen fort.

Damit wollen auch wir, liebe Kinder, von Bethlehem scheiden. Ehe wir aber die Blicke abwärts wenden von dem kleinen Fleckchen Erde, wo das verlorene Paradies der Menschheit noch einmal erschlossen worden ist, so antwortet, ihr Kinder, auf die Frage jenes kleinen Knaben des Weihnachtfestes: „Aber was wollen wir denn unserm lieben Christkindlein zum Geburtstag geben?“ mit dem stillen Gelöbniß:

„Unser ganzes Leben!“

Ach, muß das herrlich auf der Welt werden, wenn einmal alle Kinder dies geloben und – alle Wort halten!




  1. Friedrich Hofmann.