Das Rathhaus (Court-House) in St. Louis

Blick auf Jerusalem vom Oelberg aus Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Das Rathhaus (Court-House) in St. Louis
Bethlehem
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DAS COURT-HOUSE IN ST LOUIS

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Das Rathhaus (Court-House) in St. Louis.




Nicht weit von dem stattlichen, jüngst vollendeten Bau, der auf unserem Bilde prangt, steht eine niedrige Hütte, einstöckig, mit einer gedeckten Gallerie; in der Nähe liegen noch mehre kleine Häuser, zum Theil windschief, halb in Verfall und mit verwitterten Schindeln bedeckt. Das sind die ehrwürdigen Patriarchen des großen Stammes menschlicher Niederlassungen, der in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubelfest begeht. Um jene armseligen Hütten herum hat sich eine prächtige Stadt gelagert, die schon heute zu den wichtigsten Handelsplätzen der Erde gehört und einer so großartigen Zukunft sicher ist, wie wenig andere Städte; sie wird einst ihre Einwohner nach Millionen zählen.

[63] Der weite Westen am rechten Ufer des Mississippi war einst im Besitze der Franzosen, welche nach dem siebenjährigen Krieg diese große und schöne Provinz Louisiana verloren. Zu ihr gehörte auch das heutige Missouri. An den Strömen erhoben sich einzelne kleine Festungen zum Schutz der Ansiedler gegen die Indianer, aber die Franzosen sind von jeher ein zum Kolonisiren ganz untaugliches Volk, und in ihre Ansiedelungen ist weder in Canada noch am Illinois oder Mississippi Aufschwung gekommen; sie verstanden es nicht, eine der fruchtbarsten Regionen zu benutzen und blieben Ruderknechte, Pelzjäger oder höchstens Ackerbauer, die in altväterlicher Weise ein kleines Feld bestellten.

Solch ein Pelzhändler war Peter de Laklède, der mit den Indianerhorden am Missouri einen Tauschverkehr trieb. Im Spätherbste des Jahres 1759 kam er mit einigen Gefährten von einem Streifzuge über die Prairien und auf den Flüssen an den Mississippi und suchte dort eine geeignete Stelle zu einer Faktorei. Seine Wahl fiel auf den richtigen Punkt, und als er eine Blockhütte gebaut hatte, dämmerte in ihm eine Ahnung von dem großartigen Geschick auf, das jener Einöde verheißen ward. Laklède sprach zu seinen Gefährten: „Hier, an der Vereinigung des Missouri mit dem Mississippi wird eine Stadt erwachsen, hinter der alle anderen im Westen weit zurückbleiben müssen.“ Aber freilich verflossen drei Menschenalter, bevor die Prophezeihung in Erfüllung gehen konnte. Im Jahre 1760 wurden die Hütten gebaut, deren wir oben erwähnt haben, und man gab ihnen den Namen St. Louis. Allmählig fanden sich ein paar hundert französische Canadier ein, welche der Herrschaft der Engländer sich entzogen hatten, man umgab die Hütten, deren Zahl noch nicht einhundert betrug, mit Erdwällen und Pfahlwerken, um gegen einen Ueberfall der Wilden gesichert zu sein, trieb einigen Fruchthandel auf dem Strome, aber von einer Erkenntniß und Benutzung der Welthandels-Lage war man weit entfernt. Wie wenig Kern und Mark in den französischen Ansiedlern war, ergibt sich schon daraus, daß St. Louis 1810 noch nicht 1400 Einwohner zählte. Damals war Louisiana schon in den Besitz der Vereinigten Staaten übergegangen, aber die Wanderung nach dem Westen ging nur in spärlichem Maß über die Staaten Ohio und Kentucky hinaus; denn man hatte treffliches Land in genügender Auswahl zwischen dem atlantischen Meer und dem Riesenstrom des Westens. So erklärt sich das träge Anschwellen der Stadt, welche 1820 erst nur 4123 Einwohner zählte. In dem folgenden Jahrzehnt erhielt sie gleichfalls nur so geringen Zuwachs, daß die Ziffer von 1830 erst auf 6700 gestiegen war.

Von da an aber beginnt eine wunderbare Umwandelung. Der gesammte Westen gewann ein neues Ansehen, seitdem der Dampf die Fahrzeuge auf seinen Strömen beflügelte, die Eisenbahnen die Entfernungen verkürzten und die Einwanderer in immer mächtigeren Schaaren eindrangen. Auch über Missouri flutheten sie hin und brachten dasselbe rasch zur Blüthe. Im Jahre 1810 betrug die Gesammtbevölkerung erst 20,000 Seelen, 1830 war [64] sie auf 140,000 angewachsen; dann aber kam das Gros der deutschen und angloamerikanischen Einwanderung; 1850 hatte der Staat, dessen Flächeninhalt 3180 deutsche Geviertmeilen beträgt, schon 683,000 Seelen, und die Zählung, die im laufenden Jahre vorgenommen werden muß, ergibt sicherlich über eine Million.

Das ward binnen einem Jahrhundert aus der Ansiedelung von acht oder zehn Pelzjägern, mit welchen Laklède vor hundert Jahren einige Bäume fällte, um Hütten zu bauen; die noch in Menschengedenken unbedeutenden und unbeachteten Kolonien weniger, in träger Einförmigkeit hinlebender Franzosen, die kleinen Nachen und Flachboote, die dann und wann auf dem Mississippi trieben, haben dem bunten Getümmel einer großen Weltstadt und den Flotten schwimmender Paläste, deren oft mehr als hundert zu gleicher Zeit am Hafendamme ankern, Platz gemacht. Nur mit Mühe finden wir die Nachkommen jener französischen Ansiedler aus der betriebsamen Bevölkerung der heutigen Stadt noch heraus. Sie verlieren sich spärlich in der Masse anders redender Menschen, und es ergeht ihnen fast wie den Indianern, die auch immer weiter zurückgedrängt werden und erfahren müssen, daß die Weißen ihnen einen Jagdgrund nach dem andern nehmen. Auch die Spanier können sich nicht behaupten, wenn sie mit den rührigen Angloamerikanern und den fleißigen zähen Deutschen ein und dasselbe Land theilen. Vor einem halben Jahrhundert war am ganzen Mississippi die französische Sprache herrschend, in St. Louis war sie noch vor dreißig Jahren, als die ersten Deutschen sich dort niederließen, im Umgangs- und Geschäftsleben durchaus vorwaltend, und heute ist sie aus dem öffentlichen Verkehr verschwunden und auf die häuslichen Kreise einiger hundert Familien beschränkt, welche sie als ein Andenken an ihre Väter bewahren, aber im öffentlichen Leben sich der englischen oder deutschen bedienen müssen. Es ist in der That auffallend, daß das französische Element im Mississippithale so wunderbar rasch verkommt. Es ist von der dortigen Kulturentwickelung gänzlich unberührt geblieben und anstatt durch das Vorwärtsstreben der Amerikaner und Deutschen zu frischer Thätigkeit aufgestachelt zu werden, klebte es beharrlich am Althergebrachten und schloß sich ab. So ist Blatt nach Blatt von der französischen Lilie abgefallen und ihre Wurzel nicht nur in St. Louis, sondern auch in New-Orleans dem Vertrocknen nahe. Und was ist aus den Spaniern in Texas, Neu-Mexiko und Kalifornien geworden? Es ist wenig mehr von ihnen übrig, als der Name mancher Stadt, der melodisch dem Ohr klingt, aber die spanisch redenden Leute verschwinden. Mit unwiderstehlicher Kraft, mit einer unbegrenzten Strebsamkeit streckt der germanische Riesenstamm, welcher sich nach der neuen Welt verpflanzt hat, seine Wurzeln und Zweige von einem Weltmeer zum andern; Indianer, Franzosen, Spanier sind gleich den Schmarotzerpflanzen, die er erstickt. Vor dem stürmischen Unternehmungsgeiste der Angloamerikaner, vereint mit der Thätigkeit und Beharrlichkeit des Deutschen, müssen alle schwächeren Volkselemente weichen, alle fremdartigen Kulturbestrebungen unterliegen.

[65] In St. Louis selbst sind unsere Landsleute zahlreicher, als die jeder andern Nationalität. Sie haben sich durch ihre Tüchtigkeit allgemeine Achtung errungen und gelten durchschnittlich für solide Kaufleute und Handwerker. Sie sind die Vertreter der Aufklärung, aufrichtige Freunde republikanischer Freiheit, Vorkämpfer des humanen Fortschritts, dem Schwindel in Geschäft und Politik abhold, mit andern Nationen verträglich, halten das alte Vaterland in Ehren, fördern Bildungsanstalten, sind bei allen nützlichen Unternehmungen betheiligt und pflegen deutsches Familienleben. Sie erringen sich Wohlstand und viele sind reich. Von den französischen Creolen sind nur einige lediglich durch glückliches Spekuliren, namentlich in Bauplätzen, keiner durch Thätigkeit, zu großem Vermögen gelangt, manche von ihnen treiben nach wie vor den Pelzhandel. Die Angloamerikaner haben vorzugsweise den Großhandel in ihren Händen, halten Gasthöfe, besitzen Dampfschiffe, Eisenbahnen, Bank- und Wechselgeschäfte; sie beleben die Spekulation, leiten Handel und Industrie, spielen in politischen Dingen die ersten Rollen; viele sind unverschämte politische Schwindler und Stellenjäger, und diese benutzen zu ihren Zwecken die auch dort, wie in ganz Nordamerika zahlreichen Parias der celtischen Race, die rothhaarigen Irländer, so weit die Priester es zugeben. Dritthalbtausend Italiener hängen, wie das auch in andern Ländern ihre Sitte ist, an gewissen Beschäftigungen, für welche sie eine besondere Vorliebe haben, z. B. am Handel mit Südfrüchten und Delikatessen. Einige Tausend Schweizer, meist fleißige, achtbare Menschen, schließen sich in St. Louis ihren deutschen Sprachgenossen an. Auch Tschechen, Böhmen und Ungarn leben in der Weltstadt am Mississippi, und selbst chinesische Kaffee- und Theehändler haben sich schon vor Jahren dort eingefunden.

Imponirend überrascht den von Osten Ankommenden der Anblick der Stadt. Die Häusermassen erheben sich in Terrassen vom Flusse und verlieren sich in fernem Nebel, aus dem Kuppeln, Kirchthürme und hohe Dampfessen aufragen. Eine Dampffähre landet den Reisenden, ganze Eisenbahnzüge, an dem linken Stromufer, der sogenannten Levée, mitten in einem unbeschreiblichen Drängen und chaotischen Gewirr, in welchem es kaum möglich erscheint, daß jeder Einzelne weiß, was er will. Da rollen schwere Lastwagen, die Fuhrleute schreien und treiben die Thiere an, der Staub wirbelt, die Dampfkessel der Schiffe brausen. Man kann diese Hafenstraße als ein ungeheures Schlachtfeld, nicht des Krieges, sondern des Friedens bezeichnen; die kolossalen Dampfer, welche in langer Reihe auf dem Wasser liegen, speien Waaren aus, um andere zu verschlingen. Es ist ein ohrzerreißendes Getöse. Nur am Sonntag ist Alles stille; dann hat, gleich seinen Bewohnern, das Ufer des Mississippi ein Feierkleid angelegt. Das Auge, das die Woche über so geschäftig auf der Erde sucht, schaut müßig nach der Sonne, die sich über die aus den Sümpfen von Illinois aufsteigenden Nebel erhebt und deren Strahlen in den Fluthen des majestätischen Stromes magisch erglänzen; nirgends ist Getümmel, der Staub ruht, der Himmel [66] ist blau, weil der Athem der Essen ihn nicht schwärzt, die Räder klappern nicht, kein Fuhrmannskarren ist sichtbar; die verschlossenen Lagerhäuser sind verödet, die Lastträger fehlen; nur hie und da stehen verlassene Kisten und Ballen, die vielleicht armen Einwanderern gehören; leer ist das gepflasterte Gestade, auf dem an den Wochentagen die Erzeugnisse aus allen fünf Erdtheilen ein- und ausgeschifft werden. Aber am andern Morgen belebt es sich mit neuem Gewühl; dann erbraust die Levée wieder wie die Unterwelt, und der Mississippi ist schwarz von Kohlendampf umlagert wie der Styx.

Die Hafenstraße führt nach der höher gelegenen Haupt- oder Mainstraße. Dort nimmt der Kaufmann die Waaren in Empfang, welche aus dem Chaos an der Levée ihren Weg nach seinem Speicher suchen. Die Erzeugnisse aus dem tropischen Süden und Getreide des Nordens werden dort aufgestapelt, um in alle Welt weiter versandt zu werden. Auch noch weiter hinauf, in der zweiten Straße, wohnen viele Großhändler, aber zwischen und neben ihnen sehen wir viele Deutsche und hören vorzugsweise unsere Sprache in allen ihren Mundarten. Wir finden den deutschen Mittelstand, der es sich sauer werden läßt, aber auch zu Wohlstand gelangt, und nach vaterländischer Sitte „zum Seidel und Schoppen“ geht, die aus Dutzenden von Schenkstuben winken. Dort können wir unter Landsleuten manche interessante Bekanntschaft machen. An einem Tische sitzen Männer, deren Scheitel bereits gebleicht ist; einst waren sie flotte Studenten, die mit dem Schläger wohl umzugehen wußten, zogen dann nach anno dreißig in die neue Welt und gehören in St. Louis zu den Alten oder Grauen par excellence. Mit ihrem Corpus juris und der leidigen Dogmatik ließ sich aber in Missouri nicht viel ausrichten; Steine klopfen, taglöhnern, die Bauarbeit an Straßen oder Häusern nährte ihren Mann besser, und Manche griffen zum Pfluge; waren die Leute nur sonst tüchtig, so schlugen sie sich durch die äußere Noth, meist bis zum Wohlstand. Neben den Alten sitzen dann „Achtundvierziger“, die nun auch nicht mehr „grün“ sind, sondern sich längst im neuen Vaterlande zurecht gefunden haben. Als sie das alte verließen, um in die Verbannung zu gehen, sagten sie wohl: „Wir kommen wieder, wenn’s von den Bergen raucht!“ Aber sie bleiben in Amerika, in welchem sie unter schwerer Mühsal sich nunmehr eine zweite Heimath erobert haben.

Wir gehen an den alten französischen Hütten vorbei, die sich inmitten einer so ganz modernen Stadt wunderlich genug ausnehmen, und steigen zur vierten Straße hinan; dort ist die Luft schon rein und Alles erscheint geräumiger; man glaubt sich auf einen Boulevard oder eine Frankfurter Zeil versetzt. Wir wandeln auf breiten Seitenwegen an glänzenden Kaufläden vorüber und biegen in die breite Straße (Broadway) ein, die sich nach dem Norden der Stadt erstreckt und einen eigenthümlichen Anblick gewährt. Diese Straße führt ihren Namen mit vollem Rechte; sie ist an beiden Seiten überdacht und die breiten Seitenwege dienen den Fußgängern zum Durchgang, den Verkäufern als Ausstellungsplatz von Waaren. Sie bildet einen riesigen Bazar, auf [67] welchem man Alles findet, was überhaupt in den Handel kommt. Da sind Großhandlungen und Kleinhandlungen, Spezerei- und Kleiderläden; wir sehen einen mit getrockneten Hirschhäuten beladenen Wagen neben einem andern, der mit Obst gefüllt ist; neben Schuhen liegen Paradiesäpfel, Ochsenviertel, Hasen und Eichhörnchen neben Zwiebeln und Citronen, Hüte nach der allerneuesten Mode neben Tonnen voll Schweizerkäsen aus dem Emmenthale; lebendige Kaninchen werden neben krähenden Hähnen, Pökelfleisch und Butter feilgeboten; ein Mann, der Sodawasser verkauft, handelt auch mit wollenen Strümpfen, bei einem Kleiderhändler kauft man Kartoffeln. Mit Recht hat man diese breite Straße in St. Louis einen wahren Mikrokosmus aller menschlichen Bedürfnisse genannt. An Sonnabend-Nachmittagen ist sie am meisten belebt. Die Frau des deutschen Handwerkers, der daheim arbeitet, kauft ein Huhn für die Sonntagssuppe, während der amerikanische Feinschmecker im schwalbenschwänzigen Frack und Cylinder in eigner Person Prairiehühner und Wachteln sucht; der irische Arbeiter holt ein Stück Rindfleisch, der französische Creole einen Fisch. Vom breiten Wege gehen wir weiter nach dem obern Theile der Stadt und nähern uns dem Flusse. Dort sehen wir uns in eine Fabrikstadt versetzt; wir erblicken geschwärzte Backsteinkolosse, Gießereien, in denen die Maschinen brausen und zischen, überall Werkstätten Vulkans, in denen es rastlos hämmert und tobt. St. Louis ist nicht bloß Handelsstadt, sondern erhebt sich mehr und mehr zu einem großartigen Mittelpunkte der Industrie. Die Eisengießereien und Maschinenfabriken, deren Arbeiter in der Mehrzahl Deutsche sind, genießen einen vorzüglichen Ruf; die Verfertigung von Stearinkerzen und Seife, zumeist in deutschen Händen, ist von kolossalem Umfang; auch Baumwollwaaren- und Tuchfabriken von Bedeutung fehlen nicht.

Am deutlichsten für den großartigen Aufschwung der Stadt zeugen einige amtliche Ziffern. Diesen zufolge betrug das steuerpflichtige Grundeigenthum im Jahre 1842 erst 12,101,018 Dollars; es stieg binnen 10 Jahren um das Dreifache, nämlich 1852 auf 38,281,668 Dollars und hatte 1859 die Ziffer von 92,340,870 Dollars erreicht! Die Bewohnerzahl betrug 1840 erst 16,649 Seelen, und wurde am 1. December 1859 auf 180,000 Köpfe veranschlagt. Für solchen Zuwachs an Menschen müssen Häuser gebaut werden. Der Westen hat in Folge der großen Handelskrisis und nicht sehr ergiebiger Ernten schlechte Zeit gehabt, und doch zählen die Neubauten in St. Louis während der zwei letzten Jahre nach Tausenden, die darin angelegten Kapitalien nach Millionen. Allein im Jahre 1859 wurden nicht weniger als 2450 Neubauten unternommen, zu einem Kostenbetrage von 7,173,155 Dollars, die nicht fremdes Kapital sind, sondern Geld von Bürgern der Stadt. Die überwiegende Mehrzahl dieser Neubauten gehört unsern Landsleuten. Alle diese neuen geradlinigen Straßen wurden mit Schienen belegt, Pferdebahnen, welche am Ende vorigen Jahres schon 24 englische Meilen Länge hatten.

[68] Nicht in gleichem Verhältniß zu der materiellen steht die geistige Hebung des Platzes. An Bildungsanstalten fehlt es der Stadt zwar nicht, jedoch stehen sie, wie namentlich die Universität, leider unter der Leitung der Jesuiten, die in St. Louis sehr thätig sind. Sollte einst der viel gehegte Plan, in Nordamerika eine deutsche Hochschule zu gründen, verwirklicht werden, so würde diese gerade deshalb in St. Louis ihre rechte Stelle haben und ihre rechte Wirksamkeit finden.

An monumentalen Bauwerken ist St. Louis ärmer, als jede andere an Größe ebenbürtige nordamerikanische Stadt, denn es ist die jüngste unter seines Gleichen und hat zu viel mit den Anforderungen der materiellen Nothwendigkeit zu schaffen, als daß sich seine schöpferische Spekulation weiter erstreckte als auf Werke des Nutzens. Mehr als ein Werk des Bedürfnisses und öffentlichen Nutzens ist auch das neue, erst im vorigen Jahr vollendete Rathhaus nicht. Es wurde an der Stelle eines ältern unzureichenden Gebäudes mit einem Aufwand von ½ Million Dollars errichtet und gilt, da lediglich die Ziffer den Werth in den Augen des Amerikaners bedingt, als ein Gegenstand des Stolzes für jeden Bürger von St. Louis. Mehr, als jene Ziffer, ist auch für unsere Leser von dem Gebäude nicht erwähnenswerth.