Blick auf Jerusalem vom Oelberg aus

Mauch-Chunk in Pennsylvanien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Blick auf Jerusalem vom Oelberg aus
Das Rathhaus (Court-House) in St. Louis
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JERUSALEM

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Blick auf Jerusalem
vom Oelberg aus.




Unser Bild versetzt uns auf eine der Terrassen unter die uralten Oliven des Oelbergs. Gegenüber, jenseit des trocknen Kidronthals, auf der Höhe seiner Bergeskante streckt sich Jerusalem in den geraden Linien seiner türkischen Zinnenmauer. Die Morgensonne steht hinter uns, denn der Oelberg liegt nach Osten, und beleuchtet blendend die gelbe Stadt mit ihren Kuppeln und gewölbten Dächern. Wir sehen in die Stadt hinein, die ihre Neigungsfläche uns zuwendet, indem sie nach ihrem westlichen, etwas höheren Absturzrand, dem Berg Zion, hinaufzieht, übrigens kaum zu unterscheiden vom übrigen, gleich dürren, nur mit Oliven bestreuten Höhenland. Dagegen fehlt ihr ein natürlicher Wall nach Norden, und dort beim Damaskusthor, zur Rechten, sind von jeher die Eroberer, Römer und Kreuzfahrer, eingedrungen.

[60] Zunächst fesselt uns der weite grüne Raum, dicht hinter der Stadtmauer, aus dessen Mitte sich die schöne, dunkle Kuppel von Omar’s Moschee erhebt. Es ist die Stelle von Salomonis Tempel, Berg Moria. Der Platz ist noch immer so heilig, daß jeder Wasserträger euch verächtlich zurückstößt, wenn aus den dunkeln, überwölbten Gassen von Jerusalem sich euer verstohlener Blick in den Moscheegarten mit seinen Arkaden und Fontainen gewagt hat. In der christlichen Grabeskirche dagegen versteht sich die öffentliche große Prügelei der verschiedenen Sekten, Griechen, Armenier etc. alle Ostern von selbst, bis die türkischen Gewehrkolben Frieden stiften. Die Mauer des Moscheegartens über’m Kidronthal, also zugleich die Stadtmauer, ruht auf mehreren Lagen ungeheurer Blöcke. Man sieht in diesen alten Quadern wohl mit Recht den Unterbau der salomonischen Tempelterrasse. Alle Freitag halten die Juden Klage hinter diesen Blöcken.

Obgleich jede kleine Höhle des Oelbergs durch die christliche Tradition natürlich eine heilige Bedeutung gewonnen hat, erinnert er doch an einem Frühlingstag nichts weniger als an Blut und Thränen, sondern eher an’s hohe Lied Salomonis, wo die Reben blühen, die Granaten ihre Gluthaugen öffnen. Die blauen Schwertlilien, drunten im Thal auf den Felsengräbern gebrochen, duften wundervoll. Ungeheure Eidechsen lauschen neugierig, fettschwänzige Schafe klettern herauf. Wenn wir uns aber sehen, dann sehen wir uns immerhin erst nach den schwarzen, fast fußlangen orientalischen Tausendfüßen um, ein Gewürm unangenehmen Anblicks. Drunten im Thal erzeugt links die Quelle Siloah, tief unter dem Stadtfelsen hervor, einige grüne Gärten, und wenn wir später hinaufstiegen bis zur Moschee, dann würden wir jenseits in’s Wüstengebirge und auf den tiefen Spiegel des todten Meers hinabsehen, der zwischen seinem hohen, gelben, blauduftigen Gebirge da und dort zum Vorschein kommt.

Was wir jetzt aus der Stadt herüberhören, ist einzig die Sturmtrommel und das Hurrahgeschrei türkischer Truppen, die nach preußischem Reglement sich in fingirten Bajonettangriffen üben. Wenn wir schnell einen Blick in die heutige Stadt hineinwerfen wollen, so denken wir uns die schmutzigen, vielfach überwölbten Gassen, steil, ruinenhaft, aber belebte Bazars oder gedeckte Budenstraßen. Der Beduine im braunweißen Sack kauft hier sein Kopftuch mit den rothen und gelben Franzen; schwarzlockige Bursche mit blendend weißen Zähnen grüßen uns, denn sie sind von jenen, die uns Geleit gaben am todten Meer. Die Pilger sind wieder fort, sind uns begegnet in endlosem Zug zu Kameel, zu Pferde, zu Fuß, die steilen Felsenpfade herunter, die aus der herrlichen Ebene von Jaffa auf’s Gebirge von Jerusalem heraufführen, Pilger im schwarzen Kopfbund kleinasiatischer Griechen, im buntgestreift seidenen katholischer Araber aus Syrien, im schwarzblauen ägyptischer Kopten etc., die alle mit Weib und Kind zu Ostern kommen. Aber zurück bleiben die Juden in langem Gewand und langen Locken.

[61] Zur Zeit Christi waren ohne Zweifel die jetzt nackten Abhänge des Oelbergs von dem Wasser der Teiche und dem noch fließenden Kidron benetzt. Gärten von Granat-, Orangen- und Olivenbäumen bedeckten mit einem düstern Schatten das enge Thal von Gethsemane. Der Held des Kreuzes konnte hier sich verbergen zwischen den Wurzeln einiger Bäume, zwischen den Felsen des Daches, unter dem dreifachen Schatten der Stadt, des Berges und der Nacht. Er konnte von hier aus die Schritte seiner Mutter und seiner Jünger belauschen, welche des Weges daher kamen, um ihren Sohn und ihren Meister zu suchen; die gegen sein Haupt sich erhebenden Drohungen, der laute Aufruhr der Stadt, drangen zu ihm herüber und vermischten sich mit dem klagenden Rauschen des Kidron, welcher seine Wogen zu seinen Füßen hinrollte; hier, in dieser stillen dunkeln Einsamkeit durfte auch das stärkste Menschenherz, das je für die Welt geschlagen, in seiner Verlassenheit erbeben und, von dem Schatten des Todes umweht, zu seinem Gott beten: „Herr, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir!“

Wir steigen höher. Eine Viertelstunde über dem Standpunkt des Zeichners liegt der Gipfel des Oelbergs; das Thal Josaphat, in welchem das jüngste Gericht in Scene gesetzt werden soll, gähnt aus einem dunkeln jähen Abgrund herauf. Jenseits springt die Stadt vor uns auf, ohne daß dem Auge ein Dach oder ein Stein entginge, wie der erhaben gearbeitete Plan einer Stadt, den der Künstler auf einem Tische ausbreitet. Es ist nicht mehr ein formloser verworrener Haufe von Staub und Trümmern, auf welchen einige Hütten von Arabern hingeworfen oder wo ein Paar beduinische Zelte aufgeschlagen sind; nein, es ist eine licht- und farbenschimmernde Stadt! Ihre blaue Moschee mit weißen Säulengängen, ihre tausend strahlenden Kuppeln, die Façaden ihrer goldgelben Häuser, ihre alten Thürme, und endlich mitten in dem Ocean von Häusern eine schwarze gedrückte Kuppel von größerem Umfange als die andern, und überragt noch von einer zweiten weißen, das heilige Grab und die Schädelstätte deckend, sie verschwimmen und versinken in einem unendlichen Labyrinth von Kuppeln, Gebäuden und Straßen. Das ist die heilige Stadt, von der Höhe des Oelbergs gesehen. Sie scheint noch in dem alten Glanze der Prophetenzeit zu strahlen oder nur auf ein Wort zu warten, um aus ihren siebzehn Zerstörungen wieder in blendender Schönheit hervorzugehen und jenes neue Jerusalem zu werden, „das aus dem Schooße der Wüste in leuchtender Klarheit aufsteigt“. Indessen, wenn man sie aufmerksamer betrachtet, findet man, daß es in derThat weiter Nichts ist, als eine schöne Vision der Stadt Davids und Salomo’s. Kein Geräusch erhebt sich mehr auf ihren Märkten und in den Gassen, keine Straßen mehr führen von ihren Thoren nach Ost und West, nach Süd und Nord, nur wenige Pfade schlängeln sich auf’s Gerathewohl zwischen den Felsen hin, und es begegnet einem Nichts als etwa ein halbnackter Araber, auf seinem Esel reitend, oder ein Paar Kameeltreiber von Damaskus, oder eine Gruppe Weiber aus Bethlehem oder Jericho, auf ihren Köpfen Körbe mit Trauben von Engaddi oder mit Tauben tragend, die sie unter den Terebinthen außerhalb der Stadt an diesem Morgen [62] zu verkaufen gedenken. Links von der Plattform, dem Tempel und den Mauern von Jerusalem senkt sich der Hügel, welcher die Stadt trägt, und zieht sich, nach unten breiter werdend, in sanften Abhängen hin, welche hie und da durch Terrassen von rollenden Steinen gestützt sind. Dieser Hügel trägt auf seinem Gipfel einige hundert Schritte von Jerusalem eine Moschee und eine Gruppe von türkischen Gebäuden, welche einem europäischen Flecken mit seiner Kirche und seinem Glockenthurm nicht unähnlich sehen. Es ist Zion, die Burg, das Grab Davids, von wo aus die Töne des göttlichen Sängers, das Saitenspiel des Dichterkönigs erklangen. Die Burg Davids beherrschte das damals grünende Thal Josaphat. Eine weite Oeffnung in den Hügeln nach Osten führt den Blick von Abhang zu Abhang, von Gipfel zu Gipfel, von Wellenlinie zu Wellenlinie bis zu dem Becken des todten Meeres, dessen schwere dicke Wasser in der Ferne die Strahlen des Abends wiederspiegeln. Es gleicht, von hier aus gesehen, den schönsten Seen Italiens oder der Schweiz; sein ruhiges Wasser schläft zwischen den hohen Gebirgen Arabiens, die alpenartig hinter seinen Fluthen sich aufthürmen, und zwischen den pyramidalen, schlanken und schimmernden Gipfeln der Berge von Judäa.