Chateau Tancarville
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CHATEAU TANCARVILLE
an der Seine
Ruinen bedecken die ganze Erde; Ruinen sind die Berge und die Thäler; jede Zeit bürdet ihre Trümmer den ältern auf. Die Schatten der Geschichte gehen um, wohin wir schauen, und wohin wir horchen, dringt die Stimme untergegangener Völker in unser Ohr. Tancarville an der Seine – wer hat je von Tancarville gehört? Wie ein verwünschtes Schloß, mehr Vision als Wirklichkeit, erheben sich seine Mauern und Thürme über die Waldnacht und glitzert des Mondes Helles Licht durch die scheibenlosen Fenster. Magisch heben sich die Formen des Gebäudes von den tiefen Schatten des Forstes ab; aber aus dem klaren Wasserspiegel unten gucken die Segel blendend weiß herauf und geben der Scene Leben.
Ich setze mich nieder auf einen bemoosten Felsblock, um zu träumen und im Buche vergangener Zeiten zu lesen. – Horcht! Sind das nicht Stimmen aus dem Thale? Ferner Gesang tönt her, wie Chorgesang und Psalm. Männer mit weißen Bärten bewegen sich in feierlichem Schritt um eine Felsplatte, auf welcher ein Feuer lodert. [179] Fernab kniet stummes Volk in weitem Halbkreis. Keltische Priester sind’s, welche die Götter der Wälder, der Stürme, des Donners, der Schlachten verehren, und die unwissende Menge beugt sich vor ihren geheimnißvollen Sprüchen in Furcht und Unterwürfigkeit. Sie herrschen durch den Schrecken; das Volk gehorcht ihnen mit fanatischer Demuth. O entsetzlich! Seht, im tollen Wahn reißt dort eine Mutter den Säugling von ihrer Brust und ein Priester schleudert das Kindlein in die lodernden Flammen. Welcher Glaube ist das gewesen und welcher Gott, der Menschenopfer forderte! Hinweg mit dem gräßlichen Schattenbilde!
Ich träume wieder. Taumelnde Nebel machen das Thal zum wogenden Meere. Ein Sturm erhebt sich, die Bäume brechen, der Regen stürzt in Strömen herab. Allmählig legt sich das Wetter und heller Sonnenschein beleuchtet das Bild der Zerstörung. Aber die Ruhe der Natur muß vor dem Lärm der Menschen weichen. Das Geklatter der Schilde, der Klang der Schwerter, der Widerhall der Streitaxtschläge dringen herauf, Krieg rast in dem Thale, Flammen wirbeln aus den Hütten, heulend fliehen Weiber und Kinder. Bewaffnete Männer aus anderem Volk streiten mit den keltischen Männern. Diese unterliegen. Am Fuße der Altäre werden Priester und Barden erschlagen und gestürzt werden die unförmlichen Götzen von ihren Postamenten. Auf der Stelle der niedergebrannten Hütten aber richten die Fremden Wohnungen und weite, blühende Städte auf. Ueber herrliche Göttergestalten wölben sich Tempel und Säulenhallen; Wald und Gau, Berg und Thal, Schlucht und Strom, jeder Baum, jede Blume, jedes Atom der Schöpfung beseelt sich und hat seinen Gott. Das Schlachtgetümmel schweigt, der Friede herrscht Jahrhunderte lang, Evoe! jubelt es und hallt es wieder in den Bergen, Blumengewinde schmücken alle Altäre, der Cymbelschlag ist an die Stelle des Schwertschlags getreten; der römische Adler, gesättigt vom Blute der Nationen, er wird trunken vom Wein.
Ich träume wieder. Neues Chaos im Thal, Getümmel und Rebellion, Verrätherei, ein Schlachten und Würgen, ein Metzeln und Ringen, ein Brennen und Sengen: die Städte lodern zum Himmel auf, es stürzen die Tempel, zwischen zerbrochenen Altären liegen zerbrochene Götter: alles Glück ist mit dem Frieden geflohen, die Furien des Bürgerkriegs verwüsten das Land, die Greuel der Anarchie haben es verödet. – Da tritt ein begeisterter Seher hinzu und verkündet das Kreuz, das neue Heil, die Gleichheit aller Menschen vor dem Throne Gottes, Lohn und Strafe für’s Gute und für’s Böse in Ewigkeit. Hosiannah! Hosiannah! rufen die erlöseten Völker, der Adler Roms, altersschwach und verachtet, stirbt, die letzten Priester des Heidenthums zerbrechen selbst die letzten Götterbilder und werden Priester des großen einzigen Gottes, welcher Liebe um Liebe gibt. Rom hat ausgeherrscht; wie ein Schemen vergeht ein Weltreich.
Wieder ein Traum – und noch einmal Finsterniß im Thal. Wie unbeständig ist das Menschenglück! Sieh’, wie ein Heuschreckenschwarm bei einem Gewittersturm fahren wilde Eroberer daher, Männer von Riesengestalt und [180] Riesenkraft, gekleidet in Stahl und Erz. Sie sind geführt von einem Helden im Purpurgewand, der in der einen Hand die Weltkugel hält, als Zeichen der neuen Weltregierung, in der anderen das Schwert und das Zepter, die Völker zu schlagen und zu richten. Wer ist’s? Es ist Carolus Magnus. Lichtstrahlt von ihm aus, wie aus Mosis Haupt, und ein Regenbogen, Heil verkündend, geht von Horizont zu Horizont, und wölbt sich über den halben Welttheil. Die Völker hoffen und unterwerfen sich. In die Fußtapsen des Imperators aber tritt ein Hohepriester, führend der Heiligen Schaar als des Christengottes neuer Hofstaat. Wohl machen viele Diener einen Herrn arm, aber den einzigen Gott machen sie nicht größer.
Ich träume noch ein Mal. Wiederum im Thal der Schrecken und des Wehe. Kelten und Gallier, Römer und Franken, die Ueberwundenen und die Ueberwinder fliehen das Thal; denn auf unzähligen Schiffen sind die Männer des Nordens gekommen, mordend und raubend, sengend und brennend. Die Städte schwinden unter ihren Tritten, das Land wird abermals zur Wüste.
Die warme Sonne behagt aber den Fremdlingen. Sie richten sich häuslich ein, sie vertheilen das Land unter sich, und die alten Besitzer, die das Schwert und das Elend übrig gelassen, werden ihre Sklaven und Leibeignen. „Euch die Arbeit“, sagen sie, „uns den Genuß; euch den Gehorsam, uns die Herrschaft“. Und sie befehlen: „richtet uns Burgen auf, euch zum Zwang, uns zum Schirm“. Und Zinnen und Thürme steigen empor von allen Bergen und von allen Waldhöhen, und das Schwert der Burgherren und Barone herrscht fortan allein. Leibeigen ist ihnen alles Lebendige. Was nicht Ritter ist, lebt durch der Ritter Gnade allein. Auch auf die Waldeshöhe an der Seine Strand schleppen Tausende auf das Geheiß Steinblöcke zu Mauern und Thürmen, und als die Burg fertig ist, hängt der Baron sein Wappenschild über dem Thore auf und nennt das Schloß nach seinem Namen. Chateau Tancarville aber ist gefürchtet im ganzen Lande wie den Horst des Adlers die kleinen Vögel des Waldes fürchten. –
Noch ein Mal träume ich, – den letzten Traum. Aus dem Thale zieht es herauf mit Schalmeien und Trompeten, ein langer, langer Zug, hoch zu Roß Herren und Frauen in Goldbrokat und Seide, kein Krieges-, – nein! ein Königszug. Und ein König kommt wirklich, wenn er auch nur eine papierne Krone trägt. John Law, der das Genie der Rothschilde, Fould und Pereire vor hundert Jahren in seinem Kopfe trug, John Law, der Zauberer, der es verstanden hat, ganz Frankreich, – Hof wie Volk, – den Veitstanz des Börsenschwindels tanzen zu lassen, – John Law hat Schloß Tancarville um eine Million Livres erkauft, und er ist gekommen, sein Einzugsfest zu halten. Doch ehe noch der Herbst den Wald entblättert, ist das Schloß wieder verödet, geflohen ist sein Besitzer, seine Papierkrone ist abgefallen, Law ist zum Bettler geworden; Profoß und Gerichte schlagen das Schloß dem höchsten Bieter zu und dieser ist – der Schneider des Entflohenen. – –
So steigen Reiche und Nationen, Staaten und Menschen, Könige und Bettler auf und nieder. –