Pompeji (Meyer’s Universum)

DCCLVIII. Chateau Tancarville Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLIX. Pompeji
DCCLX. Der große Geyser in Island
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POMPEJI
(Das Forum)

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DCCLIX. Pompeji.




Große Geister und starke Seelen erheben sich über ihre Zeit. Für das Gewöhnliche nur ist die Regel; für das Ungewöhnliche gilt sie nicht. In diesem Sinn läßt das Alterthum seinen gefeiertsten Heros in den Gewässern des Styx baden und durch Centauren erziehen, stellt die Gegenwart so gern ihre großen Männer auf den Kothurn des Außerordentlichen, und sucht die Berechtigung ihres Handelns außerhalb der Ordnung, welche die moralische Welt zusammenhält und gewöhnliche Sterbliche verpflichtet. Wenn ein Monarch im leidenschaftlichen Verfolg seiner Zwecke die Blüthe seines Volks auf die Schlachtbank führt und der Sieg ihn krönt, so wird ihm mit dem Triumphzug das Triumphgeschrei der Menge niemals fehlen; wenn ein anderer durch Gewalt, Betrug und Arglist sein Volk zum Lastthier herabwürdigt, während er sich mit aller Pracht und allem Pomp des Herrschers umgibt, so werden sich immer Bewunderer und dienstfertige Geister finden, welche aus der Verderbniß des Volks das Recht des Herrschers, es zu verderben, construiren und von der Versunkenheit der Geknechteten die Folgerung ableiten, die Menge sey zum Dienste der Fürsten geboren. Vor der Macht der Willkür kann das Recht selbst als Unrecht erscheinen. Ein Volk lasse sich nur die erste Gewaltthat und den ersten Betrug gefallen, und es sey gewiß, daß Gewalt und Täuschung bald die stolze Miene der Berechtigung annehmen werden. Eine Nation dulde es, daß man sie einmal plündere, und sie wird immer bestohlen werden; der Bürger ertrage es, daß ihn die Macht um sein Vermögen beschwindele, und sie wird ihn bald als Bettler aus seinem Hause jagen, und krümmt er sich dagegen, so wird man ihm das Recht des Sträubend ableugnen und er mag es hinnehmen, daß man ihn in’s Zuchthaus oder in’s Hungerloch sperre. Sehen wir nicht in den schönsten Ländern der kulturstolzen Europa Despotismus, Sklaverei und Grausamkeit herrschen und schamlos heiligen Menschenrechten Hohn sprechen? Und [4] doch, wie Wenige wagen es in dieser von der Selbstsucht umstrickten Zeit, das Scheußliche abscheulich zu finden und die Verworfenheit mit Mißbilligung und Verachtung zu strafen! Theilnahmlos und ungerührt gaffen Millionen die Büberei an, und wenn diese die Maske abwirft und es nicht einmal mehr der Mühe werth hält, über ihre schwarzen Thaten einen Schleier zu decken, so rufen andere Millionen, denen die Größe der Schamlosigkeit eben so sehr imponirt, als die Größe der verbrecherischen That, ihr Bravo! Elende Zeit und elende Menschen, denen der Instinkt sogar für die Tugend, denen das Gefühl sogar für Gerechtigkeit, Ehre, Menschenwürde, Selbstbestimmung und Freiheit verloren gegangen ist! Dienend der niedrigsten Selbstsucht, ist gegen dieses bleiche, grinzende Lakayengeschlecht der Negersklave noch ein Held; denn, wie ein Anderer gesagt hat: „der ist doch nur Sklave der Kette und der Peitsche, wir aber sind die Sklaven unseres schlechten Herzens, unseres verderbten Verstandes und unserer Feigheit“.

Ich sage es frei heraus: Die Sünden der Gesellschaft erfüllen die gesittete Erde und die großen Verbrechen, im Schooße der Völker begangen, hauchen Gestank aus allen Winkeln. In den Miasmen werden nie dagewesene Pestilenzen ausgebrütet. In keiner Nation mehr ist noch ein Wille vorhanden, der allgemeinen Corruption Grenzen zu setzen; keine auch will auf sich nehmen die Schuld, welche auf dem Ganzen lastet. Faul ist das ganze Wesen der Gesellschaft. Niemand bekümmert sich darum, wenn Mord und Raub vor den Thüren liegen, was aus den Bewohnern des Hauses werde; Jeder lebt leichtfertig in den Tag hinein für die nächste Stunde, und als hätten sie nur diese eine noch zu leben, so genießen sie Viele, dem armen Sünder gleich, welcher im Rausche der Henkersmahlzeit dem Gedanken an den Galgen zu entrinnen sucht. Man blicke nur auf die Tagesgeschichte und ihr ekelhaftes Gebahren! Dieses nichtsnutzige Geschlecht, welches sich brüstet, die Nächstenliebe durch die Selbstliebe erstickt zu haben, hat es schon gelernt, die Ordnung in der Unordnung, das Recht im Unrecht, den Frieden im permanenten Kriegszustande, die Treue in der Treulosigkeit, die Ehre in der Niedertracht, die Wahrheit in der Lüge anzuerkennen. Läßt es sich ja jetzt sogar herbei, eine kurze Suspension des Stärkerrechts als ewigen Gottesfrieden zu preisen, obschon es gewiß ist, daß, sobald die vom Streit Ermatteten ausgeschnauft haben, der Rachen der Mächtigeren sich wieder aufsperren werde gegen die Schwächeren, und obschon ein jeder Schulbube aus der Bibel gelernt hat, „daß die Habsucht der Könige niemals müde wird, umzugehen wie ein brüllender Löwe, der da sucht, wen er verschlinge“. Befremden kann dies Gebahren freilich nicht. Ein Wunder wäre es, wenn es anders wäre.

Indeß, so trostlos auch die Gegenwart sich darstelle, so entbehrt die Zukunft der Keime und Bürgschaften der Hoffnung dennoch nicht. Das Zerstörungswerk in der sittlichen Welt mag noch eine Zeit lang dauern, das entfesselte Contagium der Fäulniß mag fortfahren, die Köpfe zu entzünden, die Begriffe von Recht und Unrecht, von Gutem und Bösem zu verwirren und die Bande der Gesellschaft zu lockern und aufzulösen: – aber wie jeder Ursache in der [5] physischen Welt die Grenze ihrer Wirkung gesteckt ist, so werden auch die sittlichen Zerstörungselemente die Grenze finden, jenseits welcher ihre Verwüstungsgewalt aufhört. Jede Thorheit heilt sich selber durch ihre Folgen, und unter den Thorheiten, den Verbrechen und dem Verfall unserer Zeit kommt, wenn auch für die Menge noch unsichtbar, die Metamorphose der Verjüngung langsam zur Reife. Aus dem Dunkel der Gegenwart zieht ein lichter Schimmer der Hoffnung in die Geister ein. Ich sehe schon den fernen Tag sich röthen, wo zündende Gedanken durch die Völker fahren und wo die Menschen, müde ihrer Verworfenheit und Verkommenheit, eines Sinnes werden, sich aufzuraffen, um die ihnen innewohnende plastische und erhaltende Lebenskraft wieder zur vollen Geltung zu bringen. Erst muß freilich das alte Haus verschwinden, ehe ein neues gebaut werden kann auf seinem Platze; auch die alte Gesellschaft muß alle Stufenjahre ihres Lebens durchlaufen und sich aufgelöst haben, ehe aus ihren Elementen eine neue zu construiren ist. Daß der Verwesung und Verwandlung nur ein ruhiger Verlauf gelassen werde! Aber die große Gefahr ist, daß man sie störe und irre in plumper Weise; daß man dadurch den Krieg aller Leidenschaften entzünde; daß man die wilden Triebe zu Gewaltthat und allgemeinem Umsturz erwecke, daß die Banden sich plötzlich lösen und daß dann der Ruf zum Schwerte – ein Ruf Aller gegen Alle – durch Europa gehe. Die Bedeutung einer solchen Katastrophe ist so furchtbar, so ernsten, tiefen Inhalts, daß gewiß nur Verzweifelte oder Verrückte sie herbeiwünschen können. Einer gewaltsamen gesellschaftlichen Umwälzung in dieser Zeit würden alle Elemente der Gesittung im Wege und zuwider seyn. Religion, Moral, Wissenschaft, Kunst, Geist, Erfahrung, die Wunder der Industrie wären ihr ein Greuel, Zerstörung wäre ihr gemeinsames Loos, in den Paroxismen des Wahnsinns würden die losgebundenen Völker die ganze Leiter menschlichen Frevels durchlaufen und sie würden nicht eher zur Ruhe kommen, als bis sie, nachdem sie alles Bestehende umgestürzt, alles Feste zerschmettert, alles Hohe geschleift, alles Edle erwürgt, allen Besitz gewechselt hätten, in ihrer eigenen Unfähigkeit, in ihrer Hülflosigkeit, in ihrer Erschöpfung und in ihrem Elend für ihre Raserei die Grenze finden würden.

Es herrscht Analogie in dem Verlauf der Revolutionen der sittlichen und der physischen Welt. Wenn die Natur in ihrer organischen Entwickelung nicht gestört wird, macht sie keine Sprünge; aus einer Phase des Lebens in die andere ist der Uebergang still und ruhig; wenn aber die Elemente ihres Wirkens sich einander hindernd oder feindlich entgegentreten, dann macht sich nothwendig der Gegensatz der langsamen, stetigen Entwickelung geltend, Widersprüche werden in ihrem innersten Leben aufgeregt, die Kräfte accumuliren sich, steigern sich zur höchsten Gewalt und zum Despotismus, und, ganz wie in der sittlichen Welt, durchlaufen sie nun eine Stufenfolge von Freveln wider einander, bis der Umlauf derselben vollendet, die Kraft in ihrer Wirkung erschöpft ist und die Extreme sich wieder ausgeglichen haben. Entsetzliche Katastrophen gehen diesem Streiten der erregten Elementarkräfte im Gefolge. Orkane fegen die Wälder von den Häuptern der Gebirge, begraben die Flotten in den Meergrund [6] und stäuben die Wohnungen der Menschen von der blühenden Erde; – des Wassers Gewalt reißt die schützenden Dämme von dem Strande und begräbt ganze Landschaften mit allein Lebendigen; des Feuers Wuth frißt Städte mit ihrem Reichthum; noch viel furchtbarer sind aber die Zerstörungen, welche aus dem unterirdischen Kampf der elastischen Gase mit dem starren Felsgerippe der Erde gelegentlich hervorgehen. Erdbeben legen zuweilen ganze Länder wüst, und löschen das Leben von Bevölkerungen aus. Zagend fragt sich dann wohl der Zeuge solcher Katastrophen bei dem plötzlichen Untergang von so viel Schönem und von so viel Menschenglück: Wie verträgt sich das mit der Vorstellung von dem Walten der Liebe und Gerechtigkeit in Gottes Schöpfung? Und mit lachendem Munde tritt der Leugner Gottes zu dem Schwachen und sagt ihm: Siehe, du hast von Gottes Thaten bisher mit Begeisterung erzählt und allezeit seine Herrlichkeit, Liebe und Gerechtigkeit gepriesen: mach’ nun dies Schauspiel zum Probirstein deines Wahns! Werde inne, daß aller Gottesglaube eitel sey und auf Nichts gestellt. Wo findest du die Quelle der ewigen Liebe, die auf’s Erhalten geht? Wo ist die Wage der Gerechtigkeit? Wo ist die Hand, die sie hält mit unveränderlicher Unparteilichkeit? Sage dich los von deinem Aberglauben; denn was du Gott und Vorsehung nennst, ist nichts als entweder der erwärmende, heilbringende Sonnenstrahl, oder der zerschmetternde Blitz des Zufalls; wenn du aber die Natur beobachtest, so wirst du finden, daß Zerstörung vorzugsweise ihr Wesen ist und Niederreißen ihre Stärke.

So spricht der Apostel des modernen Materialismus, und so jeder Thor, der seine Irrthümer in das Reich des Glaubens trägt und mit dem Maßstabe seines Evangeliums, das der eigenen Mutter die Existenz abspricht, göttliche Dinge messend, sie in das Thierische hinabzuziehen trachtet. Ihm, in dessen Gehirn der Strahl der Wahrheit sich in soviel Farben getrennt und verfinstert hat, daß ihm sein menschliches Daseyn unkenntlich wurde, ist das geistige Leben zum Schemen einer Scheinwelt herabgesunken; er spricht sich eine unsterbliche Seele ab und verdammt sich selbst, ein bloß sterbliches Leben zu führen. Die Menschenseele ist, nach seiner Meinung, nur eine Sinnenthätigkeit phosphorescirender Nervenfäden, ein triviales Würfelspiel mit den Atomen einer Elementarwelt, ein lächerlicher Larventanz höherer Scheinkräfte in Thierverkleidung. Er müht sich ab, die Menschen auf die unterste Stufe organischer Geschöpfe hinabzuführen, indem er uns glauben machen will, die Menschheit offenbare in ihren herrlichsten und erhabensten Erscheinungen, in einem Christus, Confuzius und Moses, in einem Socrates und Plato, in einem Homer, Dante und Milton, in einem Euripides und Shakespeare, in einem -Schiller und Göthe, in einem Baco, Newton und Humboldt nichts mehr und nichts weniger als ein kindisches Spiel chemischer Kräfte! – Wohl könnte man den modernen Materialismus ruhig denselben Weg gehen lassen, den alle ähnliche Ausgeburten menschlichen Dünkels und Wahnwitzes seit Jahrtausenden gegangen sind: den Weg alles Nichtigen zur Vergessenheit; – wenn nur nicht gerade unsere überspannte Zeit und unsere nervenschwache Gesellschaft dazu angethan [7] wäre, Gift und Pestilenz aus dem materialistischen Schlamm zu saugen. Dieses Geschlecht, welches, der Natur entfremdet und vom gesunden klaren Gottesglauben abgelöst, schon lange in künstlichen Abstraktionen lebt und nach den Schattenbildern leerer Theorien und philosophischer Gaukler und Taschenspieler rennt; dieses Geschlecht, das, in seinen Irrthümern befangen, beständig über das Wirkliche und Vernünftige hinübergreift, folgt dem Schellengeläute williger, welches nach dem frivolen Treiben der Sinnenwelt lockt, als der Stimme der Weisen, Guten und Großen, die in den Tempel des Herrn ruft. Das Unheil, welches die materialistischen Lehren angerichtet haben, gibt sich im Zustande unseres häuslichen und öffentlichen Lebens, leider! deutlich genug zu erkennen.

Oder ist etwa das Bild, das mir vor Augen schwebt, ein Traum? Ist die fratzenhafte Lüderlichkeit und Gottlosigkeit, die Einem anekelt bei jedem Blick, den man forschend in die Gesellschaft wirft, keine Thatsache? Wer möchte das behaupten! Betrachtet es nur, das weltkluge Phrasenvolk, das in wechselseitigem Lug und Betrug, bis in die geringsten Lebensgeschäfte herab, seine Ehre sucht; das beständig zwischen frecher Licenz und knechtischer Niedertracht schwankt, das bald wohlgefällig auf die Narben seiner Ketten zeigt und das Glück des Despotismus in den siebenten Himmel hebt, bald mit der Kokarde der Freiheit und Gleichheit sich schmückt und großer Entdeckungen in Sachen der Selbstregierung sich rühmt, oder sich Kammern baut, wo Freiheit und Rechtsungleichheit einträchtiglich neben einander wohnen sollen, wie die Taube und der Geier. Wo ist ein vernünftiges, ehrenhaftes, folgerechtes, festes Anstreben nach einem klarbewußten Ziele sichtbar? Nirgends. Aber überall guckt ein fieberhaftes Zappeln, bald nach einer, bald nach der andern Richtung heraus, ein wechselseitiges Fürchten und Fürchtenmachen, eine gährende Bewegung ohne Resultat, ehrloses Verhüllen, Vertuschen, Belügen, Bemänteln und Betrügen gegen einander, ein Grollen und Hadern ohne Kraft und ohne Würde, während der große Haufe mit besessener Gier nach dem Thaler läuft, und vor dem Gotte der Unterwelt, als dem einzigen Gotte, an den er noch Glauben hat, sich anbetend in den Staub wirft. Und damit dem Bilde die rechte Folie nicht gebreche – schaut die schwarzen Schaaren an, die zu unseren Domen wandeln, welche unsere Vorfahren dem Schöpfer und Herrn aller Welten himmelan gebaut – und vergleicht sie mit jenen selbstständigen Naturen, die einst, ächter Frömmigkeit voll, ihren Willen an die Idee gesetzt. Was ist aus unserem Christenthum geworden? Die Neufrömmigkeit verleugnet die Vernunft, die Heuchelei weiß nichts von Opferfreudigkeit und dem äußeren Glaubensschein ist jener Geist ein Fremdling, welcher die Kraft hatte, Berge zu versetzen. Scholastische Spitzfindigkeit predigt ihren Quark statt das Evangelium, Sektenhaß und Verfolgung Andersgläubiger füllen Kanzeln und Lehrstühle, und der hohe Sinn milder christlicher Duldung ist verdrängt allüberall von einem Zelotismus, würdig einer Zeit, wo die Scheiterhaufen der Inquisition und der Hexenrichter zum Lobe Gottes und der Gerechtigkeit brannten. – Daß Religion und Vernunft als Schwestern in einem Hause wohnen können, diese Möglichkeit wird Gotteslästerung geheißen; aber die Glaubenssatzungen früherer Jahrhunderte, [8] welche doch auch Kinder ihrer Zeit waren, sie werden mit dem Zeichen der Unabänderlichkeit, Unverletzlichkeit und Heiligkeit gestempelt. Haben denn unsere Priester und Schriftgelehrten, die das thun, schon vergessen, daß Alles auf Erden, Religion und Glaubenslehren nicht ausgenommen, seine Zeiten, seine Stufen- und Wandeljahre hat, daß jeder Glaube seine Phönixperiode durchläuft, daß ihm das Princip der Beweglichkeit und der Vervollkommnung, kurz, des Lebens und Uebergangs zu schönerer Wiedergeburt, unzertrennlich und unaustilgbar innewohnt? Das Christenthum gehört dem Himmel und der Erde. In der Erde haften seine Wurzeln, während sein Stamm in den Aether aufstrebt und seine Blüthenkrone in den Himmel ragt. Auch das Christenthum fußt auf die Zerstörung einer schönen Vergangenheit. Denkt doch, Ihr Priester des alleinigen Gottes, an die Tempel in Hellas, Rom und Jerusalem – und fragt Euch, ob sie nicht schön und köstlich gewesen, diese Welten des alten Glaubens; und so wird auch die Zeit kommen, liege sie auch noch so fern, wo das Christenthum, nachdem seine irdische Form zerbrochen ist, in reinigenden Feuerflammen zur schöneren Wiedergeburt erstanden, neugestaltet und in größerer Herrlichkeit die Menschen erleuchtet, besser und glücklicher machen wird. – Seht, Das ist der Hieroglyphen, welche aus den himmelanstrebenden, wunderbar-erhabenen Baumsäulen und Tannenspitzen und Kreuzesblumen unserer Münster zu unserem inneren Sinn sprechen, rechte Deutung. Aber Ihr, Ihr seht nicht und wollt nicht sehen die Symbole von Leben und Bewegung an den Gebilden unserer Gotteshäuser; – Ihr seht nur todte, starre Massen, harten, kalten Stein.


Das war ein langes Vorwort zu einem kurzen Universum-Artikel. Lieber Leser, nimm mir’s nicht übel.


Im Jahre 79 nach Christo, zur Regierungszeit des Kaisers Titus, war es, als jener Ausbruch des Vesuvs erfolgte, der, von Erdbeben begleitet, welche die italische Landfeste erschütterten, viele blühende Orte zerstörte oder unter Lava und Asche begrub, Tausenden von Menschen das Leben kostete und das gepriesene Campanien, das Eden Italiens, wo die Großen und Mächtigen Roms ihre Sommerpaläste und Prachtgärten hatten, größtenteils in eine unfruchtbare Einöde verwandelte. Zwei Städte ragten über den von der Katastrophe betroffenen hervor: Herculanum und Pompeji. Sie waren nach Capua und Neapolis die größten und reichsten Unteritaliens. Herculanum hatte eine Bevölkerung von mindestens 100,000 und die von Pompeji zählte über 40,000, als die Asche des Vesuvs beide Orte für siebenzehn Jahrhunderte mit ihrem Leichentuche bedeckte.

Pompeji war, wie die Genossin seines Schicksals, Herculanum, von Oskern gegründet, später von Hellenen bewohnt, die sich aus den großgriechischen Pflanzstädten im heutigen Sicilien während der häufigen Kriege und [9] bürgerlichen Unruhen massenhaft in Unteritalien ansiedelten, daselbst republikanische Gemeinwesen stifteten und hellenische Kultur in weiten Kreisen verbreiteten. Als das junge Rom zu Macht und Einfluß in ganz Italien gelangte, traten die griechischen freien Städte mit der größeren Republik in Bundesgenossenschaft, um sich gegen die Gelüste fremder Eroberung und Herrschaft zu schützen: allmählig wurde ihnen jedoch Roms Freundschaft so drückend und kostbar, daß man die Feindschaft als das kleinere Uebel wählte. In dem Kriege, den die Bundesgenossen gegen die Römer wagten, blieben diese Sieger und die Ueberwundenen mußten sich in’s Joch der Unterthänigkeit fügen. Auch Pompeji traf dies Geschick. Der größte Theil der hellenischen Bevölkerung, deren angeborene Liebe zur Freiheit das neue Verhältniß unerträglich fand, verließ jedoch lieber das paradiesische Campanien und wanderte massenhaft nach Hellas und in die griechischen Kolonien Siciliens zurück. Dadurch sah sich Rom genöthigt, Land und Städte mit neuen Ansiedlern zu besetzen. Viele kamen aus Latium, denn bei dem Tausche war der Vortheil auf der Seite Campaniens; und dessen Städte blüheten, von Rom begünstigt und beschützt, nun rasch zu schöner Entfaltung auf. Pompeji erhielt die Freiheiten einer römischen Municipalstadt. Es hatte eine eigene Verwaltung und wurde durch den Handel reich. Daß der Vesuv Gefahr bringen könne, daran dachte man damals nicht; denn der Feuerberg hatte sich seit Jahrhunderten ganz harmlos bewiesen und an die leichten Rauchwölkchen, die kräuselnd seinem Krater zuweilen entstiegen, knüpfte sich keine Ahnung an die Möglichkeit einer Katastrophe, wie sie nach nicht langer Zeit verheerend hereinbrach. Unvorbereitet und urplötzlich erfolgte nämlich im Jahre 63 nach Chr., unter Nero’s Schwertherrschaft, ein Ausbruch aus mehren Oeffnungen, der Herculanum zum dritten Theil in Trümmern legte und auch Pompeji theilweise zerstörte. Diese dem Wohlstande der Stadt geschlagene schwere Wunde war kaum geheilt, da brach die zweite, größere Katastrophe herein, welche wir erwähnt haben. Pompeji verschwand durch dieselbe von dem Angesicht der Erde. Spätere Ausbrüche gossen Lavaströme über die Aschendecke und wälzten vulkanische Schlammwogen über beide hin. Jede Spur der herrlichen Stadt war vergangen und im Laufe der folgenden Jahrhunderte, in deren Stürmen das Römerreich selbst zusammenstürzte, fremde Völker verwüstend und zerstörend die Länder durchtobten und alles römische Kulturleben niederstampften und vernichteten, erlosch selbst das Andenken an den Ort, wo Pompeji gestanden.

Und doch war die Decke, welche die Stadt verbarg, keineswegs so schwer, daß sie nicht hätte gelüftet werden können. Gar selten steigt nämlich ihre Dicke auf 15 Fuß, und als man im Jahre 1680 beim Graben eines Brunnens die ersten Spuren ihres Daseyns wieder auffand und verfolgte, fand man bei dem Abräumen des Gestrüpps, welches die Gegend überwucherte, an mehren Stellen noch Säulenkapitäler, Architrave und Friese von Tempeln und Theatern aus dem Boden ragen. Die ersten Ausgrabungen geschahen in den letzten Jahren des siebenzehnten Jahrhunderts. Anfangs bekümmerte sich die Regierung nicht um dieselben und überließ sie der Privatspekulation, welche eben auch nur [10] auf’s Geradewohl an Orten, wo sie lohnende Kunstbeute zu machen hoffte, ein Loch abteufte und ein Stück von einem Tempel oder Hause zugänglich machte, um Geld und Kunstsachen herauszunehmen. Da jeder Schürfer verpflichtet war, den verlassenen Bau wieder zuzufüllen und einzuebenen, so war damit für die Aufdeckung der Stadt selbst nichts gewonnen. Erst im Jahre 1721 entschloß sich die neapolitanische Regierung, angelockt durch kostbare Funde, die Koncessionen den Privaten zu entziehen und die Aufdeckung Pompeji’s nach einem systematischen Plane für eigene Rechnung vornehmen zu lassen. Diese, obschon nicht ohne lange Unterbrechungen fortgesetzten, Arbeiten haben bis jetzt die kleinere Hälfte der alten Stadt an das Tageslicht gebracht. Weil die meisten Gebäude – bloß die hölzernen Dächer und die Plafonds verkohlten und stürzten ein – sich ziemlich vollständig erhalten haben, – denn die Steingewölbe haben dem Drucke der Schuttlast meistens widerstanden, – so bietet das wiedererstandene Pompeji mit seinen Marktplätzen, Straßen, Tempeln, öffentlichen und Privathäusern das überraschendste Bild einer altrömischen Stadt dar, und manche Straßen sind noch so frischen Ansehens, daß man vermeint, jeder Augenblick müsse den Zauber lösen, der auf dem antiken Leben ruht, und die Todtenstille sich in das Geräusch geschäftiger Menschen verwandeln.

„Lebt es in dem Abgrund auch? Wohnt unter der Lava verborgen
     Noch ein neues Geschlecht? Kehrt das entfloh’ne zurück?
Griechen, Römer, o kommt, o seht! Das alte Pompeji
     Findet sich wieder, auf’s Neu' bauet sich Herkules Stadt.
Giebel an Giebel steigt, der räumige Portikus öffnet
     Seine Hallen: o eilt, ihn zu beleben, herbei!“

Der Reisende, der Pompeji besehen will, nimmt in Portici einen Führer. Die Gegend der Ausgrabungen ist öd und traurig. Die haushohen Schutthaufen von Asche und Lava umwallen die alte Stadt wie die Halden großer Bergwerke. Hat man dieselben erstiegen, so führen schmale Pfade hinab in die ziemlich regelmäßigen schweigenden Gassen. Der erste äußere Eindruck ist keineswegs der erwartete: – man hat die Ruinen Roms und Pästums gesehen, ist vielleicht von Selinunt und Agrigent herüber gekommen und hat den riesigen Maßstab der griechischen Großstädte und des Imperatorensitzes mit hergetragen: in den ersten Gassen Pompeji’s aber findet man weder die imponirenden Reste, welche an die Welteroberer erinnern, noch sonst etwas Außerordentliches, das den Charakter des großen Alterthums sehr hervorragend bezeichnet. Die Straßen sind nicht weit, ja oft so enge, daß zwei Wagen nicht einander ausweichen können. Fast alle Wohnhäuser sind klein und einstöckig, die Thüren niedrig, und sie erscheinen um so winziger, je fester der Begriff gewurzelt war, nichts Altrömisches könne anders als groß seyn. Offenbar haben diese Straßen Pompeji’s so bescheidene Bewohner gehabt als unser Nürnberg oder Leipzig; man liest noch die Handwerksfirmen an den Thüren und Läden der Metzger, Bäcker, Sandalenmacher, [11] Schmiede, Krämer, Aerzte, Barbiere, der Bauhandwerker und der Gastwirthe, und unter 50 kleinen Wohnungen, die selten mehr als 30 Fuß Fronte haben, macht sich kaum ein größeres Gebäude bemerklich, entweder das Haus eines Reichen, oder die Lokalität eines Beamten der Gemeinde oder des Staats. Die gewöhnlichen Wohnhäuser scheinen alle nach einem Plane gebaut zu seyn, dem Bedürfniß bürgerlichen römischen Lebens streng sich anpassend und ihm entsprechend. Alle Zimmer sind auffallend klein, oft kaum 100 Quadratfuß groß; die Eleganz ihrer Verzierung aber deutet einen bürgerlichen Luxus und Wohlstand an, von dem die modernen Wohnungen unseres Handwerkerstandes gar keinen Begriff geben. Jedes Haus, sey es noch so klein, enthält zwei mit zierlichen Säulengängen eingefaßte Höfe; auf diese gehen die Fenster der Zimmer. Es scheint, die Alten haben ihr häusliches Leben den profanen Blicken so sorgfältig verborgen als es noch die südlichen Spanier, die Mauren und Türken thun. Die Frauen bewohnten die hinterste Hälfte des Hauses in anscheinend vollkommener Absperrung. Schlösser und Riegel schützen freilich nicht, wenn sich die Sitte nicht selbst beschützt, und dies ist niemals wahrer gewesen als zur Zeit, da der Aschenregen Pompeji begraben hat, denn alle damaligen Schriftsteller klagen über die Sittenverderbniß ihrer Zeit. – Von den Marktplätzen der Stadt sind vier mehr oder weniger vollständig aufgedeckt. Von einem Theil des Forum civile, des größten, gibt unser Bild eine getreue Ansicht. Es ist ein schöner, regelmäßiger, viereckiger Platz, an dessen einer Seite eine bedeckte mit Marmorplatten belegte Kolonnade für Spaziergänger hinlief. Vor den Zwischenräumen der jetzt meistens zerschlagenen und zerbrochenen Säulen sieht man noch die Postamente für die Bildsäulen berühmter Griechen und Römer, welche hier aufgestellt waren. Auf diesem Forum prangten auch die schönsten Tempel der Stadt: – das Pantheon, der Romulustempel, eine Basilica, ein Tempel der Venus und der große Tempel des Jupiter, an welchen ein Triumphbogen sich anschloß.

„Wohin führet der Bogen des Siegs? Erkennet ihr das Forum?
     Was für Gestalten sind das auf dem curilischen Stuhl?
Traget, Liktoren, die Beile voran! Den Sessel besteige
     Richtend der Prätor, der Zeug’ trete, der Kläger vor ihn“.
 (Schiller.)

Schade, daß das Feuer so viel zerstört und die Kalcination des Marmors bald nach der Aufdeckung das Meiste einem schnellen Verfall hingegeben hat! – Ein zweiter Marktplatz, wegen seiner dreieckigen Form das Forum triangulare genannt, ist mit drei prächtigen, von dorischen Säulen getragenen Portiken umgeben und wird auf der Südseite durch die alte cyklopische Stadtmauer geschlossen. An dem dritten Markte, am Forum nundinarium, steht ein Theater und eine Kaserne, mit mehr als hundert kleinen Zimmern, in denen man noch 64 Skelette in voller Rüstung vorfand. Wahrscheinlich hatte ihr Befehlshaber in der allgemeinen Bestürzung vergessen, die Soldaten [12] abzurufen und sie starben auf ihrem Posten recht eigentlich als Opfer der eisernen römischen Disciplin. Im Ganzen mögen jetzt 20 Straßen vom Schutt befreit seyn; darunter mehre ihrer vollen Länge nach. Alle sind mit Lava sehr sorgfältig gepflastert und mit erhöheten Trottoiren an den Seiten für Fußgänger versehen. Auf allen Punkten, wo Straßen sich kreuzen, stehen Brunnen und Fontainen, alle mit zierlichen Ornamenten oder Bildwerken (Basreliefs), mehre auch mit einzelnen Statuen oder Gruppen geschmückt. Letztere befinden sich gegenwärtig im Museo borbonico, wo alle antiken Kunstsachen, die Beute der Aufdeckungen, bewahrt sind. Eine breite Straße führt durch das Thor von Herculanum nach der Gräberstadt, wo hunderte von Denkmälern bereits entblößt sind und noch mehre einer künftigen Ausgrabung harren.

Unendlich groß ist die Zahl der antiken Geräthe von Bronce und kostbaren Metallen, welche man in Pompeji vorfand. Die Katastrophe brach so unerwartet herein, daß die meisten Einwohner froh waren, das nackte Leben zu retten und die werthvollsten Dinge zurückließen. Doch so groß auch die Menge der Kunstwerke war (kein einziges Haus war leer von solchen und selbst die gemeinsten Thongefäße hatte die Kunst geschmückt), so selten wurden doch welche von hohem Werthe und eigentlicher Meisterhand aufgefunden. Schon damals war der Verfall der wahren Kunst weit fortgeschritten. Die pompejanischen Kunstgegenstände sind zum größten Theil mechanische Wiederholungen älterer Werke von Ruf, an denen weniger die schaffende als die geschickte Hand betheiligt war. Auch die Wandgemälde (jede Zimmerwand ist mit polychromen Bildwerken auf Kalk verziert) haben selten einen Anspruch auf höheren Kunstwerth, so nett und zierlich sie auch aussehen. Einen Hauptfund machte man durch die Aufdeckung einer Straße, die aus Magazinen von Gold- und Silberwaaren bestand und deshalb die Silberschmiedstraße genannt worden ist. Das Meiste ist, leider! von den Arbeitern verschleppt, und um die Entdeckung zu erschweren, zerschlagen und eingeschmolzen worden; das Herrlichste ist vielleicht auf diesem Wege zu Grunde gegangen: doch des Erhaltenen ist noch genug übrig, um einen Begriff von dem Luxus und dem Reichthume einer Stadt zu geben, die doch nur zu den größeren Landstädten zu rechnen war. Für uns ist namentlich die Kunstbildung ganz unbegreiflich, welche sich über alle Klassen der Einwohnerschaft erstreckte. Da ist nichts, an dessen Verzierung nicht die Kunst ihren Antheil gehabt hätte: das Gewicht und die Wage des Fleischers und die Lampe oder der Topf der armen Frau nicht minder wie der Kamm und Spiegel der vornehmen Matrone; das Wehrgehänge des Kriegers und der Halsring des Sklaven, wie das Silbergeräth auf der Tafel des reichen Mannes: – alle tragen die edelsten Formen an sich. Wenn Stettin oder Chemnitz nach zweitausend Jahren ausgegraben würde, wie jetzt Pompeji, welche Vorstellung würde man sich dann von der Kunstbildung dieser Städte nach den Funden zu machen haben! Könnte man nicht von einem Thor zum andern graben, ohne eine Schüssel oder eine Bronce zu finden, des Aufbewahrens werth? – Höchst anziehend ist auch der Besuch der Tempel mit den vollständig erhaltenen Einrichtungen, [13] mit den priesterlichen Wohnungen und den Läden, in welchen das Fleisch der geopferten Thiere verkauft wurde, mit den Wechsel- und Krambuden auch in den Höfen. Noch sind die steinernen Gestelle für die Tafeln vorhanden, auf welchen man die Waaren auslegte. Von nicht geringerem Interesse für die Kunde der Bühneneinrichtungen der Alten war die Aufdeckung des großen tragischen Theaters. Aus Tuffstein aufgeführt, und mit Marmorplatten bekleidet, konnte es 6000 Zuschauer auf seinen Sitzreihen fassen.

„Unter dem geräumigen Porticus stürzt’ einst durch seine
     Sieben Mündungen sich fluthend die Menge herein.
Mimen, wo bleibt ihr? hervor! Das bereitete Opfer vollende
     Atreus Sohn, dem Orest folge der grausende Chor!“
 (Schiller.)

Das Odeon mit dem prachtvollen Orchester aus pentelischem Marmor war mit dem Theater durch eine Gallerie verbunden und hatte für 1500 Zuhörer Raum. Auch ein Amphitheater für die Gladiatorenspiele besaß Pompeji. Wie das Colosseum Roms von ovalrunder Form mißt es in seiner größten Weite 430 Fuß. Es ist das imposanteste Gebäude der alten Stadt und seine herrlichen Verhältnisse erregten bei der Ausgrabung eben so sehr die Bewunderung, als der in seinem Raume verschwendete Kunstschmuck. Das Podium, aus welchem die Sitzreihen der Zuschauer über die Arena sich erhoben, war mit den schönsten Gemälden in den frischesten Farben bedeckt; aber, der Luft ausgesetzt, verschwanden sie schon nach wenigen Jahren. – Eine Art Börse, ein Bazar und ein Handelsgericht waren im Chalcidium vereinigt. In dem Hofe, der mit einer Kolonnade schöner Marmorsäulen korinthischer Ordnung umgeben war, befanden sich die Verkaufsgewölbe, in welchen die Tafeln stehen, welche zum Auslegen der Waaren dienten. Bei der Ausgrabung fand man noch die Schränke in den Wänden; noch waren an den Pfeilern und Säulen Plakate und Anzeigen angeschlagen; noch lagen Gold- und Silbermünzen auf den Tafeln, die vielleicht in dem Moment aufgezählt worden waren, als die Katastrophe hereinbrach. Die Schlüsselbunde zu den Waarenbehältern, die Haken zum Fortbewegen der Ballen, die Wagen und Gewichte waren noch jedes an seinem Orte. Gold- und Silbermünzen fand man in Menge in den Lokalen der Wechsler aufgespeichert und in einer Getreide- und Getränkehalle waren die mit den Bildnissen der Kaiser gestempelten öffentlichen Getreide-, Wein- und Oelgemäße verwahrt. – Unter den neueren Ausgrabungen zeichnen sich die der Bäder aus, welche sich in dem südlichsten Stadttheil in einer Straße befanden, welche darum die Thermenstraße genannt worden ist. Es fand sich Alles noch vor, wie es bei der Verschüttung verlassen worden war; in manchen Badezellen waren die Hähne geöffnet, man fand Reste und Ornamente von den Kleidern der Badenden, in einer Marmorwanne sogar ein weibliches Gerippe. Alle Gemächer waren [14] auf das Heiterste mit Stukkaturarbeit, Basreliefs und Freskomalereien, Bronze- und Marmorstatuen geschmückt, die Fußböden mosaikartig mit bunten Marmortäfelchen belegt. Ein Ofen heizte die ganze Anstalt; bronzene Röhren leiteten das warme und kalte Wasser nach den Zimmern. – Welch’ ein reges, thätiges und üppiges Leben überhaupt in Pompeji herrschte, das findet sich auch in dem Umstand angedeutet, daß in den Hauptstraßen alle Parterregeschosse nach der Straße zu bloß aus Waarengewölben bestehen, oder in Hallen ausgehen, welche die Bestimmungen unserer Gast- und Kaffeehäuser erfüllten. Man fand die Gläser und Flaschen noch auf den Marmortischen , und in einem großen Saale eine mit bemalten Schüsseln und reichverziertem Silbergeschirr besetzte Tafel, von der die Gäste vielleicht in dem Augenblick geflohen waren, als zur Mahlzeit geläutet wurde; denn eine silberne Handglocke lag auf dem oberen Tafelende. – Einige Gewerbe müssen in Pompeji eine Stätte ihrer Blüthe gehabt haben; denn manches große Gebäude trägt die Firma einer Fabrik oder Manufaktur über der Pforte. Sogar die modernste Erscheinung unserer Industrie, eine große Brodfabrik, gab es in Pompeji, um die Bevölkerung mit gutem und wohlfeilem Brod zu versorgen. – Außerhalb der Thore der alten Stadt hat man von Zeit zu Zeit ebenfalls Ausgrabungen vorgenommen, welche sich oft reichlich lohnten. 1764 wurde die Villa des Cicero aufgefunden; nachdem man die vorhandenen Kunstgegenstände fortgebracht hatte, schüttete man sie wieder zu. Schöner noch und viel größer war die Villa des Arrius Diomedes mit weitläufigen Anlagen, mit Grotten, Bädern, Tempeln: nach Ausräumen der Kunstwerke wurde auch sie wieder der Verschüttung und Verwüstung überlassen. Oft schon hat die gebildete Welt über die Nachlässigkeit und Mißverwaltung bei den Ausgrabungen Klage erhoben und Wünsche ausgesprochen; aber selten wurde ihnen Aufmerksamkeit geschenkt; sie verhallten in den Wind. –

Grab bist du, Pompeji, der eignen Gräber geworden,
     Sechzehn Jahrhunderte lang ruhte vergessen die Stadt;
Doch nicht berührte die Zeit das Bewahrte. Mütterlich
     Sorgsam, getreu hütet’ ihr redlicher Schooß!
Wie es geordnet gewesen, so fanden die Menschen es wieder;
     Wie die vergangene war, fand es die jetzige Welt. –
Aber die Finder vergalten mit plumpen Händen die Pflege,
     Roh sie die Asche zerstreu’n, welche der Urne vertraut.