Das Pantheon in Paris
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Das PANTHEON in PARIS
„Aux grands hommes la patrie reconnoissante!“ Zu deutsch: Senf nach der Mahlzeit. Die Inschrift ist nicht der Arbeit werth. Gibt’s was Alberneres, als ein Beinhaus anzulegen mit solchem Titel und die Jahrhunderte als Sammler zu bestellen? und dies in Frankreich, in Paris, unter einem Volke, das für seine „grands hommes de la patrie“ in jedem Lustrum einen andern Begriff hat? Für wie Viele, deren Namen man in Paris heute als Verbrecher am Schandpfahle liest, oder die zu Vincennes im Thurme sitzen, windet morgen vielleicht die Nation Lorbeerkränze! und wie so manche Aschenurne, der sie die Ehre des Pantheons votirte, zerschlug sie nach wenig Jahren und streute ihren Inhalt fluchend in alle Winde! Vom Kapitol zum tarpejischen Felsen ist nur ein Schritt, vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur eine Spanne. – Rousseau ruhte im Pantheon und daneben – Marat. –
Das Pantheon selbst legt Zeugniß ab von der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge und Meinungen: – es ist die beste Illustration seiner stolzen Inschrift. Der Kardinal Richelieu wollte sich mit dieser wunderschönen Kopie des Heidentempels (des Pantheons in Rom) einen Stuhl im Himmel bauen, seine Kirche der heil. Genoveva sollte die schönste in Paris werden. Aber als die hohe Kuppel auf den schlanken korinthischen Säulen sich wölben sollte – da gaben die Fundamente nach, ein Theil des Baus stürzte ein und lange Jahre wußte man nicht, was daraus werden würde. Endlich erlangte der kühne Baumeister Soufflot vom Hofe die nöthigen Gelder für die Vollendung nach einem abgeänderten Plane. Er baute die Kirche fertig. Sie hatte mehr als 30 Millionen Livres gekostet. Nun kam die Revolution und die Schreckenszeit. Nach dem Prinzip der Gleichheit hätte sie gern den Herrgott guillotinirt. Da dies nicht anging, so jagte sie ihn wenigstens aus dem Hause.
Das währte eine Zeit lang. Die Kirche wurde verschlossen, bis dem Konvente der Gedanke beikam, das Ci-devant-Gotteshaus zu einem Beinhaus zu machen für irdischen Ruhm. Die Inschrift: „Pour la gloire de l’ètre suprème“ wurde ausgetilgt, „Aux grands hommes la patrie reconnoissante“ dafür eingemeißelt, und die leeren Königsgrüfte wurden umgebaut in eine Reihe Zellen, deren jede den Sarkophag eines Mannes aufnehmen sollte, welcher sich um das Vaterland so große Verdienste erworben habe, um ein Votum der Nationalrepräsentation [134] „für die Ehre des Pantheons“ zu rechtfertigen. Und es zogen ein in das stolze Haus des Ruhms: – wer? die Trefflichsten? nein! die wilden Thiere des Schreckens – voran Marat, das Ungeheuer, von dem die reine Hand eines opfermuthigen Mädchens das Land erlöst hatte. Charlotte Corday fiel auf dem Schaffot und ihr Haupt wurde den Hunden vorgeworfen; aber Marats Leichenzug zum Pantheon war ein Triumphzug und zu seinem Grabe pilgerte das rasende Volk wie zum Schrein eines Heiligen! Marat im Pantheon! – Was ist der Ruhm? Der Widerhall der Stimme der blinden, dummen, feigen Menge. Den Landräubern, den Despoten, den großen Schurken, den Peinigern der Völker hat es niemals an Lorbeerkränzen gemangelt: ein Cäsar trug sie und ein Alexander, ein Attila und Dschinghis-Chan, und ein Friedrich Wilhelm IV. sogar kann sie noch erwerben, wenn seine Anschläge auf Unterjochung und Eroberung gelingen. Zum Ruhm bedarf es nicht Vernunft, nicht Gerechtigkeit, nicht Freiheit, nicht Ehre: es bedarf nur – Erfolg. Was das Göttliche in uns als das Ruhmwürdige wirklich bezeichnet, – das hat schon längst keinen Kurs mehr bei den Spendern der Ehren: der Dummheit und Schlechtigkeit der Massen und dem Despotismus der Gewaltigen. Belege dazu gibt jedes Geschichtsblatt. –
Die Revolution sammelte ihre hervorragendsten Männer in die Zellen des Pantheons, bis der 18. Brümaire die Revolution selbst an die Kette legte. In der Kaiserzeit wurde die Ehre des Pantheons obsolet: Napoleon vermied gern Reminiszenzen, bei denen der Vergleich von damals und früher so nahe lag. Das Pantheon wurde sogar eine Zeitlang geschlossen. Der Kaiser löschte jedoch die Inschrift nicht aus; er machte sie nur mit dem Ruhm der Welteroberung vergessen. Die Restauration war dreister, weil sie dumm war. Sie warf die Särge Rousseau’s, Voltaire’s etc. hinaus, verwies die Leichen der Revolutionsmänner auf den Todtenacker, löschte die Inschrift über der Pforte und gab die Kirche an die Pfaffen und an die heilige Schutzpatronin von Paris zurück. Glorreiche Zeit! Acht Wochen lang dauerte das Abwaschen und Abscheuern des profanirten Tempels mit geweihtem Wasser, das Räuchern, das Messelesen, der Klaggesang der Litaneien, und der ganze Hof steckte sich in das Büßergewand, prozessionirte zu den frischgeweiheten Altären und hörte andächtig die Strafpredigten gegen Revolution und Empörung und die Dankeshymnen für die Wiedereroberung des Heiligthums durch die siegreiche Kirche. Und ganz Paris wurde andächtig und ging wallfahrten zur heiligen Genoveva, wie es früher zum Grabe Marats gepilgert hatte. Was für ein wunderliches Ding ist dies Volk von Paris! Immer schwört’s bei der Ewigkeit, bei der Ewigkeit des Ruhms, der Ewigkeit der Begeisterung, der Ewigkeit der Liebe und Treue und streitet der Wandelbarkeit aller irdischen Dinge ihr Recht ab. Und doch, wo in der Welt ist der Wechsel der Meinung und der Volksgefühle schneller und heftiger als dort? Wo ist ein Volk auf der Erde, das am Morgen seine Götzen williger zerbricht, die es den Abend gemacht hat? „Unbeständigkeit, dein Name ist – Paris!“
[135] Die Julirevolution von 1830 vertrieb die Pfaffen und Heiligen abermals von den Altären, und die „großen Männer der Revolution“, zum zweiten Male ausgegraben, kehrten noch einmal zu den Grabzellen des Pantheon zurück. Am 25. Februar 1848 verschwanden sodann mit den Orleans auch die letzten Reste des Königthums, die Lilien, von den Mauern und Monumenten. Am 22. Juni war das Pantheon das Hauptquartier der sozialen Republikaner, als sie die erste gewaltige Schlacht gegen die Republik des Kapitals und Besitzes schlugen. 1500 entschlossene Männer fochten hier noch zuletzt den schweren Kampf aus, mit dem für Das Mal die Partei unterlag, deren nächster Sieg den alten Bau der Gesellschaft einstürzen und die soziale Welt auf anderm Fundamente erneuern wird. –
In architektonischer Beziehung gilt das Pantheon für das schönste Gebäude der neuern Baukunst in Paris. Es hat im Grundriß die Kreuzform bei einer Länge von 335 Fuß und einer Breite von 253. Das prächtige Portal, genau nach dem des römischen Pantheons kopirt, wird von 22 korinthischen Marmorsäulen von fast 60 Fuß Höhe und 6 Fuß Durchmesser getragen. 4 Kolossal-Statuen schmücken es, die auf die Bestimmung des Gebäudes Bezug haben. 130 Säulen korinthischer Ordnung tragen die drei Schiffe des Tempels und 52 Säulen die 282 Fuß hohe, wunderschöne, von dem berühmten Gros gemalte Kuppel. Von ihrer, die Laterne umgebenden Gallerie hat man den umfassendsten Ueberblick der Weltstadt, der Arena, wo Gewalt und Freiheit nach neuen Schlachten das Schicksal der Welt für lange Seiten entscheiden werden. –